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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 8 September 2003

Ein Schurke weniger

Charles Taylor, siegreicher war lord des Kampfes um die Macht zwischen 1989 und 1996 und seit 1997 gewählter Präsident in Liberia, musste gehen, damit wieder Frieden werde – so wünschte es Präsident Bush und folgsam auch die UNO. De facto soll die angreifende Rebellengruppe LURD an die Macht kommen oder zumindest an der Macht beteiligt werden. Wie kam es zu dem jahrzehntelangen blutigen Bürgerkrieg in dem einst relativ reichen Land?


Hintergrund und Geschichte der Konfliktregion

Die Mano-River-Sub-Region in Westafrika hat dank ihres Wasser, Wald- und Erzreichtums ein großes wirtschaftliches Potential und zudem leicht zugängliche und leicht transportierbare hochwertige Rohstoffe (Diamanten, Gold, Holz).
Schon im ersten Jahrtausend kamen über den Saharahandel Gold und Eisen nach Norden und die Islamisierung der Sahelgebiete, wo ab 1000 u. Z. mehrere afrikanische Reiche entstanden, begann. Ab dem frühen 15. Jahrhundert gründeten Europäer an der Küste Westafrikas Handelsstationen. Für die Gesellschaften des Hinterlandes hatte der transatlantische Sklavenhandel einen Bruch der gesellschaftlichen Entwicklung und große Bevölkerungsbewegungen zur Folge. Das System der Handelsstationen, deren Besitz zwischen Spaniern, Portugiesen, Engländern, Holländern und Franzosen wechselte, blieb bis zum Ende des 18. Jahrhunderts aufrecht, das Hinterland wurde von den Kolonialmächten nicht besetzt.
1789/90 wurden erstmals freigelassene Sklaven von England aus in der Stadt Freetown in Sierra Leone angesiedelt und dreißig Jahre später in Monrovia (Liberia) von den USA aus. In beiden Ländern bildeten diese ehemaligen Sklaven eine kleine Oberschicht, die in der Art eines „schwarzen“ Siedlerkolonialismus bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts an der Macht blieb. Dies drückt Ryszard Kapuciski in „Afrikanisches Fieber“ so aus: „Diese Amerikoliberianer kennen aus eigener Erfahrung nur einen Typ von Gesellschaft – die Sklavengesellschaft in den Südstaaten Amerikas. Daher ist auch ihr erstes Bestreben nach ihrer Ankunft im neuen Land so eine Gesellschaft zu errichten, mit dem einen Unterschied, dass jetzt sie die Herren sein werden – die ehemaligen Sklaven und die Sklaven werden die Angehörigen einheimischer Stämme sein, die sie hier antreffen und die sie unterwerfen und beherrschen wollen.“ (1)
Ihre langandauernde Dominanz und der Versuch ihrer Entmachtung ist Teil der Krise dieser Länder. Bei der kolonialen Aufteilung Afrikas in Berlin 1885 blieb Liberia unabhängig, allerdings unter der Obhut der USA. Sierra Leone wurde zu einer englischen Kolonie in Französisch-Westafrika, das beide Länder umschloss. In allen Ländern der Sub-Region gibt es grenzüberschreitende Ethnien, wurde Plantagenwirtschaft und Bergbau betrieben.
1958 wurde Guinea von Frankreich unabhängig und versuchte einen sozialistischen Entwicklungsweg, wodurch es in Opposition zur Elfenbeinküste geriet, das als frankophones Land ab 1960 einen kapitalistischen Weg mit starker Präsenz der Franzosen ging. Aber auch Liberia verfolgte einen Kurs extrem liberaler Exportwirtschaft und war wichtigster antikommunistischer Stützpunkt der USA in Afrika. In Sierra Leone blieb auch nach der Unabhängigkeit 1962 das englische Kapital präsent. In den 60er Jahren brachten agrarische und mineralische Exporte Liberia, Sierra Leone und Elfenbeinküste gute Einkünfte. Doch durch den Preisverfall für fast alle Rohstoffe in der zweiten Hälfte der 70er Jahre, das Ansteigen der Zinsen und des US-Dollar, schlitterten zuerst Liberia und Sierra Leone, aber auch Guinea und etwas später die Elfenbeinküste in wirtschaftliche und soziale Krisen, die in den 80er und 90er Jahren zu sozialer Unruhe, Militärherrschaft, Bürgerkrieg und Staatszerfall, vor allem in Liberia und Sierra Leone führten.

Der Bürgerkrieg in Liberia

Liberia zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Schon vor 1800 breiteten sich Mandingo-Händler und -Handwerker im ganzen Territorium aus und brachten den Islam. 1821 gründete die American Colonization Society Monrovia und siedelt etwa zwanzigtausend ehemalige Sklaven an. Die Siedlungen wurden ein Abbild der Siedlergesellschaften im Süden der USA zu Beginn des 19. Jahrhunderts. 1847 erklärte sich das Land als unabhängig, wurde aber erst 1865 von den USA anerkannt. Die ersten Herrscher waren hellhäutig, die 1869 von den „True Whigs“ abgelöst wurden, dunkelhäutigeren Siedlern, die mit etwa dreihundert Familien bis 1980 die dominante soziale Gruppe bildeten. 1926 erwarb der Reifenkonzern Fire­stone riesige Kautschukplantagen. Erst Präsident William Tubman (1944-1971) begann sowohl mit der Integration des Hinterlandes als auch einer „open-door“-Politik und Monrovia wurde zum Sitz der „Stimme Amerikas“ und zur anti-kommunistischen Bastion. Die Opposition wurde mit Hilfe der USA unterdrückt. Der Wirtschaftsboom ab 1960 brachte eine starke soziale Differenzierung. Präsident William Tolbert (1971-1980) wurde von den True Whigs unterstützt, verfolgte aber einen weniger konservativen Kurs, öffnete das Land gegenüber seinen Nachbarn, Osteuropa und China. Die Öffnung stärkte oppositionelle Strömungen und brachte 1979 nach Ankündigung von starken Preiserhöhungen soziale Unruhen, die blutig unterdrückt wurden.
Der Putsch von Samuel K. Doe, von der Ethnie der Krahn, im April 1980 kam jedoch eher unerwartet. Tolbert und ein Teil der alten Führung wurde erschossen, das „Peoples Redemption Council“ (PRC) verkündete ein pro Forma egalitäres Programm, die Regierung rekrutierte sich aus den liberalen und radikalen Elementen der alten Machtelite. Das PRC regierte entgegen seinen Ankündigungen mit Willkür und Terror, Putschversuche, Misswirtschaft, Korruption, Drogenhandel und erstmals auflebende ethnische Konflikte ließen die Unzufriedenheit steigen, auch wenn sich 1985 Doe formell wählen ließ. Dennoch unterstützten die USA Doe wirtschaftlich und militärisch, ihre Militärbasen, die „Stimme Amerikas“ und ein Kommunikationszentrum für alle US-Botschaften in Afrika blieben in Monrovia.
Am Weihnachtsabend 1989 überfiel Charles Taylor von der Elfenbeinküste kommend und von dieser sowie von Libyen unterstützt mit der „National Patriotic Front of Liberia“ (NPFL) einen Grenzposten im Osten. Die Rebellion wurde rasch niedergeschlagen, doch der Terror der Armee (vorwiegend bestehend aus Krahn) gegen die Zivilbevölkerung (vor allem die Ethnien der Gio und Mano) verursachte Hunderte Tote und Tausende Flüchtlinge. Durch die „ethnische“ Komponente des Konflikts gewann die NPFL rasch an Raum und erreichte im Juli 1990 die Vororte von Monrovia. Um Blutvergießen zu vermeiden, stoppte Taylor den Angriff. Darauf hin spaltete sich die NPFL, die US-Marines unternahmen eine Rettungsaktion der Ausländer, die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS schickte die Friedenstruppe ECOMOG. Doe wurde im September exekutiert und mit Hilfe der ECOMOG bildete Amos Sawyer im November eine Interimsregierung in „Rest-Liberia“. Bis zum Friedensabkommen vom August 1996 dauerte der Bürgerkrieg unter wechselnden War Lords, Rebellengruppen, Interimsregierungen und ausländischen Friedenstruppen, Friedensverhandlungen und –verträgen an. Insgesamt währte der Krieg sechs Jahre, forderte an die zweihundert tausend Tote und machte bis zu 95% der Bevölkerung zeitweise zu Flüchtlingen. Ende 1996 / Anfang 1997 gelang der ECOMOG die weitgehende Entwaffnung der Kämpfer und die Etablierung einer Übergangsregierung unter Ruth Perry. Die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen vom 19. Juli 1997 gewann Charles Taylor mit 75,3%. Wahlbeobachter bezeichneten die Wahlen als „frei und fair“.
Taylor wollte die Sicherheit im Land herstellen sowie mit internationaler Hilfe einen Wiederaufbau erreichen. Doch dieser und die Rückkehr der Flüchtlinge verzögerten sich aus Mangel an finanziellen Mitteln. Intern gab es immer wieder blutige Gewaltakte und bewaffnete Zusammenstöße als Erbe des Bürgerkriegs. Auch der Bürgerkrieg im benachbarten Sierra Leone, der von Taylor mitinitiiert und unterstützt wurde, brachte Unsicherheit und 1999 griffen die Kämpfe auch auf Guinea über. Dort hatte sich in den Flüchtlingslagern die LURD (Liberians United for Reconciliation and Democracy) aus Resten ehemaliger Taylor-Gegner gebildet, die 1999/2000 in Liberia einfiel. Ihr Hauptziel war der Sturz Taylors. Die Finanzierung erfolgt zum Teil aus dem Verkauf von Rohstoffen wie Diamanten, Holz oder Kautschuk. Unterstützung erhält die LURD von Guinea, Großbritannien und den USA. Um den Diamantenschmuggel aus Sierra Leone zu stoppen, der die dortige RUF finanzierte, verhängte die UNO Ende 2000 ein Diamanten-, Waffen- und Reiseembargo über Liberia.
Die Ereignisse der letzten Monate waren von dem Wunsch der „internationalen Gemeinschaft“ geprägt, Taylors Sturz zu erreichen. Das war letztlich auch der Zeck des von der US-liberianischen Exil-Lobby beeinflussten UN-Embargos. Der Regierung fehlten die Mittel sich militärisch gegen die vorrückende LURD zu verteidigen, die besser ausgerüstet war und Nachschub aus Guinea, Großbritannien und den USA bekam. Zugleich brach die Wirtschaft und die mühsam wiederaufgebaute Infrastruktur zusammen, internationale Hilfsorganisationen und NGOs zogen sich zurück und ein neuerliche Staatszerfall mit tausenden Flüchtlingen, Morden, ethnischen Konflikten und Plünderungen begann.
Letztlich scheint Liberias Regierung das Schicksal vieler afrikanischer Staaten zu ereilen. Vor dem Hintergrund einer enormen Wirtschaftskrise aufgrund der scharfen neoliberalen Wende in den 80er Jahren bricht das gesamte Staatsgefüge zusammen. Andauernde Kämpfe rivalisierender Organisationen mit hohen Opferzahlen unter der Zivilbevölkerung sind das Ergebnis des Machtvakuums, ohne dass allzu leicht ersichtlich wäre, welche Interessen die jeweiligen Organisationen vertreten. Die sozialen Konflikte – in Liberia etwa zwischen der privilegierten amerikanisch-liberianischen Oberschicht und den „einheimischen“ Bauern – sind zwar oft die Grundlage, auf der sich eine Rebellenarmee gründet (so auch Taylors NPF), doch ist die Zerrüttung der staatlichen Strukturen so weit fortgeschrittenen, dass sich soziale Reformprogramme letztlich in der oft gewaltsamen Bereicherung ihrer Gründer erschöpfen. Indes hat der Westen, dessen Wirtschaftspolitik die afrikanischen Staaten letztendlich in den Ruin getrieben hat, keinerlei Skrupel deren Reichtümer durch wechselnde Unterstützung der Machthaber bzw. Rebellengruppen kostengünstig auszubeuten.

Robert Taler

(1) Ryszard Kapuciski: „Afrikanisches Fieber“, S. 238