Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 8 September 2003

Che politically (in)correct

Eine polemische Affirmation der Figur von Ernesto Che Guevara im Kontext der moralischen Linken und des antiimperialistischen Widerstandes


Am 9. Oktober jährt sich der Todestag Ernesto Che Guevaras. Es gibt wohl kaum eine Figur die eine derart weitverbreitete Symbolkraft für die Nicht-Konformität mit verherrschenden gesellschaftlichen Zustände erreicht hat. Die Figur Guevaras ist damit unterschiedlichsten konkreten Ansätzen von oppositioneller Kritik an den herrschenden Zuständen unterworfen. Der wahre, historische Che Guevara hat mit seiner Ermordung durch die USA mittels der bolivianischen Streitkräfte zu existieren aufgehört und wurde zu den Che Guevaras unterschiedlicher Interpretation und Instrumentalisierung in den aktuellen Auseinandersetzungen in veränderten politischen Zeiten.
Der letzte Schrei eines neuen Guevaras ist der „Che politically correct“. Ein Che als Produkt einer neuen, post-marxistischen Linken – der Antiglobalisierungsbewegung – die eine (legitime) moralische Reaktion auf die barbarischen Zustände einer monopolaren Welt ist und sich von dem kurzen Traum einer „neuen friedlichen und demokratischen Weltordnung“ nach dem Ende des Kalten Krieges, von der verratenen Illusion, in die harte Realität des amerikanischen Neoimperialismus gestoßen findet.
Der Che politically correct ist eine Figur, die die moralische und ethische Überlegenheit der Linken repräsentiert. Ein Che der seinen Feinden immer mit dem Respekt eines „neuen Menschen“, der bereits außerhalb der Logik kapitalistischer Unmoral steht, begegnet, ein Che der ewigen und universellen Prinzipien des Humanismus. Mit diesem Che, einem biblischen Christusbild näher als einem bewaffneten Revolutionär, lässt sich nicht nur der globalisierte Kapitalismus anklagen, sondern auch und viel mehr noch der Feind des Feindes. Die Rebellenarmee der FARC Kolumbiens etwa dürfe nicht gleiches mit gleichem in ihrer Kriegsführung vergelten, sie müsse ihr militärisches Handeln der überlegenen Ethik des Revolutionärs unterordnen, sie müsse endlich aufhören die neutrale Zivilbevölkerung durch ihr Handeln in den Krieg zu ziehen. Diese Logik impliziert nicht nur, dass die kolumbianischen Revolutionären Streitkräfte den Schutz der Zivilbevölkerung nicht erst nehmen, sondern vor allem, und das ist das Dilemma des moralischen Rebellen der westlichen Welt, erblindet sie in der traurigen Realität des Krieges durch ihre Aufpfropfung der abstrakter Ethik einer westlichen Demokratie, einer Realität in der die kolumbianische Armee systematisch Stützpunkte in Dorfzentren errichtet und die Paramilitärs, um ihrer Niederlage in einer offenen Schlacht zu entgehen, Geiseln in einer Kirche von Bocaya nehmen. Der Che politically correct findet sich daher weniger in einer revolutionären Armee, die gezwungen ist, auf die politisch-militärischen Logik des Gegners zu reagieren, als vielmehr in der tragischen Gestalt eines Nestor Cerpa Cartolini, der nach Monaten der Besetzung der japanischen Botschaft in Lima mit seinem ganzen Kommando liquidiert wurde, als er mit den wenigen verbliebenen Geiseln (hochkarätige Militärs und Politiker waren bereits freigelassen worden) Fußball spielte. (Der Hochachtung für das Kommando der peruanischen MRTA sei dadurch kein Abbruch getan.) Das politische Resultat ist für die Erben des Che politically correct das Geringste, solange die alternative Moral ihre Überlegenheit bestätigt, und sei es tot.
Dem Che politically correct entspricht es auch nicht, dass die kubanische Regierung am 12. April drei Männer aus dem Kreis des exilkubanischen Terrorismus zum Tode verurteilt, nachdem diese bewaffnet eine Personenfähre entführt hatten, und damit einen diplomatischen Eklat mit der – in ihrer Kubapolitik doch so aufgeschlossenen – EU provozierte. Nicht einmal über Castros Rückgriff auf die Zeiten der frühen Revolution(un)diplomatie kann sich der Che politically correct freuen, der den spanischen Ministerpräsidenten Aznar als faschistischen „Führercito“ bezeichnete. Wo bleibt da das Paradies auf Erden des neuen solidarischen Menschen, das jungfräuliche Symbol in einer Welt der grausamen politischen Konfrontation. Die poetische Sehnsucht nach dem „anderen möglichen Kuba“ schmerzt die arme Seele der Zivilgesellschaft, wie Eduardo Galeano es ausdrückte: „Die kubanische Revolution war geboren, um anders zu sein (…). Aber auf ihrem harten Weg, den sie über viele Jahre zurücklegte, hat die Revolution den Wind der Spontaneität und der Frische, der sie seit Beginn antrieb, immer mehr verloren.“ (1)
Aus diesem Blickwinkel sieht der andere Che, der nicht nur der realen historischen Figur näher kommt, sondern der dem Antagonismen der historischen Realität der imperialistischen Globalisierung entsprich, verdorben, martialisch, eben politically incorrect, aus.
Vielleicht hätte dieser Che Galeano geantwortet wie 1960 am Kongress der lateinamerikanischen Jugend den Regierenden Amerikas: „Sie haben uns unverhüllt angegriffen; und dennoch gibt es immer noch Regierende in Amerika, die uns raten, die Hände derer zu küssen, die uns schlagen und jene anzuspucken, die uns verteidigen. (…) Das kubanische Volk hat die Mörder im Land erschossen und die Armee der Diktatur aufgelöst (…). Kuba weiß auch, dass es Angehörige unserer Bewegung gibt, die in einem befreundeten Land durch Schergen der alten Diktatur ermordet wurden. Wir fordern nicht, dass die Mörder unserer Genossen erschossen werden, auch wenn wir sie in unserem Land erschossen hätten. Was wir wollen, ist, dass wenn schon jemand in Amerika nicht solidarisch sein kann, er zumindest kein Verräter werde.“ (2)
Dieser Che passt nicht in das Bild derer, die dem Krieg der mit Massenvernichtungswaffen hochgerüsteten USA gegen den Irak nur die Regenbogenfahne entgegenzuhalten wissen und dem Völkerrecht auf militärische Selbstverteidigung des Landes gegen den Angriffskrieg nur mit Verachtung über die gewaltsame Mittel auf beiden Seiten entgegenkommen. Der unkorrekte, unmoralische Che dagegen meinte 1962 entrüstet über den Abzug der sowjetischen Atomraketen: „Es (die kubanischen Revolution) ist das fiebererregende Beispiel eines Volkes, das bereit ist, sich im Atomkrieg zu opfern, damit noch seine Asche als Zement diene für eine neue Gesellschaft, und das bei einem mit ihm nicht abgesprochenem Abkommen über den Abzug der Atomraketen nicht aufatmet und nicht dankt.“ (3) Und 1964 – vor der UNO Vollversammlung – fordert er neuerlich diese skandalöse nationaler Souveränität: „Kuba bekräftigt erneut sein Recht, auf seinem Territorium die Waffen zu lagern, die es als notwendig erachtet.“ (4)
Dieser Che fiele heute wohl in den Reihen der FARC dem Urteil des „Militaristen ohne Ethik“ zum Opfer. Denn er bestand darauf: „Die Macht ist das strategische Ziel sine qua non der revolutionären Kräfte. Alles muss dieser Bestimmung untergeordnet werden.“ (5) „Man muss sich immer vor Augen halten, dass das Endergebnis die Vernichtung des Gegners sein soll.“ (6) „Die Gewalt ist kein Vorrecht der Ausbeuter, auch die Ausgebeutete können sie anwenden und, mehr noch, sie müssen sie anwenden im rechten Moment. Martí sagte: ‚Verbrecherisch handelt, wer in einem Land einen vermeidbaren Krieg vorbereitet und er einen unvermeidbaren Krieg vorzubereiten unterlässt.“ (7) Die Ethik der Waffen im Gegensatz zur Ethik des reinen Gewissens? Nein, vielmehr ist der unkorrekte Che der der revolutionären, realistischen Politik des Friedens durch Gerechtigkeit, der auf die Frage eines Journalisten zur Möglichkeit eines Krieg mit dem Imperialismus antwortete: „Wir meinen, dass alles mögliche unternommen werden muss, um diesen Krieg zu vermeiden, aber wir werden niemals akzeptieren, dass der Imperialismus eine Revolution des Volkes erstickt. Mehr noch, wir meinen, dass wir den Imperialismus in eine solche Lage bringen müssen, dass er sich gezwungen sieht, den Rückzug anzutreten. Oder mit anderen Worten gesagt: Man muss von Machtposition zu Machtposition verhandeln.“ (8)
Es ist dieser politisch unkorrekte Che, der eine aktuelle Symbolfigur des antiimperialistischen Kampfes bleibt, in dessen Funktion er sein Moral und Ethik definierte. Denn „wer nicht zu Moses, Christus oder Mohammed zurückkehren will und wer nicht mit eklektischem Hokuspokus zufrieden ist, muss einsehen, dass die Moral ein Produkt der historischen Entwicklung ist, dass es in ihr nichts Unveränderliches gibt, dass sie sozialen Interessen dient, dass diese Interessen widerspruchsvoll sind, dass die Moral mehr als irgendeine andere ideologische Form Klassencharakter trägt. (…) Je schärferen Charakter der Klassenkampf annimmt, desto wirkungsloser werden die Normen (der Moral), die ‚für alle bindend sind.‘ Der Kulminationspunkt des Klassenkampfes ist der Bürgerkrieg, der alle moralischen Bande zwischen den feindlichen Klassen in die Luft sprengt.“ (9)
Dieser Che wusste, dass sein sozialistisches Projekt der befreiten Menschheit nur aus der Niederlage der Vereinigten Staaten von Amerika als Stütze des imperialistischen Kapitalismus zur historischen Möglichkeit werden konnte und sein revolutionärer Humanismus ließ ihn sich verbunden fühlen mit allen, die bereit waren diesen Kampf zu führen. Sein kritisch-realistischer Blick galt dabei jenen, die sich, an diesen Unterdrückungsverhältnissen teilhabend, dem solidarischen und antikapitalistischen Widerstand entzogen: „Die positiven Aspekte (Afrikas sind): der Hass, den der Imperialismus im Bewusstsein der Völker hinterlassen hat; die klare Erkenntnis der Völker über die grundlegenden Unterschiede zwischen dem afrikanischen Menschen und dem Kolonialherren, verbunden mit der Erkenntnis, dass es zwischen beiden niemals eine aufrichtige Freundschaft geben kann, bevor die Kolonialherren sich nicht endgültig zurückgezogen haben. (…) Wir haben geäußert, dass die nordamerikanische Arbeiterklasse auf der Grundlage ihres hohen Lebensstandards sich nicht der Widersprüche innerhalb der nordamerikanischen Gesellschaft bewusst ist. Für die nordamerikanische Arbeiterklasse sind diese Widersprüche wegen ihrer Abstumpfung unverständlich, und sie wird kein klares Bewusstsein ihrer eigenen Ausbeutung gewinnen, solange sie die Brosamen entgegennimmt, die der nordamerikanische Imperialismus ihr von seinem Festessen zuwirft.“ (9)
Geendet sei mit dem berühmten Aufruf des Che politically incorrect an die Völker der Welt, der sich darin der größten Sünde der Gegenwart schuldig machte und damit seine Aktualität für den unvollendeten Befreiungskampf bestätigt: des Antiamerikanismus: „Das strategische Ziel dieses Kampfes muss die Vernichtung des Imperialismus sein. (…) Wenn man die Vernichtung des Imperialismus ins Auge fasst, muss man dessen Haupt identifizieren, das von nichts anderem als den Vereinigten Staaten von Nordamerika gebildet wird. (…) Lasst uns unsere Siegeshoffnungen so zusammenfassen: Vernichtung des Imperialismus durch Ausschaltung seines stärksten Bollwerks, der imperialistischen Herrschaft der Vereinigten Staaten von Nordamerika.“ (10) Viva el Che politically incorrect!


Gernot Zeiler

(1) Eduardo Galeano (2003): Kuba schmerzt, in: Lateinamerika Nachrichten 347, Mai 2003
(2) Ernesto Che Guevara (1960): Die Freiheit muss in jeder Region Amerikas erkämpft werden. In; Ausgewählte Werke in Einzelausgaben Band 4, Pahl Rugenstein Köln, 1989, S. 21
(3) Guevara (1962): Taktik und Strategie der lateinamerikanischen Revolution, a.a.O. S. 132
(4) Guevara (1964): Kuba: Ein freies Land auf dem amerikanischen Kontinent, a.a.O. S. 205
(5) Guevara (1962), a.a.O., S. 124
(6) Guevara: Guerillakrieg: Eine Methode, in Ausgewählte Werke in Einzelausgaben Band 1, Pahl Rugenstein Köln, 1989, S. 44
(7) A.a.O. S. 31
(8) Guevara (1963): Wir sind die revolutionäre Hefe für ganz Lateinamerika, a.a.O., Band 4, S. 141
(9) Leo Trotzki (1938): Ihre Moral und unsere, Biblioteca Socialista, La Paz 1992, S. 21
(10) Guevara (1964): Der Befreiungskampf muss offensiv geführt werden, a.a.O., S. 185 ff.
(11) Guevara (1967): Botschaft an die Völker der Welt, a.a.O. S. 225 ff.