Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

Verkaufstellen:: Beiträge:: Impressum&Kontakt:: Abo:: Info mail:: Werben
suche:

 

 Aktuell

Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

 Ausgaben

Nr. 21 Herbst 2007
Nr. 20 Frühjahr 2007
Nr. 19 November 2006
Nr. 18 Mai 2006
Nr. 17 Februar 2006
Nr. 16 November 2005
Nr. 15 Juni 2005
Nr. 14 April 2005
Nr. 13 November 2004
Nr. 12 September 2004
Nr. 11 Mai 2004
Nr. 10 Jänner 2004
Nr. 9 November 2003
Nr. 8 September 2003
Nr. 7 Mai 2003
Nr. 6 März 2003
Nr. 5 Jänner 2003
Nr. 4 November 2002
Nr. 3 September 2002
Nr. 2 Juli 2002
Nr. 1 Mai 2002

 

 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 8 September 2003

Antiimperialismus und Antikapitalismus

Überlegungen zu einem erneuerten revolutionären Universalismus und die Grundlagen aktueller antikapitalistischer Opposition.


„In einer unterdrückten Nation ist es unbedeutend welche Klassen, Parteien oder Individuen an der Revolution teilnehmen und es ist gleichgültig ob sie sich der vorliegenden Fakten mehr oder weniger bewusst sind oder sie subjektiv verstehen: es reicht, dass sie sich dem Imperialismus widersetzen, denn ihre Revolution wird Teil der sozialistischen proletarischen Weltrevolution und sie werden ihr Verbündeter.“ (Mao Zedong) Die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte des europäischen (und nordamerikanischen) Kapitalismus ist an jedem Punkt mit der inneren und äußeren Kolonisierung, der Unterwerfung und Unterentwicklung der peripheren Länder verbunden. Die ursprüngliche Akkumulation des Kapitals beruhte auf der Enteignung der europäischen Bauern genauso wie auf der Besetzung fremden Landes und dem räuberischen Transfer von Reichtümern aus den eroberten Ländern. War diese Tatsache der unsauberen Geburtsstunde des Kapitalismus der marxistischen Theorie nicht fremd, so brauchte sie dennoch beinahe 100 Jahre, um die politische Dimension der ungleichen Verhältnisse zwischen den in die internationalisierte kapitalistische Produktionsweise aufgesogenen Ländern und ihren dominierende Zentren anzuerkennen.
Die Globalisierung bedeutet einen neuen Schub in dieser Internationalisierung in Form der imperialen Vorherrschaft des US-amerikanischen Modells, eine Rekonstitution des Imperialismus als unangefochtenes Weltsystem mit der totalitären Dimension einer monopolare Herrschaft. Die Erfassung der Ungleichheiten in der internationalen Arbeitsteilung ist für die Analyse der realen Funktionsweise des globalisierten Kapitalismus und seiner Widersprüche unerlässlich; mehr noch ist aber die politische Erkenntnis der Dynamik der Auseinandersetzungen in und gegen die neuen Weltordnung eine theoretische Herausforderung. Diese zeigt bei undogmatischem und von liberalen Vorurteilen freiem Herangehen an die neuen Phänomene die Notwendigkeit, einige zentrale Paradigmen des traditionellen Marxismus in Frage zu stellen. Dass ein solcher Versuch Polemik provoziert verwundert nicht, insofern er nicht aus der ruhigen Umgebung der objektiven Wissenschaft kommt, sondern sich inmitten einer wachsenden und gewaltsamen internationalen Konfrontation bewegt.

Die „negative“ Seite des Kapitalismus als Zukunftshoffnung

Marx politische Philosophie entwickelte sich um die Fragestellung des realgeschichtlichen Motors in der Menschheitsentwicklung vor dem Hintergrund der stockenden bürgerlich-demokratischen Revolution in Deutschland. Gegen die messianische und elitäre Idee der Befreiung durch die aufklärende Idee, den kritischen Geist, und ihren Träger, die revolutionäre Intelligenz, suchte Marx in den sozialen Interessen der Gesellschaft selbst einen potentiellen Träger menschlicher Emanzipation: „Eine Klasse mit radikalen Ketten, eine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft, welche keine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft ist, ein Stand, welcher die Auflösung aller Stände ist, eine Sphäre, welche einen universellen Charakter durch ihr universelles Leiden besitzt und kein besonderes Recht in Anspruch nimmt, weil kein besonderes Unrecht, sondern das Unrecht schlechthin an ihr verübt wird, (…) welche mit einem Wort der völlige Verlust des Menschen ist, also nur durch die völlige Wiedergewinnung des Menschen sich selbst gewinnen kann. Diese Auflösung der Gesellschaft als besonderer Stand ist das Proletariat.“ (1) Marx und Engels orteten in der Arbeiterklasse „moderne Sklaven“, also eine Schicht die einerseits „nichts zu verlieren hat als ihre Ketten“ (Kommunistisches Manifest), die negative Seite des Kapitalismus, gleichzeitig aber auch eine moderne Klasse, Produkt der modernen Produktionsweise des Kapitalismus und seiner Fabriken. Diese Klasse wäre, im Gegensatz zu anderen vom Kapitalismus hinuntergedrückten Klassen, geneigt, um menschlich zu leben, die Moderne vorwärtsgewandt aus sich heraus zu negieren, zu überwinden. (Die Maschinenstürmerei war eine ursprüngliche, rückwärtsgewandte und illusorische Reaktion auf den vermeintlichen Schuldigen von Elend und Abhängigkeit, und wurde vom Marxismus als vorübergehend in der Bildung eines Klassenbewusstseins über die eigenen Lage im modernen Produktionsprozess und seiner sozialistischen Überwindung gesehen.) Marx und Engels reflektierten die historisch konkrete Lage der Arbeiterschaft in all ihrem Elend und Schmutz als Wiege, aus der die kommunistische Idee und die Kraft ihrer Durchsetzung kommt. „Die Lage der arbeitenden Klasse ist der tatsächliche Boden und Ausgangspunkt aller sozialen Bewegungen der Gegenwart, weil sie die höchste, unverhüllteste Spitze unsrer bestehenden sozialen Misere ist.“ (2) Doch dieser „völlige Verlust des Menschen“ war eine historisch nur vorübergehende Lage der Arbeiterklasse. Engels selbst sagt dies im Vorwort von 1892 zu seiner erwähnten Jugendstudie über die Lage der englischen Arbeiter: „Der in diesem Buch beschriebene Stand der Dinge gehört heute – wenigstens was England angeht – größtenteils der Vergangenheit an“ und legt dar, dass die Fabrikanten lernten und durch die ökonomische Entwicklung in die Lage versetzt wurden Reformen zugunsten der Arbeiterschaft umzusetzen, „Konzessionen an die Gerechtigkeit und Menschenliebe (die) in Wirklichkeit nur ein Mittel (waren), die Konzentration des Kapitals in den Händen weniger zu beschleunigen und die kleineren Konkurrenten zu erdrücken.“ (3) Der Blick auf die Arbeiterklasse als materielles Substitut der messianischen Idee der junghegelianischen Denker musste einem kritischeren Bild weichen, dass die Arbeiterklasse nur potentielle, als „Klasse für sich“, als politisch organisiertes Subjekt, zum Träger der revolutionären Umwälzung, zur Negation des Kapitals, machte, während sie gleichzeitig soziologisch und ökonomisch Teil des modernen Kapitalismus, „Klasse an sich“, variabler Teil des Kapitals, war. Die ständige soziale Instabilität des jungen Kapitalismus wurde durch die Akkumulation von wachsendem gesellschaftlichem Reichtum verringert, die erkämpften und gewährten Reformen befreiten die herrschenden Klassen von den Risiken der ständigen Rebellion. Die Pariser Kommune von 1871 als Sternstunde des Arbeiteraktivismus in einer sozioökonomisch bereits konsolidierten kapitalistischen Gesellschaft brauchte bereits den Katalysator der nationalen Krise durch den deutsch-französischen Krieg. Marx schlussfolgerte daher, dass der Krieg nicht nur eine Notwendigkeit wäre, um die Herrschaft der Bourgeoisie zu stürzen, sondern auch um das Bewusstsein der Arbeiterklasse von der tiefen Durchdringung durch das herrschende bürgerliche Denken emanzipieren zu können.
Die Konsolidierung des Kapitalismus im frühimperialistischen Konjunkturhoch vertiefte die Integration der Arbeiterklasse als numerisch bedeutender Bestandteil der bürgerlichen Gesellschaft, deren Vermenschlichung im Kapitalismus bedeutende Fortschritte machte, ohne diesen zu schwächen. Die „desintegrative“, die Gesellschaft antagonistisch spaltende, Dynamik des Kapitalismus konnte mit dem wachsenden Reichtum der Gesellschaft überwunden, oder besser, wie noch zu zeigen ist, exportieren werden. Selbst die Erschütterungen des Krieges reichten nicht aus, um die europäische Arbeiterklasse zum antikapitalistischen Protagonisten zu machen. Ein vielversprechendes Kind hatte sich nicht nach den Vorstellungen des Vaters entwickelt.

Kapitalistische Positivität und Pessimismus

Die Internationalisierung des Kapitalismus über Kolonialismus und Welthandel war bereits im Kommunistischen Manifest als allgemeine Tendenz aufgegriffen worden. Da die marxistische Theorie jedoch kein Wundermittel ist, in die Zukunft zu blicken, war die konkrete Form der internationalen Wirtschaftsbeziehungen nicht zu erahnen. (Während heute, so meint man, auch der dümmste die Ungleichheiten in der globalisierten Weltordnung sehen müsste. Doch ideologisch bedingte Blindheit ist leider zu einem schlechten Markenzeichen der dominanten Strömungen der marxistischen Bewegung geworden.) Zunächst sei der Blick auf die Zentren gerichtet, auf den Erfahrungsbereich des Bürgers im Westen, den Erben der entmenschten, modernen Sklaven des Frühkapitalismus, sein Erleben und Bewusstsein über die kapitalistische Produktionsweise – ohne zu Vergessen, dass dies ein Teilausschnitt aus einer untrennbaren Gesamtheit ist, zu deren Hinterhof wir noch kommen werden.
Marcuse versuchte die hegemoniale, integrative Funktion des nordamerikanischen Kapitalismus als modernste Form der kapitalistischen Produktionsweise zu fassen und bemerkt: „Die Theorie der Arbeiteraristokratie zum Beispiel, wie sie in ihrer klassischen Form von Lenin entwickelt wurde, reicht nicht mehr aus, um die Situation zu erklären; es ist nicht so sehr ein relativ kleiner Teil der Arbeiterklasse, eine Minderheit, die integriert wird, sondern wie wir heute bereits in den Vereinigten Staaten beobachten, die große Mehrheit der organisierten Arbeiterschaft. Heute ist es nicht mehr so sehr eine Frage des Gegensatzes zwischen der Bürokratie und der Basis (auch wenn dieser noch weiter besteht): vielmehr haben das wachsende Lebensniveau und die Veränderungen im Arbeitsprozess die Mehrheit der organisierten Arbeiterklasse in das verwandelt, was Lenin noch die Wirklichkeit einer Minderheit nennen konnte, eine Arbeiteraristokratie.“ (4) Nicht nur die Lebensbedingungen außerhalb der Arbeit, sondern die entwürdigenden, zersetzenden und unmittelbar als Entfremdung erfahrbaren Elemente der Arbeit selbst wurden durch die Automatisierung und Technisierung auf ein Minimum reduziert. Dominant wurde die Wirklichkeit des Spezialisten, des Verwalters, des Arbeiters als integrierter Teil einer funktionierenden Maschinerie kapitalistischer Reproduktion. Die Desintegration des Klassenantagonismus wurde in der Gemeinschaft der Konsumenten aufgehoben. Marcuse verstand, dass dieser breite Block gesellschaftlichen Konsens nur von einer Minderheit durchbrochen werden konnte, die jedoch danach streben müsste einen Weg zu den Massen zu finden. „Dieses neue Bewusstsein und die triebmäßige Rebellion isoliert solche Opponenten von den Massen und von der Mehrheit der organisierten Arbeiterschaft, der integrierten Mehrzahl, und bewirken die Konzentration radikaler politischer Praktiken in aktiven Minderheiten, vorwiegend bei der jungen bürgerlichen Intelligenz und den Ghettobevölkerungen. (…) Die Entwicklung eines radikalen politischen Bewusstseins bei den Massen ist nur denkbar, wenn und sofern die ökonomische Stabilität und der gesellschaftliche Zusammenhalt des Systems zu erschlaffen beginnen.“ (5) Marcuse selbst erkannte an, dass diese Perspektive pessimistisch sei, aus der kein Subjekt erkennbar war, das als solches zur Revolution fähig wäre. Der Marxismus müsse sich jedoch diesen Pessimismus erlauben können, solange er 1. zur Entwicklung der kritischen Analyse als unbedingter Teil einer revolutionären Politik beitrage, 2. die strategische Unersetzlichkeit der Desintegration – Herauslösung – der Mehrheitsbevölkerung aus dem kapitalistischen Konsens im Auge behalte und 3. sich der Bedeutung der Kolonialrevolution für diese Destabilisierung des Systems bewusst wäre. Die wenig verwunderliche Integration der radikalen Intelligenz in ein liberales Establishment nach dem Niedergang der Kolonialrevolution und mit der Verhärtung der kapitalistischen Hegemonie und Integrationskraft über die Mehrheit (sowie die sozialen Zerfallserscheinungen statt der Organisierung der Ghettos) tut der Richtigkeit von Marcuses Überlegungen zur Charakterisierung des entwickelten Kapitalismus im Westen keinen Abbruch.
An diesem Punkt der mehrheitsfähigen Konsolidierung des Kapitalismus als Ende der Geschichte im Westen ist es notwendig zur Analyse seiner Totalität als Weltsystem zurückzukommen. Hier wird es möglich sein, seine Negativität, seine Konfliktträchtigkeit, wieder zu finden und damit den potentiellen Ansatzpunkt seiner Überwindung. Die schwierige Frage des Aufbrechens des konsensuell herrschenden Blocks im Westen wird dadurch ohne Zweifel berührt, noch nicht aber konkret politisch gelöst. Kasten

Imperialismus: Expansion und Desintegration

Der zunehmend integrativen Kraft des Kapitalismus in seinen Zentren stand eine zerstörerische, desintegrierenden Seite gegenüber. Desintegration als gesellschaftlicher Zerfall, Instabilität, Auseinandersetzung mit offenem geschichtlichen Ausgang und damit Hoffnung, wie Ernst Bloch meinte (6), wurde vom imperialistischen Kapitalismus vom Inneren, vom offenen allgegenwärtigen sichtbaren Antagonismus von Arbeitersklaven und Fabrikbesitzer, mit neuer Heftigkeit auf die internationaler Ebene getragen.
Nicht nur die politische Orientierung Marx’ beruhte auf den Möglichkeiten des Klassenantagonismus im modernsten europäischen Kapitalismus. Auch seine ökonomische Analyse des Kapitalismus konzentriert sich, wie er im Kapital sagt entsprechend dem „Physiker (der) Naturprozesse dort (beobachtet), wo sie in der prägnantesten Form und von störenden Einflüssen mindest getrübt erscheinen“ (7), auf die reine kapitalistische Gesellschaft aus Kapitalisten und Arbeitern. Analytisch zulässig für die Herausarbeitung der Grundmechanismen der kapitalistischen Produktion, meinte Rosa Luxemburg, dass mit der dem Kapitalismus inhärenten ständig erweiterten Reproduktion dieses reine Schema auf seine Grenzen stößt und daher um die historische Tendenz des entwickelten Kapitalismus zur kolonialistischen Expansion erweitert und konkretisiert werden müsste: „Der Kapitalismus bedarf zu seiner Existenz und Fortentwicklung nichtkapitalistischer Produktionsformen als seiner Umgebung. (…) Er braucht nichtkapitalistische soziale Schichten als Absatzmarkt für seinen Mehrwert, als Bezugsquelle seiner Produktionsmittel und als Reservoirs der Arbeitskräfte für sein Lohnsystem.“ (8). Die imperialistische Expansion des Kapitals in diese nichtkapitalistischen, naturalwirtschaftlichen Milieus bedeutet deren Zersetzung und/oder gewaltsame Zerstörung, um sie zugunsten einer erweiterten Reproduktion dienlich zu machen. „Bei der primitiven Akkumulation d. h. in den ersten geschichtlichen Anfängen des Kapitalismus in Europa am Ausgang des Mittelalters und bis ins 19 Jahrhundert hinein, bildete das Bauernlegen in England und auf dem Kontinent das großartigste Mittel massenhafter Verwandlung der Produktionsmittel und Arbeitskräfte in Kapital. Indes dieselbe Aufgabe wird bis auf den heutigen Tag durch das herrschende Kapital in ganz anderem großartigem Maßstab ausgeführt – in der modernen Kolonialpolitik.“ (S. 318) Luxemburgs Schema greift jedoch nur für ein vorübergehende Phase der imperialistischen Expansion des Kapitalismus, die von ihr zu einem Grundgesetz und einer Lebensnotwendigkeit des Kapitalismus verabsolutiert wurde. Sie kommt daher auch zu dem deterministischen Schluss, der Widerspruch zwischen der unabwendbaren Tendenz des Kapitalismus zur internationalen Ausbreitung und seiner Abhängigkeit von nichtkapitalistische Milieus zur erweiterten Reproduktion, könne „nicht anders gelöst werden (kann) als durch die Anwendung der Grundlagen des Sozialismus.“ (S. 411) Wo der Hinweis Luxemburgs dagegen interessant wird, ist die Ebene der politischen Implikationen die kapitalistische Durchdringung der Welt, die zu einer neuen Rolle der „vorkapitalistischen“ Milieus führt, die als abhängiger Bestandteil in die moderne kapitalistischen Weltordnung gerissen wurden.
Ökonomisch zeigte die Entwicklung eine reale kapitalistische Durchdringung und Inwertsetzung des Globus mit der damit einhergehenden sukzessiven Zerstörung nicht- und vorkapitalistischer Gesellschafts- und Produktionsweisen, deren Resultat jedoch nicht die Krise und Überwindung des Kapitalismus war, sondern seine zähe Lebensfähigkeit mit fortschreitender brutaler Verwertung aller brauchbaren Teile und Vernichtung des Nutzlosen oder Verbrauchten. Eine Tendenz, die zu dem charakteristischen, rachitischen peripheren Kapitalismus der postkolonialen Systeme führte. Wie Guevara sagte: „Von diesem Zeitpunkt an (nach dem 2. Weltkrieg) widmete sich der Imperialismus der Perfektionierung seiner Kolonialherrschaft sowie der verbesserten Strukturierung und Verflechtung des Herrschaftsapparates. Das führte zu einer monströs deformierten Wirtschaft, die von den schamhaften Wirtschaftswissenschaftlern des Imperialismus mit einem harmlosen Begriff bezeichnet wird (…): ‚unterentwickelt‘. (…) Wir sind Länder mit einer vom Imperialismus verzerrten Wirtschaft; einzelne industrielle oder landwirtschaftliche Zweige werden verzerrt und einseitig entwickelt gemäß den Erfordernissen der dem Imperialismus eigenen komplexen Ökonomie.“ (9)
Das Scheitern aller bisherigen Versuche eines Ausbrechens aus dem Weltmark und seiner Logik der Unterentwicklung im Zuge der antikolonialen und antiimperialistischen Befreiung – Versuche die angesichts der Unmöglichkeit der Autarkie (Kambodscha zeigte das tragische Scheitern) in der raschen Wiedereingliederung in den Weltmarkt als formal selbständige Neokolonie endeten, spätestens nachdem die Sowjetunion und der RWG als ansatzweise alternativer ökonomischer Raum verfallen sind -, hat mit der Globalisierung die charakteristische Desintegration und selektive Integration der peripheren Ökonomien durch den imperialistischen Kapitalismus auf eine neue Höhe weltweiter, vorerst alternativloser, Vorherrschaft gebracht. Der erzwungene Freihandel und die technologischen Möglichkeiten der rasanten Mobilität des Kapitals haben die Zerstörungskraft des Kapitalismus für die abhängigen Länder potenziert. Die einstige Alternative der Dependenztheorie, die abgekoppelte Entwicklung, wird in tragischer, ja pervertierter Weise zur erzwungenen Abkoppelung nichtverwertbarer Teile. „Denn mit der Verarmung ist gerade die ‚Dissoziation‘ aus dem Weltmarkkontext verbunden. (…) Also muss die Schlussfolgerung gezogen werden, dass die Herauslösung aus dem bzw. die Abkoppelung vom Weltmarkt ein Zeichen der Not ist, dass aber einen Integration in ihn durch exportorientierte und importsubstituierende Entwicklungsstrategien in diesen Fällen keinen Überwindung der Unterentwicklung bewirken kann. Hier ist die Grenze der Globalisierung einer spezifischen Form der Industrialisierung erreicht.“ (10) Die Globalisierung des Kapitalismus bedeutet aber nicht nur, dass entfernteste Regionen gewaltsam oder durch den Fall aller ökonomischen Schranken „mit Produktionstechniken, sozialer Organisation des Produktions- und Reproduktionsprozesses und Konsummustern (…), die der Region zunächst äußerlich sind, (und) mit der Artikulation von verschiedenen ‚Logiken‘ und Produktionsweisen (konfrontiert werden, wodurch) die bislang vorherrschende ökonomische Verflechtung, soziale Schichtung und politische Organisation auseinandergerissen, ‚desartikuliert‘ werden.“ Sie bedeutete durch die politisch militärische Vorherrschaft der USA, die ihr als unerlässliche Komponente beiwohnt, weiters eine Verschiebung der Kräfteverhältnisse zugunsten der kapitalistischen Zentren und zulasten der abhängigen Länder, nämlich ihrer „Reichweite von nationaler Hegemonie, von politischer Beeinflussbarkeit ökonomischer und gesellschaftlicher Prozesse; (…) der Möglichkeit, durch politische Intervention die Wirkungsweise des Wertgesetzes in der Ökonomie des Weltmarktes so kontrollieren zu können, dass nationalstaatliche Entwicklungen nicht konterkariert werden.“ (S. 62).
Kapitalismus real zu fassen – und damit die Grundlage antikapitalistischer Opposition – kann also nicht von der Tatsache absehen, dass dieser sich über die Peripherisierung, die Deformation, die verzerrte Integration bei immer weiterer Vernichtung der abhängigen Länder reproduziert. Die Konzentration des Reichtum im Westen wiederum wird politisch im Sinne der Hegemonie in den Zentren des Kapitalismus und militärisch im Sinne der Kontrolle und Niederhaltung der Peripherie, des „negativen Teils“ des globalisierten Kapitalismus, der internationalisierten Sklaven des Dollars, eingesetzt, um so eine Reproduktion auf Kosten der Entwicklungschancen der Mehrheiten der Welt aufrechterhalten zu können.
Um die Schattenseite des Kapitalismus politisch zu fassen, gilt es genauer die Logik der Artikulation der sozialen Kräfte zu untersuchen, die mit jeder Weiterentwicklung des Kapitalismus immer Tiefer in die Entmenschung gedrückt werden.

Die Herantastung an die Kolonien

Für Marx und Engels war die politische Bewegung der Kolonisierten, trotz dem sie die zerstörende Brutalität des Kolonialismus erkannten und anprangerten, nur in der Perspektive einer „nachholenden Entwicklung“ des europäischen Weges denkbar. Europa zeigte ihnen ihre Zukunft, durch die sie durchmussten, zu beschleunigen oder erleichtern nur durch das Erkämpfen des Sozialismus in den Zentren. „England hat in Indien eine doppelte Mission zu erfüllen, eine zerstörende und eine erneuernde – die Zerstörung der alten asiatischen Gesellschaftsordnung und die Schaffung der materiellen Grundlagen einer westlichen Gesellschaft in Asien.“ (11) Trotz dieser falschen Einschätzung, muss bei Marx sein kritischer, antibürgerlicher Standpunkt anerkannt werden. „Die tiefe Heuchelei der bürgerlichen Zivilisation und die von ihr nicht zu trennende Barbarei liegen unverschleiert vor unseren Augen, sobald wir den Blick von ihrer Heimat, in der sie unter respektablen Formen auftreten, nach den Kolonien wenden, wo sie nackt gehen. Die Bourgeoisie ist die Verfechterin des Eigentums; hat aber je eine revolutionäre Partei Agrarrevolutionen hervorgerufen wie die in Bengalen, in Madras und in Bombay?“ (S. 331) Eine scharfe und präzise Analyse, die die russischen Kommunisten vertiefen sollten und mit ihr die Paradigmen des orthodoxen Marxismus der Modernisierung auf den Kopf stellten.
Die Ereignisse des Ersten Weltkrieges, die Artikulation einer sozialchauvinistischen Arbeiteraristokratie, die ersten größeren Rebellionen der abhängigen Länder und vor allem die sozialistische Umwälzung in Russland selbst, einem „peripher-imperialistischem“ Land ohne vollzogene demokratische Revolution und vorherrschender nichtkapitalistischer bäuerlicher Ökonomie – in die barbarische Moderne des Krieges gerissen durch die Mobilmachung der Bauernsoldaten -, all das brachte die politische Rolle der peripheren Länder und Kolonien erstmals an einen zumindest gleichberechtigten Platz in den Überlegungen zur revolutionären Theorie und Politik. „Die Kommunistische Partei (…) muss ausgehen (…) von einer klaren Unterscheidung zwischen unterdrückten, abhängigen, nicht gleichberechtigten und unterdrückenden, ausbeutenden, vollberechtigten Nationen, im Gegensatz zu dem bürgerlich-demokratischen Lug und Trug, vermittels dessen man die der Epoche des Finanzkapitals und des Imperialismus eigene koloniale und finanzielle Versklavung der ungeheuren Mehrheit der Bevölkerung des Erdballs durch eine verschwindende Minderheit der reichsten fortgeschrittenen kapitalistischen Länder zu vertuschen sucht.“ (12)
Die politische Achse der KI (Kommunistische Internationale)-Politik war die Unterstützung und Beteiligung an einer revolutionär-demokratischen, antiimperialistischen Bekämpfung der kolonialen Abhängigkeit. Entsprechend Lenins Überlegungen von 1905 (Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution) lag dem die These der „revolutionär demokratischen Diktatur der Arbeiter und Bauern“ zugrunde, einer plebejischen radikalen Bewegung und einer Volksmachtregierung, die die Abhängigkeit und Rückständigkeit des Landes überwindet. Die Kommunisten hätten sich daran zu beteiligen, jedoch ihre organisatorische und politische Selbständigkeit zu bewahren. Diese allgemeine Orientierung kann ohne weiteres als grundlegende Hypothese antiimperialistischer Politik nach den Erfahrungen der antikolonialen Befreiungskriege des 20. Jahrhunderts bestätigt werden. Gleichzeitig muss die KI-Politik in ihren historisch konkreten Zusammenhang gestellt werden, vor dem zwei Elemente aus der nachfolgenden konkreten Geschichte heraus zu hinterfragen sind: 1. die der Arbeiterklasse attestierte Avantgarde-Rolle und 2. die „Bekämpfung reaktionärer und mittelalterlicher Elemente.“
Besonders die Kommunisten jener Länder, deren Unabhängigkeit bereits erreicht war, insistierten, wie später die trotzkistische Bewegung, auf die Führungsrolle der Arbeiterklasse. Julio Antonio Mella, charismatischer Gründer der Kommunistischen Partei Kubas, schreibt 1928, in insgeheimer Polemik mit der stalinschen Unterordnungslinie unter die „nationale Bourgeoisie“ – fast 40 Jahre bevor Guevara diese These, nach langer Verbannung aus der kommunistischen Bewegung wieder aufnimmt: „In ihrem Kampf gegen den Imperialismus – den ausländischen Räuber – vereint sich die Bourgeoisie – der nationale Räuber – mit dem Proletariat als Kanonenfutter. Aber sie verstehen schnell, dass es besser ist, sich mit dem Imperialismus zu verbünden, der letztlich dasselbe Interesse vertritt. Die Fortschrittlichen werden zu Reaktionären. (…) Um konkret zu sprechen: absolute nationale Befreiung wird nur das Proletariat erreichen, und zwar durch die Arbeiterrevolution.“ (13) Oder der peruanische Marxist Mariátegui auf der Konferenz der Lateinamerikanischen Kommunistischen Parteien in Buenos Aires 1929: „Der Antiimperialismus ist unserer Ansicht nach für sich allein weder ein Programm noch eine Massenbewegung, die die Macht erobern könnte.“ (14) So richtig dieser Standpunkt in Verteidigung der traditionellen leninistischen Position gegen das Rollback Stalins war, der die demokratische Umwälzung und nationale Befreiung durch ihre Unterordnung unter ihren vermeintlichen „historischen Träger“, die nationale Bourgeoisie, dem Kompromiss und dem Scheitern auslieferte, der damit Lenins These der notwendig revolutionären und plebejischen Befreiungsbewegung vom Imperialismus (der vor der Halbherzigkeit der bürgerlichen Strömungen gewarnt hatte) konterkarierte, so muss die Zentralität der Arbeiterklasse nach den folgenden Erfahrungen in der antikolonialen Bewegung heute in Frage gestellt werden.
Der gegenwärtigen Polemik vorgreifend: Mit dem Kampf „gegen mittelalterliche Elemente“ war die notwendige Auseinandersetzung mit den, zumeist mit dem Kolonialismus verbündeten, traditionellen Eliten und Grundbesitzerkasten gemeint. Völlig anderes lägen die Dinge bei den verbreiteten traditionalistischen (oft gegen den Kommunismus als exotische und ausländische Idee instrumentalisierten) Vorurteilen breiter Bevölkerungsteile: „Da diese Vorurteile erst nach dem Verschwinden des Imperialismus und des Kapitalismus in den fortgeschrittenen Ländern und nach der radikalen Umgestaltung aller Grundlagen des wirtschaftlichen Lebens der zurückgebliebenen Länder (…) verschwinden können (…) erwächst dem klassenbewussten kommunistischen Proletariat aller Länder die Pflicht, sich besonders behutsam und besonders aufmerksam zu den überlebenden nationalen Gefühlen in den am längsten unterdrückten Ländern und Völkern zu verhalten (…).“(Lenin, Thesen zur Kolonialfrage, S. 493) Während dem kolonialistischen Sozialchauvinismus der Sozialdemokratie kein Pardon gegeben wurde.
Die KI-Thesen entstanden zusammengefasst in einer Phase, in der der Desartikulationsprozess der traditionellen Gesellschaften der kolonisierten Ländern im Gange war, bei weitem aber noch nicht abgeschlossen. Vielmehr war die kapitalistische Moderne eine Insel weniger industrieller Zentren und urbaner Räume, in denen sich die westliche Kultur ausbreitete. Die Mehrheit der Regionen und Menschen befand sich außerhalb des unmittelbaren Einflusses des Weltmarktes in naturalwirtschaftlicher oder feudaler Zurückgezogenheit (eben jener Formen, die nach Luxemburg zunehmend zerstört werden mussten um vom Kapitalismus Inwertgesetzt werden zu können).
Diese soziale Realität machte die urbanen und industriellen Räume zu den natürlichen Zentren der revolutionären Auseinandersetzung. In ihnen war der koloniale Umbruch, die Zerstörung der traditionellen Beziehungen und die Unerträglichkeit des Neuen konzentriert. Das alte Handwerk wurde ruiniert und mit entwurzelten Bauern und Landarbeitern zum Kern eines jungen Proletariats, das die Ausbeutung eines barbarischen Frühkapitalismus erlebte. Die Intelligenz war mit der nationale Erniedrigung durch die unterwürfige traditionelle Elite konfrontiert und gleichzeitig mit den revolutionären Ideen aus Europa und Russland durchdrungen.

Die Peripherie der Peripherie

Diese Zentralität der Arbeiterklasse sollte sich jedoch ändern. Wie gezeigt wurde, führt die imperialistische Durchdringung zur Desartikulation und selektiven, unausgeglichenen Entwicklung jener Teile, die der Weltmarktverwertung nützlich sind. Somit war der urbane Raum potentiell auch der Raum, der, wenn auch prekären, Hegemonie des neuen Systems. Dieses machte in seiner Zersetzung jedoch nicht halt, das Hinterland wurde fortschreitend in den Prozess der Modernisierung hineingezogen, ohne jedoch in umfassendem Maße, entgegen Marx’ Prognose, in einer dem europäischen Kapitalismus entsprechenden Ordnung aufgefangen zu werden, wie insbesondere das Ausbleiben einer Agrarreform zeigte. So wurde die Peripherie der Peripherie ebenfalls unweigerlich aus der Stabilität der alten Verhältnisse gerissen, ohne in die neuen aufgenommen zu werden. Die Moderne setzte sich durch, jedoch ausschließlich in ihrer unerträglichen Seite. Dies sollte zwei der Paradigmen der KI in Frage stellen, nämlich das Proletariat als dynamischster Sektor in der nationalen und sozialen Emanzipation und die Bedeutung der traditionellen Kultur und Identität. Denn diese wurde von ihrem althergebrachten, einst herrschenden gesellschaftlichen Milieu getrennt, das der Weltmarkt zerstörte, und musste sich mit der neuen Realität konfrontieren. Die Utopie der „goldenen Zeiten“, die Beständigkeit der traditionellen Kultur, wurden so zu einem potentiell subversiven Bündnispartner der revolutionär-antiimperialistischen Idee, die eine neue, selbständige Nation versprach.
Mehr noch, nicht erst die Entwurzelung, sondern auch die Erhaltung und Verteidigung einer traditionellen Sozialstruktur wurde mit dem Vordringen der kapitalistischen Realität zu einer Konfrontation, die in den nationalen Befreiungskampf gezogen wurde. Es geht hier nicht um die mystifizierende Bewahrung des Traditionellen, das Teil der Moderne geworden ist, wie dies heute vielerlei folkloristische NGOs konzipieren, sondern um den notwendige Befreiungskampf als Voraussetzung einer positiven Überwindung.
Fanon schreibt: „Der große Irrtum, der Geburtsfehler der Mehrheit der politischen Parteien in den unterentwickelten Gebieten lag darin, dass sie sich nach dem klassischen Schema vorrangig an die bewusstesten Elemente wendeten: an das Proletariat der Städte, die Handwerker und die Beamten (…). Mehrfach ist darauf hingewiesen worden: in den kolonialen Territorien ist das Proletariat der vom Kolonialregime am meisten verhätschelte Teil des Volkes. Das embryonale Proletariat der Städte ist relativ privilegiert. (…) Es stellt nämlich den Teil des kolonisierten Volkes dar, der für das Funktionieren der Kolonialmaschine notwendig und unentbehrlich ist. Hier rekrutierten sich die ersten nationalistischen Parteien und hier ist der ‚Modernismus‘ König. Es sind die gleichen Kreise, die gegen die obskurantistischen Traditionen kämpfen, die althergebrachten Sitten reformieren wollen und damit einen offenen Kampf gegen den alten Granitsockel führen, der das nationale Erbe bildet.(…) Anstatt die bestehenden Strukturen zu benutzen und ihnen einen nationalen oder progressiven Inhalt zu geben, wollen sie im Rahmen des Kolonialsystems die traditionelle Wirklichkeit umwälzen. Sie glauben die Nation in Marsch setzen zu können, während die Ketten des Kolonialsystems noch schwer auf ihr lasten.“ (15)
Auch Guevara wies darauf hin, dass zwar die politische Dynamik der sozialistischen Umgestaltung nach der kubanischen Revolution den Interessen des modernen Land- und Stadtproletariat entsprach, dass aber gerade jene Schicht den Kern der Befreiungsarmee bildeten, über der die Drohung der Entwurzelung schwebte und die prekär an ihrem traditionellen Leben festhielten, die im Strom der imperialistischen Modernisierung am wenigsten Integrierten: „Vertiefend betrachtet lässt sich sagen, dass sich die Kleinbauern in den meisten Gegenden Kubas angesichts der Anforderungen der großen halbmechanisierten Pflanzungen proletarisiert hatten und so in eine organisatorische Etappe übergewechselt wären, die ihnen ein höheres Klassenbewusstsein vermittelte. (…) Aber um der Wahrheit gerecht zu werden, muss darauf hingewiesen werden, dass das ursprüngliche Operationsgebiet unserer Rebellenarmee (…) sich dort befand, wo die Bauern völlig andere soziale und kulturelle Auffassungen vertraten als in den Gebieten mit großen halbmechanisierten Pflanzungen. In der Tat war die Sierra Maestra (…) ein Rückzugsgebiet für jene Bauern, die erfolglos gegen den Großgrundbesitz gekämpft hatten und die dort nun ein neues Stückchen Boden suchten, das – um ihr kleines Reich aufzubauen – sie dem Staat oder einem gierigen Großgrundbesitzer abnehmen konnten. (…). Trotz seines kleinbürgerlichen Bewusstseins lernte der Bauer bald, dass sein Streben nach Besitz nicht erfüllt werden kann ohne die Aufhebung des Großgrundbesitzes. (…) Die Bourgeoisie fürchtet diesen Interessenskonflikt, das Proletariat fürchtet ihn nicht. Somit vereint der Fortgang der Revolution Arbeiter und Bauern.“ (16)
Der Weg der antiimperialistischen Befreiung geht aus der eigenen Logik des imperialistischen Kapitalismus und seiner zerstörenden Umwälzung aller alten Verhältnisse in die Peripherie der Peripherie. Als der Weltmarkt daranging die alten bäuerlichen Verhältnisse zu zersetzen, fanden sich die Bauern in Zentrum der Desintegration, wo die Kräfte der Hegemonie, der produktiven und ideologischen Einbindung, jedoch am geringsten waren. Das traditionelle kulturelle Bewusstsein konnte so von den revolutionären Kräften kanalisiert werden in der Perspektive der antiimperialistischen nationalen Befreiung.

Globalisierung und Desintegration

Die Globalisierung setzt die Tendenz der Weltmarktintegration und Zersetzung der souveränen ökonomischen Lebensfähigkeit im Wirtschaftlichen fort und vertieft sie zusätzlich durch eine neue politisch-ideologische Komponente. Die Doktrin des Freihandels und der offenen Märkte, die der Imperialismus auch vertraglich in großem Maßstab, überregional zu verewigen sucht, etwa im Projekt der Lateinamerikanischen Freihandelszone ALCA, setzt die peripheren Staaten mit aller Gewalt den Kräften der Unterentwicklung aus. Der UN-Entwicklungsbericht 2003 zeigt diesen Trend: Zwar können viele Länder wirtschaftliche und soziale Entwicklung aufweisen (die Statistik ist oft ein euphemistisches Abbild der Wirklichkeit), doch in den Staaten und Regionen, die bereits in den 80er und 90er Jahren in die Krise getrieben wurde, verschärfte sich die Situation, sie wurden tiefer ins Elend gedrängt. Die forcierte Abkoppelung von der Altvater spricht, das endgültige Todesurteil der Globalisierung über nicht mehr verwertbare Regionen, ist ein Trend des totalen Marktes, dem keinerlei Entwicklungsprogramm gewachsen ist. „Es gibt 59 prioritäre Länder, wo die Ziele (der menschlichen Entwicklung) nicht erreicht wurden. (…) Diese Länder waren durch die ganzen 90er Jahre hindurch mit vielfältigen Krisenarten konfrontiert: (…) die Armut wuchs in 37 von 67 Staaten mit Datenmaterial; (…) in 21 Staaten wächst der Hunger; in 14 Staaten nahm die Kindersterblichkeit zu, in sieben stirbt ein Kind von vier vor dem fünften Lebensjahr, in neun Staaten hat ein Viertel der Bevölkerung keine Zugang zu Trinkwasser und die Situation verschlechtert sich.“ (17) Dieser Trend wird sich fortsetzten. Er kann auf überregionaler Ebene als grober globaler Trend beobachtet werden (Südasien, Afrika), auf einzelstaatlicher Ebene und auch auf Gebietsebene innerhalb der Nationalstaaten und zeigt den Trend zur Vertiefung der verzerrten Entwicklung und Desintegration in die Abstoßung im wahrsten Sinne des Wortes „auf den Müllhaufen der Geschichte“.
Dieser wirtschaftliche Trend verbindet sich mit einem politisch-ideologischen. Das ersehnte und versprochene Projekt des Nationalstaates nach dem Ende der direkten kolonialen Abhängigkeit ist nicht nur durch die ökonomische Dominanz der abhängigen kapitalistischen Entwicklung eine formale Hülle ohne wirkliche Grundlagen von Souveränität geblieben, es wird heute als solches offen in Frage gestellt. Diese politisch-ideologische und kulturelle Offensive, die als Amerikanismus bezeichnet werden kann, ergänzt die extrem selektiver Entwicklung jenseits nationaler Entwicklungsprojekte, das die wirtschaftlichen Globalisierung mit sich brachte. Der souveräne Nationalstaat als Kern der internationalen Ordnung nach dem zweiten Weltkrieg (UN-Charta) wird im Modell einer lokalen Teilsouveränität der Administration in Funktion des amerikanischen Imperiums aufgehoben. Das „globale Dorf“ ist die Realität weniger Wachstumsinseln, die dem globalisierten Kapital dienlich sind, inmitten eines Meers von Marginalisierung, Elend und sozialem Zerfall, die „demokratische Sicherheit“ beschreibt die Vernichtung der fundamentalen verteidigungspolitischen Komponente nationalstaatlicher Souveränität (die durch das „Gleichgewicht des Schreckens“ mit der Sowjetunion für periphere Länder, die einen unabhängigen Weg suchten, zumindest ansatzweise möglich war) zugunsten der globalen imperialen Polizeimacht USA und das „Treffen der Kulturen“ ist nichts anderes als die forcierte Amerikanisierung auf Kosten eigenständiger sozialer, nationaler und kultureller Projekte. Die Amerikanisierung ist somit die hochentwickelte und von einem humanistischen Standpunkt unhaltbare Vertiefung des Imperialismus, der kapitalistischen Modernisierung der Welt, mit einigen Zentralstaaten ökonomischer und kultureller Hegemonie im Westen unter der hierarchischen Dominanz der USA, repressiver Vorherrschaft in den nutzbaren Zonen und einer Kombination entwicklungspolitisch-fabianischer (NGOs) mit militärischer Niederhaltung der „anderen Seite der Modernität“.

Ideologie und Subjekt

Die sozialen Ursachen der Rebellion sind in diesem Kontext umfassend und finden sich sowohl in den neuen Wachstumsregionen unter ungebremster kapitalistischer Verwertung, den Freihandelszonen Asiens oder Lateinamerikas, als auch in den verelendeten, abgekoppelten Regionen und den nach Millionen wachsenden urbanen Ghettozonen. Wesentlich ist die Frage, welche Realität am ehesten geneigt ist, dem sozialen Zerfall oder der prekären Hoffnung auf Integration in eine Weltmarktfabrik, zu widerstehen und einem politischen Projekt des gesamtheitlichen Widerstandes (also nicht nur des partiellen sozialen Protestes) gegen den Amerikanismus als gegenwärtige Form des Kapitalismus zugänglich zu sein.
Diese Frage stellt sich insbesondere hinsichtlich der Intelligenz und ihrer Fähigkeit , sich als organische Intellektuelle der sozialen Rebellion gegenüber dem amerikanistischen Kapitalismus zu positionieren. Die kolonialisierte Intelligenz, die sowohl materiell als auch ideologisch von der Desintegration getroffen wird, hat in der Geschichte der antikolonialen Befreiung ihre entscheidende Rolle gezeigt, durch ein alternatives, politisches Projekt nationaler Integration im Kampf gegen die soziale und nationale Unterwerfung die Kräfte der Mehrheit der verelendeten Schichten zu mobilisieren. Das Angebot der Moderne an die Intelligenz war und ist die kompradorische Anpassung, die vor allem unter den „wirtschaftlich aktiven“ Dienern des Weltmarktes vorherrscht. Die entwurzelten Intelligenz war historisch der Träger einer Tendenz, die nach einer radikalen Definition der Eigenständigen suchte, nachdem ihr traditioneller Bezugsrahmen vernichtet wurde und der Raum für eine Reintegration in die neuen Realitäten nur in der totalen Unterwerfung möglich war. Diese Enge des historischen Kolonialismus ist mit dem Amerikanismus wieder dominant geworden.
Die Niederlage der einstmaligen „starken Ideen“, des Sozialismus und der sozialrevolutionären nationalen Befreiung durch das Ende der Sowjetunion und der Niedergang des traditionellen antiimperialistischen Nationalismus, hat hier ein Vakuum hinterlassen. Apologie des universalistisch gekleideten Imperialismus in unterschiedlichster Form, genauso wie die einfache Flucht der Mittelschichten aus des Armutsregionen ist weit verbreitet. In Regionen, in denen die autochthone Kultur seit langem vernichtet und wo diese auch nie in die Nähe einer vereinigenden, nationalen Ideologie gekommen ist, wie etwa Lateinamerika (dessen Antiimperialismus immer von europäischen Formen und Ideen dominiert war, sei es die französischen Revolution bei Bolívar oder der Sozialismus) herrscht eine erschreckende Leere. Wo die traditionelle Kultur tiefere Wurzeln hat, ist sie es, die als moderne Negation der kapitalistischen Moderne aufgegriffen wird.
Diese Idee der Antimoderne – nichts anderes als eine Verneinung des realen, dominanten Kapitalismus in seiner sozialen und ideologischen Form – findet heute keine traditionelle gesellschaftliche Substanz, auf die sie sich materiell gründen kann. Die Fetzten des Traditionellen sind vielmehr Produkte der dunklen Seite der Moderne. Die Idee ist gezwungen, sich auf diesen „Abfall der Modernisierung“ zu beziehen, will sie gesellschaftlich wirksam werden, „die Massen zu ergreifen“, und sie wird gleichzeitig von diesem Substrat aus moderner Armut sozialrevolutionär beeinflusst werden. Wie der Sozialismus als Träger der Kolonialrevolution nie ein feststehendes Modell gesellschaftlicher Gestaltung war – man denke an die Polemiken der revolutionären arabischen Linken mit dem „arabischen Sozialismus“ (18) – so sind auch die heutigen Tendenzen des Kampfes gegen die kapitalistische Moderne Bewegungen mit einer offenen Dynamik, die vom bevormundenden Sozialreformismus über messianischen Militarismus bis hin zu national – und sozialrevolutionären populären Strömungen reichen. Vielleicht ist, nicht anders als gegenüber dem „Sozialismus“, die revolutionäre Mobilisierung der Unterschichten, das radikale „Empowerment“ der Armut – dieser schon in den ersten umfassenden kommunistischen Thesen zur antiimperialistischen Befreiung betonte Faktor als Voraussetzung für jede künftige Möglichkeit zur revolutionär-demokratischen Volksmacht – das einzige allgemeine Kriterium für ein Urteil in dem heutigen Meer an Widerstandsformen. Wieweit aus diesen zahlreichen Fassetten des antiimperialistischen Kampfes und seinem Potential eines antiimperialistischen und konkret auch antiamerikanischen Internationalismus ein erneuerter revolutionärer Universalismus entstehen kann, wie ihn der Marxismus und seine Kategorie des internationalen Proletariats dargestellt haben, hängt vor allem davon ab, um es mit Frantz Fanon zu sagen, inwiefern „die Massen Europas sich entscheiden, aufwachen, zu einem neuen Bewusstsein kommen und ihren verantwortungslosen Dornröschenschlaf ein für allemal aufgeben.“ (20)

Gernot Zeiler





(1) Karl Marx (1844): Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, MEW Band 1, S. 390
(2) Friedrich Engels (1845): Die Lage der arbeitenden Klasse in England. Vorwort, Ausgewählte Schriften, Band 1
(3) Friedrich Engels (1892): Vorwort zur „Lage der Arbeitenden Klasse in England“, Gesammelte Werke Band 2, S. 378 ff.
(4) Herbert Marcuse (1969): La Collusione. in: Praxis Nr. 24. Revista per un nuovo orientamento rivoluzionario, Perugia 2002, S. 25 f.
(5) Herbert Marcuse (1969): Versuche über die Befreiung, Suhrkamp, Frankfurt am Main, S. 80 ff.
(6) Ernst Bloch (1968): Weltveränderung oder die elf Thesen von Marx über Feuerbach, in: Ernst Bloch: Über Karl Marx, Suhrkamp, Frankfurt am Main, S. 101 ff.
(7) Karl Marx (1867): Das Kapital. Vorwort zur ersten Auflage, Dietz Verlag Berlin 1974, S. 12
(8) Rosa Luxemburg (1913): Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur ökonomischen erklärung des Imperialismus, Gesammelte Werke Band 5, Dietz Verlag Berlin, 4. Auflage, Berlin 1990, S. 316
(9) Ernesto Che Guevara (1961): Kuba – Historische Ausnahme oder Vorhut im Kampf gegen den Imperialismus? in: Schriften zum Internationalismus, Pahl-Rugenstein Köln 1989, S. 34
(10) Elmar Altvater (1987): Sachzwang Weltmarkt, VSA-Verlag Hamburg, S 58
(11) Karl Marx (1853): Die künftigen Ergebnisse der britischen Herrschaft in Indien, Ausgewählte Werke Band 1, Verlag für fremdsprachige Literatur, Moskau 1951, S. 327
(12) Lenin (1920): Ursprünglicher Entwurf der Thesen zur nationalen und zur kolonialen Frage (Für den zweiten Kongress der Kommunistischen Internationale), Ausgewählte Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin 1976, S. 488
(13) Julio Antonio Mella (1928): Que es el APRA?, Documentos y Artículos, Editorial de Ciencias Sociales, Cuba 1975, S. 380 f.
(14) José Carlos Mariátegui (1929): Antiimperialistischer Gesichtspunkt, in: Revolution und peruanische Wirklichkeit, ISP-Verlag Frankfurt 1986, S. 158
(15) Frantz Fanon (1961): Die Verdammten dieser Erde, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1981, S. 93 ff.
(16) Guevara, a.a.O. S. 31 f.
(17) UNDP: Human Development Report 2003. Summary, S. 3
(18) Siehe Bassam Tibi (Hrsg.): Die arabische Linke, Europäische Verlagsanstalt 1969
(19) Fanon, a.a.O. S. 87