Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

 Ausgaben

Nr. 21 Herbst 2007
Nr. 20 Frühjahr 2007
Nr. 19 November 2006
Nr. 18 Mai 2006
Nr. 17 Februar 2006
Nr. 16 November 2005
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Nr. 14 April 2005
Nr. 13 November 2004
Nr. 12 September 2004
Nr. 11 Mai 2004
Nr. 10 Jänner 2004
Nr. 9 November 2003
Nr. 8 September 2003
Nr. 7 Mai 2003
Nr. 6 März 2003
Nr. 5 Jänner 2003
Nr. 4 November 2002
Nr. 3 September 2002
Nr. 2 Juli 2002
Nr. 1 Mai 2002

 

 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 8 September 2003

Ostalgie oder Ode an die deutsche Einheit?

Die DDR boomt wie nie zuvor. Die Erinnerung wird in und der real existierende Sozialismus zum real florierenden Verkaufsartikel. Über die Freiheit des Konsums von Spreewaldgurken.


Menschen, die mit FDJ-Hemden ins Kino gehen und Kinos die ihre Foyers mit Honecker-Plakaten schmücken. Bundestagsabgeordnete, die nach einer Sonderpremiere jeder glücklich mit einem „Präsenttütchen“ gefüllt mit Rotkäppchen Piccolo und einer einzelnen Spreewaldgurke nebst einem Gurkenglas das Kino verlassen.
Das alles geschieht jedoch nicht nur in Deutschland, sondern auch in Japan, Mexiko, Frankreich, England und bald auch schon in Amerika. „Good bye, Lenin“ wurde bereits in 63 Länder verkauft und steht in Deutschland an Stelle zwei der meistgesehenen Filme – gleich hinter „Schwarzwaldmädel“. Eine Ostalgie-Welle war jedoch in keiner Weise intendiert, so der Autor des Drehbuchs. Vielmehr soll es eine Geschichte sein „über Mutter und Sohn, über eine Familie. Eine Geschichte, die dem Publikum nahe gehen soll“.

Die Geschichte hört sich dann etwa so an: Alex und seine Schwester wachsen alleine mit ihrer Mutter in der DDR auf. Alex Mutter hat in den 70er Jahren beschlossen mit ihrem Mann aus der DDR zu fliehen. Er geht in den Westen. Sie jedoch traut sich nicht ihm zu folgen, aus Angst vor Repressionen des Regimes. Die Familie wird zerrissen. Den Weg aus der Depression findet sie durch ihre Arbeit für eine sozialistische DDR. So widmet sie sich ganz der Parteiarbeit in Form von Kindererziehung und kritischen Anmerkungen an die Kleiderindustrie. Gerade zur Zeit der Wende fällt sie ins Koma und verschläft den Siegeszug des Kapitalismus. Um ihr nach dem Erwachen jede Aufregung zu ersparen entwirft ihr Sohn Alex die DDR für seine Mutter neu.

Eine DDR, wie Alex sie sich gewünscht hätte, unter dem Vorzeichen der sanften Revolution und nach den Grundsätzen der 68er-Bewegung.
Die Scheinwelt, die er erstehen lässt, konstruiert sich über die „Alltäglichkeiten“ des DDR-Lebens. „Große Geschichte im Kleinen“ nennt das Regisseur Wolfgang Becker im Interview mit der Jungen Welt. Die kleine DDR die Hausgemeinschaft, die Spreewaldgurken, Rotkäppchensekt und Sigmund Jähn, der Held der Technik, der erste deutsche Kosmonaut am Mond all das wird Teil der „neuen Phantasiewelt“. Der DDR-Staat hingegen wird in Alex’ Geschichten „würdevoll zu Grabe getragen“.

„Man soll auch begreifen, dass es Ost und West in der Form nicht mehr gibt. Es gibt ja viele Jugendliche, gerade in der ehemaligen DDR, die aus Protest PDS wählen. Das kann ich nicht begreifen. Ich kenne diese Partei noch von früher und könnte sie deshalb auch nie wählen. […] Ich zumindest versuche all das hinter mir zu lassen. Das hat mir lange genug große Schmerzen bereitet.“ (Katrin Saß, Darstellerin von Alex’ Mutter in Good bye, Lenin)

Deutschland, Deutschland über alles?

Der Sozialismus als Illusion und verlorener Gedanke: Ein Good Bye nicht nur an die DDR, sondern auch an die tatsächliche Verwirklichung der sozialen Revolution. Der Sozialismus ist Korruption, der Westen hingegen Freiheit. Das wird uns letztlich durch den Film vermittelt, wenn auch die Schattenseiten des kapitalistischen Regimes die extreme soziale Ungleichheit, das Problem der Arbeitslosigkeit und die prekären McJobs aufgezeigt werden. Ein Good bye als Zeichen eines Aufbruchs in eine neue Welt, die von den Menschen nicht gewählt wurde, die ihnen jedoch als einzige Möglichkeit nach dem Scheitern des Sozialismus bleibt. Der Wegweiser in eine Welt der „Gemeinsamkeit“ des deutschen Volkes, die die Geschichte hinter sich lässt und sich als Einheit verwirklicht. Die Zeitschrift Welt schreibt lobend: Es „war auch höchste Zeit, dass Lenin Deutschland den ihm erwiesenen Gefallen zurückerstattet hat. Die Deutschen sind an einem Punkt angekommen, wo sie sich gemeinsam selbst belächeln können und diese ironische Distanz zunehmend nicht nur den 40 Jahren DDR, sondern auch den zwölf Jahren Nazismus gilt.“ (Die Welt, 21.02.2003)
Der Hauptdarsteller Daniel Brühl ergänzt zuversichtlich: „Aber ich habe den Eindruck, dass Ost und West jetzt erst anfangen, sich richtig anzunähern und zusammen zu wachsen. Erst wenn man ein Land ist, kann man das mit der nötigen Vernunft betrachten“.

Mit dem Ende des DDR-Staates wurden schlagartig zwei Drittel der Bevölkerung arbeitslos. Die Armut in den neuen Bundesländern ist bis zum heutigen Tag real. Die Arbeitslosenquote liegt im Jahr 2003, jener Zeit, in der die Filmemacher von „Good Bye Lenin“ der deutschen Einheit huldigen, bei 19,5%.

Die Tatsache, dass die Mauer nicht im Zeichen einer solidarischen Einheit fiel, sondern, von der einen Seite abgerissen, durch die andere, die westliche, überrollt wurde, schafft der Film trotzdem zu vermitteln. Die Schließung vieler Staatsbetriebe, die zu einer ungekannten Arbeitslosigkeit führte, der Verlust von Ausbildungsstätten und die schrittweise Eingliederung der jüngeren Ex-DDR-Bürgerinnen und -Bürger in eine Arbeitswelt des Burger King und McDonalds’. Die plötzliche Bewusstmachung, dass alles bisher Gekannte schlagartig nichts mehr wert ist, einschließlich des eigenen Geldes. Vor allem wird dies in „Good bye Lenin“ jedoch in der Präsenz der westlichen Konsumgüter, die den ostdeutschen Markt übernehmen, symbolisiert.

West-Markt wird Ost-Markt?

Die Filmbranche des Westens hat begriffen, worum es geht: Heute ist es dank der zahlreichen Internetmärkte leicht Spreewaldgurken und ostdeutschen Malzkaffee zu bekommen. Man zahlt eben den entsprechenden Preis. Lange suchen muss man nach diesen exklusiven Märkten auch nicht. Von der Homepage des Films „Good bye, Lenin“ kann man sich direkt durchklicken. Angeboten wird auch ein Computerspiel, in dem man die DDR auf 75 m² wieder „auferstehen“ lassen kann. Der Westen stellt unter Beweis welche Freiheiten er den Bürgerinnen und Bürgern wirklich bringen kann: Die Freiheit des Konsums für diejenigen, die es sich leisten können.

Irina Vranac