Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

Verkaufstellen:: Beiträge:: Impressum&Kontakt:: Abo:: Info mail:: Werben
suche:

 

 Aktuell

Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

 Ausgaben

Nr. 21 Herbst 2007
Nr. 20 Frühjahr 2007
Nr. 19 November 2006
Nr. 18 Mai 2006
Nr. 17 Februar 2006
Nr. 16 November 2005
Nr. 15 Juni 2005
Nr. 14 April 2005
Nr. 13 November 2004
Nr. 12 September 2004
Nr. 11 Mai 2004
Nr. 10 Jänner 2004
Nr. 9 November 2003
Nr. 8 September 2003
Nr. 7 Mai 2003
Nr. 6 März 2003
Nr. 5 Jänner 2003
Nr. 4 November 2002
Nr. 3 September 2002
Nr. 2 Juli 2002
Nr. 1 Mai 2002

 

 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 7 Mai 2003

Apocalypse Later

Im Irak hat die amerikanische Armee kein zweites Vietnam erlebt. Dies ist keine Überraschung: Es war von Anfang an klar, dass die größten Schwierigkeiten der USA in der dauerhaften Kontrolle des eroberten Landes liegen würden, nicht in der Niederwerfung der irakischen Armee.


In militärischer Hinsicht war es keine Frage, ob die USA ihr Ziel erreichen würden oder nicht. Die interessante Frage war vielmehr, wie lang sie dafür brauchen würden. Die militärische Übermacht der Amerikaner ist so drückend, dass unter den heutigen Bedingungen keine einzige Nation, kein einziger Staat an der Peripherie einem massiven Angriff der US-Militärmaschine widerstehen kann, solange er nicht mit der Unterstützung anderer Mächte rechnen kann.
Tatsächlich waren für die angelsächsische Invasion nur relativ geringe Kräfte notwendig. Neben Spezialkommandos wurden an Bodentruppen im Wesentlichen vier Divisionen eingesetzt: Eine Division Marineinfanterie, eine mechanisierte Infanteriedivision, eine Division Luftlandetruppen und eine schwache britische Panzerdivision unterstützt durch kleinere Einheiten britischer Marineinfanterie. Insgesamt weniger als 100.000 Mann (davon die meisten im Nachschub, Instandhaltungs- und Logistikbereich) mit 600 amerikanischen Kampfpanzern, 120 britischen Kampfpanzern, 400 Schützenpanzern und 140 Kampfhubschraubern als wesentlichen Offensivwaffen. (1) Der entscheidende Faktor für den US-amerikanischen Erfolg waren aber nicht die eingesetzten Bodentruppen, sondern die totale Luftüberlegenheit. Auf sechs Flugzeugträgern und anderen Luftwaffenbasen hatten die USA und Großbritannien insgesamt 500 Kampfflugzeuge in der Region, zusätzlich zu aus England anfliegenden strategischen Bombern und von Schiffen und U-Booten aus abgefeuerten Marschflugkörpern. Insgesamt 22.000 Bomben und Raketen wurden von der alliierten Luftwaffe eingesetzt, darunter völkerrechtswidrige cluster-bombs (Streubomben) und panzer- und bunkerbrechende Munition aus hochtoxischem abgereichertem Uran.

Der irakische Widerstand

Der Beginn der Offensive verlief allerdings alles andere als nach Plan. Nachdem offensichtlich mit dem sofortigen Zusammenbruch der irakischen Truppen gerechnet worden war, stellte sich das spätestens am 22. März, zwei Tage nach Kriegsbeginn, als nicht zutreffend heraus. Es war dies der Höhepunkt alliierter Propaganda und Fehlinformation, als man etwa die Kapitulation der 51. Infanteriedivision verkündete, die zwei Wochen später immer noch Basra verteidigen sollte. Am Samstag, den 23. März, wurde von der irakischen Armee bei Nassirija der Übergang über den Euphrat erfolgreich verteidigt, am Sonntag, den 24. März, verlor das Kampfhubschrauber-Regiment der 101. Luftlandedivision bei einem Angriff auf die Republikanische Garde bei Kerbala einen Großteil seiner Kampffähigkeit – nach offiziellen Angaben wurden eine Maschine abgeschossen und 30 beschädigt. Nach knapp zwei Kriegswochen konnte man feststellen: Der irakische Widerstand war intakt, keine größere Stadt befand sich in den Händen der Alliierten, der Marsch auf Bagdad war nur durch die unbewohnte und nicht verteidigte Wüste schnell vorangekommen. Das „Präzisionsbombardement“ der Hauptstadt konnte die irakischen Kommando- und Führungsstrukturen nicht ausschalten. Die Nachschublinien der Panzerspitzen vor Bagdad waren zu lang und ungenügend gesichert, einige Einheiten hatten nur mehr für ein bis zwei Tage Essen vorrätig. (2) Dann, am 1. und 2. April wurde die Offensive wieder aufgenommen und erzielte sofortige Erfolge: Teile oder die Gesamtheit der Medina Division der Republikanischen Garde wurde bei Kerbala entweder isoliert oder tatsächlich aufgerieben. Nach amerikanischen Angaben war dieser Erfolg auf das vorangegangene mehrtägige Bombardement zurückzuführen, dass diese Division auf 20 Prozent ihrer Kampfkraft reduziert hätte – russische Quellen bestreiten die Effektivität der US-Luftangriffe. (3) Aber auch wenn man den amerikanischen Angaben Glauben schenkt, wäre der Verlust einer Division für sich noch nicht ausreichend um den dann folgenden totalen Zusammenbruch der irakischen Verteidigung zu erklären. Es ist aber eine Tatsache: Nach dem Kampf um Kerbala war der Irak kaum noch in der Lage Gegenwehr zu organisieren. Auch wenn die US-Truppen in Bagdad noch Verluste hinnehmen mussten (von den offiziell 120 getöteten US-Soldaten fiel fast die Hälfte im April), eine systematische Verteidigung der Stadt scheint es nicht gegeben zu haben. Zum allgemeinen Erstaunen wurde der internationale Flughafen den Angreifern fast kampflos überlassen. Nicht einmal die Start- und Landebahnen wurden zerstört. Im Angesicht des unmittelbar bevorstehenden Angriffs auf Bagdad wurden keine der für den Straßenkampf notwendigen Vorbereitungen getroffen. Der US-Vorstoß auf die Zentren der Macht traf de facto auf keinerlei Widerstand mehr. Am 9. April lösten sich Regierung und Oberkommando der Streitkräfte einfach auf.

Die irakische Verteidigung

Betrachtet man die irakische Verteidigung, dann kann man einen völlig unerwarteten Verlauf des Krieges feststellen. Vor dem Krieg war die Kampfkraft der irakischen Truppen ausgesprochen gering eingeschätzt worden. Die Ausrüstung bestand großteils aus sowjetischen Waffensystemen aus den 70er Jahren, dazu zwölf Jahre Embargo – das Resultat war die totale technologische Überlegenheit der USA. Auch die Moral wurde sehr gering eingeschätzt, bekannt waren die Massendesertionen im Golfkrieg 1991. Auch in den bruchlinien haben wir die geringe politische Hegemonie der baathistischen Machthaber analysiert und deren Fähigkeit einen echten Volkswiderstand gegen die angelsächsische Intervention zu organisieren als eher gering eingeschätzt. Volkswiderstand hätte im irakischen Kontext sowohl eine Mobilisierung der Bevölkerung bedeutet (die im Allgemeinen ohnehin bewaffnet ist), in erster Linie aber eine Armee, die aus Patriotismus kämpft, nicht nur aus Furcht vor Repressalien – unbedingte Voraussetzung anhaltenden Widerstandes, wenn angesichts der amerikanischen Übermacht die Furcht vor dem Regime nicht mehr wirkt.
In der ersten Woche des Krieges scheint aber genau das eingetreten zu sein. Allgemein bekannt sind die Tausenden Iraker, die aus der jordanischen Arbeitsimmigration nach Bagdad aufgebrochen sind, die Garnison von Umm Quasr, die in völlig aussichtsloser Lage fortgesetzten Widerstand geleistet hat, sowie die hartnäckige Verteidigung von Nassirija und Basra durch das 3. Armeekorps und die 51. Infanteriedivision. Gerade aus diesen Städten gab es auch glaubhafte Berichte der patriotischen Opposition über von der Baath-Partei unabhängige Volksmilizen, die sich an der Verteidigung beteiligten. (4) Von totalem Zusammenbruch war anfangs also wenig zu bemerken, der Widerstand war in den vorher als unruhig geltenden schiitischen Gebieten (sowohl Basra als auch Nassirija sind rein schiitische Städte) am stärksten. Es entwickelte sich ein patriotischer Verteidigungskrieg getragen vom irakischen Nationalismus, ganz ähnlich der Situation von 1982, als iranische Truppen die Grenze zum Irak überschritten.
Die Schwäche der irakischen Verteidigung begann in deren Zentrum, in Bagdad. Bis jetzt ist noch nicht wirklich bekannt, was Anfang April wirklich geschehen ist: Möglicherweise wurden Teile der Republikanischen Garden bei der Verteidigung der Hauptstadt viel zu weit vorne eingesetzt und aus der Luft massakriert – das Central Command der US-Streitkräfte spricht von den Divisionen Medina und Bagdad - zahllose „embedded journalists“ und weitere Journalisten, die seither in Bagdad angekommen sind, waren aber bis jetzt nicht in der Lage diese Angaben zu bestätigen. Eigentlich müsste es Bilder von Hunderten zerstörten oder verlassenen Lastkraftwagen, Artilleriegeschützen und gepanzerten Fahrzeugen auf den Zufahrtsstraßen Bagdads geben – bekannt sind die grauenhaften Bilder des „Highway of Death“ als 1991 zwei Gardedivisionen auf der Flucht aus Kuwait aus der Luft vernichtet wurden. Aber selbst wenn diese Einheiten verloren gewesen wären, für die Verteidigung von Bagdad waren noch drei weitere Gardedivisionen sowie 20.000 Mann der Republikanischen Sondergarden eingeteilt; eingeteilt, aber offensichtlich kaum eingesetzt. Nicht einmal die Autobahn in das Stadtzentrum wurde gesperrt, die meisten Brücken nicht gesprengt, die vorhandenen Luftabwehrraketen nicht gegen die Erdkampfflugzeuge eingesetzt. Bagdad wurde nicht besiegt, seine Verteidigung ist einfach kollabiert. Wenn man die Erfahrungen von Basra und Nassirija heranzieht, so ist nicht davon auszugehen, dass die Elitesoldaten der Republikanischen Garden einfach desertiert sind. Teile oder die Gesamtheit der irakischen Führung haben in den ersten Apriltagen die Kapitulation beschlossen, noch bevor der Krieg in seine entscheidende Phase – die Verteidigung Bagdads – eingetreten ist. Derzeit ist es noch unklar, ob ein Geheimabkommen mit der Besatzungsmacht geschlossen wurde oder ob die Führung einfach desertierte und die Truppe auf sich allein gestellt ließ. Laut Le Monde soll der Kommandant der Republikanischen Garden, General Maher Sufyan, im Austausch für freies Geleit die Kapitulation befohlen haben.
Nicht die zuvor angenommene Passivität der Bevölkerung oder die mangelnde Moral der Truppen haben den Krieg entschieden, sondern deren rachitische Führung in Bagdad.

Stefan Hirsch


(1) Le Monde, 12. April 2003.(2) The Washington Post, 13. April 2003.(3) Analysen der russischen Fernaufklärung auf: www.iraquwar.ru(4) Kugeln statt Blumen. Interview mit Al-Kubaysi am 31. März, www.antiimperialista.org