Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

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 Aktuell

Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

 Ausgaben

Nr. 21 Herbst 2007
Nr. 20 Frühjahr 2007
Nr. 19 November 2006
Nr. 18 Mai 2006
Nr. 17 Februar 2006
Nr. 16 November 2005
Nr. 15 Juni 2005
Nr. 14 April 2005
Nr. 13 November 2004
Nr. 12 September 2004
Nr. 11 Mai 2004
Nr. 10 Jänner 2004
Nr. 9 November 2003
Nr. 8 September 2003
Nr. 7 Mai 2003
Nr. 6 März 2003
Nr. 5 Jänner 2003
Nr. 4 November 2002
Nr. 3 September 2002
Nr. 2 Juli 2002
Nr. 1 Mai 2002

 

 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 7 Mai 2003

Peace Now

Wie geht es der Friedensbewegung nach dem Krieg?


Nicht in unserem Namen. Die Welt östlich des Atlantiks war nicht einverstanden mit dem Krieg. Zumindest, bis der Krieg ausbrach. „Man kann zum Beispiel nicht wünschen, dass die Amerikaner hier sozusagen Schwäche zeigen. Nachdem das jetzt so weit gelaufen ist – und das ich gegen den Krieg bin, muss ich wohl nicht betonen -, wäre es eine Katastrophe, wenn es schief läuft“, meinte der deutsche Schriftsteller Alexander Kluge. (1) Diese Position teilten die Regierungen in Berlin, Paris und Wien, in seltenerem Maße auch die Demonstranten vor Ort. Wer auf den Frieden orientiert, der braucht eine Antwort dafür, was im Kriegsfall zu tun ist. Die kann im weiteren Beharren auf ein Einstellen der Kampfhandlungen bestehen, oder aber, realistischer: Im Zweifel für den schnellen Sieg, der bringt bekanntlich auch den Frieden. Zum Underdog Irak wollten nur die Wenigsten halten. So unverschämt für den Stärkeren und gleichzeitig so dummdreist, sich zur Begründung der Umkehr in das Kriegslager nichts Besseres einfallen zu lassen als „Hitler“ zu schreien – das können allerdings nur Journalisten sein:
„Ich denke, dass wir alle, die wir gegen diesen Krieg waren, unsere Position dringend überdenken müssen. Bei mir ist das relativ einfach: Ich war nur ‚eher dagegen‘, weil ich das Risiko eines Blutbades aus rein militärischen Gründen – zu Unrecht – für zu groß gehalten habe. In jeder anderen Hinsicht habe ich diesen Krieg – unter heftigen Protesten etlicher meiner treuesten Leser – immer für gerechtfertigt gehalten. Nicht so sehr wegen der Bedrohung, die Saddam Hussein für seine Umgebung darstellt, nicht so sehr wegen der Massenvernichtungswaffen, die es zumindest in größerem Ausmaß gar nicht mehr zu geben scheint, und schon gar nicht wegen der angeblichen Unterstützung der al-Qa’ida – wohl aber, weil Saddam seine eigene Bevölkerung in einem Maße unterdrückt hat, das an Hitler oder Stalin gemahnt.“ (Peter Michael Lingens im profil).
Die Sieger schreiben die Geschichte, die Journalisten schreiben auf.
Stefan Hirsch schrieb in der letzten Ausgabe der bruchlinien: „Milosevics Jugoslawien hätte sich als Sympathieträger einer internationalen Friedensbewegung weit eher geeignet als Saddam Hussein“. Es ist tatsächlich verblüffend, dass der Angriff auf Jugoslawien, dessen „Diktatur“ und „Verbrechen“ erst einmal mühselig von den Medien zusammen gelogen werden mussten, so wenig Protest auslöste, ein Krieg gegen den wenig sympathischen Saddam Hussein aber zu den größten Mobilisierungen nach dem zweiten Weltkrieg führte.
Erklärbar wird dieses Phänomen nicht einzig und allein durch die veränderte Haltung der meisten westeuropäischen Regierungen. Auch wenn sie einen beträchtlichen Anteil daran trugen, dass „Frieden“ plötzlich populärer klang als „humanitäre Intervention“. Im immerwährenden Einklang erkannte auch die Corporate Media ihre Chance, und ging auf Entdeckungsjagd nach Zivilisten, lebenden Schutzschilden, Bombenschäden – vor vier Jahren noch vernachlässigbare Details in der Bombenkampagne gegen die Serben und ihre demokratisch gewählte Regierung.

Kriege führt man der Moral wegen, das ist nichts Neues im Westen. Nazi-Deutschlands Polenfeldzug, der italienische Überfall auf Abessinien wurden vordergründig nicht mit dem faschistischen Machtanspruch, sondern mit der „Unterdrückung“ der Landsleute oder (im Falle Abessiniens) sogar mit der „Abschaffung der Sklaverei“ gerechtfertigt. Und doch: Ohne untermauerten moralischen Anspruch ist heute schlechter Krieg führen denn je. Die USA sind da anders, dort zählt das Berufen auf Gott und Nation noch was, bringt Wählerstimmen, rechtfertigt Kriege, stärkt die Moral der Truppen. Im alten Europa gelten diese Werte mittlerweile als antike Eigenschaften fremder, unzivilisierter Völker und nicht zuletzt des Islams.

Die Moral der Geschichte: Eine geschichtslose Moral der Friedensbewegung, deren Teilnehmer (wenn auch nicht alle, aber die Mehrheit) ihre eigenen politischen Widersprüche nicht erkennen. Angeführt wurden die Demonstrationen gegen den Krieg folglich, nicht überall, von der Sozialdemokratie. Es erübrigt sich, darüber zu sinnieren, ob der Standpunkt gestern Kriegstreiber - heute Kriegsgegner (oder im Falle der Labour Party: heute Kriegstreiber - heute Kriegsgegner) wie ihn SPÖ und SPD vertreten, besonders hinterhältig oder besonders pragmatisch ist. Je glaubwürdiger allerdings die Kriegsgegner in der Partei, umso besser für die heutigen und zukünftigen Kriegsbefürworter in der Partei, die sich keine Sorgen um verlorene Wählerstimmen machen müssen. George Galloway, der ehrlichste Kriegsgegner aus den Reihen Labours, ist mit seinem Appell an die britischen Soldaten, ihre Waffen niederzulegen, dann doch zu weit gegangen. Auf den zunehmenden Druck der Parteiführung antwortete er mit der Ankündigung einer unabhängigen Kandidatur. Eine schärfere Drohung konnte er Labour gar nicht machen.

Es ist wieder ruhig geworden, die Demonstrationen sind zu Ende. Wenn sie wieder beginnen, weil es kein Ende gibt des einmal angefangenen Krieges gegen alles und jeden, der die Zivilisation stört, dann wird es den Demonstranten hoffentlich mehr um die Verbindung ihres Protests mit den eigentlichen Kriegsgegnern gehen, den Gegnern der USA und ihrer Alliierten im Krieg, als um die Moral und um den Burgfrieden. Hätten die USA den Krieg gegen den Irak verloren, so wäre „Peace Now“ mehr als ein frommer Wunsch. So aber ist „Apocalypse Now“ das wahrscheinlichste aller zukünftigen Szenarien.


Stefan Kainz
(1) Volltext, Nr.2/2003 S.8