Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 7 Mai 2003

Der Stern im Sinken begriffen

Das Jahr 1968 ist nicht nur ein Symbol. Es ist ein Jahr konkreter Kämpfe. Eine revolutionäre internationale Lage, und auch in Europa geht es hoch her, wo sich vor allem Studenten entlang antiimperialistischer, kultureller und politischer Linien in die Schlacht werfen. Antiautoritär, aktivistisch, mit den Arbeitern, gegen die bourgeoise Selbstgefälligkeit. 1989 bringt einen Abschluss. Ein Blick aus dem Heute auf ein revolutionäres Potential von gestern.


Die 68er-Ereignisse sind ein Symbol ... für was und wen auch immer. Die 68er-Ereignisse sind 2003 ein Mythos ... für wen und warum auch immer das der Fall ist. Aber sie sind nicht nur Symbol und Mythos, sie waren auch Ausdruck einer Krise im Westen selbst. Die Krise manifestierte sich in realen Kämpfen; und obwohl sie in Wirklichkeit nicht so eruptiv wie ihr Anschein gewesen sein mag, so entsprach sie einem historischen Ausbruch von unten kommender Kräfte auf politischer und kultureller Ebene, mit Folgen für jeden Bereich der Gesellschaft.
Vom Standpunkt revolutionärer Politik ist die sogenannte „Studentenrevolte“ gescheitert, was allein schon daran klar wird, dass sie keine revolutionäre Umgestaltung der Besitzverhältnisse zu erreichen vermochte, den Imperialismus unter Vorherrschaft der USA nicht beendete und zudem noch zur Flexibilisierung des Herrschaftsystems beitrug und damit zur weiteren Festigung der kapitalistischen Ordnung.

Besitzverhältnisse, Imperialismus und Kapitalismus sind dominante Ordnungen (Teile des „politischen Status’“). Wenn sie einmal durch eine Bedrohung aus dem Gleichgewicht geraten sind, werden sie „wiederhergestellt“. Schwieriger hat es die Bedrohung hingegen, welche eine Ordnung „erschaffen“ und durchsetzen muss. Misslingt das, so bleibt ihr nach dem Scheitern nichts. Unter dieser Perspektive haben die Ereignisse von 1968 spätestens – aber wirklich allerspätestens – mit den Ereignissen von 1989 die letzte unmittelbare praktische Möglichkeit einer Fortsetzung verloren, denn ihre Bedingungen sind weitgehend weggefallen: die marxistisch dominierten Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt, die realsozialistischen Länder und damit der Relevanz von Politik der offiziellen KPs, eine autoritäre Elterngeneration mit dem „Staub von tausend Jahren unter den Talaren“. Das enthebt auch den Betrachter jener negativen oder positiven Fixierung, die fast den ganzen Umgang mit 1968 betroffen hatte.
Daraus folgert: Wir erleben eine Krise der Orthodoxie, eine Infragestellung konstitutiver Kategorien in Anerkenntnis der eigenen Schwäche und aus ihr heraus. Neubewertungschancen, die nicht länger pauschale Be- und Verurteilungen mitvollziehen müssen, selbst wenn sie von der eigenen politischen Seite gekommen waren. Manchmal sind, obwohl ein solcher Standpunkt eingenommen wird, die Analysen noch unter dem prägenden, direkten Einfluss der Geschichte aber auch die brauchbarsten. Denn die Bewegungen ließen politisierte Individuen und Gruppen auf höherem politischem Niveau zurück, mit einem gesteigerten Bewusstsein und zielorientierterem Organisationsgrad.

Die 68er-Ereignisse sind zwar nicht auf 1968 beschränkt, sondern erstrecken sich tatsächlich über den Zeitraum von (1966), 1967, 1968, fallweise noch 1969, und dann in Nachwehen nicht unähnlichen Zuständen bis 1976/77, korrespondieren einer Phase des gewissermaßen „Aufbruchs“ ab den späten Fünfziger Jahren, umfassen in verschiedenen Nationen verschiedene Perioden und Höhepunkte, 1968 jedoch kulminieren sie international. In Frankreich mit dem „französischen Mai“, in Deutschland mit dem Attentat auf Rudi Dutschke und den Unruhen um den Springerkonzern, in Italien, in Österreich, in den USA, auch – und anders – in Prag.

Hier soll eine Analyse versucht werden, und es gäbe vieles, was analysiert werden könnte in Zusammenhang mit 1968. Doch das eigentlich Bedeutsame an der Bewegung von annodazumal ist offensichtlich und muss analysiert werden:
„Es geht um die Einschätzung des revolutionären Potentials [...] – ein Potential, das in den >sozial befriedeten< westlichen Gesellschaften (sprich: Konsumgesellschaften) nicht mehr vermutet wurde.“ (1)
Darum geht es hier. Sich anzusehen, was dieses Potential ist und was es bedeutet.
1945, der Beginn des Kalten Krieges, der Übergang vom Faschismus zur westlichen parlamentarischen Demokratie markiert für die meisten westeuropäischen Länder wesentliche Veränderungen, die Anerkennung der amerikanischen Vorherrschaft, die Errichtung einer konsensischen Gesellschaftsstruktur, wie sie unter anderen Herbert Marcuse in Der eindimensionale Mensch beschrieben hat, eben jene auf Bedürfniskontrolle basierende und „sozial befriedete“ Konsumgesellschaft.
Heute gelten diese Voraussetzungen immer noch. Marcuse, der nicht ohne Grund großen Einfluss auf die 68er hatte, schreibt:
„Und doch ist diese Gesellschaft als Ganzes irrational. Ihre Produktivität zerstört die freie Entwicklung der menschlichen Bedürfnisse und Anlagen, ihr Friede wird durch ständige Kriegsdrohung aufrechterhalten, ihr Wachstum hängt ab von der Unterdrückung der realen Möglichkeiten, den Kampf ums Dasein zu befrieden – individuell, national und international. [...] Die Fähigkeiten der gegenwärtigen Gesellschaft sind unermeßlich größer als je zuvor – was bedeutet, daß die Reichweite der gesellschaftlichen Herrschaft über das Individuum unermeßlich größer ist als je zuvor. [...] In dieser Gesellschaft tendiert der Produktionsapparat dazu, in dem Maße totalitär zu werden, wie er nicht nur die gesellschaftlich notwendigen Betätigungen, Fertigkeiten und Haltungen bestimmt, sondern auch die individuellen Bedürfnisse und Wünsche. [...] Im Brennpunkt meiner Analyse stehen Tendenzen in den höchstentwickelten gegenwärtigen Gesellschaften. Es gibt weite Bereiche innerhalb und außerhalb dieser Gesellschaften, wo die beschriebenen Tendenzen nicht herrschen – ich würde sagen: noch nicht herrschen.“ (2)
Es lohnt sich, die Implikationen dieses Zitates vor Augen zu halten. Nach Marcuse herrscht eine sich ausdehnende Tendenz in der modernen Industriegesellschaft, einer totalitären Gesellschaft. Nebenbei bedeutet das, dass der erstrebte Zustand dieser Tendenz heute in größerem Ausmaß realisiert ist als noch 1968. Sie geht in Richtung einer Gesellschaft, die über ihre Technik, die Medien usw. die Bedürfnisse ihrer Mitglieder wirksam zu kontrollieren und zu steuern vermag und im Sinne von Interessen der Produzenten steuert. Die Macht über die Bedürfnissteuerung verhindert, dass diese technisch geweckten Bedürfnisse als repressiv, fremden Interessen nach sozialem Frieden dienend und den eigenen nach Verbesserung der Verhältnisse zuwiderlaufend, erkannt werden. Schließlich wird jede Bedürfnisbefriedigung als angenehm erlebt.
Zwei Dinge folgern daraus: In einer solchen notwendig konformistischen, entpolitisierten Gesellschaft sind die handfesten politischen Interessen verschleiert und dem kulturellen Faktor – letztendlich auch immer ein politischer – kommt ein hohes Gewicht zu.
Heutzutage lässt sich ein revolutionäres Potential hier bei uns kaum wahrnehmen, geschweige denn ernsthaft einschätzen. Auch 1963 ist von solchem Potential noch wenig zu bemerken: „Die Entpolitisierung der Gesellschaft durch den Staat scheint so natürlich zu sein, daß jede neue Form politischer Initiative für eine >Vergewaltigung der Massen< oder für Demagogie gehalten wird.“ (3)
An diesem Zitat ist das Bedauern des politischen Oppositionellen an der allgemeinen Entpolitisierung zu erkennen, denn es ist nicht die Gesellschaft, die sich selbst entpolitisiert, sondern eine Institution ist als Verursacher benannt: der Staat.


Struktur der Nachkriegsgesellschaften

Die Verwaltung des Staates und seiner Funktionen blieb in den Händen der „demokratisch geläuterten“ Faschisten. Lebenselixier ist der Antikommunismus. Es stehen sich zwei Blöcke gegenüber. Orientiert wird an den Amerikanern. Der von Marcuse beispielhaft beschriebene Prozess ist im Fortschreiten, aber noch nicht gesamtgesellschaftlich realisiert. Dennoch sind die kulturellen Normen Ausdruck dieser Entwicklung, die Gesellschaft wird entpolitisiert. Zwei Blöcke: das verlangt nach Stabilität. Als die Erfahrungen des 2. Weltkrieges ausgleichende Werte gelten „das kleine Lebensglück“ mit seinem hart erarbeiteten Lebensstandard, kontinuierliche Strebsamkeit, Konformität und Patriarchat, Rigidität, Unterordnung, Bescheidenheit, Jugend- und Kunstfeindlichkeit. Adenauer und de Gaulle, „als er Frankreich im Namen der Ordnung eroberte“ (4), verdanken ihre Macht eben einem Bedürfnis vieler Menschen nach Stärke. Das Zusammengehen von hoher „Leistungsfähigkeit und steigendem Lebensstandard“ (Marcuse) bildet den Glauben an das Wirtschaftswachstum der älteren Generation. „Es war die klägliche Moral von Leuten, die noch einmal davongekommen waren, und die im kleinen hartnäckig Positionen verteidigten, die sie im großen leichtfertig aufs Spiel setzten. Sie schwärmten für Kompromisse, für die Mäßigung, für den vorsichtigen Rückzug vor der Macht des Stärkeren. [...] Sie betrachteten (faschistische oder revolutionäre) Gewalt als größtes Übel, verabscheuten den Extremismus und stellten im Namen der Verteidigung von Wohlstand und Sicherheit die >realistische< Politik der Bewahrung des Bewährten an die Spitze ihrer Wertskala. Als Inbegriff der politischen Vernunft galt ihnen die friedliche Koexistenz und ein zaghafter Reformismus.“ (5)
Das, was hier als Moral bezeichnet wird, als „Wertskala“, ist im Prinzip aber nichts anderes als der Ausdruck der neuen kapitalistischen Gesellschaftsform, die entpolitisiert wird und kulturelle Kategorien anstelle der ehemals politischen stellt. Da aber die Institutionen – die politisch waren, sind und es immer sein werden – nur von der älteren Generation besetzt waren, kamen die Bedürfnisse der Jugend hier nicht vor. Dementsprechend erlebte die Jugend die politische Zurückweisung zunächst als kulturelle: als Autorität.
Bommi Baumann schreibt: „Da habe ich langsam Kontakt zur Politscene aufgenommen, aber das ist eigentlich eine ganze Geschichte, ein Entwicklungsprozeß. Das war schon so, daß du immer mehr Opposition bezogen hast von deinem Standpunkt gegen die bürgerliche Welt. Dann wurde es politisch, zum Beispiel bei den Springerzeitungen. Die waren immer gegen uns. [...] Ich persönlich stand mehr auf so Musikgeschichten, andere Sachen, was man heute so Hippie nennt, also Subkultur. Nicht direkt politisch, mich hat die kulturelle Seite daran mehr interessiert, weil es ja der Lebensbereich war, der mich gestört hat.“ (6) Baumann war Arbeiterjugendlicher.
Ihre Antwort auf die Elterngeneration war ebenfalls kulturell: anti-autoritär. „Die Radikalisierung der Jugendlichen unter 25 Jahren ist eine weltweite Erscheinung und hat in allen hochentwickelten kapitalistischen Ländern denselben Inhalt.“ (7)
Der Staat nach innen repräsentiert die konformistischen Werte, die Autorität, die Kontinuität des Faschismus.
Nach außen steht der Staat für den Imperialismus, die Bomben auf Vietnam. Diese kulturelle Rebellion gegen die Gesellschaft („den Staub von tausend Jahren unter den Talaren“) wandelt sich in kulturelle Rebellion gegen den Staat, als Bewahrer (auch als Symbol) einer Gesellschaftsform sichtbar, weil er diese beiden widersprüchlichen Tendenzen („Wohlstand“ nach innen, „Bomben“ nach außen) in sich integriert. Die Folie, die benötigt wird, liegt dann nahe: der Gegner dieses Systems, das dadurch auch als kapitalistisch benannt erscheint: der Marxismus, der praktisch-revolutionäre Marxismus der antikolonialen Befreiungsbewegungen. In den sechziger Jahren scheint es nur eine Frage der Zeit, bis die Metropolen eingekreist und die Welt sozialistisch wird, Vietnam als Trauma des US-Imperialismus hatte unvorstellbare Auswirkungen, die lateinamerikanische Revolution fegte Batista auf Kuba hinweg und schickte sich in Che Guevara an, den Kontinent mit dem Guerillakampf zu erobern, der afrikanische Kontinent strahlte mit Lumumba, dem algerischen Freiheitskampf, Angola, Mosambique, das leuchtende Beispiel der chinesischen Revolution usw. „Die Unterpriveligierten in der ganzen Welt stellen die realgeschichtliche Massenbasis der Befreiungsbewegungen dar, darin allein liegt der subversiv-sprengende Charakter der internationalen Revolution. [...] Die weltgeschichtliche Bedeutung des Kampfes des vietnamesischen Volkes, die exemplarische Bedeutung dieser Auseinandersetzung für die folgenden Kämpfe gegen den Imperialismus standen schon sehr früh im Mittelpunkt der Vietnam-Diskussionen.“ (8)
Es waren diese spezifischen Bedingungen, die in der internationalen Situation und den Widersprüchen der kapitalistischen Gesellschaft lagen, welche die Studentenschaft so vehement in Richtung der marxistischen Politisierung trieben.

Die Studenten als Akteure

An dieser Stelle ist es sinnvoll, die Frage nach der Studentenschaft als Akteur zu stellen.
Wenngleich die Konflikte sich entlang einer Generationengrenze entzündeten, wo sie Widerstand gegen die kulturelle Einvernahme durch das System darstellten, folglich auch Arbeiterjugendliche von vorneherein miteinbezogen waren, so waren es doch vor allem die Studenten, die federführend in der Revolte waren.
Die jugendlichen Intellektuellen (großteils bürgerlichen Verhältnissen entstammend) sind die Initianden einer radikalen Eröffnungsoffensive, Gegenstand linksradikaler Mobilisierung und die Propagandisten politischen Bewusstseins.
Weder die Rolle der Jugend noch die der Intellektuellen ist an sich neu und besonders. Was aber neu ist, das ist ihre spezifische Funktion für den Kampf im Westen. Die Studenten sind zuvorderst das revolutionäre Potential. Natürlicherweise entzündet sich der Protest an den Universitäten, weist aber bald über diese hinaus. Die Breite der Bewegung ist das Verblüffende. Denn eigentlich ist für das übliche Klassenschema hier Erklärungsnotstand geboten.
Denn der einzelne Student dürfte ja in Hinblick auf seine sozio-ökonomische Position in der Gesellschaft kein ökonomisches Interesse an der Opposition zum Establishement haben, denn dieses sichert seine materielle Basis und gewährt im zugleich das Privileg einer potentiellen „Transzendierung“ im „Tausch“ für seine Beteiligung an der Beherrschung als „Kopfarbeiter“, Ideologe und Repräsentant des Bildungs- und Wohlstandsbürgertums, verkörpert im Prozess von Ausbildung und vor allem Berufswahl.
Wie ratlos der orthodoxe Marxismus gegenüber diesem Phänomen ist, zeigen seine Erklärungsversuche. André Glucksmann schreibt:
„Die Studenten sind Bürgersöhne, aus ihnen rekrutieren sich die künftigen Führungskräfte, aber vor allem sind sie eine Reserve von Produktionskräften: wenn sie ihre Zukunft befragen, so müssen sie die Gesellschaft als Ganze in Frage stellen. [...] Das Wichtigste im Leben ist die Berufswahl: die Gesellschaft ist es, die den einen zum Arbeitslosen, den anderen zum Diener macht. Der Kampf der Studenten kristallisiert und manifestiert öffentlich die Revolte der gesamten hochentwickelten Produktivkräfte gegen die bürgerlichen Produktionsverhältnisse. Das aber ist die einzige Voraussetzung für eine Revolution in Europa, von der Marx gesprochen hat.“ (9) Wenn das wirklich der Fall gewesen wäre, dann hätten die Produktivkräfte spätestens in den 80er Jahren das nun wirklich zu enge Korsett ihrer Produktionsverhältnisse sprengen müssen. Stattdessen ist mit der Sowjetunion der Determinismus zusammengebrochen. Der Determinismus, den die Studentenbewegung ablehnt.
„Es gibt keine Notwendigkeit des Sieges der Revolution in der Geschichte. Es ist eine Chance, eine Möglichkeit“, meint Rudi Dutschke. (10)
Was ist die Studentenbewegung? Eine inhomogene Masse von Individuen, die einen Prozess der Politisierung durchlaufen hat. Diese Politisierung ist unterschiedlich vor sich gegangen. Manche anerkennen den Primat des Politischen, andere den Primat des Kulturellen.
Im Prinzip durchzieht die gesamte Studentenrevolte die Frage nach dem Verhältnis von persönlicher (alternativer) Lebensweise und der politischen Veränderung. Die verschiedenen möglichen Gewichtungen dieses Verhältnisses zeigt das Treffen am Kochelsee von 1966, wo sich die Kommunebewegung gründet bei einer Diskussion über die „Bedingungen und Möglichkeiten revolutionärer Praxis in Westeuropa“: „Drei Gründerzirkel der Kommunebewegung lassen sich nennen: a) Für den Kreis um Rudi Dutschke und Bernd Rabehl hatten kollektive Lebensgemeinschaften keine Priorität, waren keine Alternative zur politischen und wissenschaftlichen Akivität im SDS, dem sie seit 1965 angehörten.
b) Der Kreis um Hans-Joachim Hameister, Dieter Kunzelmann, Rainer Langhans und Fritz Teufel, orientiert an der in den Niederlanden entstandenen Provo-Bewegung (spätere Kommune I): „>Provos< und >fuck for peace< sind unserer eigenen Existenz näher als die revolutionären Bewegungen der Dritten Welt, die für den SDS zum Gegenstand der Betrachtung gemacht worden sind, weil eigene praxis als unmöglich erscheint. Wenn >Provos< und >fuck for peace< wirklich Praxis machen, dann sind sie mit dem allgemeinen Emanzipationsprozeß der Beherrschten konkreter vermittelt als durch die Rückwirkungen, welche die marxistische-positivistische Tendenzanalyse der Neo-Imperialismus-Theorie sich erhofft.
c) Der Kreis um Eike Hemmer, Jan Karl Raspe und Jörg Schlotterer (spätere Kommune II)“ (11), die ein Mittelding darzustellen scheinen.

Die Identifikation mit den Befreiungsbewegungen, mit Guerilla und Dritt-Welt Revolutionär, die Verehrung für Mao und Che hat großteils ebenfalls kulturelle Gründe. „>Kulturrevolution< ist das Schlagwort der Germanisten, seit die Berliner Gruppe >Kultur und Revolution< geschrieben hat: ‚Gemessen an der speziellen Form der Unterdrückung, die heute praktiziert wird, muß das traditionelle Revolutionsmodell von der Basis zum Überbau transformiert werden. Erst mit einer Veränderung des Bewußtseins zum Bewußtsein der Unterdrückung lassen sich die Ursachen der Unterdrückung beseitigen.’“ (12)

Der „französische Mai“

Die Studentenbewegungen Frankreichs und Deutschlands artikulieren sich ähnlich.
„Als Einheit in der Vielfalt“. So formulierten es die Studenten. „1. Die revolutionäre Kampfeinheit entsteht direkt in der Aktion und nicht um eine politische Linie oder eine Ideologie. 2. Die Voraussetzung jeder revolutionären Aktion ist das Recht auf freie Meinungsäußerung für alle. 3. Die Massen handeln nur solange, wie sie sich direkt und ohne Vermittler und Vertreter artikulieren können.“ (13) Die Ausrichtung, das Ziel, die Art und Weise waren noch nicht vorgegeben. „Was am meisten auffällt und was eine Schwäche hinsichtlich der studentischen Bewegung notwendig in sich permanent darstellt, das ist etwas sehr Merkwürdiges: nämlich die geringe Klarheit und Sichtbarkeit oder gar Plastik dessen, wofür und wozu man kämpft. Das Negative ist sichtbar. Die objektive Unzufriedenheit, Erbitterung und Empörung mit dem, was vorliegt, ist klar. Darin ist ja auch schon das Positive enthalten. Aber nur nicht ausgeführt!“, meint etwa Ernst Bloch.
Es herrschte an der Sorbonne noch keine Ahnung davon, wie sich die Situation weiter entwickeln würde. Erst als die Situation eskalierte und Studierende, Arbeiterjugend und Flics sich tagelange Straßenschlachten lieferten, ging es sehr plötzlich. Mitte Mai befanden sich insgesamt 10 Millionen Arbeiter und Arbeiterinnen in ganz Frankreich im Generalstreik. Selbst wenn die Rebellion des Pariser Mai den Generalstreik brachte, die KPF in ihrem Wunsch, jeden Versuch einer Ausweitung der Streikziele zu verhindern, umschifft werden konnte, Arbeiter sich mit Studenten verbrüderten, die Regierung de Gaulles wirklich wankte - was alles schon für sich große Dinge sind -, selbst wenn ein entscheidender Stoß den tatsächlichen Sturz der Regierung gebracht hätte, so war doch niemand da, der einen wahrhaftig gewordenen Traum der Revolution siegreich zum Ende hätte führen können. Nicht vor allem wegen des Verrats der KPF, der den Streik beendete und welcher abzusehen war, und nicht so sehr wegen eines Unwillens der Bevölkerungsmehrheit, die tatsächlich schwankte, sondern weil die initiierende Bewegung sich gar nicht darauf eingestellt hatte, nicht eigentlich auf eine wirkliche Revolution hinstrebte.
Die Rolle einer wirklichen Avantgardepartei konnten die Studenten nicht übernehmen. „Anfangs ersetzte die auch Jungarbeiter umfassende studentische Bewegung die Avantgarde-Organisation; die Funktion der Strategie übernahmen ihre außerparlamentarischen Aktionsformen [...]; ihre Bewegung nahm die Stelle der revolutionären Organisation und der revolutionären Theorie ein; sie spielte diese Rolle in den Grenzen ihrer Möglichkeiten.“ (14). Ihr Kampf war, obgleich es sehr viele verschiedene Gruppen waren, ein Kampf der Praxis, der in all der Pluralität von wenigen und zahlenmäßig schwachen Gruppen vorangetrieben wurde, aber einer Massenstimmung entsprach.
„Einer der augenfälligsten Aspekte der französischen Mairevolte war die Entfesselung eines ungekannten Reservoirs an Phantasie in Wort, Bild und in der Aktion [...] Die absolute Meinungsfreiheit, die tagelangen, äußerlich chaotischen Diskussionen in der Sorbonne, im Odeontheater und manchmal in einigen besetzten Fabriken, die Freiheit alle Wände zu bemalen und mit exzitierenden Plakaten zu bekleben, war eine Voraussetzung für die Selbstorganisation der kämpfenden Studenten, Schüler und jungen Arbeiter. [...] Die Abschaffung des Unerträglichen, Alten schien schon im solidarischen Kampf unmittelbar erreichbar, was eben als Wunsch noch gar nicht bewußt war, schien angesichts des Zurückweichens der alten Mächte Realität zu werden, eine Rückkehr in den alten Trott schien undenkbar.“ (15)
Die Stärke der Studentenrevolte lag in dieser Form der radikalen, unnachgiebigen Kritik, orientiert an einer „Abschaffung des Alten“. Sie zeigt die Stärke und die Macht auf, die von einer kulturell bedingten Rebellion ausgehen kann, wenn auch nur ein kleiner Teil tatsächlich revolutionäre Intention in die Bewegung bringt und diese sich politisiert. Die Forderungen der Studenten gingen trotzdem von der Universitätspolitik über die Universität hinaus.
Die Arbeiterschaft jedoch hatte sich gemeinsam mit der KP in ihrem Gros nicht zu revolutionärer Politik bringen lassen. Der Vergleich mit Deutschland zeigt, dass die Studentenbewegung auch unter deutlich schlechteren Bedingungen hinsichtlich der Hoffnungen in Richtung auf die Arbeiterklasse eine radikale Entwicklung nehmen konnte. Der Vorwurf, die Studenten hätten einer Partei leninistischen Typs bedurft oder des Weges zur Arbeiterklasse, greift zu kurz.
Von Anfang an haben die kommunistischen Studenten den Versuch unternommen, Kontakt mit der Arbeiterklasse herzustellen. „Die Arbeiter führen den Kampf, nicht wir, unsere Aufgabe ist es, uns unter die Führung der breiten arbeitenden Massen zu stellen, um sie zu unterstützen und ihnen die wichtige politische Kraft, die die Studentenmassen werden können, zur Verfügung zu stellen.“ (16)

Die Folgen

Es scheinen sich aus dem Mai 1968 nur drei mögliche Weiterentwicklungen ergeben zu haben: Die Resignation, der Eintritt in eine der sich formierenden ML-Gruppen, Verrat und offene Herauskehr des Reformismus.
Am zehnten Jahrestag, Mai 1978, nützt der ORF die Gelegenheit für einen Club 2. Geladen sind zur Talkrunde mit Günther Nenning als Moderator, Cohn-Bendit, Dutschke, Sontheimer, Wertner (Redakteur der „Welt am Sonntag“). Es ist wirklich aufschlussreich, das Protokoll zu lesen und widerlich zugleich. Wie sich da Cohn-Bendit und Dutschke anbiedern als die legitimierteren Verwalter des Systems, als 1968 Irregeleitete. Den Unterschied macht nur die Symbolwertigkeit der politischen Generationen und Werte, für die man steht.
Doch eines wird klar. Dutschke und Cohn-Bendit zeigen eine Orientierung. Die großen, überpersonalisierten Studentenführer von Einst orientieren nicht mehr auf die Arbeiterschaft, sondern auf einen Teil der Mittelschichten, des 68er Bildungsbürgertums, das sich in den Bürgerinitiativen ausdrücke, im lokalen Raum und 5% bis 10% der Bevölkerung umfasse (eine „zweite Nation“ des Bürgertums nennt es „Dany“ Cohn-Bendit). Dieses Wählerpotential soll nun für eine linksliberal-bunte bzw. linkssozialistische Alternativpartei mobilisiert werden und den Einzug in die Mitbeteiligung an den Entscheidungsprozessen ermöglichen.
[Dutschke:] Die Straße war der Ort, wo sich diese Generation getroffen hat. Sie hat ihren Lebenswillen, das Bedürfnis nach einer gesellschaftlichen Alternative auf der Straße formuliert, ohne fähig zu sein, dieses Bedürfnis weiterhin nicht nur zu konkretisieren, sondern zu entwickeln. [...] Es war in den industrialisierten Ländern, auch im Osten, die Ablehnung einer bestimmten Entwicklung einer konkurrenten industriellen Gesellschaft. [...]
Es ging niemals um ein Ziel. Bewußt oder unbewußt haben wir uns gesagt: Das steht noch nicht zur Debatte. Wir haben immer betont: die Bewegung. Es gibt einen Satz von Bernstein, den kennst du: ‚Die Bewegung ist alles....
[Nenning:]...das Ziel ist nichts.’ Wo ist die Bewegung? Vergiß aufs Ziel.
[Cohn-Bendit:] Ich sag, wer is wir: In den zehn Jahren hat sich eine Spaltung der Gesellschaft entwickelt, eine sehr tiefgehende, untergründige; die die Politikkommentatoren überhaupt nie bemerken [...] Es gibt ne Strömung, die 68 geboren wurde, die die Wege und Umwege des Marxismus-Leninismus gegangen ist, sie wieder verlassen hat zum Glück, ich mach ein Kreuz drüber. Dieser Leninismus, der wird immer wieder aufkommen, den muß man immer wieder runtertun, das ist so wie ein Stehaufmännchen, is Problem...
[Dutschke:] Ist ein Problem der Pest.
[Cohn-Bendit:] Aber was nachkommt! Und deswegen das Beispiel mit den Wahlen, jetzt war’s Hamburg, wo viele nicht dran geglaubt haben. Dieses festgefügte, selbstzufriedene Deutschland steht plötzlich vor diesem Problem, daß es eine Gruppe gibt, die, wenn sie noch ein bißchen weitermacht, sagen kann: Ja, ich, Cohn-Bendit, ich will Innenminister in Hessen sein. Wir kriegen sechs, sieben Prozent (was hat denn der Innenminister der FDP, nicht mehr!), ich mache alle Gefängnisse auf!“ (17)
Hier wird den Grünen der Zukunft vorgegriffen, den links der SP’s Fischenden. Nach 1989, das den kommunistischen Gruppen ein Trauma beschert, das manche Linke von 1968 zur Rechten bringt, manche Peronisten zu neoliberalen Handlangern umformt, manche Wertkritiker in den Wahnsinn treibt, die KP’s in den luftleeren Raum fallen lässt und den mittlerweile Angepassten eine ersehnte Legitimation zu geben scheint, vertauscht auch die Rolle der alternativen Bürgerlichen, die mit einem Mal (nicht sprunghaft, schon gar nicht bruchhaft, aber konsequent) von den Motzern zum Juniorpartner des Systems werden. Diese konsensische, systemstabilisierende Rolle einer neuen Elterngeneration muss mitbedacht werden von allen, die Parallelen von 1968 zu heute ziehen wollen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich in der 68er Bewegung eine „Jugend- und Studentenbewegung gebildet hatte, die sowohl die Komponente subkultureller Ausdrucksformen antikapitalistischer Tendenzen als auch die Komponente der Wiederaufnahme gesellschaftstheoretischer Ansätze der historischen Arbeiterbewegung enthielt und zunächst miteinander verband.“ (18)
Ihre vom Standpunkt revolutionärer Politik aus relevanteste Komponente entfaltete die Bewegung im Kontext der antiimperialistischen Freiheitsbewegungen.
Es ist nur logisch, dass die internationale Lage, das Dilemma des Imperialismus in seinem Kampf gegen die Befreiungsbewegungen und die Erklärungsmodelle und Oppositionen eines weitergedachten, modifizierten abendländischen Marxismus die Identität der Bewegung stiften. Darin ist der Sinn zu suchen. Nie mehr kommt es später zu solch einer Bedeutung antiimperialistischer Modelle im Westen. Die Aktionen und die getragene Breite der Bewegung gegen den Krieg verhindern die Legitimation des Krieges nach innen wirksam..
Dass die Bewegung als Ganze eher die Anmeldung neuer Bedürfnisse betreibt, ist nicht ausreichender Befund. Die Absenz eines Bewegungszieles spricht allerdings Bände. Zwar stellen und begreifen sich die Studenten als revolutionär, doch scheinen sie insgeheim und unbewusst damit zu rechnen, dass der Staat ohnehin der stärkere wäre. Die „Einheit in der Vielfalt“ ist nichts anderes als sich auf ein Feindbild beschränkender Organisationsgrad. In dem Moment, wo dies die Institutionen ersetzen müsste, bräche es zusammen. Es ist falsch, aus der Tatsache, dass nicht wenige Teilhaber dieses Widerstandes später, ganz ihrer bürgerlichen Rolle entsprechend, (politisches) Kapital aus den inzwischen pervertierten Ideen dieses Teils ihres Lebens und Wirkens schlagen, Rückschlüsse auf den Grad ihrer Korrumpiertheit 1968 zu schließen. Damals hatten sie eine andere Funktion, die jedenfalls auch noch andere mögliche Entwicklungen in sich geborgen hatte. Wenn eine Einschätzung möglich ist, dann nur entlang der Funktionen innerhalb des damaligen Kontextes. Da z.B. Kräfte, die unter anderen Umständen lediglich kritisch waren, durch ihre Proklamation eines „Angriffs auf den Staat“ die Eskalationen mit der Polizei vorantrieben, wo sich nach zehn Tagen die ersten Polizisten weigerten, mitzumachen, kommt ihnen in diesem Kontext eine antagonistische Funktion zu und sind sie auch so zu sehen.
Dass ohne politische Statusveränderung auch die kulturelle Isolation nicht zu überwinden ist, gehört zu den Binsenweisheiten. Am Verhalten der ML-Gruppen wurde allerdings klar, dass ihr Verständnis von Kapitalismusentwicklung hinter 68 zurückreichte und ihre negative Fixierung trug entscheidend dazu bei, dass die hunderttausendfach auftretende Subkulturbewegung nicht länger politisiert wurde. Die einseitige Orientierung auf eine blockhaft begriffene Arbeiterschaft führte ins Leere.

Martin Vinomonte


(1) André Glucksmann: Strategie und Revolution in Frankreich 1968. In: alternative 64 (Feb.1969), S.1
(2) Marcuse, Herbert: Der eindimensionale Mensch. Luchterhand 1967, S.11-20
(3) André Glucksmann: Strategie und Revolution in Frankreich 1968..., S.3
(4) Ebda., S.2
(5) Gorz, André: Revolutionäre Organisation und studentische Bewegung. In: alternative 64 (Feb.1969), S.15
(6) Baumann, Bommi: Wie alles anfing. Berlin: Rotbuch 1991 S.25
(7) Gorz, André: Revolutionäre Organisation und studentische Bewegung...., S.13
(8) Bergmann, Uwe, Dutschke, Rudi, Lefèvre, Wolfgang, Rabehl, Bernd: Rebellion der Studenten oder Die neue Opposition. Reinbek: Rowohlt 1968, S.85f.
(9)André Glucksmann: Strategie und Revolution in Frankreich 1968..., S.3
(10) Dutschke-Klotz, Grete u.a. (Hg.): Rudi Dutschke. Die Revolte. Wurzeln und Spuren eines Aufbruchs. Reinbek: Rowohlt 1983, Umschlag
(11) Zit.nach ebda., S.36f.
(12) Zit.nach Krebs, Mario: Was wir wollten, was wir wurden. Reinbek: Rowohlt 1988, S.16)
(13) ”Erklärung der Bewegung des 22.März” In: Lebel, Jean Jacques, Brau, Jean-Louis und Merlhès, Philippe (Hgg.): La Chienlit. Dokumente zur französischen Mai-Revolte. Darmstadt: Melzer 1969, S.113f.
(14) André Glucksmann: Strategie und Revolution in Frankreich 1968..., S.5
(15) Schmierer, Hans-Gerhard, Noth, Jochen: Vorwort. In: Lebel, Jean Jacques, Brau, Jean-Louis und Merlhès, Philippe (Hgg.): La Chienlit. Dokumente zur französischen Mai-Revolte. Darmstadt: Melzer 1969, S.XVII
(16) La Chienlit..., S.218ff. [April 1968]
(17) Dutschke-Klotz, Grete u.a. (Hg.): Rudi Dutschke. Die Revolte..272-277
(18) Klönne, Arno: Zur Klassenanalyse der Subkultur. In: Kerbs, Diethart (Hg.): Die hedonistische Linke. Beiträge zur Subkultur-Debatte. Neuwied und Berlin: Luchterhand Typoskript 1970, S.113