Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

 Ausgaben

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Nr. 20 Frühjahr 2007
Nr. 19 November 2006
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Nr. 6 März 2003
Nr. 5 Jänner 2003
Nr. 4 November 2002
Nr. 3 September 2002
Nr. 2 Juli 2002
Nr. 1 Mai 2002

 

 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 7 Mai 2003

Leviathan

Zum 50. Todestag: Eine Analyse der Sowjetunion unter Josef Stalin.


Stalin regt auf. Für einige steht er auf der Skala des Bösen gleich hinter Hitler an der zweiten Stelle, historische Analyse scheint nicht mehr notwendig. Die angelsächsische und bundesdeutsche Geschichtswissenschaft hat die Sowjetunion – über den Umweg der Totalitarismustheorie – lange Zeit dem Faschismus einfach gleichgesetzt, bis in den letzten Jahren eine etwas differenziertere Betrachtung einsetzte. Andere sind immer noch voll des Lobes: die Wiener Kommunistische Aktion etwa weiß zu berichten, dass Stalins Name immer noch Furcht in den Reihen der Weltreaktion auslöse, während ihm die Liebe der aufrechten Proletarier gewiss sei. Die große Menge der Zeitungskommentare über Josef Stalin sinkt auf das Niveau der Hitlerologen und Saddam-Experten, die von merkwürdigen Krankheiten und gestörter Sexualität fantasieren. Die Weltgeschichte, herabgebrochen auf eine Psychologie für Dummköpfe.

Die Beschäftigung mit Josef Stalin ist nicht nur die Beschäftigung mit einem Menschen, sondern auch mit dem historischen Projekt, dass er in großen Maßen mitgeprägt hat, mit der Geschichte der Sowjetunion. Die Sowjetunion war der große Anlauf zur menschlichen Emanzipation im 20. Jahrhundert, der Befreiung von der Ausbeutung und Herrschaft des Menschen durch und über seinen Mitmenschen. Am Scheitern dieses Versuchs besteht kein Zweifel, umstritten sind allein die Gründe und der Zeitpunkt dieser Entwicklung. Die Geschichte der Sowjetunion beinhaltet also die eine große Frage: War es das? Wurde die Unmöglichkeit menschlicher Emanzipation und sozialer Gleichheit ein für allemal bewiesen? Und welche Verantwortung trägt Josef Stalin?

Staat und Revolution
Der Ausgangspunkt bolschewistischer Vorstellungen zum Aufbau einer menschlichen Gesellschaft wurde von Lenin mitten im 1. Weltkrieg in seinem Buch „Staat und Revolution“ vorgelegt. Das Zentrum dieses Werkes stellt die oft zitierte Behauptung dar, dass jede Köchin in der Lage sein sollte, den ganzen Staat zu führen. Dieser Satz ist die Konkretisierung der Marxschen Theorie vom Staat, der nach der Machtergreifung der Unterklassen, und insbesondere des Proletariats, zwar nicht von einem sofortigen Verschwinden des Staates, aber von dessen langsamem Absterben ausging. Die Überlegung ist nachvollziehbar: Zur Aufrechterhaltung ihrer Herrschaft, der Herrschaft einer Minderheit, benötigt die Bourgeoisie einen von der restlichen Gesellschaft tendenziell abgeschiedenen Apparat bürokratisch-militärischer Kontrolle. Wird die Diktatur der Bourgeoisie durch die Herrschaft der Mehrheit ersetzt, dann kann der Staat zunehmend in der Gesellschaft aufgehen, vom ganzen Volk ergriffen werden, seiner Bedeutung als abgeschiedener Sphäre verlustig gehen. Als Instrument der Klassenherrschaft (des Proletariats) bleiben seine Reste solange bestehen, bis der Widerstand der Bourgeoisie gegen ihre Auflösung als besitzende Klasse beendet wäre. Soweit die Theorie.
Tatsächlich spricht die Entwicklung der Sowjetunion eine andere Sprache: Lag die Macht am Anfang, zumindest formell, in den Händen der Arbeiter- und Soldatenräte, ging sie noch im Laufe des Jahres 1918 de facto auf die bolschewistische Partei über, dann auf deren Zentralkomitee, auf das siebenköpfige Politbüro, um schließlich auf eine einzige Person zentralisiert zu werden. Der Staatsapparat seinerseits machte keinerlei Anstalten abzusterben, wurde stattdessen mächtiger als jemals zuvor. Statt in der Gesellschaft aufzugehen, versuchte er diese zu kontrollieren. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass heute in Schulbüchern der Sozialismus glaubhaft als System der Staatskontrolle dargestellt werden kann, während der liberale Kapitalismus den Staat auf möglichst geringe Aufgaben beschränke. Ironie der Geschichte, aber nicht ohne Berechtigung. Denn wenn zu Beginn die Diktatur des Politbüros vermittelt und eingebettet in einen gewaltigen Staatsapparat noch als Übel, geboren aus der Not und dem Bürgerkrieg, angesehen wurde, veränderte sich diese Haltung spätestens ab dem Ende der 20er Jahre.
Es wäre lächerlich, Stalin die Alleinverantwortung für diese Entwicklung zu geben, aber er sanktionierte und theoretisierte sie offiziell, seine Herrschaft wurde zum Symbol dieser Degeneration. 1937, am Höhepunkt der großen „Säuberungen“ in Armee, Partei und Gesellschaft, verkündete Stalin das Gesetz von den stetig schärfer werdenden Klassenwidersprüchen beim Aufbau des Sozialismus – ein Versuch, die massenhaften Exekutionen als Ergebnis des Wirkens eines historischen Gesetzes zu erklären, als würde jeder Tote den Kommunismus näher bringen. Das ist natürlich eine völlig absurde Vorstellung, Trotzki kommentierte damals treffend, dass die letzte Phase des Übergangs zum Kommunismus, der von Marx postulierten klassenlosen Gesellschaft, demzufolge vom totalen Bürgerkrieg gekennzeichnet sein müsse.
Das Verhältnis zum Staat ist wohl das Kernproblem bei der Analyse des „realen Sozialismus“ des 20. Jahrhunderts. Ein zentrales Element des revolutionären Bolschewismus war der Wille, die Staatsmacht zu erobern und mit allen Mitteln zu halten, der Versuch, der Welt den eigenen Willen aufzuzwingen. Aber dieser Wille war immer eingebettet in das Bewusstsein einer internationalen sozialen Auseinandersetzung, war niemals Selbstzweck. In diesem Kontext ist auch die Bereitschaft zu sehen, den revolutionären Staat einzusetzen, um die europäische Revolution voranzutreiben, exemplarisch verkörpert im Überschreiten der Curzon-Linie, dem gescheiterten Vorstoß nach Polen, um, mit den Worten Lenins, „die deutsche Revolution mit den Bajonetten zu sondieren.“ In der Bereitschaft zur Macht ist Stalin die legitime Fortsetzung der Politik des revolutionären bolschewistischen Zentralkomitees, das Ende der 30er Jahre fast vollständig liquidiert wurde, doch nicht in den Inhalten: Unter Stalins Führung geschah der Kardinalsfehler des realen Sozialismus: die Interessen der Internationalen Revolution wurden den Interessen der Sowjet­union untergeordnet. Diese Argumentation ist sehr alt, ist zum Teil die alte Diskussion zwischen den sowjetischen Vertretern des „Sozialismus in einem Land“ und der linken „trotzkistischen“ Opposition. Tatsächlich steckt hinter dem „Sozialismus in einem Land“ und den übergeordneten Interessen der Sowjetunion ein weiterer schwerwiegender theoretischer Bruch des ursprünglichen Bolschewismus: Tatsächlich wurde das Konzept vom Proletariat als revolutionärer Klasse, das Konzept des sozialen Konflikts als Zentrum der Politik, abgelöst durch den „sozialistischen“ Staat als zentralem Agenten der Geschichte. Ein völlig mechanistisches Konzept von Macht als umfassende Entscheidungsgewalt, das mehr an Hobbes erinnert als an Marx. Die Sowjetunion als Hobbesscher Leviathan und Stalin als aufgeklärter, sozialistischer Despot, eine Mischung aus russischer Selbstherrschaft und der ultramaterialistischen Marx­ismusinterpretation der Jahrhundertwende.

Der Weg zum Kommunismus

Diese beiden Bestandteile, russischer Despotismus und die ultramaterialistische Marxismusinterpretation in der Tradition von Karl Kautsky kennzeichnen dann auch den stalinschen Weg zum Kommunismus. Die Bedeutung des Staates wurde schon angesprochen, die Theorie von der ständigen Verschärfung der Klassenwidersprüche beim Übergang zum Kommunismus bedeutet nichts anderes als die Notwendigkeit den Staat, als vorgebliches Instrument proletarischer Macht gegen die Bourgeoisie (tatsächlich waren die Reste der alten Bourgeoisie spätestens mit der allgemeinen Kollektivierung Anfang der 30er Jahre vollständig aufgelöst worden) ständig weiter auszubauen und abzusichern. Der Übergang zum Sozialismus würde dabei durch die Entwicklung der materiellen Produktivkräfte vollzogen, die Emanzipation des Menschen dadurch letztlich eine Menge von vielen Tonnen Stahl, den die neuen Kombinate in der Südukraine oder dem Ural erzeugen könnten.
Das ist aber kein originär stalinistisches Konzept, sondern eines der Sozialdemokratie spätestens seit den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts. Zu diesem Zeitpunkt wurde der Marxismus von einem Instrument revolutionärer Veränderung in eine passivistische Heilsreligion verwandelt. Die Gesetze der menschlichen Entwicklung wurden den Naturgesetzen angeglichen. Der Kommunismus wurde von einer zu erkämpfenden möglichen Zukunft zum Endpunkt einer mehr oder weniger automatischen (naturgesetzlichen) Entwicklung der modernen Produktivkräfte. Ein simplizistischer Fortschrittsglaube, kaum unterschieden von jenem des bürgerlichen Liberalismus.
Stalin ist nicht die einfache Fortsetzung dieses Kultes der materiellen Produktivkraft, denn sein Konzept von Politik ist nicht passiv abwartend, wie jenes der Sozialdemokratie, er stellt dem Fortschritt einen mächtigen Agenten zur Seite, den Staat und die Kommunistische Partei. Die Entwicklung der Sowjetunion wird durch deren Willen erzwungen, die große Industrialisierung macht aus dem Agrarstaat eine beeindruckende industrielle und militärische Großmacht, stark genug, um Deutschland niederzuringen. Die Massen zählen dabei nur insofern, als sie mit immer neuen Appellen mobilisiert werden, aber sie erhalten keinerlei politische Autonomie, keine Möglichkeit eigene Organe zu entwickeln, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen, zu diskutieren. Der vulgäre Materialismus hat die Entwicklung Russlands in ein Industrieland geschaffen, sein Weg des Übergangs zum Kommunismus ist nicht nur in der Sowjetunion, sondern auch im sozialdemokratischen Westeuropa gescheitert – denn niemand kann heute mehr glauben, dass der Kommunismus schon komme, gäbe es nur genügend Fernseher, Autos und Flugzeuge.

Staat und internationale Revolution

Ein Staat, auch ein revolutionärer, hat seiner Natur nach besondere Interessen. Um sein Überleben zu sichern, sucht er nach Bündnissen mit anderen Staaten, für seine wirtschaftliche Entwicklung benötigt er ein Mindestmaß an Ordnung und Ruhe. Die Revolution ist das Gegenteil von Ordnung, Ruhe und geregelten internationalen Verhältnissen. Seit ihrer Machtübernahme hatten die Bolschewiki mit diesem Widerspruch zu kämpfen, zuerst bei den Verhandlungen mit den Deutschen über den Diktatfrieden von Brest-Litowsk, der von der Parteilinken und den Sozialrevolutionären als Verrat an der internationalen Arbeiterklasse abgelehnt wurde. Auch später blieb eine Doppelstrategie: Über die Kommunistische Internationale (Komintern) versuchte man den revolutionären Umsturz in Deutschland, über das Außenministerium unterzeichnete man den Vertrag von Rapallo, der im Wesen ein Bündnis mit Deutschland gegen die Entente intendierte und auch eine Kooperation der Roten Armee mit der Reichswehr vorsah. Die Trennung zwischen staatlichen Interessen und den Interessen der internationalen Revolution wurde versucht, ob das immer gelang, ist eine andere Frage. Durchaus lässt sich argumentieren, dass die erste nationalbolschewistische Phase der KPD, im Frühjahr und Sommer 1923, von der pro-deutschen Bündnispolitik der Sowjetunion beeinflusst war (ohne diese Orientierung und Politik an dieser Stelle bewerten zu wollen).
Unter Stalins Führung hat die Komintern diesen Weg verlassen und wurde zur einfachen Agentur sowjetischer Außenpolitik, deren oberste Pflicht es war, den Arbeiterstaat zu verteidigen. In den 30er Jahren sollte das katastrophale Konsequenzen haben: Um nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten die Sowjetunion international abzusichern, versuchte Stalin die Annäherung an die Entente, vor allem an Frankreich, die 1935 im Stalin-Lavalle Pakt vertraglich festgelegt wurde. Um dieses Bündnis nicht zu gefährden, wurde die KPF zu großer Zurückhaltung aufgefordert, die spanische Revolution als Ganzes abgetrieben – tatsächlich war die letzte Chance der europäischen Revolution damit vergeben. Dieses gigantische Manöver war letztlich umsonst. Der französisch-britische Verrat an der Tschechoslowakei 1938 (die Sowjetunion verkündete ihre Bereitschaft zur Verteidigung der tschechischen Grenzen zu marschieren) machte klar, dass weder Frankreich und schon gar nicht Großbritannien ernsthaft Sicherheitsgarantien für die Sowjetunion geben wollten. Die Konsequenz des Vertrags mit Lavalle war daher der Nichtangriffspakt mit Deutschland, er entsprang derselben Logik und war zum Zeitpunkt seiner Unterzeichnung aus sowjetischer Sicht völlig nachvollziehbar: Nachdem man die europäische Revolution endgültig als Verbündeten verloren hatte, musste mit allen Mitteln eine isolierte Konfrontation mit einer oder mehrerer der imperialen Großmächte verhindert werden. Am Ende des 2. Weltkrieges folgte schließlich der Vertrag von Jalta, die Aufteilung der Einflusssphären. Statt den Erfolg des 2. Weltkriegs für einen neuen Versuch einer revolutionären Offensive zu nützen, entschied sich Stalin für sozialistische Hegemonialpolitik. Eine frühe Form der chrustschowschen friedlichen Koexistenz.
Die Entwicklung der diversen Bündnissysteme, die die Sowjetunion ab 1922 zusammenzimmerte, zeigt vor allem eines: die Sowjetdiplomatie entriss das Schicksal des ersten Arbeiterstaates den Ungewissheiten der internationalen Revolution und legte es in die Hände der Technokraten und Wirtschaftsplaner des Kreml, der „neuen Klasse“, wie sich Djilas ausdrückt. Überleben und Industrialisierung konnten so geleistet werden, aber nur um den Preis einer schrecklichen Verstümmelung. Die Macht der Arbeiterklasse war zur Macht im Namen jener und über die Arbeiterklasse geworden.

Trägt Stalin die Verantwortung für diese Entwicklung? Interessanterweise waren es Stalins wichtigste Kritiker, Leo Trotzki und die linke Opposition, die dem Parteiführer vor der Geschichte die Absolution erteilten. Trotzki entwickelte seine Theorie der Bürokratisierung der Sowjetunion, als deren bloßen Ausdruck er Stalin sah, vor dem Hintergrund objektiver und struktureller Prozesse. Die Macht der Bürokraten und des Staatsapparats war Ausdruck der Isolierung der Revolution, der wirtschaftlichen Rückständigkeit der Sowjetunion, dem automatischen Verlust an revolutionärer Energie der Massen nach Jahren des Bürgerkrieges. Diese Prozesse sollen nicht geleugnet werden, dennoch spricht aus dieser Analyse ein übergroßer Fatalismus – denn die europäische Revolution hätte das Ruder herumreißen können, seit den 30er Jahren war sie dem Kreml aber zu riskant. Die Politik der sowjetischen Führung unter Stalin bekämpfte die Bürokratisierung nicht, sondern stellte sich an deren Spitze.
Es gibt Situationen der Geschichte, in denen sehr wenige Menschen über eine mögliche Zukunft entscheiden. 1923, nach Lenins Tod, konnte Stalin die Macht im Politbüro übernehmen, weil ihn die Parteilinke um Trotzki (aus übergroßem Fatalismus) nicht daran hinderte. Wir schrieben keine alternative Geschichte - aber dieses Ereignis hat die totale Niederlage des Kommunismus im 20. Jahrhundert mit zu verantworten.

Stefan Hirsch