Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 7 Mai 2003

Struktureller Wahnsinn

Zu Theorie und Praxis der Antinationalen


„Bush the man of peace“ – spätestens seit der Erklärung der Berliner Zeitschrift Bahamas zum Krieg gegen den Irak dürfte jeder Zweifel ausgeräumt sein. Die antideutschen bzw. antinationalen Strömungen, zu deren prominentesten Vertretern die Bahamas gehören, stehen auf der Seite der imperialistischen Supermacht und applaudieren ihrem Feldzug, der die Welt mit Krieg, Hunger und Elend überzieht. Wie es möglich ist, dass solch offensichtliche Reaktionäre sich weiterhin als Linke bezeichnen; wie es kommt, dass sie sich in Deutschland und Österreich einen ansehnlichen Platz im (ehemals) linken publizistischen Spektrum und neuerdings auch in den Institutionen verschaffen konnten, soll im Folgenden untersucht werden.

Liest man das Gründungspamphlet der Antideutschen Kommunisten Berlin, so kann man vor Staunen nur den Kopf schütteln. „Intellektuelle haben keine andere Wahl, als zu begreifen, dass, so sehr sie sich auch anstrengen mögen, die einzig sinnvolle Anwendung ihrer Vernunft die Erkenntnis ist, dass dem Wahnsinn Sinn zu attestieren im Ansinnen ihn verstehen zu wollen, wahnsinnig ist.“ (1) Was da zum Ausdruck kommt, ist nicht viel mehr als die völlige Degeneration der deutschen kommunistischen und linken Bewegung, ihrer Weltanschauung und letztlich ihres Anspruchs, die Welt zu verändern. Dass diese Degeneration nicht zur vollkommenen Selbstauflösung geführt, sondern im Gegenteil sich in antideutsche bzw. antinationale Bahnen ergossen hat, ist mit den spezifischen Bedingungen Deutschlands zu erklären.

Ihre Wurzeln hat die antideutsche Strömung in den 60er und 70er Jahren und dem damaligen Kampf der deutschen Linken gegen die ungebrochene Kontinuität des deutschen Staatsapparates seit dem Nationalsozialismus. Ihre entscheidende und spezifische Prägung erfuhr sie aber vor dem Hintergrund des Zusammenbruchs der Sowjetunion. Während der Niedergang der linken Bewegungen auf der ganzen Welt mit diesem Ereignis zusammenhängt und von ihm maßgeblich beeinflusst wurde, gesellte sich in Deutschland ein zweiter entscheidender Faktor hinzu: die deutsche „Wiedervereinigung“ und die damit verbundene nationale Berauschung unter westlich-kapitalistischem Vorzeichen, der die deutsche Linke nichts entgegenzusetzen im Stande war. Das Scheitern der Linken angesichts des reaktionären Massenauflaufs und dessen offenem Bekenntnis zur westlichen Werte- und Konsumgemeinschaft hinterließ eine tiefe Resignation und Abkehr vom traditionellen linken Verständnis. Konzeptionen, die aufgrund dieser Erfahrungen im Nationalismus und in der Nation – unabhängig vom Kontext - die Wurzel alles Übels sahen, verdrängte jedwede Bereitschaft zur Analyse der konkreten und tatsächlichen Situation. In Österreich verlief eine ähnliche Entwicklung vor dem Hintergrund des Aufstiegs der FPÖ und ihres Massenzulaufes gerade aus den Kernschichten der Arbeiterklasse. Ohne jemals eine ernsthafte Analyse dieses Phänomens anstellen zu wollen, witterte die Linke ein neues `33 und schlug Alarm.

Tatsächlich bestand in beiden Fällen weder Bereitschaft noch Vermögen die tiefgreifenden Veränderungen wahrzunehmen, die der Zusammenbruch der Sowjetunion weltweit nach sich gezogen hatte. Der – zumindest als endgültig wahrgenommene – Sieg des Kapitalismus über den Sozialismus erlaubte es in den westlichen Staaten, das gesellschaftliche Koordinatensystem substantiell zu verrücken. Unter dem Vorzeichen ehemals linker Inhalte wie Antirassismus, Universalismus und Antifaschismus gelang die weitgehende Durchsetzung neoliberaler Reformen, die nicht nur Wirtschaft und Verwaltungsapparat betrafen, sondern sich langsam aller kulturellen Strukturen und Ausdrucksformen bemächtigte. Die Linke machte bei diesem Spiel weitgehend mit und so entstand ein neuer gesellschaftlicher Konsens auf neoliberaler Grundlage. Den Verlierern des Umbaus – den Unterschichten im Westen sowie den Massen der Dritten Welt – blieb nicht viel anderes übrig als sich für ihren legitimen Protest Ausdrucksformen zu suchen, die nicht den althergebrachten entsprachen.

Als der Westen mit universalistischem Anspruch auszog, um seinen Siegeszug um die Welt anzutreten, regte sich vielerorts Widerstand unter nationalistischem oder religiösem Vorzeichen. Anstatt die veränderten Bedingungen in Rechnung zu stellen und die Essenz der Dinge verstehen zu wollen, sahen die antinationalen Strömungen darin eine Bestätigung ihrer Konzeptionen und zögerten nicht, sich auf die Seite des Westens zu stellen. Universalismus und Menschenrechte in aufklärerischer Tradition versus rückschrittlicher Nationalismus und Islam schien die Entscheidung für die antideutschen Deutschen leicht zu machen.

Wertkritik als theoretische Basis

Seine theoretischen Grundlagen sieht der Antinationalismus in der wertkritischen Schule. Zwar hat mittlerweile der antinationale Wahn derartige Stilblüten getrieben, dass sich bedeutende Wertkritiker wie die Krisis-Gruppe bemüßigt sehen, sich emphatisch von den antideutschen Bellizisten zu distanzieren, dennoch sind viele antinationale Entwicklungen in den wertkritischen Konzeptionen begründet und ohne sie nicht zu verstehen.

Wertkritik bemüht sich im wesentlichen, sich vom sogenannten „Arbeiterbewegungsmarxismus“ abzugrenzen, dem sie „verkürzte, soziologistisch beschränkte Kritik der durch die , ohne den fetischistischen Systemcharakter der Wertvergesellschaftung selber anzutasten“ vorwirft. (2) Diese verkürzte Kapitalismuskritik würde Wert, Ware, Geld und Markt „... nicht als aufzuhebende gesellschaftliche Formen des Kapitalverhältnisses begreifen, sondern als positive Gegenstände der Moderne, die nur alternativ zu besetzen wären, und zwar durch den der .“ (3)

Von dieser Grundannahme leiten sich weitere wesentliche Positionen ab, wie etwa die Ablehnung eines revolutionären Subjekts (Subjektkritik) oder die Konzeption emanzipatorischen Handelns nicht als konkreter Kampf gegen konkret benannte Gegner, sondern als Positionierung gegen die Strukturen des Systems. Wertkritiker fordern die „Selbst-Konstitution einer bewussten Aufhebungsbewegung gegen das warenproduzierende System“. (4) Arbeit, Staat und Politik seien Begriffe, die der Marxismus falsch ontologisiert hätte und deren Aufhebung als solche (im Gegensatz zur angeblich angestrebten positiven Besetzung durch den Arbeiterbewegungsmarxismus) die Wertkritik einfordere.

Bereits der Zentralbegriff der Wertkritik hinkt in seiner Logik: Wenn Marx selbst bzw. seinen Nachfolgern, welche die in Marx’ Werk angelegte Wert- und Arbeitskritik vernachlässigt hätten, vorgeworfen wird, über den wertimmanenten „Klassenstandpunkt“ nicht hinausgegangen zu sein, so lugt hier an allen Ecken und Enden der Fehler des Ökonomismus hervor. Die komplexe kapitalistische Gesellschaft mit ihrem spezifischen Produktionsverhältnissen, ihren vielschichtigen sozialen Beziehungen, ihren subtilen Mechanismen zur Herstellung kultureller und ideologischer Hegemonie und vor allem ihren Machtstrukturen und deren politischen Instrumenten wird aufgelöst in einem Einheitsbrei von Warenbesitzern, die allesamt und in gleicher Weise der Fetisch-Konstitution der modernen Gesellschaftsform unterliegen würden. Nicht nur, dass hier die Analyse der Gesellschaft in ihrer Klassenspaltung (alle sind Warenbesitzer und sei es der Besitz der Ware Arbeitskraft, der sie dazu macht) ad absurdum geführt wird, zeigt die Anwendung von ökonomischen Kategorien auf das Funktionieren der Gesellschaft als Gesamtheit grundsätzliches Unverständnis davon, dass es eben nicht die ökonomischen Kategorien allein sind, welche die kapitalistische Gesellschaft ausmachen, sondern diese ebenso durch ein komplexes Geflecht politischer, kultureller und sozialer Machtstrukturen bedingt wird.

So stimmt es zwar, wie die Wertkritik postuliert, dass der Fetischcharakter alle Aspekte der kapitalistischen Gesellschaft durchdringt, ja, dass diese als Fetischkonstitution beschrieben werden kann, doch ist das im Grunde mehr als banal. Diese Entfremdung des Menschen in allen Aspekten aufzuheben – und das meinen Wertkritiker, wenn sie davon sprechen, dass die „verinnerlichte, scheinbar selbstverständliche gesellschaftliche Form des Werts zu knacken“ (5) sei – wird allerdings nicht durch eine abstrakte Positionierung einer imaginären Aufhebungsgesellschaft gelingen, sondern nur durch den konkreten Kampf um die Macht als Vorbedingung zum Aufbau einer neuen Gesellschaft.

Alles andere ist Reformismus. Ist es auch, denn sehr viel mehr als schwammige Postulierungen von der Notwendigkeit „autonome sozialökonomische Terrains zu schaffen, auf denen an die Stelle der Wertform eine Instanz direkter Selbstverständigung tritt“ (6), haben Wertkritiker als Handlungsvorschläge nicht anzubieten. Überhaupt hat die Wertkritik keinerlei Praxisorientierung.(7)
Und da liegt auch der Hund begraben. Wertkritische Positionen sind vor dem Hintergrund des „realen Sozialismus“ in der Sowjetunion entstanden und konnten offensichtlich von dieser prägenden Erfahrung nicht abstrahieren. Die Sowjetgesellschaft, die nicht als befreite Gesellschaft im Marxschen Sinne, die stalinistische Praxis, die nicht als emanzipatorisch, sondern als machterhaltend, und die stalinistische Konzeption marxistischer Theorie, die als deterministisch verkommen wahrgenommen wurde, beeinflussten entscheidend die Entstehung des wertkritischen Ansatzes. Die Antwort auf diese Erfahrungen sucht die Wertkritik allerdings nicht in einer Neuformulierung kommunistischer Politik, sondern im Gegenteil in einer brüsken Abkehr von dieser. Politik wird als ontologisierter Begriff abgelehnt. Was damit allerdings legitimiert werden soll, ist der Verzicht auf politische Praxis überhaupt. Postuliert wird die „völlige Eigenständigkeit der Theorie“.(8)

Aus legitimer und richtiger Kritik am deterministischen Geschichtsverständnis des Stalinismus, der aus den konkret gesellschaftlich definierten Begriffen von Klasse und Klassenkampf objektivierte Kategorien mit vermeintlicher historischer Mission machte; aus Ablehnung der stalinistischen Praxis, die jeden emanzipatorischen Anspruch zugunsten des imperativen Machterhalts aufgab, zimmert sich die Wertkritik ein abstraktes Theoriegebäude, das das Kind gleichsam mit dem Bade ausschüttet. Nicht begriffen wird dabei eine Grundfeste des Marxismus, wobei hier die Wertkritik letztlich der kritisierten stalinistischen Theoriekonzeption wieder auf den deterministischen Leim geht: Nicht die Produktionsverhältnisse sind es, welche den Motor der Menschheitsgeschichte darstellen, sondern die Klassenkämpfe. Menschliche Praxis also.

Wenn die Wertkritik den Begriff des Klassenkampfes als wertimmanent und mit transzendentaler Bedeutung überladen ablehnt, so stellt sich die Frage nach der alternativen menschlichen Praxis zum Zwecke der Gesellschaftsveränderung. Wenig überzeugen können hier die vorgeschlagenen – zugegeben wohlklingenden – Neologismen wie „Aufhebungsbewegung“ und „bewusste gesellschaftliche Selbstverständigung“. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich hinter diesem intellektuellen Einfallsreichtum im Grunde nichts anderes als Abscheu vor dem schmutzigen Geschäft des realen Kampfes um die gesellschaftliche Macht verbirgt. Nur so erklärt sich der Hass auf die zum Bähbegriff erklärte Klasse, zumal diese – im Marxschen Sinne als kämpfendes Subjekt begriffen – in jüngster Zeit für westliche Saubermänner oft ein allzu schmutziges Gesicht bekommen hat.

Folgerichtig hat sich die Krisisgruppe um Robert Kurz und Ernst Lohoff jener Bewegung zugewandt, die sicherlich nicht in die Verlegenheit kommt, mit schmutzigen Gesichtern oder ausgeprägtem Klassenbewusstsein herumzulaufen: der Antiglobalisierungsbewegung. Es scheint die Wertkritiker nicht weiter zu stören, dass sie sich damit ihrer eigenen Subjektkritik zum Trotz wieder auf ein gesellschaftliches Subjekt orientieren und auf dieses ihr Veränderungsbedürfnis projizieren. Solange sie damit nicht Gefahr laufen, sich die Hände im unfeinen Kampf um die Macht – den die Globalisierungsveränderer zweifellos nicht anstreben – zu beschmutzen. Entlarvend ist es, wenn Kurz in seinem wütenden Pamphlet gegen die antideutschen Bellizisten eine „neue transnationale Solidarität von unten“ einfordert und diese von den Demonstranten in New York, Israel, London, Paris, Rom, Madrid und Berlin aufgebaut werden soll.(9) Die sehr viel dynamischeren Demonstranten in Kairo, Dhaka, Karachi und Jakarta sind ganz offensichtlich zu schmutzig im Gesicht, um Eingang in das wertkritische Gedankengebäude zu finden.

So unterscheidet sich die Wertkritik bei genauerem Hinsehen nicht wesentlich vom klassischen Reformismus. Sie differenziert zwischen Maximalismus (einem Gesellschaftsmodell ohne Wertcharakter) und Minimalismus (konkrete Veränderungen durch Genossenschaften). Sie trennt Theorie von der Praxis ab, wobei sie der Praxis kaum Bedeutung beimisst, ja diese, als revolutionärer Kampf begriffen, überhaupt aufheben möchte, und sie steht letztendlich auf der Seite des Westens, sei es in ihrer neuen Orientierung auf die Antiglobalisierungsbewegung, sei es in ihrer extremsten antideutschen Ausformung als offene Parteigänger des kriegswütigen Imperialismus.

Struktureller Antisemitismus und deutsche Nabelschau

Bei den Antideutschen ist von der theoretischen Beschäftigung mit Wertkritik nicht mehr viel übrig geblieben. Sie sind zur konkreten Politik zurückgekehrt – was ihnen von konsequenten Wertkritikern wie Robert Kurz auch vorgeworfen wird.

Weit lieber als theoretisch zu disputieren beschäftigt sich antinationale Politik mit ihrem Lieblingsthema, dem Antisemitismus, und daraus abgeleitet der Parteinahme für die israelische antipalästinensische Politik. Die grotesken Stilblüten des antinationale Anti-Antisemitismuswahn zu untersuchen, sei besser Satirikern überlassen. Das Wesentliche und Bedenkliche daran ist, dass es den Antinationalen gelungen ist, im deutschsprachigen Raum erstmals salonfähig zu machen, was noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wäre: Jedwede Kritik an Israel darf als antisemitisch diffamiert werden.

Um diesen offensichtlichen historischen, begrifflichen und politischen Unsinn theoretisch zu untermauern, wurde der Begriff des strukturellen Antisemitismus aufgebracht. Grundlage dafür ist die wertkritische Konzeption, wonach verkürzte Kapitalismuskritik, wie sie vor allem Antiimperialisten zu eigen sei, sich auf antagonistische Gegnerschaft zu personifizierten Kapitalisten beschränken und nicht die kapitalistischen Strukturen als solche kritisieren würde. Daraus würde „ein binäres und verdinglichendes, ein personalisierendes und moralisierendes Denken [entstehen], das eine Clique von bösen Herrschenden annehmen muss (...)“.(10) Damit seien Parallelen zu antisemitischen Klischees gegeben, in denen die Juden als parasitäre Finanzkapitalisten dargestellt werden.

Folgt man diesem Gedankengang, so wäre jede Form von Politik, sobald sie konkret wird, antisemitisch, da sie sich zwangsläufig gegen Vertreter des Herrschaftssystems richtet. Konsequent verteufeln die Antinationalen nicht nur Antiimperialisten oder die Palästina-Solidaritätsbewegung als antisemitisch, sondern beispielsweise auch die Antiglobalisierungsbewegung, die im Übrigen durch ihre scharfe Kritik am internationalen Finanzkapital schon einen bedenklich hohen Grad an Antisemitismus erreicht hat – so die antideutsche Diktion.

Antisemitismus (in antideutscher Definition) wird zum Gradmesser darüber erhoben, wie fortschrittlich eine Bewegung oder Strömung sei, ja mehr als das, er wird zum determinierenden Element gesellschaftlicher Analyse überhaupt erklärt. Dass diese Vorgangsweise vollkommen unmarxistisch ist, liegt auf der Hand. Dass sie darüber hinaus die offizielle Position des deutschen und österreichischen Staates zu deren nationalsozialistischer Vergangenheit übernimmt, scheint die antinationalen Antisemitismusjäger nicht zu stören. Wie in den Diskursen deutscher Staatsmänner wird auch bei den Antinationalen das nationalsozialistische Regime auf seinen wilden Antisemitismus reduziert, seine spezifische Form der Klassenherrschaft, seine spezifische antikommunistische, präventiv konterrevolutionäre Funktion einfach negiert. Nicht nur unmarxistisch also, sondern auch offen antikommunistisch. Hier liegt wohl auch der Schlüssel zum institutionellen Erfolg der Antideutschen.

Dass diese Vorgangsweise außerdem deutscher und nationalistischer nicht sein könnte – als negatives Totalitätsprinzip wird die ganze Welt durch die Antisemitismus-Brille betrachtet – zeigt einerseits, wie realitätsfremd und wahrnehmungsgestört diese Strömung bereits ist, andererseits beweist es ihren tiefen Rassismus und Eurozentrismus. Rassismus, der sich in erster Linie gegen Araber und Muslime richtet, deren emanzipatorische Ansprüche per definitionem als antisemitisch angesehen werden müssen, laufen sie doch zwangsläufig israelischen Staatsinteressen zuwider.

Absurd, wenn man bedenkt, dass arabische Befreiungsbewegungen ob ihres „völkischen“ (will heißen: nationalistisch arabischen) oder religiösen Charakters als reaktionär betitelt werden, während Israel, der letzte Apartheidstaat auf Grundlage jüdisch nationalistischer und religiöser Definition, nicht angetastet werden darf.

Lächerlich, angesichts der Arroganz, mit der sogar die israelische Linke, die ein Ende des Apartheidstaates fordert, als antisemitisch bezeichnet wird.

Bedenklich, wenn man sich vor Augen hält, dass durch die diffamatorische und instrumentalisierende Verwendung des Antisemitismusbegriffes tatsächlich vorhandener Antisemitismus potentiell verharmlost wird.

Verkürzter Volksbegriff

So wenig die Antinationalen den Antisemitismus verstanden haben, so wenig haben sie den Terminus „Volk“ – ein weiteres Hassobjekt ihrer Politik – begriffen. Während die „Volksgemeinschaft“ in ihrer deutschen nationalsozialistischen Konzeption als quasibiologisches Ganzes, als rassisch begründete Einheit, aus der „fremdartige Rassen“ zu beseitigen seien, als Antithese jedes gesellschaftlichen Konfliktes verstanden wird, so wird das Volk in der Tradition der Französischen Revolution als den Herrschenden gegenübergestellte Unterklassen, als Ausdruck und Subjekt des sozialen Kampfes begriffen. Dieser positiver Bezug auf das Volk bot und bietet sich im antikolonialen Kampf an und erlebt gegenwärtig, in der jüngsten Phase wirtschaftlicher Globalisierung und damit einhergehender kultureller Zwangsassimilation, eine Renaissance.

Welche Bruchlinien des weltweiten Herrschaftssystems in der antagonistischen Gegenüberstellung von nationaler Selbstbestimmung und imperialem Weltherrschaftsanspruch angelegt sind, sollte auf der Hand liegen, ebenso, dass erst diese Brüche im System Weiterentwicklungen im Sinne aufklärerischer oder gar sozialistischer Ideen möglich machen. Nur Hohlköpfe und Rassisten können nicht erkennen, dass es nicht der westliche Menschenrechtsimperialismus ist, der die Kontinuität aufklärerischer Inhalte im Sinne der Befreiung des Menschen von Unterdrückung und Fremdherrschaft verkörpert, sondern die Befreiungsbestrebungen der neuen Sansculotten, und seien deren Erscheinungsformen noch so schmutzig und westlichen Traditionen unverständlich.

Dass die Antinationalen gerade den spezifisch deutschen Volksbegriff zum alleinig und universell gültigen erklärt haben, zeigt einmal mehr, wie wenig universalistisch, dafür aber zutiefst rassistisch und deutsch-zentriert ihre Herangehensweise ist.

Antideutsches Deutschtum

Mit ihrer Erklärung von Bush als Friedensmann stehen die Antideutschen in bester deutscher reformistischer Tradition. So wie die SPD 1914, so stellen die Antideutschen sich auch heute mit fliehenden Fahnen auf die Seite des stärksten Imperialismus. Entschieden zuviel schon der Ehre, denn während Bebel und Kautsky die stärkste Arbeiterbewegung der Welt repräsentierten, stehen Wertmüller und von der Osten-Sacken für deren vollkommen degenerierte und reaktionär verkommene Reste. Lassen wir den Antideutschen selbst das Schlusswort: „Die Anwendung der hochentwickelten Vernunft ist bereits unleugbar irrational wenn überhaupt vorhanden.“ (11)

Margarethe Berger


(1) „Fragmente in Regression – linke Selbstauflösung zwischen Theorie und Praxis“, in: www.antideutsch.de
(2) „Was ist Wertkritik“ – Interview mit Ernst Lohoff und Robert Kurz, in: www.krisis.org
(3) ebenda
(4) ebenda
(5) ebenda
(6) ebenda
(7) ebenda
(8) ebenda
(9) Robert Kurz: „Das Spiel ist aus“, in: www.krisis.org
(10) Stephan Grigat: „ - Antisemitismus und Antizionismus in der österreichischen Linken“, in: www.contextxxi.at
(11) „Fragmente in Regression“ a.a.o.