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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

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Nr. 7 Mai 2003

Postmoderne – eine Fremdbestimmung

„Mit der Einsicht in den Zusammenhang stürzt, vor dem praktischen Zusammensturz, aller theoretische Glaube an die permanente Notwendigkeit der bestehenden Zustände. Es ist also absolutes Interesse der herrschenden Klasse, die gedankenlose Konfusion zu verewigen.“(1)


Die „Postmoderne“ ist seit den 90er Jahren ein Theoriekomplex, der für die Sozial- und Geisteswissenschaften von zentraler Bedeutung ist. Durch die weitgehende Reduzierung der Linken auf das liberale Bildungsbürgertum beherrscht der postmoderne Diskurs aber auch weite Teile linker sozialer Bewegungen. Die Folge ist nicht nur eine Entradikalisierung, sondern auch Entpolitisierung. Anlass genug, sich die Theorie der „Postmoderne“ genauer anzuschauen.

Bevor auf das Konzept der „Postmoderne“ näher eingegangen wird, erscheint es sinnvoll, zunächst das postmoderne Verständnis der Moderne zu erläutern, um ihre Abgrenzung von dieser besser erklären zu können.
Postmoderne Theoretiker/innen präsentieren ein sehr vereinfachtes, reduziertes Modell der Moderne und ihrer Ideologie, der Aufklärung. Da postmoderne Theoretiker/innen von einem Gesellschaftskonzept ausgehen, in dem der Überbau die Ursache für die Basis der Gesellschaft sei, erklären sie die ganze Moderne und ihre Probleme durch die die Moderne begründende Ideologie, die Aufklärung. Hauptkritikpunkt an der Aufklärung ist ihr Fortschrittsgedanke, der sich laut den Postmodernen nicht bewahrheitet habe, sondern in Auschwitz endete. Technischer Fortschritt war also nicht mit allgemeinem Fortschritt verbunden, sondern half mit bei der größten Niederlage der Menschheit.(2)
Schlussfolgernd geben die Postmodernen jedes emanzipatorische Projekt auf, und verkünden somit gleichzeitig den Kapitalismus als das Ende der Geschichte. So können sich unter dem Banner der Postmoderne vormals linke Intellektuelle, die durch den Niedergang der Arbeiter/innen/bewegung, durch den Faschismus, aber auch durch den Realsozialismus desillusioniert wurden, mit konservativen Intellektuellen vereinigen.
Der zweite wesentliche Kritikpunkt an der Moderne ist ihr Postulat allgemein menschlicher Werte. Ihren Anfang nimmt die Kritik an diesen bei Nietzsche, der meint, „die begrifflich verallgemeinernde ratio vergewaltige das Einzelne und Besondere.“(3) Später wird diese These von den Postmodernen noch mit der Totalitarismusthese verknüpft und sie kommen zum Schluss, dass Verallgemeinerung Totalisierung bewirke.
Wie lässt sich dies verstehen? Die Postmoderne hat ein konstruktivistisches Weltbild. Realität wird nach ihnen durch Sprache erzeugt. Wir denken in abstrakten Begriffen. Wenn wir beispielsweise an einen Tisch denken, so können wir dies nur, weil eine übergeordnete Kategorie bestimmt wurde, die gewisse Merkmale an Gegenständen herausnimmt (in diesem Fall senkrechte Stangen auf denen ein waagrechtes Brett befestigt ist) und daher den ganzen Gegenstand einem verallgemeinerten Begriff -Tisch- zuordnet. Alle anderen Merkmale des Signifikats (des Bezeichneten) werden dabei nicht beachtet, wenn wir über einen Tisch nachdenken, auch nicht bedacht. (Ein zugegeben vereinfachtes Beispiel, um vom Wesentlichen nicht abzulenken.) Zwischen dem Zeichen (Signifikant) und dem Signifikat ist also eine Differenz. Die Bezeichnung ist aber nicht willkürlich, sondern in einem historischen Kontext bestimmt. Die Regeln der Sprache werden aber nicht durch eine Korrespondenz zwischen Zeichen und Sachen bestimmt, der Wahrheitsanspruch muss selbstreflexiv, durch den Willen des Subjekts zur Wahrheit, getragen und legitimiert werden.(4)
Zusammenfassend: Die Postmoderne ist also antimaterialistisch. Sprache steht nicht in Wechselwirkung mit der Materie, sondern Sprache bestimmt unser Bild, unser Verständnis über Materie, allerdings in einem gewissen, von der Geschichte bestimmten Möglichkeitsrahmen. Auf den Prozess, wie das beschreibende Zeichen entsteht, wird nicht näher eingegangen, es unterliegt dem „freien Willen“.
Zur Unterdrückung kommt es nun, setzen „große Erzählungen“ ein. Mit „großen Erzählungen“ sind Theorien gemeint, die vorgeben, alles erklären zu können, universell zu sein. Da aber jeder nur von einem gewissen Standpunkt aus Theorien entwickeln kann, ist es laut der Postmoderne nicht möglich, über andere eine Aussage zu machen. Wahrheit kann nicht von außen bestimmt werden. Jeder Versuch, in der Gesellschaft abstrakte Modelle zu verwirklichen, führe zu „Totalitarismus“.

Die Schlussfolgerung, die die Postmodernen daraus ziehen, ist es, die Ganzheitsversprechungen zu bekämpfen. Differenzen und das Nicht-Darstellbare müssen betont, Ganzheitsversprechungen verworfen werden. Dies kulminiert in einem sich absolut lähmenden Individualismus. Theorien, die über das eigene Individuum hinausgehen, werden verworfen. Statt einer „his-story“ fordern sie eine „my-story“. „Mystory“ ist eine Geschichte über die Wahrnehmung, über die eigene Wirklichkeit. Die wissenschaftliche Entdeckung ist nicht unabhängig von einem selbst. Diese mystories sind nicht zu verstehen, sondern zu akzeptieren, sie ergeben sich in Folge von Wirklichkeitsausschnitten in der jeweiligen Wahrnehmung. (Ich kann nie die ganze Wirklichkeit wahrnehmen, sondern selektiere aus den mir eigenen Möglichkeiten und Wünschen heraus.)(5)
Auch wenn man dem Konzept erkenntnistheoretisch – dass die wissenschaftliche Erkenntnis nicht unabhängig von einem selbst ist - sicher einiges abgewinnen kann, so sind die Schlussfolgerungen der Postmoderne, keinen Kontext zuzulassen, der bindend und bestimmend ist - eine Voraussetzung für „große Erzählungen“! – meiner Meinung nach nicht sinnvoll. In ihrem Kampf gegen große Erzählungen tun sie so, als wären diese, genau wie die Postmoderne selber, Theorien, die sich nur mit geistigen Konstrukten der Gesellschaft befassen. Die postmodernen Theoretiker/innen banalisieren die Ideen der Aufklärung. Das Meisterstück der Postmoderne ist die (nicht ausgesprochene, aber implizit gemeinte) Leugnung der Dialektik des Marxismus, ja sie tun im Endeffekt sogar, als wäre dieser eine antimaterialistische Philosophie! Aufgrund der materiellen Vorraussetzungen, der Ausbeutung entwickelt die Arbeiter/innen/klasse revolutionäre Konzepte und Ideologien, die auf den Kampf wiederum zurückwirken und diesen beeinflussen, und führt diese aus. Es ist eben nicht umgekehrt, dass allein aufgrund fremdbestimmter Kategorien gedacht und gehandelt wird. Eben durch die materielle Lage und durch das eigene und kollektive Bewusstsein werden Definitionsmonopole den Herrschenden entrissen, wird für eine der Klassenlage entsprechende Gesellschaft gekämpft. Die postmodernen Gesellschaftstheoretiker/innen werfen den „großen Erzählungen“, also auch dem Marxismus aber vor, er würde subjektive Kategorien, Strukturen und Begriffe als objektiv verkaufen und diese anderen aufzwingen.
Dies können sie nur, indem sie die materiellen Ursachen der Fremdbestimmung ausklammern, den Überbau der kapitalistischen Basis zur Ursache erklärt. Sie hat zwar erkannt, dass soziale Konstruktionen gesellschaftlich und geschichtlich bestimmt sind, dass die Herrschenden das Definitionsmonopol inne haben, sie belassen es aber (meist) bei dieser Feststellung, um wieder zum Thema der diskursiven Fremdbestimmung überzugehen.
So folgt auch, dass postmoderne Gesellschaftskritik sich nur mit geistigen Phänomenen befasst, am Überbau der Gesellschaft herumdoktert, ohne gewillt zu sein, diese Symptome auf die Struktur und Funktionsweise des Kapitalismus zurückzuführen, da sie „große Erzählungen“ eben verhindern will, da sie ja genau diese als die Ursachen der Symptome bezeichnet. Das Ganze des Kapitalismus wird in selbstständige Wesenheiten aufgespalten, der Kapitalismus als Ursache kann somit nicht erkannt werden. Den völligen Relativismus kann die Postmoderne nur umgehen, indem sie, auf Umwegen, ein holistisches Verfahren einführt, das den Kapitalismus als Ganzes aus der Kritik herausnimmt. In ihrer Konsequenz dienen die postmodernen Theorien also der Verteidigung des Kapitalismus!

Status Quo verteidigende Theorien sind nichts Neues. Das Problem ist aber, dass die Postmoderne - ihre Pluralisierung der Identitäten und ihr Individualismus - wie schon zu Anfang erwähnt und allgemein deutlich, sich als links verstehende soziale Bewegungen bestimmt und sie pervertiert. Die neuen sozialen Bewegungen – die neue Frauenbewegung, die Studentenbewegung, ..., sie alle sind auch Kinder der Postmoderne. So wurde die Bewegung gegen „Schwarz – Blau“ von diesen neuen sozialen Bewegungen in vollem Maße unterstützt, da es um die Verteidigung der individuellen Entfaltungsmöglichkeiten des linksliberalen Bürgertums ging. Der Krieg gegen Jugoslawien war aber ein Feldzug gegen den „Totalitarismus“, konnte also nicht verneint werden.

Sonja Tschurlowicz

(1) siehe: Karl Marx, Brief an Kugelmann, 11.7. 1868, zitiert in: Robert Steigerwald, Abschied vom Materialismus? Zur Antikritik heutiger Materialismuskritik, Schkeuditz 1999, 150.
(2) „Mir scheint es tatsächlich unmöglich, so weiterzudenken ... so zu tun, als könne eine Art Aufklärungskonzept (...) einfach fortgesetzt werden. Ich meine, daß jede Philosophie, die den Emanzipationsgedanken ohne Vorbehalte aufnimmt, die Augen vor dem wesentlichen verschließt: vor der Niederlage dieses Programms (...) Es handelt sich keineswegs darum, daß Fortschritt nicht stattgefunden hat, sondern im Gegenteil, daß die wissenschaftlich-technische, künstlerische, ökonomische und politische Entwicklung die totalen Kriege, den Totalitarismus, das wachsende Nord-Südgefälle, die Arbeitslosigkeit und die neue Armut, den kulturellen Abbau mit der Krise des Bildungssystems möglich gemacht hat. Brutal gesprochen möchte ich sagen, daß ein Wort das Ende des modernen Vernunftideals ausdrückt, das ist: Auschwitz“ (siehe: J.-F.Lyotard, Du bon usage du postmoderne. Entrien avec Jean-Francois Lyotard, in : magazine litteraire 239/240, 1987.)
(3) siehe: Steigerwald, Abschied, 147.
Unter der Berücksichtigung, dass Nietzsche den Postmodernen eine ihrer wichtigsten Ideen geliefert hat – die Forderung nach dem freien Individuum (eines von den Werten der Aufklärung freien Individuums) – könnte die Parallele zu Nietzsches „moralinfreiem Übermenschen“ gezogen werden, des Prototyps des autoritären, an keine Moral gebundenen Menschen. Er spricht aus, dass für ihn die Gefahr emanzipatorischer Kultur darin besteht, das Zusammenleben auf der Basis von Herren und Knechten zu gefährden.
(4) vgl.: Robert Weimann, Das Ende der Moderne? Versuch über das Autoritätsproblem in unserer Zeit, in: Hans U. Gumbrecht et al. (Hrsg.), Postmoderne – globale Differenz, Frankfurt a.M. 1992 (2.Auflage), 35.
(5) vgl.: Rudolf Richter, Theorie der postmodernen Gesellschaft, in: Rudolf Richter (Hrsg.), soziologische Paradigmen. Eine Einführung in klassische und moderne Konzepte von Gesellschaft, Wien 1997, 190-205.