Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

 Ausgaben

Nr. 21 Herbst 2007
Nr. 20 Frühjahr 2007
Nr. 19 November 2006
Nr. 18 Mai 2006
Nr. 17 Februar 2006
Nr. 16 November 2005
Nr. 15 Juni 2005
Nr. 14 April 2005
Nr. 13 November 2004
Nr. 12 September 2004
Nr. 11 Mai 2004
Nr. 10 Jänner 2004
Nr. 9 November 2003
Nr. 8 September 2003
Nr. 7 Mai 2003
Nr. 6 März 2003
Nr. 5 Jänner 2003
Nr. 4 November 2002
Nr. 3 September 2002
Nr. 2 Juli 2002
Nr. 1 Mai 2002

 

 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 6 März 2003

Bewegung gegen den Krieg

Betrachtungen über eine weltweite Mobilisierung


1 Die letzten Monate und vor allem der 15. Februar haben gigantische Mobilisierungen gesehen. Eine Million in Florenz im Dezember, anlässlich des Europäischen Sozialforums. Am 15. Februar eine Million in London, drei Millionen in Rom, jeweils mehr als eine Million Menschen in Barcelona und Madrid, 500.000 in Berlin und auch in Wien immerhin noch 30.000. Diese Mobilisierungen brauchen keinen Vergleich in der Geschichte zu scheuen. Sie sind ein gewaltiges Zeichen gegen einen verbrecherischen Krieg.

2 Man sollte aber auch wissen, was diese Bewegung nicht ist. Das ist kein neues 68. Nach den gigantischen Demonstrationen gehen die Menschen wieder nach Hause, an Organisation und dauerhaftem Aktivismus bleibt wenig zurück. Stark im Gegensatz zu 1968, denn am Höhepunkt dieser Bewegung drängten täglich Hunderte in die Organisationen der radikalen Linken. Mobilisiert wird heute im Wesentlichen über den Medienapparat und über den Charme eines zum Event hochstilisierten Protestes, auch deshalb, weil ein wirklich verankerter und organisierter Kern dieser Bewegung fehlt. Das ist keine Kritik, nur eine Beobachtung: Hat man keine Aktivisten, muss man den Medienapparat benutzen, mit allen damit verbundenen Risiken. Wird ein Event verlangt, dann soll es ein Event geben. In Wien hat es in den letzten Jahren jedoch noch weit größere Mobilisierungen gegeben, ein ozeanisches Lichtermeer gegen Ausländerfeindlichkeit sowie zwei riesige Demonstrationen gegen die Regierungsbeteiligung der FPÖ. An Organisation ist in keinem dieser Fälle etwas übriggeblieben.

3 Auch die Aktionsformen dieser Bewegung sind eingeschränkt. Eigene Ablehnung des Kriegs wird öffentlich und gemeinsam kundgetan, andere Formen der Aktion kommen gar nicht in den Sinn. Das ist nicht nur eine Frage der Masse. Eine Million Menschen in London oder Rom könnten zweifelsohne Berlusconi oder Blair stürzen (das ist noch keine Revolution), die Regierungsviertel einfach besetzen, zumindest die italienische oder englische Beteiligung an diesem Krieg definitiv verhindern. Sie tun das nicht, politische Aktion jenseits der reinen Willensäußerung wird von den meisten als nicht passend angesehen. Auch das ist keine Kritik an den Organisatoren dieser Demonstrationen (sinnlos ist es, das Unmögliche zu verlangen), sondern eine Beobachtung. Daran muss sich aber die Überlegung anschließen, wie man die Aktionsformen dieser Bewegung weiterentwickeln könnte. Als wichtige Impulse fallen toskanische Kriegsgegner ein, die aktuell versuchen, Züge mit Kriegsmaterial zu blockieren, Blockaden von Militärstützpunkten in England und Irland, aber auch die Streiks und die Hafenblockade in Thessaloniki während der NATO-Aggression gegen Jugoslawien, mit der die griechische Antikriegsbewegung das Entladen und den Weitertransport von militärischer Ausrüstung und Nachschub zu behindern suchten, sicherlich die größte solche Aktion der jüngeren Geschichte.

4 Die politische Schwäche der Großdemonstrationen äußert sich auch in der starken Bezugnahme auf die deutsch-französische Opposition gegen den Krieg. Klar ist, dass diese Opposition ein wesentlicher Grund für die Stärke der Friedensbewegung ist, klar ist aber auch, dass versucht werden muss, die Unabhängigkeit dieser Bewegung zu bewahren. Die Vorgangsweise der deutschen und der französischen Regierung entspricht Eigeninteressen dieser Länder, nicht einer prinzipiellen Ablehnung dieses Krieges. Ein Kompromiss im Sicherheitsrat ist immer noch möglich, ebenso die Beteiligung an einem Besatzungsregime im Irak.

5 Viel von der weiteren Entwicklung der Bewegung gegen den Krieg ist abhängig von der Situation in der Region selbst. Ein schneller amerikanischer Sieg (und vieles spricht für diese Variante) wird zum sofortigen Zusammenbruch der Bewegung führen. Je länger der irakische Widerstand anhält – oder wenn es gar gelingt, einen echten Volkswiderstand gegen die Invasion zu entwickeln -, desto mehr Dynamik wird auch die Antikriegsbewegung annehmen. Das ist auch politisch zu verstehen. Militärische Schwierigkeiten der USA würden einen explizit antiimperialistischen Flügel der Bewegung gegenüber dem reinen Pazifismus stärken.

Stefan Hirsch