Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

Verkaufstellen:: Beiträge:: Impressum&Kontakt:: Abo:: Info mail:: Werben
suche:

 

 Aktuell

Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

 Ausgaben

Nr. 21 Herbst 2007
Nr. 20 Frühjahr 2007
Nr. 19 November 2006
Nr. 18 Mai 2006
Nr. 17 Februar 2006
Nr. 16 November 2005
Nr. 15 Juni 2005
Nr. 14 April 2005
Nr. 13 November 2004
Nr. 12 September 2004
Nr. 11 Mai 2004
Nr. 10 Jänner 2004
Nr. 9 November 2003
Nr. 8 September 2003
Nr. 7 Mai 2003
Nr. 6 März 2003
Nr. 5 Jänner 2003
Nr. 4 November 2002
Nr. 3 September 2002
Nr. 2 Juli 2002
Nr. 1 Mai 2002

 

 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 6 März 2003

Grimmige Märchen

Das Theater um die Beweisführung gegen den Irak wird zunehmend skurriler. Wer von den Agierenden glaubt eigentlich selbst noch, dass ihnen jemand Glauben schenkt?


Es entbehrt nicht gewisser Ähnlichkeit mit den Tagen vor dem Afghanistan-Feldzug, wie die treibenden Kräfte USA und Groß-Britannien versuchen, das Lager der Kriegsgegner zur schwächen, indem sie die Öffentlichkeit von der Gefahr des Irak unter Saddam Hussein überzeugen. Auch damals wurde versprochen, dass es die notwendigen Beweise gäbe, und diese auch vorgelegt würden. Bis auf Geheimdienstinformationen, die ihrem Wesen nach lediglich Informationen sind und keine Beweise, blieben Bush und Blair die Kriegsgründe allerdings schuldig.

Der Vortrag

Was aber im Oktober 2001 funktioniert hat, wird auch jetzt funktionieren. So jedenfalls muss es sich Colin Powell denken, wenn er praktisch täglich handfeste Beweise ankündigt. Allerdings hat die Weltöffentlichkeit nun nicht nur die Geheimdienstinformationen, die von den USA veröffentlicht werden, sondern im Irak sind, wieder einmal, die Waffeninspektoren unterwegs. Das macht die Sache für die USA natürlich keinesfalls leichter. Um so heftiger wurde verkündet, dass es die Beweise gäbe – und natürlich würden sie auch vorgelegt. Medial konditioniert warteten alle auf den Vortrag Colin Powells vor dem Sicherheitsrat der UNO. Nur einen Tag vor diesem Bericht hat Powell sich selbst entkräftet und darauf hingewiesen, dass er keine rauchenden Colts präsentieren wird können. Anfang Februar war es dann aber so weit und er präsentierte die geballte Ladung an Informationen, die die Zögerer in der UNO überzeugen sollten. Im Stile eines Vortrages in einer Realschule hat er alle Details bedacht. Eine Multimediashow beeindruckte zwar die österreichische Außenministerin, aber das hat glücklicherweise wenig Bedeutung. Die Inhalte der Präsentation waren mehr als dürftig. Vielerorts wird die Meinung vertreten, es wäre besser für die Kriegs-Interessen der USA gewesen, Powell hätte diesen Vortrag gar nicht gehalten. An Phantasie mangelt es ihm jedenfalls nicht – soviel steht fest. Im Handumdrehen werden LKWs zu mobilen Labors, die nicht nur imstande sind, chemische Waffen zu produzieren, nein sie fahren auch noch im Land umher. Von außen sind sie nicht von den übrigen LKWs im Irak zu unterscheiden. Das dürfte aber kein Problem darstellen – so erhöht sich eben die Zahl strategischer Ziele. Diese LKWs waren auch sehr schön zu sehen in Powells Vortrag, allerdings nur aus der Feder eines Grafik-Designers, der für das Pentagon oder eine Fahrschule arbeitet. Eine weitere zentrale Achse der Beweisführung gegen den Irak war die Verbindung zu Al-Kaida. Ungeachtet der Tatsache, dass selbst der britische Geheimdienst fest davon überzeugt ist, dass Bin Laden Hussein töten würde, wenn er nur könnte, behauptete Powell, dass es enge Verbindungen gäbe. Untermauert hat er dies mit einer Anordnung von Gesichtern, die zu Namen gehören, die Powell ohnehin nicht aussprechen kann, und die für die Glaubhaftigkeit notwendigen Verbindungslinien. Ein Organigramm also – das war’s. Die Spionageabteilung hatte auch noch ihren Auftritt, bei dem Satellitenfotos von LKWs vor nicht näher identifizierbaren Gebäuden gezeigt wurden, und weitere Fotos mit den selben Gebäuden - nur ohne LKWs. Der Schluß liegt nahe: Sie sind weggefahren. Die Frage nach dem Warum bleibt natürlich nicht offen, und wieder wird die literarische Qualität dieser Beweisführung strapaziert: Die LKWs waren Reinigungseinheiten, die die Gebäude vor den Inspektionen von Rückständen chemischer Waffenproduktion gesäubert haben. Das Resultat dieses Vortrages war es schließlich, dass sich Joschka Fischer wenig später bei der NATO-Konferenz in München zu den Worten „I am sorry, I am not convinced“ hinreißen ließ. Wer kann es ihm verdenken?

Die Panne

Bereits im September 2002 fühlte sich der britische Premierminister dazu bemüßigt, der Welt handfeste Beweise über Massenvernichtungswaffen im Irak zu präsentieren. Das Dossier enthielt aber wenig Überraschendes, nichts Neues und auch keine Beweise, sondern Mutmaßungen und aufbereitete Daten aus den letzten zehn Jahren. Selbst innerhalb seiner Labour Partei wurde das Dossier als wenig überzeugend in den Wind geschlagen. Viel gelernt scheinen er und seine Berater allerdings nicht zu haben. Denn ebenfalls Anfang Februar legten sie wiederum ein Schriftstück vor, das den Irak schwer belasten sollte. Mit diesem haben sie allerdings den Gipfel der Peinlichkeit abgeschossen. Wesentliche Teile dieses Dokuments wurden vom Geheimdienst einfach aus einem im Internet publizierten Artikel eines Studenten übernommen. Mit Rechtschreibfehlern natürlich. Ausgebessert wurden lediglich Zahlen, die die chemisch- biologische Waffenstärke des Irak illustrieren sollten – nach oben wohlgemerkt. Das Geheimnis blieb aber nicht lange eines. Die Vorgehensweise wurde am Tag darauf publik. Nichtsdestotrotz hielt Blair an der Richtigkeit der Informationen fest. Zugegeben, der eigentliche Autor bezog sich auf Daten aus dem Jahr 1991, aber diese wurden ja schließlich nachgebessert.

Die Inspektoren

Mehr oder weniger gegen den Willen der USA sind die Inspektoren wieder im Irak unterwegs, um Beweise zu sichern. Die Frage der Beweisführung ist allerdings umstritten. Die liegt nämlich in den Augen der USA so, dass der Irak beweisen muss, dass er keine von der UNO verbotenen Waffen mehr besitzt. Nun sollte man annehmen, dass, wenn die Inspektoren keine Hinweise auf Waffenproduktion finden, dem auch Genüge getan sei. Nicht aber, wenn man von der Kriegslogik der Bush Administration geleitet wird. Hier wird ein Nichtauffinden von Beweisen als Beweis dafür hergenommen, dass der Irak sie eben zurückhält und versteckt. Zur Not auch in LKWs.
Die Wochen vergingen, und alles, was man vom Chefinspektor Blix vernehmen konnte, war, dass der Irak immer mehr Kooperation zeigte und dass nichts gefunden wurde. Dies teilte er nun auch schon zweimal dem Sicherheitsrat mit. Das bisher gefundene Material schüchtert nicht einmal eine Provinzarmee ein. Ein kleiner Haufen leerer Sprengköpfe und ein Aluminiumrohr – und das war es. Für die USA alarmierend, denn die Sprengköpfe könnten doch einst mit chemischen Kampfstoffen gefüllt gewesen sein. Das Aluminium-Rohr - es könnte bei Anlagen zur Aufbereitung waffenfähigen Materials eingesetzt werden. Die Anlage rundherum wurde allerdings nicht gefunden. Es ist ja auch ein Bauteil, wie er zu Hunderttausenden in allen möglichen Maschinen – nicht nur der chemischen Industrie – zu finden ist. Keine „Smoking Guns“ also.

Das Tonband

Die Sternstunde des Colin Powell folgte dann Mitte Februar, als eine Tonbandaufzeichnung Osama bin Ladens auftauchte. In dieser Botschaft ließ Bin Laden keinen Zweifel an seiner Verachtung für Saddam Hussein. Als ungläubiger Sozialist hätte dieser seine Legitimität verloren. Trotzdem ruft er zum Kampf gegen die USA auf, die drauf und dran seien, ein Land nach dem anderen zu unterwerfen. Damit war es für die Bush-Regierung klar, dass der Schurke und der Schurkenstaat Irak unter eine Decke steckten. Ungeachtet der Berichte von Geheimdiensten, die diese Verbindung mehr als nur in Frage stellen. Denn, und das ist ja immerhin die eigentliche Legitimation des Präventivkrieges, man könne nicht zuwarten, bis der Irak wieder Massenvernichtungswaffen herstellen würde und diese an Terroristen weitergeben könnte.

Für einen Krieg, der Tausende Tote fordern wird, sind sehr viele ´wenn´, ´aber´ und ´möglicherweise´ im Umlauf. Bleibt die Hoffnung, dass die Gehirnwäsche durch ständige Wiederholung, selbst von offensichtlichen Lügen, nicht funktioniert.

Robert Fisch