Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

Verkaufstellen:: Beiträge:: Impressum&Kontakt:: Abo:: Info mail:: Werben
suche:

 

 Aktuell

Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

 Ausgaben

Nr. 21 Herbst 2007
Nr. 20 Frühjahr 2007
Nr. 19 November 2006
Nr. 18 Mai 2006
Nr. 17 Februar 2006
Nr. 16 November 2005
Nr. 15 Juni 2005
Nr. 14 April 2005
Nr. 13 November 2004
Nr. 12 September 2004
Nr. 11 Mai 2004
Nr. 10 Jänner 2004
Nr. 9 November 2003
Nr. 8 September 2003
Nr. 7 Mai 2003
Nr. 6 März 2003
Nr. 5 Jänner 2003
Nr. 4 November 2002
Nr. 3 September 2002
Nr. 2 Juli 2002
Nr. 1 Mai 2002

 

 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 6 März 2003

Linker Antisemitismus?

Zu den Vorwürfen des Antisemitismus an die Kritiker Israels


1Der Antisemitismusvorwurf gegen die Solidaritätsbewegung mit Palästina ist im Augenblick en vouge, ist fast schon Teil des gesellschaftlichen Mainstream geworden und besonders in der Linken Deutschlands und Österreichs weit verbreitet. Als Spitze des Eisbergs erscheint eine Aussendung des „Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstands“, das die „Antiimperialistische Koordination“ des „Antisemitismus im linken Gewand“ zeiht, nachdem diese eine Veranstaltung mit dem linken Israeli Michel Warschawski zum Thema „Antisemitismus und Antizionismus“ abgehalten hat. Auf weniger offizieller Ebene werden etwa vom linken Nachrichtendienst indymedia Österreich Texte verschiedener Gruppen, aber auch von progressiven jüdischen Intellektuellen wie Michel Warschawski, John Bunzl, Uri Avneri, Felicia Langer oder Noam Chomsky wegen Antisemitismus gelöscht. Immer wieder gab es empörte, überraschte Entgegnungen der Betroffenen, die allesamt aus einer politischen Tradition kommen, für die der Kampf gegen Faschismus und Antisemitismus immer Teil der eigenen Identität war. Es ist an der Zeit nicht nur zurückzuweisen, sondern Struktur und Gehalt dieser Antisemitismusvorwürfe zu analysieren. Zu Beginn gilt es den modernen Antisemitismus zu untersuchen, um schließlich beurteilen zu können, was davon bei der, angeblich antisemitischen, propalästinensischen Linken zu finden ist.

2Der moderne Antisemitismus ist ein Produkt des 19. Jahrhunderts und tritt seither in verschiedenen Formen auf. Seit dieser Zeit erscheint der Antisemitismus unter einem rassischen Paradigma, einer Konstruktion des Judentums als andersartiger und feindlicher Rasse. Von Anfang an wurde er von der politischen Rechten benützt und mit Verschwörungstheorien beladen. Die Monarchisten sahen die französische Revolution etwa als Verschwörung der Freimaurer und Juden.

3Seine volle Bedeutung erhielt der moderne Antisemitismus erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als er zu einer wesentlichen mobilisatorischen Ideologie rechter und rechtsextremer Massenbewegungen wurde. Die modernsten Formen des Antisemitismus, etwa bei Charles Maurras, dem Gründer der Action Francaise, oder bei Rosenberg, dem nationalsozialistischen Rassentheoretiker, sahen diesen immer verbunden mit einem neuartigen Verständnis von Nation, verstanden als quasibiologisches Ganzes, auf die Spitze getrieben in der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“, aus der die Juden als zu beseitigend ausgeschlossen wurden.

4Im Großen und Ganzen wurde dadurch die Nation zur Antithese jedes sozialen Konfliktes (etwa im Unterschied zur französischen Revolution), ihre Bestandteile nicht als mit unterschiedlichen Interessen ausgestattet, sondern als sich gegenseitig ergänzend betrachtet. Die verschiedenen Strömungen der europäischen Rechten und des Faschismus machten sich dieses Bild alle zu Eigen, von der „nationalsozialistischen Volksgemeinschaft“, über den Ständestaat, zum faschistischen Korporatismus. Der Antisemitismus konnte an diese Vorstellungen sehr leicht andocken, er versorgte die nationalen Gemeinschaften mit einem externen Feind. (Konnte, musste aber nicht. Für die dem italienischen Faschismus eigentümliche Fusion von maurrasschem Nationalismus und Anarchosyndikalismus war er nicht konstitutiv.)

5Wir fassen zusammen: Der Antisemitismus ist gegen die Juden als solche gerichtet. Es gibt für die Opfer keine Möglichkeit, sich dem zu entziehen (wie das zuvor etwa durch Konfessionswechsel gegeben war). Er ist gänzlich mythisch unterlegt, begründet sich aus sich selbst (wir sind gegen Juden, weil sie unsere Feinde sind), ein nicht hinterfragbarer Mythos. Er ist dabei eine essentiell harmonisierende Ideologie, immer verbunden mit gesellschaftlichen Vorstellungen, die sozialen Konflikt und echte soziale Veränderung grundsätzlich delegitimieren.

6Kritik an Israel kann durchaus, und das ist auch oft der Fall, in einer antisemitischen Tradition stehen, antisemitischen Vorstellungen entspringen – antisemitisch sein. Israelische Verbrechen können etwa benützt werden, um die Shoa zu relativieren, Israel kann abgelehnt werden, weil es jüdisch ist. Wir schicken voraus: Nichts von dem ist bei jenen linken Kritikern Israels zu finden, die heute in Österreich als antisemitisch verunglimpft werden. - Niemals ist ein Zusammenfallen der Kategorien jüdische Religion, jüdisches Volk oder Judentum mit den Kategorien Zionismus, israelischer Staat oder Nation oder israelische Politik festzustellen. Erstere (inklusive der herbeiphantasierten „jüdischen Rasse“) sind die Objekte des Antisemitismus und werden in der linken Kritik an Israel oder seiner Politik explizit nicht behandelt. Diese Kritik wendet sich also nicht gegen „die Juden“, sondern versucht ganz im Gegensatz dazu festzuhalten, dass die offizielle israelische Politik sich den Alleinvertretungsanspruch jüdischer Kultur zu Unrecht angeeignet hat. Das von der antideutschen Linken immer wieder beschworene „antisemitische Kollektiv“ der Palästinenser kennt auch kein Pendant auf der Seite linker Kritiker Israels. Im Gegenteil werden immer wieder die politischen Grundlagen des Konfliktes betont, eine Ethnisierung (im Sinne einer Frontstellung „Juden“ gegen „Araber“), wie sie leider immer wieder angenommen wird, wird beständig abgelehnt und bekämpft.- An Israel wird nicht sein Status als jüdisch, sondern Teile oder das Wesen seiner Politik, oder auch das gesamte politische Projekt kritisiert – nicht als jüdisch, sondern etwa als kolonialistisch oder kriegstreiberisch. - Die Kräfte, die heute Solidarität mit Palästina ausdrücken, sind sehr heterogen, haben unterschiedlichste politische Vorstellungen. Gerade die vom DÖW besonders angegriffene AIK hat in der heutigen Linken sehr exponierte Positionen (die zu weiten Teilen den traditionellen Positionen der palästinensischen Linken entsprechen), etwa das Insistieren auf einem gemeinsamen demokratischen Staat aller in der Region lebenden Völker und Religionen. Man kann diese Positionen einzeln und als Ganzes diskutieren, hinterfragen, kritisieren, ablehnen oder akzeptieren – und das ist gut so. Denn es handelt sich samt und sonders um politische Positionen, die einer politischen Debatte und Kritik unterzogen werden können und müssen, nicht um unhinterfragbare rassistische Mythen. Das ist eine der wesentlichen Gefahren (oder auch Ziele) des Antisemitismusvorwurfs – er beendet potentiell jede Diskussion und Auseinandersetzung.- Der soziale Konflikt wird nicht aufgelöst und durch das Pogrom ersetzt, ganz im Gegenteil wird der Konflikt im Nahen Osten wesentlich als sozialer Konflikt verstanden, der in der Gegenwart oft nationale Formen annimmt. Überquert man die grüne Linie von Israel in das Westjordanland, dann erkennt man einen Konflikt zwischen erster und dritter Welt.

7Wir fassen zusammen: Linke Kritik an Israel hat mit den antisemitischen national harmonisierenden Mythen der Rechten nichts zu tun. Sie behandelt politische Strukturen und Ideologien, widmet sich nicht der Feindschaft gegen eine konstruierte „Rasse“. Sie ist hinterfragbar. Sie dient nicht zur Verschleierung sozialer Konflikte.

8Jedem muss klar sein, dass hier kein rassischer Antisemitismus vorliegt, wahrscheinlich auch dem DÖW, denn sonst würde ja kein „linkes Gewand“ zugebilligt werden. Um hier Antisemitismus erkennen zu können, bedarf es zweier Bedingungen. Die eine ist eine Operation, die semantische Verschiebung genannt wird. Danach verstecke sich hinter der Kritik an Israel der Hass auf die Juden, antisemitische Einstellungen würden auf den Nahostkonflikt projiziert. Diese Methode ist intellektuell völlig unredlich, denn man kann schwer widerlegen, was man nicht gesagt hat. Die zweite Bedingung betrifft den eigenen Standpunkt. Um Kritik an Israel, die - so radikal sie auch sein mag - niemals als Feindschaft gegen Juden geäußert wird, als antisemitisch zu begreifen, muss man selbst auf dem Standpunkt stehen, dass Israel (sowie seine Politik) mit der jüdischen Kultur, der Religion oder dem jüdischen Volk heute zusammenfallen. Aus dieser Position heraus kann man dann selbst Jüdinnen und Juden, die immer gegen Antisemitismus aufgetreten sich, als Antisemiten beschimpfen.

9Diese Position ist arrogant und vereinnahmend. Sie ignoriert die reichhaltige politische Tradition der jüdischen Kultur. Als Erbe der radikalen Orientierung vieler jüdischer Intellektueller ist heute die Linke – in allen ihren Teilen, auch in jenen, die Israel kritisieren - stark von dieser Tradition geprägt. Welches Recht hat ein anonymer Moderator auf Indymedia John Bunzl oder Michel Warschawski durch die Bezeichnung „antisemitisch“ nicht als Repräsentanten dieser Kultur anzuerkennen? Mit der selben Logik, in der linke Kritik an der israelischen Politik als antisemitisch bezeichnet wird, könnte man auch Kritik an Michel Warschawski als antisemitisch bezeichnen. (Das tun wir hiermit nicht, denn wir teilen diese Logik nicht. Auch Warschawski hat keine Generalvollmacht für die jüdische Kultur zu sprechen, beansprucht sie auch nicht.)

10Diese Position ist gefährlich. Sie trägt zu einer weiteren Ethnisierung des Konfliktes bei. (Ohne dafür allein verantwortlich zu sein.) Wir folgen hier Michel Warschawski: Wer Kritik an Israel, die explizit zwischen diesem Staat und seiner Politik auf der einen und der jüdischen Bevölkerung und Kultur auf der anderen Seite unterscheidet, als antisemitisch bezeichnet, der erzeugt selbst die Einheit von Israel und Judentum, gewollt oder ungewollt. Damit wird aber im Umkehrschluss auch das Judentum für jede Menschenrechtsverletzung der IDF, für jeden völkerrechtswidrigen Siedlungsbau, dem Anschein nach mit in die Verantwortung genommen. Die Frontstellung „Juden“ gegen „Araber“, die man unbedingt verhindern muss, wird gestärkt, der Nahostkonflikt als ethnischer betrachtet. Diese Ethnisierung ist ohnehin vorhanden und sie ist hochgradig gefährlich. Sie erlaubt, dass jugendliche Araber in französischen Vorstädten Synagogen als israelische Symbole begreifen und attackieren. Sie erlaubt die Rezeption von Elementen des europäischen Antisemitismus in arabischen und islamischen Gesellschaften und Gruppen, obwohl dieser dort eigentlich völlig fremd ist. Ein Bekämpfen dieser Tendenzen kann nur gelingen, wenn die politische Natur des Konfliktes betont wird – eine Übertragung der Gefahren des europäischen rassischen Antisemitismus auf den Nahostkonflikt ist konterproduktiv.

11Letztlich hat die solcherart kreierte Identifikation von israelischer Regierung, israelischem Staat, jüdischer Bevölkerung und jüdischer Kultur weit mehr mit den nationalen Mythen der Rechten gemein als linke Kritik an Israel. Hier wird eine nationale Gemeinschaft gebildet, die nicht so weit entfernt ist von den organizistischen und korporatistischen Nationsbegriffen der Rechten.

12Der Antisemitismus ist in dieser Gesellschaft immer noch latent vorhanden und muss bekämpft werden. Aber er treibt nicht den palästinensischen Widerstand gegen die israelische Kolonialpolitik an, ebenso wenig wie die linken Kritiker Israels. Die inflationäre und unangebrachte Verwendung des Antisemitismusvorwurfes konstruiert eine Einheit aus israelischer Politik und Judentum, die der Ethnisierung des Nahostkonfliktes nicht nur nichts entgegenzusetzen hat, sondern diese vielmehr weiter befördert. An echtem Antisemitismus prallt dieser Vorwurf naturgemäß ab. Letztlich führt er zur Stärkung der aggressivsten Fraktionen der israelischen Regierung. All das muss zurückgewiesen werden.

Stefan Hirsch