Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 5 Jänner 2003

Der blutige November in Maan

Kriminelle, Dschihad-Gruppe oder Volksaufstand in Südjordanien?


Während in Jordanien Spekulationen über eine mögliche Teilnahme am Krieg gegen den Irak, politische Aufregung über die schon längst fälligen Parlamentswahlen und politische Debatten über die einheimischen und palästinensischen Ursprünge der Bürger das politische Leben in Amman prägten geschah im Süden des Landes einiges, was allen Streitparteien das Rampenlicht raubte. In der südjordanischen Stadt Maan brachen von neuem die hinter der bekannten jordanischen Politik von Zuckerbrot und Peitsche versteckten Widersprüche des von den Engländern errichteten Haschemiten-Reiches an die Oberfläche durch.

Der jordanische Abu-Sayyaf

Nach dem Attentat auf einen US-amerikanischen Diplomaten am 28. Oktober in Amman startete das jordanische Regime eine Verhaftungswelle islamischer Aktivisten in allen Städten. Mohammad Schalabi, genannt Abu-Sayyaf, wurde Anfang November in seinem Auto und in Begleitung seiner Frau von der Polizei angehalten. Bei einem Schusswechsel wurde er verletzt und von der Polizei in ein Spital gebracht. Kurz danach stürmten rund vierzig bewaffnete Verwandte das Spital und befreiten ihn. Nicht nur seine seit Jahren von den Behörden geduldete Organisation „Takfir und Hidschra“, sondern auch die Führer der großen Familien und der Beduinenstämme und ihre Verbindungen in Amman gewährten ihm Schutz. Da der Staat seine Macht gerade von diesen Familien und Stämmen erhält, vermied er die Konfrontation und versuchte, seine Auslieferung mit den Familienoberhäupter auszuhandeln. Jedoch lehnten Schalabi und seine Gruppe dies ab und veranstalteten im Zentrum von Maan eine Feier zu seiner Befreiung. Die meisten Bürger der Stadt gratulierten ihm und er gab einige Pressekonferenzen. Seine Auslieferung an die Regierung kommentierte ein Stammesführer: „Wir werden dagegen kämpfen. Der Staat soll zuerst die Korrupten, die Diebe und die Spione Israels in Amman verhaften“. Nach dem Ablauf des Regierungsultimatums am 10. November stürmten siebentausend Polizisten und Soldaten die Stadt. Sie wurde von Panzern der Armee umzingelt und die Polizei schnitt alle Verbindungen ab. Es kamen Meldungen über Feuerwechsel mit bewaffneten und maskierten Männern. Weitere Meldungen berichteten vom Tod dreier Zivilisten und der Verhaftung mehrerer Verwandter und Anhänger von Schalabi. Der jordanische Außenminister gab in seinem kurzen Statement nur bekannt, dass die Behörden die Stadt stürmten, „um eine kriminelle Gruppe zu verhaften, die mehrere Verstöße gegen das Gesetz begangen hatte“. Jedoch wurde die Behörde von der massiven Solidarität der Bevölkerung mit Schalabi überrascht. Die Stadtbewohner lieferten den Sicherheitstruppen eine ganztägige Straßenschlacht und verhinderten damit die Durchsuchungsaktionen. Hunderte Jugendliche maskierten sich auf palästinensische Art, blockierten die Straßen und bewarfen die Soldaten mit Steinen. Andere traten bewaffnet auf und schossen auf sie. Die maskierten Anhänger Schalabis verhüllten sich in Schwarz und schnallten sich Gürtel mit explosivem Material um den Leib. Am Nachmittag musste der Staat seine Kampagne unterbrechen, verhängte jedoch eine Ausgangssperre und riegelte die Stadt ab. Schalabi verlegte wider die Erwartungen der Sicherheitstruppen seinen Gefechtsstand aus dem Zentrum der Stadt in ein Hochhaus, wo er sich mit vier seiner Anhänger verschanzte. Dort verteidigte sich die Gruppe gegen den Sturm der Sicherheitstruppe, bevor sie in die umliegenden Täler entfliehen konnte und Schutz bei den Beduinenstämmen fand.
Die Ausgangssperre und die Verhaftungen blieben in Maan wochenlang bestehen. Die Regierung, die mit der Verhaftung der meisten Anhänger Schalabis und seines Stellvertreters, Mulla Khamis, glaubte, für Ruhe und Ordnung gesorgt zu haben, wurde aber von Intifada-ähnlichen Protesten überrascht. Weniger aus Solidarität mit Schalabi als aus Empörung über den Umgang des Staates mit den Einwohnern lieferten die Maaner der Regierung wochenlange Auseinandersetzungen.
Sie protestierten gegen die Repression, die Verhaftungen, den Tod ihrer Angehörigen, aber auch gegen die widrigen sozialen Umstände, in denen sich die vom Zentrum vernachlässigte Stadt befindet. Die Protestwelle dehnte sich auf die nahe gelegene Stadt Karak aus, wo die Massen nach dem Begräbnis eines in Maan gefallenen Polizisten die staatlichen Einrichtungen angriffen. Sie machten den Staat für den Tod des Polizisten verantwortlich. Bis Anfang Dezember dauerten die Proteste in Maan und konnten erst durch ein hohes Militäraufgebot unterdrückt werden. Der Staat bildete ein Komitee zur Untersuchung der sozialen Umstände in Maan und versprach den Stammesführern weitere Investitionen in die Stadt und weitere Stellen für die Maaner in der Regierung. Die traditionelle Art der Beruhigung war nur möglich, weil sich alle jordanischen politischen Parteien von den Ereignissen in Maan distanzierten: Die Regierung verbot Allen, ihre Version über eine kriminelle Bande zu bestreiten und lehnte jede Vermittlung ab. Die populären islamischen Führungen wurden für kurze Zeit verhaftet. Während die linken Parteien nur einen fairen Prozess für Schalabi und seine Anhänger verlangten und die Vorgangsweise der Regierung leicht kritisierten, boten sich die Moslemischen Brüder als Vermittler an. Eine politische Unterstützung war von keiner der politischen Parteien zu vernehmen. Alle unabhängigen Zeitungen wurden von einem seitens der Regierung organisierten Besuch in Maan ausgeschlossen.
Obwohl die Stadt heute unter der Kontrolle der Armee liegt, ist keine baldige Entspannung der Lage in Sicht. Die Glut brodelt unter der Asche.

Krise der jordanischen Opposition

Das ist nicht das erste Mal, dass im Süden Jordaniens ein Volksaufstand ausbricht. Obwohl die jordanischen Stämme im Norden und im Süden des Landes historisch die Stütze der Regierung bilden, kommt es seit der Staatsgründung ständig zu Konfrontationen mit der Regierung. In zu städtischem Leben gezwungenen beduinischen Gesellschaften in einem künstlich errichteten Staat ohne selbstständige Wirtschaft bieten die sozialen Probleme einen Nährboden für alle Oppositionsströmungen, die dort mehr als in der palästinensischen Gesellschaft in Amman starke Wurzeln schlagen konnten. Panarabische, sozialistische und schließlich islamische Bewegungen verfügen über eine breite Basis in den jordanischen Kleinstädten. Jedoch konnte die Regierung die komplexen Sozialstrukturen nützen, die Widersprüche innerhalb der beduinischen Gesellschaft und zwischen dieser und den seit 1948 hauptsächlich in Amman lebenden vertriebenen Palästinensern durch mehreren Aktionen und Maßnahmen zu vertiefen und sich dadurch als die einzig mögliche Balance darzustellen. Seit 1970 hatten alle Aufstände im Land einen stark lokalen Charakter und konnten immer durch die Armee und die mangelnde Solidarität der anderen Ortschaften unterdrückt werden. Dies ist auf den historischen Hintergrund der Staatsgründung zurückzuführen, die durch unterschiedliche Merkmale charakterisiert ist.
Zunächst spaltete die Aufteilung des Gebietes nach dem ersten Weltkrieg zwischen den Kolonialmächten England und Frankreich das Gebiet Südsyrien (Jordanien und Palästina) vom Norden ab. In Ostjordanien, wo es praktisch keine Großstädte gab, wirkt die Errichtung eines Staates für die Haschemiten mehr als künstlich und willkürlich. Die Ortschaften östlich vom Jordan wurden von den historischen politischen Zentren in Syrien und Palästina getrennt. Dies wirkte stark auf die wirtschaftliche und politische Entwicklung des Gebietes.
Genau so willkürlich wurde die Zentralmacht von den Engländern in die Hände der England-treuen Haschemitenfamilie gelegt. Die ostjordanischen Stämme, die historisch, kulturell und familiär mehr mit den jeweiligen Nachbarländern verbunden waren, konnten nicht geschlossen gegen die Haschemitenmacht auftreten und waren unfähig, eine Alternative zu bilden. Die Entwicklung einer jordanischen Opposition hängt immer noch von der Lage der fortschrittlichen Opposition in den Nachbarländern ab und kann daher in einer panarabischen oder panislamischen Form zustande kommen.
Die Vertreibung der Palästinenser im Jahr 1948 brachte die demographische Verteilung im Lande durcheinander. Die entstandene Flüchtlingsgesellschaft konzentrierte sich in der Hauptstadt Amman. Einerseits waren die zugewanderten Kapitalien und die Arbeitskraft sowie der Anschluss des Westjordanlandes der Hauptfaktor der Entwicklung eines Staatshaushaltes und einer Wirtschaft in diesem Wüstengebiet. Andererseits musste es zu einem Zusammenstoß zwischen der schwachen, jedoch vorhandenen und mit den beduinischen Stammesverhältnissen verflochtenen jordanischen und der zugewanderten palästinensischen Bourgeoisie kommen. Durch den Anschluss des Westjordanlands gewann jedoch die fortschrittliche Opposition an Potential. Die politische Bewegung in der städtischen Gesellschaft im Westjordanland, die durch den verlorenen Kampf gegen die englische Besatzung und die zionistische Landnahme verbittert, jedoch erfahrener und organisierter war, schloss sich der jordanischen an. So scheiterte der Eintritt Jordaniens in den von England ausgerufenen „Bagdader Pakt“ an den massiven Protesten, an denen die Bevölkerung zu beiden Seiten des Jordan teilnahm.
Nach dem Krieg von 1967, in dem Jordanien das Westjordanland verlor und jordanische Armee und Regierung vorläufig geschwächt wurden, konnten die zuvor verfolgten palästinensischen Guerillaorganisationen in Jordanien Fuß fassen. Nach einer erfolgreichen Konfrontation mit der israelischen Armee im März 1968 bekamen die Organisationen breiten Zulauf. Sie übernahmen scheinbar die Kontrolle über die Straße, brachten es aber nicht bis zum Sturz des Königsregimes. Die größte Organisation, Arafats Fatah, hielt an ihrer Politik der Nichteinmischung in die inländische arabische Politik fest, während die Linke (u. a. die PFLP) offen zum Sturz des Königs und zur Errichtung einer Volksmacht aufrief. Die jordanische Opposition blieb im Schatten der palästinensischen Organisationen. Für Arafat galt sie als eine Verhandlungskarte gegenüber dem König, durfte aber nicht selbstständig agieren. Das teilweise legitime Bedürfnis der palästinensischen Führung, die palästinensische Identität zu betonen, verhinderte eine Einheit der Gesamtbevölkerung gegenüber dem Regime. All dies nützte König Hussein aus, um einerseits Zeit zu gewinnen, seine Armee wiederaufzubauen und mit modernen amerikanischen Waffen auszurüsten, anderseits aber um die Loyalität der beduinischen Stämme und der städtischen Bourgeoisie für sich zu gewinnen. Im September 1970 tat er seinen vernichtenden Schlag. Das Ergebnis des „Schwarzen September“ bedeutete nicht nur die Vernichtung der bewaffneten palästinensischen Existenz in Jordanien, sondern auch eine langfristig wirkende Ausrottung der jordanischen Opposition. Der darauffolgende Tod des ägyptischen Präsidenten Nasser und der Kurswechsel seines Nachfolgers Sadat gelten als der zweite schwere Schlag. Die Siebziger waren einerseits eine Phase des Staatsterrors, um jeden Wiederherstellungsversuch der palästinensischen Guerillabewegungen im Keim zu ersticken, andererseits eine Phase der Entpolitisierung und des wirtschaftlichen Wachstums, das durch Gelder aus den Golfstaaten und von den Immigranten dort zustande kam.
Während die islamischen Bewegungen bereits in den Fünfzigern in Konfrontation mit den sozialistischen und panarabistischen Regierungen standen, genossen sie in den prowestlichen arabischen Ländern, wie Jordanien, Schutz und Bewegungsfreiheit. Als nach der Auflösung des jordanischen Parlaments und dem Verhängen des Ausnahmezustandes alle politischen Parteien verboten wurden, blieb die Moslemische Brüderschaft als die einzige erlaubte Partei und galt als eine zweite Stütze des Regimes. Sie stand mit dem Regime gemeinsam im Kampf gegen die linke und demokratische Bewegung. Ihre Führer verfügten über hohe Positionen im Bildungswesen, wo für konservative Werte und vor allem gegen den Kommunismus und auch gegen die Demokratie religiös argumentiert wurde. Im Schwarzen September 1970 begrüßte sie die Beseitigung der „Kommunisten“ und während des Krieges im Libanon 1982 lenkte sie die Öffentlichkeit auf Afghanistan, wo mit dem Segen des Regimes viele arabische, darunter jordanische Freiwillige zum Dschihad geschickt wurden. Das durch die Abwesenheit aller anderen Oppositionsparteien entstandene Vakuum brachte weitere soziale Schichten zur islamischen Bewegung, was zu einer Polarisierung in der Bewegung selbst führte. Nach der sehr bedingten Wiederherstellung des Parlaments im Jahr 1985 traten die islamischen Parteien als eine Opposition gegenüber den traditionellen Stammesführungen, aber auch gegenüber den säkularen Parteien auf, deren Führungen entweder im Exil lebten oder in den Staat integriert wurden. Der für die Oppositionsrolle notwendige Abstand vom Palast spaltete die Führung der islamischen Bewegung. Die sozialen Widersprüche und die Afghanistan-Rückkehrer katalysierten den Spaltungsprozess. Es entstanden kleinere bewaffnete Bewegungen mit beschränkten Aktivitäten, die vom etablierten Sicherheitsdienst schnell aufgedeckt wurden. Dass aber eine Gruppe, wie die von Abu Sayyaf, die islamistische Ideologie mit den Stammesverhältnissen kombinieren und dadurch politische Massenproteste auf die Beine stellen konnte, ist erstmalig und stellt das Regime vor weitere schwere Probleme.

Hans Neisser