Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

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 Aktuell

Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

 Ausgaben

Nr. 21 Herbst 2007
Nr. 20 Frühjahr 2007
Nr. 19 November 2006
Nr. 18 Mai 2006
Nr. 17 Februar 2006
Nr. 16 November 2005
Nr. 15 Juni 2005
Nr. 14 April 2005
Nr. 13 November 2004
Nr. 12 September 2004
Nr. 11 Mai 2004
Nr. 10 Jänner 2004
Nr. 9 November 2003
Nr. 8 September 2003
Nr. 7 Mai 2003
Nr. 6 März 2003
Nr. 5 Jänner 2003
Nr. 4 November 2002
Nr. 3 September 2002
Nr. 2 Juli 2002
Nr. 1 Mai 2002

 

 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 5 Jänner 2003

Die Lüge vom Sieg

Nichts vom Versprochenen ist in Afghanistan ein Jahr nach dem amerikanischen Bombenkrieg eingetroffen. Weder hat sich die soziale und wirtschaftliche Situation der Masse der Afghanen verbessert, noch die realen demokratischen Freiheiten. Im Gegenteil, de facto verschlechterten sich die elenden Lebensbedingungen noch weiter. Die Kriegsherren herrschen mit offener Gewalt, die Kriminalität greift um sich, die Rechte der Frauen werden weiter mit Füssen getreten, nun nicht unter dem Titel des Islam, sondern unter der Herrschaft des Recht des Stärkeren. Einziger Lichtblick: der wachsende Widerstand gegen die westliche Soldateska.


„Wider die islamische Barbarei”

Nach dem 11. September musste schleunigst ein Sündenbock her, der, medial entsprechend aufbereitet, geschlachtet und an dem so die erfahrene Demütigung gerächt werden konnte. Ohne jegliche Beweise – die übrigens bis heute nicht beigebracht werden konnten – wurden Bin Laden und Al Quaida als Täter identifiziert. Da die in Afghanistan mit pakistanischer Unterstützung und amerikanischer Duldung, übrigens bis ganz zum Schluss, an die Macht gekommenen Taliban jene nicht auszuliefern bereit waren, mussten vor allem sie und das afghanische Volk daran glauben, obwohl sie nicht das geringste mit den Anschlägen zu tun gehabt hatten. Bin Laden und Mullah Omar konnte man jedoch noch immer nicht habhaft werden. Statt der versprochenen Beweise sind indes vielmehr zahlreiche Ungereimtheiten in der offiziellen Darstellung des Tathergangs aufgetaucht, die selbst in den amerikanischen Mainstream-Medien für Aufsehen gesorgt haben.
Viel weniger als im Kriege gegen Jugoslawien bemühten sich die USA in Afghanistan ihre imperialistischen Interessen, von ihnen als „nationale Sicherheitsinteressen“ bezeichnet, mit humanitären und demokratischen Argumenten zu verschleiern. Wo sie es doch versuchten, führten sie die „islamische Barbarei“ der Taliban ins Treffen.
An dieser Stelle sei abermals bemerkt, wie verlogen dies war und ist. Im Kampf gegen die demokratischen und sozialrevolutionären Kräfte, die die Emanzipation der Frau forciert hatten, unterstützten sie die reaktionärsten islamischen Kräfte. Es waren diese Verbündeten der USA, die jungen, mit der Alphabetisierung der Mädchen beauftragten Lehrerinnen und Studentinnen Säure ins Gesicht schütteten oder die Kehle durchschnitten. Die westlichen Medien, bis auf wenige Ausnahmen wie Robert Fisk, schwiegen darüber und konzentrierten sich auf die Missetaten der Sowjets.
Nachdem die Mudschaheddin 1992 die ehemals von Russland gestützte Regierung gestürzt hatten, brach erst die wirkliche Katastrophe über Afghanistan herein. In einem mörderischen Krieg um die Verteilung des Kuchens zwischen den verschiedenen Mudschaheddin-Fraktionen wurde vertrieben, vergewaltigt, geplündert, wie es in dreizehn Jahres des Bürgerkriegs nicht vorgekommen war. Erst damals verwandelte sich Kabul in die Ruinenstadt, wie wir sie heute kennen, in der über 90% des Häuserbestandes in Schutt und Asche gelegt wurden.
Die Entwicklung der Taliban-Bewegung war eine Reaktion auf das Versagen der Mudschaheddin. Sie brachten das Aufbegehren des durch den Krieg entstandenen Lumpenproletariats (ein vom bekannten pakistanischen Journalisten Ahmed Rashid aufgebrachter Begriff) gegen die Kriegsherren zum Ausdruck. Ihr Siegeszug nicht nur im paschtunischen Südosten, sondern auch in vielen von den Minderheiten dominierten Regionen stand wesentlich damit in Zusammenhang, dass sie eine staatliche Ordnung mit ihrer Interpretation der Scharia einführten. Kriminalität, marodierende Banden, Vergewaltigungen nahmen ab. Öffentliches Leben sowie eine rudimentäre wirtschaftliche Betätigung – wenn auch nach den eigentümlichen, aus dem Koran entlehnten Vorstellungen einer vorkapitalistischen Gesellschaft, die es in Afghanistan schon lange nicht mehr gibt – wurden zumindest ermöglicht. Erst als klar wurde, dass es auch ihnen nicht gelingen würde das Land zu einigen und hinter dem Panislamismus das paschtunische Element immer stärker zum Vorschein kam, wandten sich vor allem die Minderheiten des Nordens und Westens von ihnen ab.
Heute ist die Situation, wie sie zwischen 1992 und 94 vorherrschte, praktisch wieder hergestellt. Ständige, auch bewaffnete Konflikte zwischen den Milizen der Kriegsherren, die oft auf ethnischer Basis organisiert sind. Kriminalität und Drogenhandel dominieren das soziale Leben. Von den vollmundig versprochenen Krediten ist wie so oft erst ein Bruchteil ausgezahlt worden. Formal sind zwar die von den Taliban gegen Frauen verhängten Verbote aufgehoben, de facto existieren sie aber weiter. Belästigungen und Vergewaltigungen sind an der Tagesordnung, genauso wie die Prostitution. In der sozialen Realität hat sich die Lage der Frauen um keinen Deut verbessert, wenn nicht sogar weiter verschlechtert.
Die Befreiung von der „islamischen Barbarei“ hat die Masse der Afghanen in die Barbarei des realen Dritt-Welt-Kapitalismus, regiert von rivalisierenden Kriegsherren, gestürzt.


Besetztes, verseuchtes und verbranntes Land

Zimperlich sind die Amerikaner bei ihrem Krieg gegen die Taliban und Al Quaida nicht gerade vorgegangen:
Das Massaker an bereits gefangen gesetzten Kämpfern der Taliban, bei dem an die 7.000 Menschen bestialisch ermordet und in der Wüste nur notdürftig verscharrt worden sein sollen, hat sich bereits herumgesprochen. Einer von einem irischen Journalisten gestalteten Fernseh-Dokumentation konnte von den USA nur mehr mit einem Untergriff aus dem Kalten Krieg begegnet werden – die deutsche PDS habe sie bestellt. Wie glaubwürdig die Vorwürfe gegen die US-Militärs sind, kann aus ihrem Vorgehen gegen die wie wilde Tiere gehaltenen Gefangenen von Guantanamo ersehen werden. Wenn sich trotz des Medienechos an der unmenschlichen Behandlung kaum etwas geändert hat, so kann man sich gut vorstellen wie Armee und Geheimdienst vorgehen, wenn sie sich unbeobachtet glauben. Doch richtet sich der andauernde vermeintliche Anti-Terror-Krieg vor allem gegen die Zivilbevölkerung. Immer wieder werden ganze Dörfer ausgerottet und Familienclans kollektiv für ihren Widerstand gegen die Okkupationssoldaten, der automatisch als Unterstützung für Al Quaida gilt, bestraft. Während in den westlichen Medien nur in den seltensten Fällen darüber berichtet wird, sind die Zeitungen vor allem in der paschtunischen Zone Pakistans voll mit entsprechenden Berichten. Analogien mit dem Schmutzigen Krieg der USA in Lateinamerika in den 70er und 80er Jahren lassen sich kaum abweisen.
Bei ihren Flächenbombardements haben die USA die letzten Waldbestände des Wüstenstaates schwer in Mitleidenschaft gezogen. Um dem Widerstand den Garaus zu machen, sind gigantische Flächen einzigartigen und lebenswichtigen Gebirgswald in Brand gesetzt worden. Nach Angaben aus der Region wurden ebenso zum Teil Jahrhunderte alte, für die Oasenwirtschaft unerlässliche Bewässerungssysteme angegriffen und so der Bevölkerung die Lebensgrundlage entzogen.
Doch für am folgenschwersten könnte sich der erstmalige massive Einsatz von bunkerbrechenden Waffensystemen aus abgereicherten Uran (DU) erweisen. Zahlreiche Indizien weisen darauf hin, dass der massive Anstieg von durch Radioaktivität verursachten Krankheiten und genetischen Missbildungen vor allem im Süden des Irak aber auch in Jugoslawien auf den Einsatz von DU in panzerbrechender Munition zurückzuführen ist. Auch das Golfkriegssyndrom bei angloamerikanischen Soldaten, das mittlerweile bereits mehrere Prozent der Truppe befallen hat, wird darauf zurückgeführt. Selbst die Militärs mussten dies bereits indirekt zugeben. Doch diese Geschosse enthalten maximal einige Dutzend Gramm abgereicherten Urans. Der in Afghanistan vielfach zum Einsatz gekommene Raytheon Bunker Buster (GBU-28) kann bis zu 1,5 Tonnen (!) dieses extrem gefährlichen Materials enthalten (siehe Le Monde Diplomatique, März 2002). Die Folgen für die Bevölkerung sind unabsehbar.


Der Sieg, der keiner war

Medial wurde die Vertreibung der Taliban von der Macht als großer Sieg des amerikanischen Rachefeldzuges zelebriert. Doch nach mehr als einem Jahr hat sich der Staub des Schlachtgetümmels gelegt und die Realität erscheint in klarerem Licht.
Wie auch in dieser Zeitschrift mehrfach vorausgesagt, ist es den USA in keiner Weise gelungen ein stabiles Marionettenregime zu installieren. Die Autorität der Regierung Karsai reicht gerade einmal an die Stadtgrenzen Kabul – und das nur bei Tag. Ohne den Schutz der westlichen Soldateska könnte sie sich keinen einzigen Tag im Amt halten.
Die verschiedenen Kräfte der Nordallianz, vor allem die Panschjir-Tadschiken, hüten eifersüchtig ihre Machtpositionen. Zahlreiche Morde und Anschläge demonstrieren wie hart dieser Kampf ausgetragen wird. Dass die Nordallianz zwar mit den USA kooperiert, aber keineswegs ihre Marionette und vielmehr unter russischem und iranischem Einfluss steht, ist bekannt.
Wie ebenfalls vorausgesehen wächst der Unmut unter der paschtunischen Mehrheitsbevölkerung, die sich nicht genügend repräsentiert fühlt. Beispielhaft für die aufziehenden Gewitterwolken war eine kurze aber kräftige Studentenrevolte im vergangenen Herbst, als vorwiegend Paschtunen gegen die unhaltbaren sozialen Zustände am Campus von Kabul spontan demonstrierten. Die tadschikische Polizei schoss umgehend in die Menge und hinterließ mehrere Tote sowie rund ein Dutzend Verletzte.
Dieses Moment des Protests verleiht sich auch im zunehmenden bewaffneten Widerstand gegen die US-Truppen Ausdruck. Konnte man bis vor wenigen Monaten davon ausgehen, dass es sich bei bewaffneten Zusammenstößen vor allem um Rückzugsgefechte der Islamisten handelte oder um Konflikte rivalisierender Clans, in die Amerikaner hineingezogen wurden, so scheint es zunehmend zu organisierten und geplanten Angriffen auf westliche Soldaten und Militärgerät zu kommen, was in letzter Konsequenz auf den konsolidierten Einfluss der Taliban-Reste schließen lässt.
Bei jedem Hubschrauberabsturz, bei jedem Verlust beeilen sich die Militärs Feindeinwirkung abzustreiten und technische Defekte vorzuschieben. Während die Opferzahl nach eigenen Angaben bei wenigen Dutzend liegt, geben nicht nur islamistische Quellen, sondern auch pakistanische Medien weit höhere Verluste an.
Der Pyrrhus-Sieg der Amerikaner wird immer klarer erkennbar. Die Chancen auf eine stabile Regierung unter ihrem Einfluss schwinden, unkontrollierbare Kriegsherren konsolidieren ihre Macht und der islamistische Widerstand gegen die westliche Truppenpräsenz intensiviert sich nicht nur, sondern gewinnt unter der paschtunischen Bevölkerung an Einfluss. Von der für die Rache des guten, weißen Mannes so wichtige Ergreifung von Bin Laden und Mullah Omar kann indes schon nicht mehr die Rede sein.

Willi Langthaler