Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

Verkaufstellen:: Beiträge:: Impressum&Kontakt:: Abo:: Info mail:: Werben
suche:

 

 Aktuell

Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

 Ausgaben

Nr. 21 Herbst 2007
Nr. 20 Frühjahr 2007
Nr. 19 November 2006
Nr. 18 Mai 2006
Nr. 17 Februar 2006
Nr. 16 November 2005
Nr. 15 Juni 2005
Nr. 14 April 2005
Nr. 13 November 2004
Nr. 12 September 2004
Nr. 11 Mai 2004
Nr. 10 Jänner 2004
Nr. 9 November 2003
Nr. 8 September 2003
Nr. 7 Mai 2003
Nr. 6 März 2003
Nr. 5 Jänner 2003
Nr. 4 November 2002
Nr. 3 September 2002
Nr. 2 Juli 2002
Nr. 1 Mai 2002

 

 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 5 Jänner 2003

Revolte, Krieg und Subjekt

Kurzthesen der Revolutionär Kommunistischen Liga zum komplizierten Weg der Subjektwerdung einer neuen Arbeiterklasse in Europa


1Die alte Arbeiterklasse wurde in einem dialektischen Prozess politisch und sozial im Laufe des letzten Jahrhunderts in den Kapitalismus integriert. Sie ist von einer Klasse zu einer sozialen Schicht geworden, deren Interessen zuweilen in Konflikt mit jenen der Bourgeoisie geraten, aber keinen antagonistischen Charakter annehmen. Das alte Proletariat mag mit den Gewerkschaften und auch der Sozialdemokratie ein politisches Subjekt sein, jedoch klassenmäßig bestimmt ist es nur ein bürgerliches.

2Das nun bereits zwanzig Jahre anhaltende liberale Roll-Back schafft eine neue Arbeiterklasse, die politisch und sozial nichts von dem Status, den sich die alter Arbeiterklasse erworben hat, genießen kann. Sie wächst – insbesondere im führenden kapitalistischen Land, den USA – weiter an. Doch sowohl in den USA als auch in Europa ist diese neue Schicht, dem die Populärsoziologie den Namen „working poor“ gegeben hat, politisch passiv und daher weitgehend unwirksam geblieben. Es ist weit davon entfernt, sich zum Subjekt zu konstituieren, geschweige denn zu einem antagonistischen.

3Die Gründe für die politische Passivität sind vielfältig:

· Die Prekarität und die daraus folgende Ersetzbarkeit im Arbeitsprozess
· Die neoliberale Architektur des Produktionsprozesses, die die Arbeiter hierarchisch um ein privilegiertes Zentrum herumlagert, die Arbeiterklasse so segmentiert und große Konzentrationen entsprechend den Erfahrungen aus vergangenen Klassenkämpfen vermeidet. So kann die neue Arbeiterklasse vom Zentrum der Produktion an den Rand gedrängt und zerteilt werden, während die alte Arbeiterklasse, die Komanagement-Funktionen übernommen hat, politisch dominiert.
· Dequalifizierung
· Multinationalität, die die traditionelle Form des Zusammengehörigkeits- und Solidaritätsempfindens unter der Arbeiterschaft erschwert.

All das sind Momente, die ihre Bedeutung und ihr Gewicht erst im Rahmen der historischen Niederlage erlangen, die die Arbeiter- und insbesondere die kommunistische Bewegung hat einstecken müssen. Es ist das dadurch entstandene politische Vakuum, die sich daraus ergebende Perspektivlosigkeit, die die Passivität erzeugt.
Bisweilen unterstützen diese neuen proletarischen Schichten daher den Liberalismus oder Rechtspopulismus. Grundlage der Tendenz zu Letzterem ist die Ablehnung eines politischen Systems, das äußerlich noch dem Nachkriegssystem ähnelt, seinem Inhalt nach allerdings schon liberal ist und dessen Opfer die neue Arbeiterklasse ist. Die Hoffnungen pendeln zwischen den Sirenengesängen individualistischer Erlösung durch die Segnungen des konsumistischen Liberalismus und den leeren mobilisatorischen Parolen des Chauvinismus und Sozialpopulismus.

4Die Position der neuen Arbeiterklasse tendiert dazu, Partialkämpfe zu erschweren. Im Wesentlichen hängt das mit ihrer Ersetzbarkeit und Dequalifizierung sowie dem tendenziellen Überangebot an Arbeitskräften (nicht immer und überall, aber zumindest ist das eines der Ziele des Liberalismus) in diesem Bereich zusammen. Auf einer allgemeinen Ebene der Analyse folgt daraus, dass die Revolte total sein muss, das heißt sie umfasst die Mehrheit und ersetzt die fehlende Kraft in der Produktion durch Transzendieren des Sozialen ins Politische, oder sie ist nicht. Doch diese Bestimmung allein hilft noch nicht weiter, da sie den elementaren Prozess der Politisierung der neuen Arbeiterklasse bis zur „totalen Revolte“ nicht fassen kann. Denn diese totale Revolte kann nur dann als sinnvoll erscheinen, wenn sie auf Kräfteverhältnisse stößt, die einen Erfolg zumindest nicht ausschließen. Und diese sind heute in keiner Weise gegeben. Es geht darum, die Modalitäten des Politisierungsprozesses zu untersuchen und politisch fassbar zu machen.

5Solange das Regime der Alternanz, der amerikanische Bipartitismus, stabil und intakt ist, keine tiefe Krise durchläuft, die durch eine Kombination wirtschaftlicher, sozialer und politischer Faktoren sowie besonders auch internationaler Entwicklungen bedingt wird, besteht wenig Hoffnung, die hegemoniale Kraft des Systems zu erschüttern. Die elementare Subjektwerdung der neuen Arbeiterklasse wird vorerst einmal von Brüchen im System abhängen, die durch die Stöße anderer Schichten und Subjekte der kapitalistischen Gesellschaft ausgelöst werden. Diese Schichten – so wenig sie antagonistisch sein mögen – sind vorerst artikulationsfähiger. Dazu können zählen:
· Proteste der herabgedrückten Mit-telschichten und der Intelligenz nach dem argentinischen Modell
· Proteste der alten Arbeiterklasse
· Rechtspopulismus, der das politische System wider Willen destabilisieren könnte (wenn er nicht durch Feiglinge wie Haider geführt wird).
Im Gefolge ihrer Proteste, eventuell in ihrem Schlepptau, könnten sich die neuen proletarischen Unterschichten in Bewegung setzen. Dabei werden und können sie nicht nach dem klassischen Muster zuerst ihre sozialen und dann ihre politischen Interessen formulieren, sondern sind gezwungen, das gleichzeitig zu tun.

6 Obwohl nur mittelbar eine soziale Frage, ist die Ablehnung der imperialistischen Kriege und Aggressionen für die Konstituierung der neuen Arbeiterklasse als antagonistisches Subjekt entscheidend. Denn sie öffnet die Tür zum einzigen wirklichen Bündnispartner, dem antiimperialistischen Widerstand an der Peripherie. Verfällt die neue Arbeiterschaft in dieser Frage in den weitverbreiteten Chauvinismus, dann ist sie verurteilt ein Anhängsel der Bourgeoisie zu bleiben. Gelingt nicht die bewusste Überwindung des Chauvinismus in Form einer neuen antiimperialistischen Klassensolidarität, dann kann sich die neue Arbeiterklasse auch nicht als selbständige Kraft konstituieren. Sozialer Protest könnte dann eine protofaschistische Form annehmen.

7Bis jetzt hat sich in der neuen Arbeiterklasse noch keine bemerkbare eigene Intelligenzschicht gebildet, keine „organischen Intellektuellen“, wie sie Gramsci nannte. Doch die Pauperisierung auch intellektueller Arbeit, beispielsweise im Bildungswesen die zunehmende Disproportionalität zwischen dem Durchsatz der in den 70er Jahren formierten geisteswissenschaftlichen Studienrichtungen und der Absorptionskraft des Arbeitsmarktes, könnte die Entwicklung einer solchen begünstigen. Es bleibt jedoch ein allgemeines Gesetz der Politik, dass der Anstoß dazu von „oben“, von „außen“ kommen muss, wie es Lenin nannte. Wenn es einem neuen kommunistisch-leninistischen Projekt nicht gelingt, einen gesellschaftlich sichtbaren, politischen Kristallisationspunkt zu bilden, dann wird sich die neue Arbeiterklasse nicht zu einem handelnden Subjekt konstituieren.