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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 5 Jänner 2003

Roland Barthes´ Mythen

Die radikalen und subversiven Implikationen seiner Schriften, deren – immerhin mögliche – Verlängerung in die politische Praxis nicht erfolgte, wurden von der übermächtigen Suprematie „bügerlichen Denkens“ erstickt.


Roland Barthes und der Mythos

Roland Barthes hat sich einen Platz an den Universitäten erobert. Eine ungeheure Menge „moderner Denker“ meint, ohne ihn nicht mehr auszukommen. Die Wissenschaft bedient sich seiner, sowohl jene der Sprache als auch jene der Literatur. Frankreich hält ihn hoch, seine „angewandte Methode kritischer Befragung gesellschaftlicher Verhältnisse hat Schule gemacht“(1). Zweifelsohne wird er im Pantheon französischer Denker neben Jean Paul Sartre und Claude Lévi-Strauss seinen Platz finden. Roland Barthes ist zum Objekt des „kritischen Intellektuellen“ geworden, der einen angenehmen Schauder bei der (rein virtuellen) Selbstentblößung empfindet. Die radikalen und subversiven Implikationen seiner Schriften, deren – immerhin mögliche – Verlängerung in die politische Praxis nicht erfolgte, wurden von der übermächtigen Suprematie „bügerlichen Denkens“ erstickt, durch „Aneignung“ entschärft oder schlicht und ergreifend als „unerbaulich“ verschwiegen. Roland Barthes („Es ist richtig, dass es in meinem geschriebenen Diskurs keinen politischen Diskurs, im thematischen Sinne des Wortes gibt: ich behandle Themen [...] nicht direkt politisch“ (2)) ist kein primär politischer Autor. Auch deshalb ist seine Person von der Macht vereinnahmt worden und nicht durch die Linke („was die Dinge durcheinanderbringt ist, daß ich nicht den ‚Stil’ der Linken besitze“(3)). Das sollte hingegen kein Hinderungsgrund sein, sich mit der Bedeutung z.B. seiner Mythenerfassung auseinanderzusetzen. Die Semiologie befasst sich mit Bedeutungen, folglich muss sie politisch werden, sie befasst sich mit Zeichen als Form für Bedeutung, folglich ist ihr Gebiet global und universal. Bedeutendes Zeichen kann alles sein! Die Semiologie bestimmt den Charakter von Barthes Mythologie, er ist Mythologe und spürt Mythen nach, doch ist er (aus dieser Funktion heraus!) radikaler, als eine oberflächliche Lektüre seiner Sätze vermuten ließe. Er sagt z.B.: „Und es fehlt uns vielleicht eine Praxis des politischen Zuhörens.“ (4) Das gemahnt einen sofort an linksliberale Äußerungen über politische Toleranz, fasst aber eigentlich eine politische Notwendigkeit ein: es genügt nicht, sich auf die politische Welt zu beschränken. Denn es ist gleichwohl unnabdingbar, in Hinblick auf politischen Zweck und aus politischer Motivation heraus, den Feind in seiner ganzen Komplexität zu begreifen, ihm „zuzuhören“. Dafür ist es wesentlich, die Durchdringung aller uns umgebenden Welt mit Mythen zu erkennen, den Mythos zu begreifen und die Schlüssigkeit wie die Schlussfolgerungen der Barthschen Mythoskonzeption zu überprüfen. Natürlich ist es nicht verlangt, Mythologe zu werden. Doch was Roland Barthes zum Mythos schreibt, hilft, den Mythos zu erkennen und sich die Form der gegenwärtigen ideologischen Herrschaft zu vergegenwärtigen. Seine Beispiele sind interessant und die von ihm angegebenen Figuren lehrreich.Über seine „tragische“ Position war sich Roland Barthes zudem selbst ganz im Klaren, eine determinierte Argumentation dessen, was Mythologie (=Analyse, Kenntlichmachen der mythischen Aussage durch den Mythologen) als solche zu leisten im Stande sei: „Die Entschleierung, die sie vornimmt, ist also ein politischer Akt. [...] Es ist sicher, daß in diesem Sinne die Mythologie eine Zustimmung zur Welt ist, nicht so, wie sie ist, sondern so, wie sie sich schaffen will [...]. Zwar wird der Mythologe durch die Politik gerechtfertigt, aber er bleibt von ihr entfernt. Seine Aussage ist eine Metasprache, sie bewegt nichts. Allenfalls entschleiert sie; doch für wen? Seine Aufgabe ist immer doppeldeutig, behindert durch ihren moralischen Ursprung. Er kann die revolutionäre Aktion nur durch Prokuration leben [...].“ (5)

Mythen des Alltags

Was Barthes Mythen des Alltags (frz.: Mythologies) hergeben, soll untersucht werden. Barthes ist dem Mythos, wie er ihn versteht, auch das wird deutlich, spinnefeind, er sympathisiert mit dem Zerstörer des Mythos, der Revolution, aber die Mythologie als solche ist nicht die Aufhebung ihres Gegenstandes. Doch lassen sich die Erkenntnisse der Mythologie sehr wohl politisch instrumentalisieren, durch die revolutionäre Ideologie.
Das Wesentliche an Mythen des Alltags ist, dass er den Mythos beständig am Konkreten erweist, nicht zuallererst am Abstrakten, also anhand der Dinge, nicht anhand des Begriffs. Aus den verschiedensten Bereichen des Lebens werden Mythen herangezogen (in Zusammenhang mit Autos, Predigern, Plastik, Zeitungsartikeln etc.). Diese Analysen haben Furore gemacht, mehr als seine Theorie noch. Sie erweisen den Alltag als myhisch durchsetzt und sind „bekömmlich“ und doch von theoretischer Tiefe geschrieben. Dann folgt die theoretische Erfassung. „Erst nachdem ich eine gewisse Anzahl von aktuellen Fakten durchforscht hatte, bemühte ich mich, den zeitgenössischen Mythos auch methodisch zu definieren.“ (6)
Der Mythos der Semiologie
Was denn der Mythos sei, dafür gibt es tausenderlei Definitionen, einige konventionelle Vorstellungen, und umso strittiger die Frage, was denn der moderne Mythos sei. Roland Barthes definiert ihn als ein Zeichensystem zweiter Ordnung. Die Semiologie geht auf einer analytischen Ebene davon aus, dass alle Zeichen (egal ob das nun mündlich, schriftlich, bildlich oder gegenständlich ist) in drei Bestandteile zu gliedern sind: 1. Bedeutendes, 2. Bedeutetes und 3. Zeichen. Als Beispiel genüge der Strauß roter Rosen überreicht vom verliebten Menschen. Die roten Rosen sind das Bedeutende, die Leidenschaft ist das Bedeutete, das Zeichen selbst aber sind die verleidenschaftlichten Rosen (=die Korrelation von 1. und 2.). Der Mythos ist bereits aus Zeichen der Sprache gebildet, egal auch ob Bild oder Gegenstand. Ich erlaube mir, zu exemplifizieren: Titelseite einer Tageszeitung, auf dem eine einfache Frau in kniender Stellung und nach oben gerichtetem Blick einem Politiker einen Strauß roter Rosen überreicht. Die Bedeutung wird sofort klar, sie zwingt sich auf: Das Volk liebt seine Regierung. Das ursprünglich Bedeutende (Überreichung von Blumen) ist zwar noch präsent (mitassoziiert), aber weitgehend sinnentleert als bloße Form für das Bedeutete (der Begriff, in diesem Fall: Legitimität der Regierung). Dies ist ein mythisches Schema. Der Begriff ist die Motivation des Mythos. Dabei ereignet sich die Entzifferung der mythischen Bedeutung nicht analytisch (wie beim Mythologen oder beim Mythenkonstrukteur, also z.B. dem Zeitungsredakteur), sondern plötzlich, assoziativ und gleichzeitig.
„In Wahrheit ist das, was sich in dem Begriff einnistet, weniger das reale als eine gewisse Kenntnis vom Realen; beim Übergang vom Sinn zur Form verliert das Bild Wissen, und zwar um besser das des Begriffes aufzunehmen. Allerdings ist das im mythischen Begriff enthaltene Wissen konfus, aus unbestimmten, unbegrenzten Assoziationen gebildet. Man muß deutlich dieses Offensein des Begriffs hervorheben.“ (7) Das bedeutet, dass das einzig Entscheidende am Mythos seine Bedeutung ist, das Zusammenwirken von Form und Begriff. Barthes bescheinigt dem Mythos die Eigenschaft der Deformation: Der ursprüngliche Sinn (die Geschichte der Frau) wird zur Form, einer reinen Geste (Blumenüberreichung) deformiert (durch den Begriff). Der Sinn ist zwar noch präsent, aber nur noch wie ein Alibi für die Absicht: „Der Mythos ist ein Wert, er hat nicht die Wahrheit als Sicherung; nichts hindert ihn, ein fortwährendes Alibi zu sein.“ (8) Roland Barthes bediente sich eines bildlichen Mythos als Beispiel: ein junger Schwarzer in der französischen Militäruniform salutiert mit Blick auf die Trikolore. Nach oben Gesagtem wird klar, dass der Mythos eine durch die Absicht bestimmte Aussage ist: diese erscheint darin „gewissermaßen erstarrt, gereinigt, verewigt“ und durch die Form abwesend gemacht: („Das französische Imperium? aber das ist ganz einfach eine Tatsache: dieser brave Neger, der grüßt wie ein junger Bursche von uns“ (9))
„Der Mythos hat einen imperativen und interpellatorischen Charakter“ (10), seine Aussage ist erstarrt, sie ist motiviert und beruht auf Analogien. „Der Mythos ist ein reines ideographisches System, in dem noch die Formen durch den Begriff motiviert sind, den sie darstellen, ohne sich jedoch im geringsten mit deren Darstellung zu erschöpfen.“ (11)
Der Leser des Mythos wird demnach, folgt man Barthes weiter, von der Doppeldeutigkeit des Mythos „überrumpelt“, die Intention ist präsent. Während Mythenfabrikant und Mythologe die Intention zur Schau stellen bzw. demaskieren (die zwei anderen Möglichkeiten dem Mythos zu begegnen), erlebt der Leser den Mythos „in der Art einer wahren und zugleich irrealen Geschichte“ (12).
Bis zu diesem Punkt entwickelt Roland Barthes seine Mythoserfassung im Rahmen der Semiologie, der Mythos wird als Zeichensystem begriffen und definiert. Der bestimmte Abstraktionsgrad ergibt sich aus der ungeheuren Breite der eingeschlossenen Möglichkeiten mythischer Fixierung. Wer sich vergegenwärtigt, wie gewaltig die Leistung Roland Barthes bzw. der Semiologie in den 50er Jahren war, ein Phänomen wie den Mythos, der sich über so viele Bereiche erstreckt, systematisch und wesensmäßig einzufassen, ermisst im selben Gedankengang auch die ungeheure Ausdehnung und Präsenz des Mythos. Hier verlässt der Autor auch die semiologische Ebene zugunsten der ideologischen, um der Funktion des Mythos, seiner gesellschaftlichen Einbettung nachzuspüren.

Die Wirksamkeit des Mythos

Der Mythos zeigt seine Intention, „weder eine Lüge noch ein Geständnis“ ist er, aber er deformiert seine Aussage, verschleiert sie, er macht seinen Begriff „natürlich“ (13). Darin kann das Prinzip des Mythos lokalisiert werden, nämlich, dass er als „exzessiv gerechtfertigte Aussage“ Geschichte in Natur verwandelt (14). Sehe ich das Bild als „Instrument“ (Fabrikateur) oder als „Alibi“ (Mythologe) wird der Mythos vernichtet, anders beim Verbraucher des Mythos: „alles vollzieht sich, als ob das Bild auf natürliche Weise den Begriff hervorriefe, als ob das Bedeutende das Bedeutete stiftete. Der Mythos existiert genau von dem Augenblick an, da die französische Imperialität in den Zustand der Natur übergeht.“ (15) „Dort, wo nur eine Äquivalenz besteht, sieht er einen kausalen Vorgang.“ (16)
Diese Erkenntnis der mythischen Funktion als einer Verwandlung von Geschichte in Natur, die als Faktensystem gelesen und doch nur Bedeutungszusammenhang ist, erscheint nachgerade als Kern dieser Untersuchung von Roland Barthes. Jedes primäre Zeichensystem, respektive jede primäre Sprache kann einer Mythisierung unterliegen, selbst eine so exakte wie die Sprache der Mathematik (z.B.: E=mc² als Mythos der Mathematizität schlechthin).

Mythos und Bourgeoisie

Die Motivation für seine Skizzierung verschiedener Mythen und für dessen semiologische Beschreibung gibt Roland Barthes folgendermaßen an: „Der Anlaß für eine solche Reflexion war meistens ein Gefühl der Ungeduld angesichts der ‚Natürlichkeit’, die der Wirklichkeit von der Presse oder der Kunst unaufhörlich verliehen wurde, einer Wirklichkeit, die, wenn sie auch die von uns gelebte ist, doch nicht minder geschichtlich ist.“ (17) Tatsächlich hat sich hierin nichts geändert: die historische Wirklichkeit wird nach wie vor beständig umgedeutet in eine natürliche (A)realität. Hierher gehört die oft gestellte Frage: Was ist denn noch real? Die Mythisierung des Wirklichen, quasi-Irrealisierung, erhöht mit der Absenz eines (revolutionären) Gegenpols, der die historische Wahrheit zu behaupten vermöchte, ihre Verbreitung, ihre Wirksamkeit zu neuen Höhen. Man denke an Fukujamas Mythos vom „Ende der Geschichte“ (das Reinbild eines Mythos), womit denn auch gewissermaßen eine (natürliche) Rückkehr in einen Naturzustand bezeichnet wäre.
Barthes konstatiert, dass „unsere Gesellschaft der privilegierte Bereich für mythische Bedeutungen“ sei. Dies liegt wiederum in der bürgerlichen Gesellschaftsstruktur begründet. Hier liegt die wahre Bestimmungskraft des Roland Barthes, wenn er den Mythos als Instrument der bürgerlichen Welt beschreibt, in der wir leben: Trotz aller Veränderungen, der „Grundstatus ist jedoch geblieben, der eines Regimes des Eigentums, einer bestimmten Ordnung und einer bestimmten Ideologie.“ (18) So erscheint die Bourgeosie zwar als ökonomisches System (=Kapitalismus) benannt, als politisches System schlecht erkennbar, doch „[a]ls ideologisches Phänomen verschwindet sie vollkommen. Die Bourgeoisie hat beim Übergang vom Realen zu seiner Repräsentierung, vom Ökonomischen zum Geistigen ihren Namen ausgelöscht“ (19). Barthes bezeichnet diesen im Ideologischen situierten Vorgang als „Ent-Nennung“. Das Bürgertum („ihm ist schon die Politik Ideologiefragment“) verlange durch sein Vokabular schon den Universalismus („Nations“-Vokabel), stoße politisch dennoch auf „einen widerständigen Kern, der, seiner Definition nach, aus der revolutionären Partei besteht. Doch die Partei kann nur einen politischen Reichtum darstellen: in der bürgerlichen Gesellschaft gibt es keine proletarische Kultur, keine proletarische Moral und auch keine proletarische Kunst: ideologisch muß alles, was nicht bürgerlich ist, bei der Bourgeoisie borgen. Die bürgerliche Ideologie kann also alles erfüllen (und sogar, ohne Gefahr zu laufen, dabei ihren Namen zu verlieren).“ (20) Die kulturelle Hegemonie innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft ist nahezu total. Barthes anerkennt zwar das teilweise Bestreben einer kulturell revoltierenden Avantgarde, gegen die bürgerliche Ideologie vorzugehen, „eine politische Infragestellung gibt es jedoch nicht. Unerträglich ist der Avantgarde an der Bourgeoisie ihre Ausdrucksweise, nicht aber ihr Status.“ (21) Je weiter man „dieser anonymen Ideologie“ „zu ihren verbreiteten, popularisierten, angewandten Formen“ nachspürt, desto „natürlicher“ erscheint die Verpflichtung zu den Vorstellungen, „die die Bourgeoisie sich und uns von den Beziehungen des Menschen zur Welt macht“ (22). Die bürgerlichen Normen würden als die „offenbaren Gesetze einer natürlichen Ordnung erlebt“ (23), seine Ideologie absorbiere laufend andere Klassen, selbst wenn diese ihres sozialen Status wegen diese nur im Imaginären leben könnten (so bei der Hochzeit: das kleinbürgerliche Paar erträumt sich eine große bürgerliche Hochzeit, einen „fremden“ Klassenritus der ökonomischen Zurschaustellung). Kurz: die Ent-Nennung ist die bürgerliche Ideologie selbst, eine Bewegung, die „die Realität der Welt in ein Bild der Welt, die Geschichte in Natur verwandelt“ (24). Gemäß Barthes „bewirkt der Mythos die Verkehrung der Antinatur in Pseudonatur“ und wird bestimmbar durch „den Verlust der historischen Eigenschaft der Dinge“ (25). Da er ein Wert ist, genügt es,“seine Umgebung zu verändern, das allgemeine (und widerrufliche) System, in dem er seinen Platz innehat, um seine Tragweite aufs genaueste zu regulieren“ (26).

Revolution und Mythos

Wie die bürgerliche Ent-Nennung den Mythos hervorbringe (als ein Sich-Verbergen gewissermaßen), würde die Revolution („definiert als kathartischer Akt, bestimmt, die politische Belastung der Welt zu enthüllen“ (27)) den Mythos ausschließen, da sie sich selbst benenne: sie sei mythenzerstörend. Somit könne ein „linker Mythos“ nur insoweit entstehen (z.B. Stalin-Mythos), als die Linke sich von der Revolution ent-nenne, „genau in dem Augenblick, in dem die Revolution sich in die ‚Linke’ verwandelt. das heißt, bereit ist, sich zu maskieren, ihren Namen zu verschleiern, eine unschuldige Metasprache hervorzubringen und sich in ‚Natur’ zu verwandeln“ (28). Solcher Mythos existiere zwar, sei aber nicht „essentiell“, könne lediglich konstruiert erscheinen. Der Mythos vermöchte nur innerhalb des bürgerlichen Wertezusammenhangs zu „wuchern“ und seine Bedingungen vorzufinden. „Der Unterdrückte macht die Welt, er hat nur eine aktive, transitive (politische) Sprache, der Unterdrücker konserviert sie, seine Aussage ist allgemein, intransitiv, gestenhaft, theatralisch, es ist der Mythos. Die Sprache des einen meint Veränderung, die des anderen Verewigung.“ (29)

Die Rhetorik des Mythos

Roland Barthes enthüllt auch einige ausgewählte „rhetorische Figuren“ des Mythos, die „die allgemeine Perspektive jener Pseudo-Natur, durch die der Traum der zeitgenössischen bürgerlichen Welt charakterisiert wird“ (30), bezeichnen: 1. Das Serum, 2. Die Entziehung der Geschichte, 3. Die Identifizierung, 4. Die Tautologie, 5. Das Weder-Noch, 6. Die Quantifizierung der Qualität, 7. Die Feststellung; Ich beschränke mich darauf, eine zu beschreiben.

Das Weder - Noch

„Das Wirkliche wird zunächst auf Analoga reduziert, diese werden dann gewogen, schließlich, nachdem man die Gleichheit festgestellt hat, befreit man sich von ihnen“ (31)
Der oft vernommene Satz, der A-politik begründen soll, „ich bin weder links noch rechts“, stellt ein typisches Beispiel dar. In einer magischen Operation entzieht sich der Sprechende der Politik, die sich in Luft auflöst: die Mitte ist die Heimstatt der Bürgerlichen. Oder: „Ich veröffentliche weder von Antisemiten noch von selbsternannten Palästinensern etwas.“

Mir scheint wichtig, an Mythen des Alltags Folgendes hervorzuheben:

1Der Mythos verwandelt Geschichtliches in Natürliches, Geschichte in Natur, Bedingtes in Ewiges. Unsere ganze Welt ist durchdrungen von diesem nebelhaften Bewusstsein: unsere Gesellschaftsordnung scheint den meisten Menschen darin als naturgegeben, als natürlich. Mythen haben es vermocht, die Werte einer bestimmten und noch dazu geschichtlichen Zivilisation, der westlichen, durch hunderttausendfache Wiederholung als die humanste (also dem Menschen natürlicherweise angepassteste) erscheinen zu lassen. Es liessen sich tausenderlei andere Beispiele bringen: Ein (im Übrigen gefälschtes) Bild eines aus dem Brutkasten geworfenen Babys mobilisiert in Millionen Menschen die Überzeugung von der „Unmenschlichkeit“ eines Landes, die – selbst durch Widerlegung – als assoziative Vorstellung weiterlebt (die „wilden Wüstenstämme“; wenn die sowas machen, haben die bestimmt auch Massenvernichtungswaffen; der „hassende“ Araber). Was sagt ein vergaster Hund? Warum war der „Ostblock“ grau in grau? Mythen sind der Ratio nur durch Verständnis ihrer Funktionalität zugänglich, werden aber auch durch diese nicht „ausgelöscht“. Die Allgegenwart des Mythos macht es sehr schwer für die vernünftige, historische Argumentation ideologisch zu den Menschen vorzudringen.

2Der Mythos ist bürgerliche Ideologie. Wo Mythisches ist, ist – zumeist - auch das Bürgerliche. Marx hat gesagt: „Die herrschende Ideologie ist die Ideologie der Herrschaften.“ Die Ent-Nennung, die Roland Barthes postuliert als die Ideologie der Bourgeoisie, ist kein Zufall, sondern konstitutiv: nur die Bourgeoisie ent-nennt sich, das ist ihre Ideologie der pragmatischen bürgerlichen Kultur. Ohne Ent-Nennung ist der Mythos nicht notwendig oder konstruiert. Nur die Bourgeoisie hat Interesse daran, die Dinge natürlich erscheinen zu lassen, als essentiell (sie reduziert immer auf ewiggleiche Essenzen) oder einem Universalismus zu huldigen. Sie reproduziert sich im Mythos laufend selbst. Deswegen aber ist der Mythos bürgerlich und besonders! Gerade seine Verschleierung, die Ent-Nennung usw. machen es so schwer, das kollektive Imaginäre als kollektive Unwirklichkeit, die herrschende Ideologie als bürgerliche Ideologie der Herrschaften kenntlich zu machen. Jeder Mythenrezipient vollzieht die Dechiffrierung als autonomen Prozess! Die Wirklichkeit ist nicht jene kollektive Imagination.

3Andere Klassen verfügen über keine eigene Kultur. Das ist sehr wichtig. Eine Synthese des Aufbegehrens gegen die bürgerliche Kultur und gegen den bürgerlichen Status scheint ohne eine Kultur der Marginalisierten nicht möglich. In einer zugegebenermaßen seltsamen Anverwandlung wird die notwendigerweise formalisierte und versuchte Amputation bürgerlicher Lebensweise etc. durch eine ungetrübte Mythenempfänglichkeit ergänzt (das Wirkliche gerinnt zur Natur). Z.B. bedarf die Anti-Globalisierungsbewegung der Form (sie ist ihre Einheit, nicht ihr Inhalt), der Kultur. Eine kulturelle Auflehnung, Absonderung oder eine Gegen-Kultur gibt es nicht. Alles innerhalb der kulturellen Herrschaft bleibt in deren Grenzen (siehe Vom Himmel zur Erde, in diesem Heft).
Oder: Die Werbung ist das große Beispiel für Mythen, auch der Film. Welchen „Angriff“ auf die „Werte“ der Kultur hat es dort nicht schon gegeben? Aber sie hinterlassen keine Spur. Die Rebellion Einzelner (Punks, Hippies) verhallt ohne Resultat, die einzige Veränderung ist der Akzeptanzgrad der herrschenden Kultur.

Der Mythos ist geschichtlich

„Der Mythos nimmt in zwei Punkten an der Geschichte teil: durch seine Form, die nur relativ motiviert ist, und durch seinen Begriff, der von Natur aus historisch ist.“ (32) Die Bedeutung des Mythos unterliegt – selbstverständlich – der Geschichte. Verändert sich die Geschichte, so verändert sich der Mythos. Er ist alles andere als ewig. Geschichtlich zu handeln ist politisch zu handeln. Es gibt politischen Widerstand, er richtet sich auch gegen die herrschende Kultur, wenn er gegen die politische Herrschaft geht.

Die Revolution ist der Feind des Mythos

Die Revolution (die „reine“ Revolution) kennt keinen Mythos, sie ist die Äußerung der Unterdrückten, die geschichtliche Handlung und Veränderung der Wirklichkeit. Die revolutionäre Partei ist politisch widerständig gegen die Bourgeoisie. In gewissem Maße sollte demnach der revolutionäre Anspruch einer Ideologie gegen den Mythos aktiv wirksam sein. Durch die Veränderung der geschichtlichen Grundlage kann sie dem Mythos den Boden entziehen. Die soziale Wirklichkeit wiegt schwerer als der Mythos! In der heutigen Situation mit ihrem fehlenden politischen Bewusstsein der Unterdrückten überwuchert der Mythos alles. Die mythischen Vorstellungen zu durchbrechen gelingt nur auf der Grundlage eines historischen und politischen Bewusstseins. Ein Beispiel für Mythen sei noch genannt: „Die Revolution frisst ihre Kinder“ (und Ähnliches). Wie oft habe ich das nicht schon gehört? Als folgte auf die Revolution natürlich ein Bonaparte. Als sei der „gute Wille“ (die Essenz) des wahren Revolutionärs machtlos gegen die übermächtige Natur der Revolution, nicht Geschichte, sondern Naturereignis, das der Revolutionär in seiner Dummheit (!) nicht erkennt. Die Revolution wird als Geschichtliches geleugnet. In diesem Satz liegt ein Triumph der herrschenden Ideologie in der Entpolitisierung der Menschen.
Als eine potenzielle Reaktion auf den Mythos bezeichnet Roland Barthes die Mythisierung dritter Ordnung=Mythisierung des Mythos.Deshalb einen schönen Schlusssatz: Auch Attilas Horden fegten die Burgunden vom Erdball.

Martin Vinomonte

Quellen:
Falls nicht anders angegeben, beziehen sich die Angaben auf folgende Ausgabe:
Roland Barthes: Mythen des Alltags. Frankfurt a.Main: suhrkamp 1964
Unterstreichungen in Zitaten sind Hervorhebungen im Quellentext
(1) Roland Barthes: Mythen des Alltags, Klappentext(2) Roland Barthes: Über mich selbst. München: Matthes & Seitz 1978, Klappentext(3) ebda.
(4) ebda.
(5) Roland Barthes: Mythen des Alltags, S.148
(6) S.7f.
(7) S.99
(8) S.104
(9) S.105
(10) S.106
(11) S.110
(12) S.111
(13) S.112
(14) S.113
(15) ebda.
(16) S.115
(17) S.7
(18) S.124
(19) ebda.
(20) S.125f. [Die Begriffe „bürgerliche Ideologie“ und „bürgerliche Kultur“ sind bei Barthes zum Teil übereinstimmend
(21) S.126
(22) S.127
(23) S.128
(24) S.129
(25) S.130
(26) S.133
(27) S.135
(28) ebda.
(29) S.138
(30) S.140
(31) S.144
(32) S.123