Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

 Ausgaben

Nr. 21 Herbst 2007
Nr. 20 Frühjahr 2007
Nr. 19 November 2006
Nr. 18 Mai 2006
Nr. 17 Februar 2006
Nr. 16 November 2005
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Nr. 13 November 2004
Nr. 12 September 2004
Nr. 11 Mai 2004
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Nr. 9 November 2003
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Nr. 7 Mai 2003
Nr. 6 März 2003
Nr. 5 Jänner 2003
Nr. 4 November 2002
Nr. 3 September 2002
Nr. 2 Juli 2002
Nr. 1 Mai 2002

 

 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 4 November 2002

Ist Mugabe wirklich so schlimm?

Was ist dran am Gerede vom neuen blutigen Diktator Afrikas?




Mit Zimbabwes Ausschluss aus dem Commonwealth fand die Ächtungspolitik des Westens gegenüber seinem neuen afrikanischen Hassobjekt Robert Mugabe einen ersten konkreten Höhepunkt. Als Begründung für diesen vorerst auf ein Jahr befristeten Ausschluss wurden die angeblich manipulierten Präsidentschaftswahlen vom März dieses Jahres angeführt. Pikantes Detail am Rande: Der Ausschluss war bereits vor Abhaltung der Wahlen ausgesprochen worden. Es liegt auf der Hand, dass nicht die Wahlen in dem südafrikanischen Land den Briten auf den Schuh drücken, sondern die forcierten und gewaltsamen Enteignungen weißer Großgrundbesitzer, mit denen Mugabe seit rund zwei Jahren die Aufmerksamkeit der Medien auf sich zieht.

Was bisher geschah

Nach einem blutigen Befreiungskrieg erlangte Zimbabwe am 18. April 1980 die Unabhängigkeit. Zu diesem Zeitpunkt besaßen wenige Tausend britische Großgrundbesitzer 75% der fruchtbaren Böden Zimbabwes, während sich die schwarze Bevölkerung in für sie geschaffenen „Reservoirs” auf unfruchtbarem und steinigem Land zusammendrängte. Die im Zuge der Unabhängigkeit abgeschlossenen Lancaster-House-Verträge sahen für die Lösung der Bodenfrage ein zehnjähriges Moratorium vor. Briten und US-Amerikaner hatten unter anderem massive finanzielle Unterstützung für eine „verhandelte” Agrarreform versprochen: Den weißen Großgrundbesitzern sollten ihre Böden schrittweise abgekauft werden.
Mugabe, zunächst Premierminister, schließlich Präsident Zimbabwes spielte dieses Spiel lange Zeit mit. Das Landwirtschaftsministerium blieb in der Hand eines Weißen und der verhasste ehemalige Regierungschef des rassistischen Kolonialstaates, Ian Smith, stand unter dem persönlichen Schutz Mugabes. Im Gegenzug war Mugabe trotz seiner revolutionären Rhetorik gern gesehener Gast in Washington und London.
Im Unterschied zu den ersten Jahren nach der Unabhängigkeit, in denen das Regime mit relativer wirtschaftlicher Prosperität und einer breiten Sozialpolitik auf sich aufmerksam machte, ließen Anfang der 90er Jahre wachsende wirtschaftliche Schwierigkeiten auch den sozialen Unmut anwachsen. Wie so viele afrikanische Länder war auch Zimbabwe in die Schuldenfalle von Weltbank und IWF getappt und sah sich nun, 1991, gezwungen, die vom Westen gewünschten Strukturanpassungsprogramme umzusetzen. Privatisierungen, Deregulierungen, Entlassungen wurden ebenso Realität wie das Ende der kostenlosen Gesundheitsversorgung und Schulbildung. Die Folge davon war die Verarmung breiter Schichten der Bevölkerung bis hin zu Hungersnöten.


Mugabes Antwort

Um den sozialen Unmut abzufedern nahm Mugabe etwas in Angriff, was von der Bevölkerung seit langen Jahren gefordert wurde: die Landreform. Zwanzig Jahre nach der Unabhängigkeit hatte sich am Status Quo nicht viel geändert. Aus der versprochenen britischen und amerikanischen Finanzierungshilfe zum Erwerb weißen Landes war nichts geworden. Weiße Großgrundbesitzer beschäftigten weiterhin auf ihren Plantagen schwarze Landarbeiter zu Sklavenbedingungen, während sich die schwarzen Bauern auf den unfruchtbaren „kommunalen Böden” abrackerten.
Eine soziale Explosion befürchtend lancierte Mugabe 1990 eine Enteignungskampagne, die von Gewalttätigkeiten und Ausschreitungen begleitet war. Die westliche Öffentlichkeit reagierte sofort. Mugabe fiel in Ungnade, über sein Land wurden wirtschaftliche und finanzielle Boykottmaßnahmen verhängt. Dabei spielen nicht nur die unmittelbaren britischen Interessen in Zimbabwe eine Rolle, sondern auch die Furcht des Westens, dass der verspätete Abschluss des antikolonialen Kampfes auf Südafrika übergreifen könnte. Auch dort wartet die verarmte schwarze Bevölkerung seit dem Ende des Apartheid-Regimes vergeblich auf wesentliche Verbesserung ihrer elenden Lebensbedingungen.

Mugabes Schuld?

Zweifellos war nicht hehre Selbstlosigkeit das Motiv, das Mugabes Regime dazu brachte gegen massiven Druck des Westens die verspätete Landreform durchzuführen, sondern die Besorgnis, andernfalls die Unterstützung der Bevölkerung an die Oppositionspartei MCD des Gewerkschaftsführers Tsvangirai zu verlieren – eine Opposition, die von den weißen Plantagenbesitzern und den westlichen Regimes unterstützt wird und im wesentlichen eine Unterwerfungskurs unter die neoliberalen Vorgaben des Westens propagiert. Ebenso wenig ist der Vorwurf, die Regierung vergäbe die requirierten Böden in erster Linie an Regimetreue und hätte mit den weißen Plantagenbesitzern auch die schwarzen Landarbeiter verjagt, ganz von der Hand zu weisen. Doch ändern diese Tatsachen nichts an der grundlegenden Problemstellung: Zimbabwes Bevölkerung wartete seit Jahren auf die fruchtbaren Böden, die ihr vor hundert Jahren gewaltsam geraubt und vor zwanzig Jahren feierlich versprochen worden waren. Wenn der Westen sein Versprechen der verhandelten Landreform nicht eingelöst hat, an welche Vereinbarungen hat sich dann ein Regime zu halten, das schon viel zu lange den privilegierten Status der ehemaligen Kolonialherren akzeptiert hat?
Mugabes verspätete Landreform ist nichts anderes als der Abschluss eines unvollendet gebliebenen antikolonialen Kampfes. Dass dieser zwanzig Jahre zu spät durchgeführt wird und dass es dabei zu Gewalttätigkeiten und Unregelmäßigkeiten kommt soll hier nicht bestritten werden. Dennoch ist die Umsetzung der Landreform nichts anderes als eine legitime anti-koloniale Maßnahme. Und überdies, obliegt es den ehemaligen Kolonialherren, den Sklaventreibern von gestern und Ausbeutern von heute, zu urteilen?

Margarethe Berger