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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 4 November 2002

Der Antiterrorismus ist die neue Form des Genozids gegen das Moro-Volk von Mindanao

Interview mit Amira Alidasan, Generalsekretärin der Volksallianz der Moros und Christen (MCPA) während einer Internationalen Solidaritätsmission gegen die neue US-Intervention auf den Philippinen.


Wie groß ist der Anteil der moslemischen Bevölkerung auf den Philippinen?

Laut offizieller Statistiken sind wir, die moslemische Bevölkerung der Philippinen, 8 % der Gesamtbevölkerung von 75 Millionen Philippinos. Es ist jedoch davon auszugehen, dass auch in den Statistiken ein Massaker an der moslemischen Bevölkerung begangen wird, um ihren Anteil zu verringern. Es gibt jedoch einen Unterschied in unserer Selbstdefinition als Moslems und Moros. Wenn wir von Moslems sprechen, so liegt dem der Glaube an den Islam als Religion zugrunde. Ein Moslem kann genauso gut von Luzón oder Visayas kommen, nicht notwendigerweise von Mindanao. Wenn wir von Moros sprechen, liegt dem das Konzept des Moro-Nationalismus zugrunde und wir definieren damit nur die Einwohner Mindanaos, die zwar im Laufe der Geschichte in andere Gegenden der Philippinen vertrieben werden konnten, jedoch durch ihr nationalistisches Gefühl mit der ethno-linguistischen Gruppe der Moros verbunden sind.

Vielleicht können Sie dieses Konzept der Moro-Nation etwas genauer erklären.

Das Konzept des modernen Moro-Nationalismus begann mit dem Kampf der Moro Nationalen Befreiungsfront (MNLF) in den 70er Jahren. Ihre Idee war die Vereinigung aller islamisierten Stämme von Mindanao, deren Verbindung über den Islam bereits vor der spanischen Kolonisierung der Philippinen existiert hatte. Das Sultanat von Mindanao war damals die höchste Form staatlicher Zentralisierung auf den Philippinen und als einzige staatliche Entität auf der Inselgruppe anerkannt. Das Konzept des Moro-Nationalismus von Professor Nur Misuari, Gründer der MNLF, basierte auf der Gemeinsamkeit aller Gruppen, die historisch in diesem Sultanat vereinigt waren. Die Gemeinsamkeit aufgrund der gemeinsamen Geschichte verband sich in seinem Konzept mit dem modernen Recht auf Selbstbestimmung gegenüber der philippinischen Nation. Der „Philippinismus”, der Ende des 19. Jahrhunderts die Nation begründete, ging in Wirklichkeit vom Standpunkt des spanischen Kolonialismus aus und bedeutete daher die Fortsetzung der Negation der eigenständigen Existenz des Moro-Volkes. Der Moro Nationalismus forderte also das Recht des Moro-Volkes ein, seine Nation aufzubauen, deren eigenständige Entwicklung durch den Kolonialismus verhindert wurde. Der Moro-Nationalismus beruht auf der Überzeugung, dass diese unterbrochene Nationsbildung des Moro-Volkes weitergeführt werden kann, wenn das Recht auf Selbstbestimmung zuerkannt wird.

Bevor wir zu dem modernen Moro-Nationalismus zurückkommen, können Sie vielleicht die wichtigsten historischen Eckpunke darstellen, die aus diesem ehemaligen politisch-kulturellem Zentrum der Philippinen heute den unterdrücktesten Teil gemacht haben?

Zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert war die einzig international anerkannte staatliche Organisation das Sultanat von Magindanao und Sulu. Das Sultanat war aus verschiedenen Stämmen zusammengesetzt, die die Führung des Sultans anerkannten. Im Falle Magindanaos waren das vor allem die Stämme der Magindanao und der Ilanun. In Sulu war die größte Gruppe, die das Sultanat anerkannte, die Tausug sowie einige Badjao und Yakan-Stämme. Das heißt, die beiden Sultanate stützten sich zwar auf unterschiedliche Stämme, doch aufgrund der Brücke des Islam pflegten sie untereinander und mit anderen islamischen Ländern wie Brunei, Malaisien und Indonesien, Handelsbeziehungen. Auch Indien und China erkannten diese Staaten an und standen in Handelsbeziehungen mit ihnen.
Weiters waren die beiden Sultanate über Heiraten zwischen den aristokratischen Familien verbunden. Das Sultanat ist eine feudale Form der gesellschaftlichen Organisation. Die aristokratischen Familien definieren sich durch Erbfolge, die in der Tarsila als Genealogie der Familie des Sultans bis heute niedergelegt ist. Der Sultan ernannte seine Vertreter für die Provinzen oder Gemeinden. Dazu verfügte er über eine stehende Armee und Sklaven. Die Struktur war also eine hierarchische auf der Basis aristokratischer Familien. Die Mehrheit der Bevölkerung waren abhängige Bauern, die die produktive Grundlage des Sultanats bildeten.
Als 1650 die Spanier auf die Philippinen kamen, eroberten sie ohne größere Probleme das Inselreich, nicht jedoch die Gebiete, die den Sultanaten von Magindanao und Sulu unterstanden, wo sie aufgrund der zentralisierten Strukturen und der stehenden Armee auf scharfen Widerstand stießen.
Die Kolonialisten, sowohl die Spanier als auch später die Amerikaner, wendeten aber die Taktik des Divide et Impera auch innerhalb der Moro-Gesellschaft an, zwischen Bauern und Sultan, zwischen den aristorkratischen Familien und zwischen den Stämmen. Sie konnten so die Macht des Sultanats unter Kontrolle bringen und erklärten das Sultanat mit seinen zugehörigen Gebieten zur bloßen Provinz des philippinischen Staates, zu einem Teil der philippinischen Nation.
Aufgrund des Kiram-Bates Abkommens 1899, Kiram war der damalige Sultan und Bates ein US-Offizier, wurde dem Sultanat beschränkte Autonomie innerhalb des philippinischen Staatsverbandes zuerkannt und so der Kampf um die Eigenständigkeit über ein Abkommen besiegt.
Der Krieg ging jedoch weiter, aber nicht mehr in einer zentralisierten Form unter der Führung eines Sultans. Vielmehr war es ein Krieg, in dem die Landbevölkerung ihre Erde mit den geringen Waffen, die ihr zur Verfügung standen wie Bolos zu verteidigen versuchte. Die US-Truppen hatten gegen diese Bewaffnung mit ihren Bombenflugzeugen keine größeren Schwierigkeiten. Beispielsweise sei das Massaker auf Sulu unter General Pershing 1901 erwähnt, der Hunderte Frauen, Kinder und Männer in Bud Dajo auf Sulu hinschlachtete.
Nachdem so das Tor nach Mindanao geöffnet war, kamen sofort die multinationalen Konzerne, um sich des Landes zu bemächtigen, etwa in Basilan der großen Gummipflanzungen. In diesen Pflanzungen wurden philippinische Siedler und Landarbeiter beschäftigt und zur Niederlassung auf Mindanao gebracht. 1930 gab es ein erstes breiteres Besiedlungsprojekt. Dann in den 50er Jahren unter der Regierung von Präsident Magsaysay, bereits in der Phase der Republik, wurde die zweite Besiedlungswelle eingeleitet. Landlose aus dem Norden wurden nach Mindanao gebracht und dort nahe der Plantagen angesiedelt, um als Arbeitskräfte zu dienen. Die Moro-Bevölkerung wurde durch diese christlichen Siedlungen verdrängt. Damit entbrannte eine neue Dimension des Konfliktes, nämlich zwischen der moslemischen Moro-Bevölkerung und den christlichen Siedlern. Die Politik des spanischen Kolonialismus, des US-Kolonialismus und der philippinischen Republik ist die Grundlage dieses Konfliktes zwischen zwei Religionen.
Die Doppeltaktik aus Abkommen und Massaker, aus Integration der Moro-Aristokratie in den Verwaltungsapparat und der Vertreibung der Landbevölkerung ins Hinterland durch Besiedlung und Militarisierung war aber auch die Grundlage für das Entstehen eines neuen Moro-Nationalismus unter der jungen Generation. Die philippinische Regierung lancierte Studienprogramme für die Söhne der aristokratischen Familien, um sie auf ihre künftigen Verwaltungsaufgaben vorzubereiten. Diese Möglichkeit einer höheren Bildung führte zum Kontakt der Moro-Jugend mit anderen Ideen, wie etwa der national-demokratischen Bewegung. Auch Professor Nur Misuari war einst Mitglied der national-demokratischen Bewegung Bayan. Viele der Grundlagen dieser Organisation flossen in seine Begründung des Moro-Nationalismus ein und verbanden sich mit der Anerkennung des historischen Kampfes der Moros unter dem Sultanat gegen die Unterwerfung.

Als im Zuge des antikolonialen Kampfes gegen die Spanier das Konzept einer unabhängigen philippinischen Nation entstand, nahm die Moro-Bewegung auf die Unabhängigkeitsbewegung und deren Konzeption einen Einfluss?

Die Unabhängigkeitsbewegung der Katipunan hatte ihr Zentrum in Visayas und Luzón. Es gab Korrespondenz mit den damaligen Führern der Moros, etwa Sultan Datu Ali du-Din, um sie zur Teilnahme am Kampf aufzufordern. Doch die Moros fühlten sich nicht so sehr einer Einheit zugehörig, sondern stellten ihren Anspruch auf die Vertretung und die Unabhängigkeit Mindanaos, nicht der gesamten Philippinen. Ihr Befreiungskampf hatte eine andere Dynamik, er war vor allem gegen die ständigen Angriffe zur Kolonisierung Mindanaos gerichtet, nicht so sehr gegen den Kolonialismus als solchen, der ja Mindanao nie ganz in die Hände bekommen hatte. Auch in der ersten Republik, der sogenannten Malolos Republik, die von den Katipunan in der ersten philippinischen Revolution 1898 ausgerufen wurde, waren die Moros nicht beteiligt. Erst durch die amerikanische Kolonisierung, durch den erwähnten Kiram-Bates Vertrag, wurde Mindanao als Provinz in die Philippinen eingegliedert.

Um auf die moderne Moro-Befreiungsbewegung der 70er Jahre zurück zu kommen. Was waren die Neuerungen in der politischen Konzeption als auch in den Vorstellungen, wie der Kampf zu führen sei, verglichen mit der traditionellen Führung der Moros?

Der Beginn der neuen Moro-Bewegung der MNLF war 1968, als der damalige Präsident Marcos eine Operation vorbereitete, Sabah einzunehmen. Sabah, das formal zu Malaisien gehört, wurde historisch vom Sultanat von Sulu beansprucht. Marcos wollte mit dieser Operation den Hass der Moros von ihm auf ein anderes Feindbild ablenken. Er rekrutierte unter den Tausug etwa 80 junge Kämpfer, um sie für diesen Überfall zu trainieren. Als diese jedoch erfuhren, wofür sie ausgebildet wurden, leisteten sie Widerstand und wurden alle umgebracht. Dieses bekannte Jabidah-Massaker war der Beginn der MNLF, einer Jugend die die Erfahrung des Massakers und des Missbrauchs durch die philippinische Regierung gemacht hatte. In einer ersten Phase schlossen sie sich den traditionellen Organisationen an, als Folge der feudalen Charakteristika der Morogesellschaft, die der alten Generation, den herrschaftlichen Familien, die führende Rolle zuschreibt, konkret einer Gruppe um Rashid Lucman, einem traditionellen Moro-Politiker. Es kam aber bald zum politischen Zerwürfnis und die junge Generation formierte die Moro Nationale Befreiungsfront MNLF als Einheit der verschiedenen Kampfesfronten - vom legalen und institutionellen Kampf bis zum Widerstand im Untergrund und dem bewaffneten Kampf - auf der Basis der Ideologie des Moro-Nationalismus. Als dominante Form des Kampfes für die Selbstbestimmung wurde der bewaffnete Kampf konzipiert. Sie vereinigten die Moro-Jugend, die junge Intelligenz und verschiedene bewaffnete Moro-Gruppen, die ohne größere ideologische Konsistenz Widerstand geleistet hatten, um ihr Land als Bauern zu beschützen. Diese Einheit aus jungen Intellektuellen des Moro-Nationalismus und den armen Bauern ergab eine enorm kraftvolle Bewegung.
Die Marcos Regierung antwortete darauf nicht nur mit militärischen Kampagnen gegen die MNLF, sondern mit einem wahrhaftigen Genozid, in dem Gemeinden bombardiert und dem Erdboden gleich gemacht wurden.

Welche Elemente gaben dem neuen Moro-Nationalismus seine Kohäsion in einer Vielfalt ethnischer Gruppen mit unterschiedlichen Sprachen?

Das Konzept von Professor Nur Misuari beruht auf der Vereinigung der 13 ethnolinguistischen Gruppen, die ehemals den Sultanaten von Magindanao und Sulu angehört hatten, die wichtigsten und bevölkerungsreichsten darunter sind die Magindadano, die Maranao und die Tausug. Diese historische Zugehörigkeit ist das erste Element der Vereinigung. Das zweite Element ist der Islam, im Zentrum stehen die islamisierten Stämme. Doch dieser Punkt ist keineswegs elitär, auch die Minderheit der nicht-islamisierten Stämme ist in dieser Einheit eingeschlossen. Denn das dritte Element der Einheit umfasst ganz einfach alle Bewohner von Mindanao sowie die Vertriebenen, eben die Moro Bevölkerung in ihrer hundertjährigen Geschichte der Unterdrückung, Vertreibung und Verfolgung. Auch die animistischen indigenen Gruppen wie die Lumad gehören also zu diesem Konzept der Moro-Nation, auch wenn sie nicht islamisch sind. Es sind also Religion, geschichtliche Zusammengehörigkeit und gemeinsame Unterdrückung, die diese Kohäsion im Konzept des Moro-Nationalismus begründen.
Die Vereinigung war ein großer Schritt vorwärts, der historische Kämpfe konsolidierte und auf höherer Ebene weiterführte. Nicht nur im Sinne der Vereinigung der verschiedenen Stämme, sondern auch als gemeinsamer Kampf verschiedener Klassen, einerseits der Intellektuellen aus den Familien der Oberschicht, andererseits der armen Bauern, eine Einheit nicht so sehr hinter dem Projekt einer islamischen Gesellschaft, sondern des Kampfes für das Recht auf Selbstbestimmung, also der nationalen Befreiung.

Wie reagierte Manila auf diese neue Bewegung?

Bereits Marcos versuchte, die MNLF über Abkommen zur Aufgabe des bewaffneten Kampfes zu bringen. Das wichtigste Abkommen war das 1976 unterzeichnete Tripolis-Abkommen, in dem die Regierung der MNLF eine autonome Regierung der 13 von Misuari geforderten Moro-Provinzen zusagte. Doch es war ein Trick. Marcos behauptete, er könne aufgrund verfassungsrechtlicher Bestimmungen und der Ergebnisse eines von ihm initiierten Referendums nicht alle 13 Provinzen in autonome Verwaltung der Moros übergeben, sondern nur zwei. Er hatte sicher nie vor, auch nur eine Provinz der MNLF zu übergeben, sondern ausschließlich diese organisierte Moro-Rebellion zu befrieden.
Die MNLF war also zur Fortsetzung des Kampfes gezwungen. Dennoch schieden in dieser Phase einige Dissidenten aus, die die Linie von Professor Misuari ablehnten und die Grundsteine der Moro Islamischen Befreiungsfront MILF legten, deren Ziel die Rückführung des Morokampfes auf den Weg des Islam ist. Die MILF proklamierte einen Kampf, der erst mit der Schaffung eines islamischen Staates enden und sich nicht mit Autonomie zufrieden geben würde. Dieser eigene und islamische Staat solle das Ziel des Moro-Befreiungskampfes für Selbstbestimmung sein. Man muss jedoch sagen, dass dieses radikale Ziel erst durch die Erfahrung des Genozids begründet wurde. In den Anfängen fand man eine weitgehende Kompromissbereitschaft, insofern man sich mit einigen Regionen zufrieden geben wollte, die islamisiert würden, und nicht unmittelbar um die staatliche Macht und die Unabhängigkeit kämpfte. Man kann sogar sagen, dass dieses Konzept anfänglich weniger radikal war, als das der MNLF. Doch später sah die MILF, dass unter der philippinischen Herrschaft dies nicht zu erreichen sei, sondern nur durch die Erringung eines eigenen Staates. Hier verband sich die Erfahrung, dass nur außerhalb des philippinischen Staates, durch einen eigenen Staat, Souveränität, Freiheit und Gerechtigkeit zu erreichen ist, mit der ideologischen Überzeugung, dass nur unter der Herrschaft des Islam wahre Freiheit und Gerechtigkeit möglich seien, dass daher nur der Kampf für einen eigenen islamischen Staat die Hoffnungen der Morobevölkerung erfüllen könne.

Neben diesen politisch-ideologischen Unterschieden zwischen MNLF und MILF operieren sie auch in unterschiedlichen Gegenden Mindanaos. Hat dies Hintergründe in der ethnischen Zugehörigkeit ihrer Basis?

Der wesentliche Hintergrund für die Entstehung der MILF ist sicher das Misstrauen in die Führungsfähigkeit von Misuari sowie in das Konzept des Moro-Nationalismus, dem sie den Islam als vorherrschendes Element entgegensetzen. Wenn man näher hinsieht, findet man auch eine unterschiedliche Zusammensetzung der Führung und Mitgliedschaft. Die Mehrheit der MNLF kommt aus Sulu, Basilan und Zamboanga, sie sind vor allem Tausug, Jakan und Jamal. In der MILF haben sich vor allem zwei große Stämme vereinigt, die Magindanao und die Maranao.
Weiters gibt es einen Unterschied in der Form des Kampfes. Die MNLF führt einen Guerillakrieg mit hoch beweglichen Einheiten. Sie haben ihre Einflusszonen, die dem Militär auch bekannt sind. Doch sie erklären diese nicht öffentlich zu MNLF-Gebieten oder befreiten Gemeinden, die ihrer politischen Leitung und Gerichtsbarkeit unterstehen. In der Taktik der MILF war die Etablierung stabiler Camps ein wesentliches Mittel der Organisierung des Kampfes. Diese Camps sollten sich zu Modellniederlassungen für die Bevölkerung entwickeln. Besonders die Vertriebenen ließen sich in diesen Camps nieder und erlaubten der MILF so eine beachtliche Akkumulation von Kräften. Sie hatten dreizehn große Camps und 46 kleinere Niederlassungen.
Besonders als Misuari mit der philippinischen Regierung ein Abkommen unterzeichnete, das ihn von einem Rebellenführer zu einem Moro-Bürokraten machte, dem der Vorsitz über die ARMM (Autonome Regionen Moslemisch Mindanao) und der SPCPD (Südphilippinischer Rat für Friede und Entwicklung) zugesprochen wurde, während die tatsächliche Macht natürlich beim Präsidenten der Republik blieb, schlossen sich viele Menschen, die damit unzufrieden waren, die weiter kämpfen wollten und für die diese Politik keine Lösung war, der MILF an und stärkten ihre Camps. Eines der Ziele der MILF in den Verhandlungen mit der Regierung war die offizielle Anerkennung ihrer Camps als MILF-Territorien, darunter das berühmte Camp Abubakr, eine Forderung, die 1999 auch unterzeichnet wurde. Doch mit dem Regierungswechsel kam es 2000 wiederum zu einem umfassenden Krieg, Angriffen und Bombardierungen der Gemeinden und Camps. Für die MILF wurde und ist es heute sehr schwer, weiterhin Camps zu unterhalten und sie sahen sich gezwungen, ebenfalls auf die Taktik des mobilen Guerillakrieges zurückzugreifen.

Wie ging es nach dem Tripolis-Abkommen weiter?

Nach dem Scheitern der Umsetzung des Abkommens gab es immer wieder Versuche der Befriedung durch Amnestieprogramme und die individuelle Integration von ehemaligen Führern der Moros in die Verwaltungskörperschaften. Misuari war im Ausland und man versuchte mehrfach, mit ihm die Verhandlungen wieder aufzunehmen. Doch erst 1986, unter der Regierung Aquino, mit der Schaffung der ARMM und dem Versprechen, deren Verwaltung den ehemaligen Moro-Revolutionsführern zu überlassen und sie so in einfache Bürokraten zu verwandeln, kamen die Verhandlungen zwischen MNLF und dem philippinischen Staat wieder ins Laufen. Diese direkt der Präsidentin unterstellten Institutionen sollten zum Modell der Autonomie werden und hatten insofern Erfolg, als sie besonders unter den Intellektuellen wichtige Führer integrierten und von der Fortsetzung des Kampfes abbrachten. 1996 unterzeichnete Misuari dann ein endgültiges Friedensabkommen, einerseits unter dem Druck der internen Schwäche der Organisation, die viele Mitglieder verloren hatte und nur mehr mangelhaft kampffähig war, aber auch unter externem Druck der Organisation Islamischer Länder (OIC), die immer, bereits in Tripolis, zu einer Aufgabe des Kampfes gedrängt hatte. Dazu kamen die beginnenden Operationen von Banditengruppen wie Abu Sayyaf, deren Aktionen von der Regierung der MNLF zugeschrieben wurden, um auf Misuari Druck auszuüben, ein endgültiges Abkommen zu unterzeichnen. Das Militär ging in seinen Einsätzen nicht gegen die Abu Sayyaf vor, sondern gezielt gegen MNLF Camps. Auch das erzeugte einen Druck aus den eigenen Reihen, diese unsichere Situation durch ein endgültiges Abkommen rasch zu beenden. So wurde schließlich aus einem Führer der Revolution ein simpler Moro-Bürokrat und Teil der bürokratischen Kapitalistenklasse der Philippinen.
Probleme kamen natürlich bald in der Umsetzung des Abkommens. Zum Ersten wurde entgegen dem Abkommen kein Kämpfer der bewaffneten Kräfte der MNLF, der Bangsamoro Armee, in die philippinischen Streitkräfte oder die Polizei integriert. Das zweite war die Umsetzung der Autonomie. Die MNLF wollte moslemische Vertreter sowohl in den zivilen als auch in den militärischen Verwaltungsstrukturen, doch auch das wurde nicht umgesetzt. Diese Erfahrung brachte Misuari schließlich zu einer Selbstkritik: Es wäre ihm nicht gelungen, die Umsetzung des Abkommens zu erreichen, damit war er nicht in der Lage, in seiner Position des Präsidenten der ARMM und der SPCPD die Rechte Mindanaos zu stärken, und daher sei er gezwungen, wieder den Weg der Rebellion und des bewaffneten Kampfes einzuschlagen.

Vielleicht können Sie uns einige Elemente zum Verständnis der dritten bekannten Gruppe geben, der Abu Sayyaf?

Der genaue Ursprung der Abu Sayyaf ist schwer zu reproduzieren, da es von der Gruppe dazu keine offiziellen Dokumente gibt. Daher zirkulieren eine Vielzahl an Thesen, von der Schaffung durch den CIA bis zur libyschen Regierung. Die Leute, die den Gründer, Abdurajak Abubakar Janjalani, kannten, berichten, dass er in Libyen als religiöser Führer ausgebildet worden war, dann nach Basilan zurückkam und dort als anerkannter Lehrer arbeitete. Er konnte als religiöser Führer zahlreiche junge Leute um sich versammeln und war mit der islamischen Strömung Tabliq verbunden, die für einen apolitischen und gewaltlosen Islam aufrief und der pakistanischen Linie nahe stand. Fundamentalismus hieße in deren Zusammenhang nur die strenge Implementierung religiöser Vorschriften im Alltagsleben. Diese ursprüngliche Sammlung von Kräften verband sich später mit ehemaligen MNLF-Mitgliedern, die sich von Misuari getrennt hatten, mit Opfern der philippinischen Armee und gesetzlosen Elementen und bildete den ersten Kern der Abu Sayyaf. Es gibt Dokumente, die belegen, dass die Gruppe Kontakte mit der philippinischen Armee unterhielt. Ihre anfängliche Bewaffnung kam von der Armee, auch einer ihrer Gründungsmitglieder war ein ehemaliger Militärberater der Regierung. Die Tatsache, dass sie als kleine Gruppe immer wieder der militärischen Verfolgung entkommen können, zeigt ebenfalls Verbindungen zum Militär. Hintergrund dafür könnten die großen Geldsummen sein, die die Abu Sayyaf durch die Entführungen lukrieren. Doch erst die Aussage von Pater Nacorda nach den Ereignissen von Lamitan, wo die Abu Sayyaf umstellt waren, dann jedoch ohne Gefecht und Verluste mit ihren Geiseln abziehen konnten, haben dieses offene Geheimnis durch eine offizielle Zeugenaussage belegt.
Abu Sayyaf ist jedoch keine einheitliche Gruppe in einem strengen Sinn. Ihr vereinigender Faktor war Abudurajak. Nach seinem Tod und mit der Degeneration zum Banditismus kann nicht mehr von einer Organisation mit zentralem Kommando und kohärenter Ideologie ausgegangen werden. Die Stammesbasis der Abu Sayyaf ist mehrheitlich Tausug, die dominante ethnische Gruppe Basilans, aber es gibt auch einen gewichtigen Teil von Jakan, etwa den heutigen Gouverneur Basilans, der ein ehemaliger Abu Sayyaf-Kommandant war. Nachdem er sich mit seinen Kämpfern ergeben hatte, wurde die Dominanz der Tausug jedoch ausgeprägter und ist sicher neben der Religion ein wichtiges Verbindungsglied.

Was waren die Auswirkungen des 11. September und der anti-islamischen Hexenjagd auf den Moro-Befreiungskampf?

Wichtigste Veränderung war wohl, dass die Abu Sayyaf nun von Banditen zu internationalen Terroristen wurden. Damit werden die Abu Sayyaf zu einem politischen Faktor, mit dem man zu rechnen hat, während jedoch innerhalb der Gruppe diese politische Konsistenz vielfach nicht vorhanden ist.
Natürlich übertreibt die Propaganda die Rolle der Abu Sayyaf, um den Amerikanern einen Vorwand zu geben, eine neuerliche Truppenstationierung auf den Philippinen durchzusetzen. Auch die massiven Verhaftungen von Aktivisten und in der Bevölkerung nahmen durch die ständige Anklage, Teil des Al Quaida Netzwerkes zu sein, zu. Dies trifft nicht nur die Abu Sayyaf, sondern auch die MNLF, die MILF sowie andere Organisationen, wie islamische Wohlfahrtseinrichtungen, die Geld von Saudi Arabien bekommen. Auch sie, die in den Gemeinden oft eine wichtige Rolle spielen, werden als Terroristen verdächtigt und sind heute Opfer des Genozids gegen die Morobevölkerung. Der Antiterrorismus ist die modernste Form dieses Vernichtungskrieges gegen die Moros.

Ihre Organisation trägt den Namen: Moro-Christliche Volksallianz. Ein Name, der ein weiteres Konzept für die Lösung des Problems von Mindanao ausdrückt?

Grund des Namens ist, der Leugnung des politischen Charakters des Konfliktes durch die Regierung entgegenzutreten, die das Problem Mindanaos auf ein religiöses reduziert um zu vertuschen, dass der Hintergrund des Konfliktes die Unterdrückung des Morovolkes ist, das sein Recht auf Selbstbestimmung einfordert. Der Morokampf ist nicht gegen Christen, nicht gegen Philippinos gerichtet, sondern gegen eine Geschichte von Ungerechtigkeit. Die Moro-Organisationen müssen daher als kämpfende Kraft anerkannt werden, die für das Recht auf Selbstbestimmung eintritt, das als internationales Recht eines jeden Volks besteht, das Opfer von Unrecht und nationaler Unterdrückung ist.

Das Interview führte Gernot Zeiler am 29. Juli in Zamboanga City, Mindanao