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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 4 November 2002

Albert Camus – Marxismus und Moral

1960 kommt Albert Camus durch einen Autounfall ums Leben. 30 Jahre später erlebt seine Philosophie eine bemerkenswerte und bis heute andauernde Renaissance. Französische Intellektuelle wie Bernard-Henri Lévi oder der Ex-Maoist André Glucksmann fordern unter Berufung auf Camus die Rückkehr der Moral in die Politik – ein guter Anlass für den Marxismus sich mit Camus auseinander zu setzen, denn die Bedeutung seines Werkes, das in einer Verwerfung der Geschichte zugunsten einer rein gegenwartsbezogenen Moral besteht, ist zutiefst widersprüchlich: Es ist Ausdruck einer schwerwiegenden Degeneration der menschlichen Zivilisation und birgt doch zugleich eine Wahrheit in sich, die dem Marxismus zunehmend abhanden zu kommen scheint.


„Ich glaube an die Gerechtigkeit, aber bevor ich die Gerechtigkeit verteidige, werde ich meine Mutter verteidigen.”(1) So die Antwort des Algerienfranzosen Albert Camus auf die Frage, warum er den algerischen Unabhängigkeitskampf nicht unterstütze.
Camus wurde damals für diese Antwort heftig angegriffen. Das Unverständnis darüber, dass er, der große Moralist und Kämpfer für Gerechtigkeit und Freiheit, diese Prinzipien plötzlich fallen ließ, sobald sie seinen eigenen Interessen widersprachen, war ebenso groß, wie der daraus folgende Vorwurf der Unaufrichtigkeit – ein Vorwurf, der jedoch ganz und gar ungerechtfertigt war, stand seine Äußerung doch durchaus in Übereinstimmung mit seiner Philosophie (auch wenn er sich in letzterer wesentlich eleganter auszudrücken vermochte). Tatsächlich bildeten Camus´ Denken und Leben wie bei kaum einem anderen Philosophen eine Einheit, als deren Symbol das oben erwähnte, in seiner Ehrlichkeit und Direktheit entlarvende Zitat angesehen werden kann.

Albert Camus – Künstler, Philosoph, Politiker

Bei der weiteren Darstellung Camus´ kann es aufgrund dieser Einheit weder darum gehen, gesondert auf seine psychologische, literarische oder dramaturgische Seite einzugehen, noch darum, eine bloße Aneinanderreihung und Beschreibung seiner Werke und Lebensereignisse vorzunehmen. Stattdessen soll versucht werden, die politisch-philosophisch relevante Grundessenz seines Denkens, dargestellt in den beiden Essays Der Mythos des Sisyphos und Der Mensch in der Revolte, in Wechselwirkung mit seinem Leben darzustellen. Nach einer kurzen Einführung in Camus´ Philosophie seien daher, abgesehen von den biographischen Eckdaten (siehe Kasten), nur ein paar besonders hervorstechende, für das Verständnis seines Denkens relevante Kennzeichen seines Lebens genannt.
Prinzipiell sei noch einmal wiederholt, dass der Grad, in dem die Prägung des Denkens durch das Leben, bzw. des Lebens durch das Denken, sichtbar wird, bei Camus außergewöhnlich hoch ist. Denn diese Tatsache begründet seine Stärke wie auch seine Schwäche. Als Journalist, Dramatiker, Schauspieler und Autor vermochte es Camus wie kaum ein Zweiter, den Geist seiner Umgebung einzufangen und ihn als Philosoph in Begriffe zu fassen. Die Übereinstimmung, die sein Werk dadurch, nicht nur mit einem allgemein verbreiteten Empfinden, sondern auch mit seinem eigenen politischen Handeln erlangte, verhalf ihm zu seiner Größe und lässt ihn heute noch über all die reinen Theoretiker triumphieren.
Doch zugleich bedeutete es eine geradezu sklavische Bindung der Vernunft an das Gefühl – ein Problem, das Camus zugleich auch als Mittelpunkt seiner gesamten Philosophie zum Ideal hochstilisiert. Seine Philosophie wird zum direkten Ausdruck einer bestimmten Stimmung in einem bestimmten Teil der Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit – ein Phänomen, dem zwar bis zu einem gewissen Grad alle Menschen unterliegen, das sich im Schriftsteller Camus aber besonders stark ausdrückt. An die Stelle philosophischer Beweise treten bei ihm wohlklingende aber unbegründete Behauptungen. Statt der analytischen Schärfe eines Philosophen findet sich bei ihm der Wortschwall eines Schriftstellers.

Der Mythos des Sisyphos

Der zentrale Gedanke des Mythos des Sisyphos ist der des Menschen, der die Fremdheit der Welt erfährt, und ausgehend von dieser Erfahrung versucht, eine Verhaltensregel zu finden. Um diesen Gedanken näher zu erläutern, ist es zunächst erforderlich, die drei wesentlichen Elemente, aus denen er zusammengesetzt ist, vorzustellen:
Das erste Element ist die Sehnsucht des Menschen nach Einheit der Welt und somit auch nach ihrer Beherrschung. Denn um die Welt zu verstehen, muss der Mensch sie vereinen, also das Mannigfaltige ihrer Erscheinungen auf eine gemeinsame Ursache zurückführen, die Welt seinen Kategorien unterordnen. Ist dies nicht möglich, so muss er der Wirklichkeit Gewalt antun, muss Bilder und Gestalten in sie hineinlegen, die ihr eigentlich fremd sind.
Das zweite Element ist dementsprechend die irrationale Welt, auf die die Sehnsucht des Menschen trifft.
Das dritte Element und der eigentliche Ausgangspunkt des Mythos des Sisyphos ist das Gefühl des Absurden. Durch zufällige und eigentlich belanglose Ereignisse zerbrechen plötzlich die Schemen, mit denen sich der Mensch bis dahin in der Welt zurecht gefunden hat. Plötzlich wird er sich der Kluft zwischen sich und der Welt bewusst und ist doch nicht in der Lage sie wieder zu schließen. In diesem Moment sieht sich der Mensch dem Absurden gegenüber. „Manchmal stürzen die Kulissen ein. Aufstehen, Straßenbahn, vier Stunden Büro oder Fabrik, Essen, Straßenbahn, vier Stunden Arbeit, Essen, Schlafen, Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag, immer derselbe Rhythmus – das ist meist ein bequemer Weg. Eines Tages aber erhebt sich das „Warum”, und mit diesem Überdruss, in den sich Erstaunen mischt, fängt alles an.”(2)
Durch das Gefühl des Absurden angetrieben, versucht der Mensch nun mittels der Vernunft sich die Welt erneut unterzuordnen. Er wendet sich der Wissenschaft zu und trachtet danach, mit ihrer Hilfe das Eine zu finden, das allem zugrunde liegt. Doch er scheitert erneut: „Trotzdem gibt mir alles Wissen über diese Erde nichts, was mich sicher sein ließe, dass diese Welt mir gehört. Ihr beschreibt sie mir und ihr lehrt mich, sie zu klassifizieren. Ihr zählt ihre Gesetze auf und in meinem Wissensdurst halte ich sie für wahr. Ihr zerlegt ihren Mechanismus und meine Hoffnung wächst. Schließlich lehrt ihr mich, dieses blendende und bunte Universum lasse sich auf das Atom zurückführen und das Atom wieder auf das Elektron. Das ist alles sehr schön und ich warte, dass ihr fortfahrt. Doch ihr erzählt mir von einem unsichtbaren Planetensystem, in dem die Elektronen um einen Kern kreisen. Ihr erklärt mir die Welt mit einem Bild. Jetzt merke ich, dass ihr bei der Poesie gelandet seid: Nie werde ich wirklich etwas wissen. [...] So läuft diese Wissenschaft, die mich alles lehren sollte, schließlich auf eine Hypothese hinaus, die Klarheit versinkt in einer Metapher, die Ungewissheit löst sich in einem Kunstwerk auf. Bedurfte ich so vieler Anstrengungen? Die sanften Linien des Hügels und die Hand des Abends auf meinem erregten Herzen lehren mich viel mehr.”(3) So scheitert auch die Vernunft, und das Absurde bleibt.
Zusammenfassend könnte man also sagen, dass es eigentlich nicht drei Elemente gibt, sondern vier: Denn sowohl das Gefühl, als auch die Vernunft bezeugen für Camus die Fremdheit der Welt und somit das Absurde – ein Umstand, der später noch eine Rolle spielen wird.
Von dieser Situation des Absurden ausgehend untersucht Camus nun die daraus entstehenden Handlungsmöglichkeiten.
Die naheliegendste Variante ist die unbewusste Rückkehr in die Kette: Die Irrationalität der Welt werde erneut geleugnet und das Leben wird weitergelebt wie bisher.
Doch finden sich in der Geschichte der Philosophie durchaus auch Vertreter der entgegengesetzten Richtung, wie zum Beispiel Kierkegaard, die angesichts des Absurden den Verzicht auf den Verstand fordern, und als einziges Werkzeug, sich in einer irrationalen Welt zurecht zu finden, den Glauben anerkennen.
Für Camus hingegen ist keiner dieser beiden Wege gangbar, da beide eine Kapitulation vor dem Absurden bedeuten würden. Ob ich die Irrationalität der Welt oder die Sehnsucht des Menschen nach Erkenntnis leugne, sei einerlei: Beide Wege seien Ausdruck der Resignation des Menschen, da beide zugunsten der Bequemlichkeit einen Teil der Wahrheit verraten. Denn das Verlangen des Menschen nach Vernunft und die Unvernunft der Welt sind gleichermaßen real. Das Leben bekomme erst dadurch seinen Wert, in dem man seinen Geist ständig in der durch diesen Widerspruch erzeugten äußersten Anspannung halte – zugleich auch der Grund dafür, dass Camus nun die Frage von der er eigentlich anfangs ausgegangen war, nämlich ob das Absurde den Selbstmord verlange, mit Nein beantworten kann.
„Diese Auflehnung gibt dem Leben seinen Wert. Erstreckt sie sich über die ganze Dauer seiner Existenz, so verleiht sie ihr ihre Größe. Für einen Menschen ohne Scheuklappen gibt es kein schöneres Schauspiel als die Intelligenz im Widerstreit mit einer ihn überschreitenden Wirklichkeit. [...] Der absurde Mensch hat nur die eine Möglichkeit, alles auszuschöpfen und sich selbst zu erschöpfen. Das Absurde ist seine äußerste Anspannung, die er beständig mit einer unerhörten Anstrengung aufrechterhält, denn er weiß: In diesem Bewusstsein und in dieser Auflehnung bezeugt er Tag für Tag seine einzige Wahrheit, die Herausforderung.”(4)
Als Verkörperung seines Ideals vom absurden Menschen – und hier schließt sich der Kreis zum Titel des Essays – nennt Camus Sisyphos, der von Zeus dazu verurteilt wurde unablässig einen Felsblock einen Hügel hinaufzuwälzen, dessen Gipfel er doch nie erreicht, da der Felsblock immer wieder kurz vor dem Gipfel herunterrollt und Sisyphos von vorne beginnen muss. „Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.”(5)
Der Rest des Werkes ist der Betrachtung des Absurden, wie es sich in der Kunst oder in verschiedenen Lebensstilen zeigt, gewidmet und daher für unsere Zwecke zwar nicht völlig irrelevant aber doch zu vernachlässigen.

Der Mensch in der Revolte

Das zweite philosophische Hauptwerk Camus’ überträgt nun das soeben beschriebene Prinzip von der individuellen in die politische Sphäre. Sowohl die Hauptfiguren, als auch die Struktur des Widerspruchs folgen hierbei dem bekannten Schema:
Was für den Einzelnen die Sehnsucht nach Einheit war, ist für den Menschen in der Revolte das Gefühl der menschlichen Solidarität. Der Zustand der Welt, der als unvernünftig bezeichnet wurde, wird dementsprechend jetzt als ungerecht konkretisiert. Und das was durch den Zusammenstoß dieser beiden Figuren entsteht, ist nicht mehr das Absurde sondern die Revolte. Doch obwohl dieses Grundprinzip das selbe ist, liegen die Dinge hier doch ein wenig komplizierter:
Durch den Eindruck einer in Hinblick auf Ungerechtigkeit und Unfreiheit besonders zugespitzten Situation werde das im Menschen liegende Gefühl der menschlichen Solidarität geweckt: Er werde zum Menschen in der Revolte. Er verneint die bestehende Welt zugunsten eines in ihm liegenden Prinzips. Doch dieses Prinzip der Solidarität ist, wie Camus ausführt, widersprüchlich: Einerseits stellt es die Forderung nach Freiheit und Gerechtigkeit auf, andererseits erlegt es dem Kampf für diese Forderung strenge Beschränkungen auf. Denn das reine Gefühl der menschlichen Solidarität ist nicht dazu in der Lage, zwischen Mitteln und Zweck zu differenzieren. Lüge, Mord und andere unmoralische Mittel können nur dann angewandt werden – und selbst dann bedeutet das noch nicht, dass sie gerechtfertigt sind – wenn sie dem unmittelbaren Gefühl der Solidarität entsprechen, also wenn sie unmittelbar einem guten Zweck dienen. Jedes planmäßige politische Handeln stößt schnell an seine Grenzen.
Wie für den Menschen, der sich dem Absurden gegenüber sieht, so ergibt sich also nach Albert Camus auch für den Menschen in der Revolte ein Widerspruch, der ihn zu einer Entscheidung drängt. Doch diesmal droht bei einer falschen Entscheidung nicht bloß die Resignation des eigenen Geistes, sondern die Unterdrückung und Ausbeutung der Menschheit. Wiederum ist die Vernunft nicht dazu in der Lage den Widerspruch, von dem das Gefühl der menschlichen Solidarität geprägt ist, zu erfassen und muss daher eine der beiden Seiten absolut setzen, um die nicht vorhandene Einheit herzustellen.
Der erste hieraus entstehende Irrweg sei der des Yogis: Aus Angst davor sich die Hände schmutzig machen zu müssen hält er sich aus allem heraus. Doch indem er sich heraus hält, würde er automatisch mitschuldig an Ausbeutung und Unterdrückung.
Nicht ganz so einfach liegen die Dinge beim zweiten Irrweg, dem der Revolution. Camus widmet diesem Thema daher auch den Großteil seines Buches. In der Revolution löse die Vernunft den Widerspruch, in dem sie das Verlangen nach Freiheit und Gerechtigkeit absolut setzt und die Grenze negiert. Von diesem Absoluten ausgehend beginne sie dann damit, eine Theorie zu formulieren, die diese Absolutsetzung rechtfertigt. Der Versuch, diese Rechtfertigung wissenschaftlich zu gestalten, muss für Camus jedoch scheitern, da es dazu notwendig wäre, sich in seiner Argumentation auf das menschliche Wesen zu berufen. Gerade dieses wäre aber der Beweis für die Unmöglichkeit des Absoluten und kann daher nicht als Stütze dienen, sondern muss ganz im Gegenteil geleugnet werden. Und so benötigte schließlich jede Theorie, die das Absolute fordert als letzte Legitimation eine Art religiöse Instanz. Für die Jakobiner hätte diese in der Vernunft und der daraus abgeleiteten Tugend bestanden, wodurch sie den von ihnen abgeschafften Gott wieder eingeführt hätten.
Der Marxismus, wie Camus ihn versteht, jedoch besiegelt den historischen Nihilismus, in dem er auch die Tugend abschafft. Mit Hegel führt er die Geschichte, die unausweichlich auf die Revolution zusteuert, als alleinige Richterin ein. Ob Vernunft oder menschliches Wesen: Alles ist der Geschichte unterworfen und kann daher keinen Anhaltspunkt für richtiges Handeln bieten. Der einzige feste Punkt, der einem Halt bieten kann, ist das Ende der Geschichte und alles was ihr dient, ist demnach gerechtfertigt. Und so existiert auch der Marxismus – trotz wissenschaftlicher Ansätze – von Beginn an nur als Prophezeiung.
Der Marxismus macht also aus dem Verlangen der Revolte nach Freiheit und Gerechtigkeit ein Absolutes, dem er den restlichen Teil der menschlichen Natur unterwerfen muss. Doch dadurch, dass das Ziel eben dem menschlichen Wesen widerspricht, zieht sich der Kampf in die Länge und die Menschen müssen sich entweder der Disziplin des Kampfes unterwerfen, oder werden zu Gegnern, die es zu töten gilt. Und die Länge dieses Kampfes kann sogar noch beliebig hinausgedehnt werden, da es ja mit der Revolution, sogar mit der Weltrevolution, noch nicht getan ist. Das Reich der Freiheit kann erst einkehren, wenn sämtliche Ungerechtigkeit, mitsamt den nach ihr verlangenden Personen, ausgerottet ist. Im Verlauf des Kampfes werden somit die einstmals Revoltierenden entweder vernichtet, oder in ein Heer von Sklaven verwandelt – untertäniger, als der Kapitalismus sie je hätte schaffen können.
Abschließend sei zum besseren Verständnis noch ein Rückgriff auf die griechische Mythologie angeführt, in dem Camus, so wie er den absurden Menschen anhand der Figur des Sisyphos verbildlichte, das Schicksal des Revolutionärs mittels einer abgewandelten Form der Prometheus-Sage veranschaulicht: „Er [Prometheus] schreit seinen Hass auf die Götter und seine Liebe zu den Menschen heraus, wendet sich verachtungsvoll von Zeus ab und kommt zu den Sterblichen, um sie zum Ansturm gegen den Himmel zu führen. Doch die Menschen sind schwach oder feig; man muss sie organisieren. Sie lieben das unmittelbare Vergnügen und Glück; man muss sie lehren, um zu wachsen, den Honig der Tage zu verschmähen. So wird auch Prometheus zum Lehrer, der zuerst lehrt, darauf befiehlt. Der Kampf dauert noch länger an und wird aufreibend. Die Menschen zweifeln zuerst am Sonnenstaat und seinem Bestehen. Man muss sie vor sich selbst retten. Der Held sagt ihnen darauf, er kenne den Staat, er allein. Die daran zweifeln, werden in die Wüste getrieben, an einen Felsen genagelt, den grausamen Vögeln zum Fraß vorgeworfen. Die anderen gehen fortan im Dunkeln, hinter dem einsamen, gedankenverlorenen Meister. Prometheus, der Einsame, ist Gott geworden und herrscht über die Einsamkeit der Menschen. Aber von Zeus hat er nur die Einsamkeit und die Grausamkeit angenommen, er ist nicht mehr Prometheus, er ist Cäsar. Der wahre, ewige Prometheus hat nun die Gestalt eines seiner Opfer.”(6)
Für Camus ist also keiner der beiden bereits existierenden Wege gangbar. Er wählt stattdessen den Weg der Revolte: Während Resignation und Revolution den Impuls der Revolte vernichten, indem sie ihn durch eine Idee ersetzen, ist sich der Mensch in der Revolte bewusst, dass die Revolte von ihrem Wesen her nicht maßlos ist, sondern eine Grenze in sich trägt. Um diese Grenze zu erhalten und somit der Revolte treu zu bleiben, darf sie nicht in eine absolute Idee umgewandelt werden, sondern als ursprünglicher Impuls erhalten bleiben. Der Mord ist für den Menschen in der Revolte notwendig und unentschuldbar, darf also keineswegs die Folge rationaler Berechnung sein. Die Wünsche nach absoluter Freiheit und absoluter Gerechtigkeit müssen sich gegenseitig begrenzen, da beides zugleich unmöglich ist.

Zwischen den Fronten?

Was die Bedeutung betrifft, die dieser Philosophie nun in Hinsicht auf die Erstellung eines politischen Profils Camus´ zukommt, so ist hier mit zweierlei Maß zu messen:
Was ihre gegenwärtige Bedeutung betrifft, so kann es keine Zweifel geben: Der bürgerliche Angriff des 20. Jahrhunderts auf die Vernunft findet in Camus einen seiner wichtigsten Vertreter. Indem er der Vernunft die Fähigkeit abspricht das Wesen des Menschen soweit erfassen zu können um eine politische Theorie zu entwickeln, die diesem entspricht, verneint er nicht nur den Kampf für eine andere Gesellschaft, sondern macht Politik überhaupt praktisch unmöglich. Der Impuls der Revolte, dessen Erhalt als Selbstzweck Camus fordert, wird von jeder Perspektive abgetrennt und ins System integriert. Geschieht dies nicht und bleibt die Revolte mit der Vernunft verbunden, entwickelt sich also zur revolutionären Bewegung, so wird sie – denn die Raserei der Vernunft ist ebenso schlimm wie die der Unvernunft – mit dem Faschismus gleichgesetzt und Camus somit zum Vordenker der Totalitarismustheorie. Diese Liste ließe sich noch beliebig fortsetzen. Es ist jedenfalls nicht schwer zu verstehen, dass Camus bzw. der moralische Tonfall überhaupt, in Politik und Medien nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion eine Renaissance erleben, während er zu seinen Lebzeiten tatsächlich noch von Rechts und Links gleichermaßen angefeindet worden war. Camus und die Moral bilden die Brücke zum ehemals linken Spektrum. Mit ihrer Hilfe kann die politische Hegemonie der Bourgeoisie, die weltweit nach dem Ende des Kalten Krieges ihren Höhepunkt erreichte, entsprechend ideologisch umgesetzt werden.
Eine vernichtende politische Bilanz also, die in großen Teilen zu Camus´ Lebzeiten gleichermaßen galt. Ihn als bürgerlichen Propagandisten zu bezeichnen, wäre dennoch realitätsfern, denn im Gegensatz zu seinen Nachfolgern, die das Maßdenken immer dann beschwören, wenn sie selbst bedroht sind und nur allzu schnell beim Vergessen dieses Prinzips sind, sobald sie sich in der Offensive befinden, lebte Camus sein Leben tatsächlich auf diese Weise. Als bestes Beispiel dafür mag Camus´ Stellung zu Algerien dienen: Als Algerienfranzose setzte er sich zuerst journalistisch für die diskriminierte arabische Bevölkerung ein und trat sogar aus der Kommunistischen Partei Algeriens aus, weil diese die Unterstützung für die Araber einstellte. Bei Ausbruch des Unabhängigkeitskrieges unterstützte er jedoch im Gegensatz zu Sartre und anderen französischen Intellektuellen nicht die Forderung nach Unabhängigkeit, sondern forderte von beiden Seiten die Verschonung von Zivilisten und die abstrakte Versöhnung von Franzosen und Arabern. Die Moral des unmittelbaren Empfindens war also für ihn kein politischer Trick, sondern sein tatsächlicher Lebensstil – ein Beweis für ihre Richtigkeit ist das jedoch nicht.

Der Weg der Revolte

Auch die biographische und politische Betrachtung lehrt einen über Camus also nur, dass seine Philosophie von ihm nicht als Ideologie konzipiert war, sondern tatsächlich seinem Leben entsprach – auch wenn er es nie theoretisierte, warum die eigene Mutter wichtiger als das Schicksal eines ganzen Volkes sei, sondern stattdessen allgemein forderte dem unmittelbaren Gefühl zu folgen. Doch es ist immer noch nicht ersichtlich, ob Camus´ Moral nun ein gangbarer Weg ist oder nicht, ob sie dem Menschen entspricht, oder ihn verhöhnt. Und so wendet man sich also wieder zurück zur Philosophie und erinnert sich des Gedankenganges des Menschen in der Revolte:
Wenn die Revolte zur Revolution wird, muss die Vernunft das unmittelbare Gefühl der menschlichen Solidarität unterdrücken und die Menschen, die sich dazu weigern, umbringen. Nach einiger Zeit sind die Revoltierenden entweder zu Leichen oder zu Sklaven geworden. Die Lösung besteht daher darin das unmittelbare Empfinden nicht zu unterdrücken, sondern frei auszuleben und so die Revolte zu erhalten.
Das erste, was bei diesem Gedanken auffällt, ist natürlich sein extremer Idealismus. Für einen Menschen, der dem Hungerstod nahe ist, stellt sich die Frage der Revolte als solche überhaupt nicht in dieser Form, denn die menschliche Solidarität begründet sich für ihn vor allem aus der Vernunft des organisierten Kampfes und der Erringung von politisch-sozialen Verhältnissen, die ihm und seinesgleichen dauerhaft etwas zu essen sichern.
Doch man nimmt diese Einschränkung hin und fragt erneut: Ist für einen sattgegessenen Europäer, der zwar nicht in Luxus lebt, der aber auch nicht unmittelbar in seiner Existenz bedroht ist und der zum Menschen in der Revolte wird, Camus´ Moral ein gangbarer Weg?
Camus geht davon aus, dass sich die menschliche Natur im Sinne des Impulses der Revolte und die Vernunft gegenseitig ausschließen. Entweder die Revolte wird gelebt, oder durch die Vernunft getötet. Das Menschenbild, das Camus damit zeichnet, ist freilich eines, das diesen Namen kaum noch verdient. Für ihn muss der Mensch entweder, getrieben von der Revolte, schlimmer als jedes Tier immer wieder mit dem Kopf gegen die Wand laufen, da er ja seine Vernunft nicht gebrauchen darf, oder aber er ist nur noch reine Vernunft ohne menschliche Grundlage. Und so endet der großartige Humanismus Camus´ als ein Humanismus, dessen Liebe zum Menschen groß genug ist, um ihn in ein Tier zu verwandeln.
Camus´ Moral ist tatsächlich ein gangbarer Weg: Es ist der ideale Kompromiss für Söhne und Töchter aus gutem Hause, die den Impuls der Revolte verspüren, aber gleichzeitig ihre privilegierte gesellschaftliche Stellung behalten wollen. Der Weg der Revolte ist es jedoch nicht, denn dieser ist unzertrennlich mit der Vernunft verbunden. Die Revolte stirbt nicht wegen der Vernunft, sondern ohne sie. Zur Resignation führt es, wenn man mit einer Welt konfrontiert ist, die dem menschlichen Wesen fundamental widerspricht, die man aber nicht verändern darf. Indem man sich gegen die Vernunft entscheidet, entscheidet man sich zugleich gegen die Revolte.

Natur und Vernunft

Da die bisherige Auseinandersetzung mit Camus, also das Aufzeigen seiner Fehler, für alle, die noch an den Menschen glauben, ebenso unumstritten wie trivial sein dürfte, sei dem Leser eine weitere Ausführung und Ableitung dieser Gedanken erspart, sodass nun die Perspektive der Untersuchung geändert werden kann. Denn mindestens ebenso wie die Anklage falscher Ideen ist für den Marxismus die Erklärung des Einflusses dieser Ideen von Bedeutung. Politisch wurde dieser Einfluss bereits beschrieben, doch der politische Nutzen einer Idee kann noch nicht deren Wirksamkeit erklären, sodass sich die Frage aufdrängt, ob die falsche Philosophie Camus´ nicht gleichsam ein wahres Element in sich birgt.
Und tatsächlich ist das, was Camus im Mythos des Sisyphos die Fremdheit der Welt und im Menschen in der Revolte die Unfähigkeit der Vernunft der menschlichen Natur zu entsprechen nennt, kein Hirngespinst von ihm, sondern ein reales Problem. Camus, der die Geschichte weitgehend leugnet, kann dieses Phänomen, die Entfremdung der Vernunft von der Natur, jedoch nicht begreifen und muss diese Fremdheit als Wesensmerkmal der Vernunft verewigen.
Der Aufstieg des Kapitalismus verstärkte in ungeheurem Maße zwei bereits vorher bestehende Tendenzen: Zum Einen beschleunigte er durch die Entwicklung der Produktivkräfte nicht nur die Industrialisierung der Gesellschaft, sondern auch deren Herausbildung einer rationalen Struktur. Sämtliche Traditionen, die dem Profit des Kapitalismus hinderlich waren, wurden abgeschafft. Zum Anderen jedoch wurde und wird die Grundlage, auf der all diese rationalen Strukturen aufbauen, das Profitstreben, selbst nicht mehr hinterfragt, sodass man nun eine Gesellschaft hat, die mit rationalen Methoden ein irrationales Ziel anstrebt und deren Rationalität somit im gleichen Maß abnimmt, wie die ihrer Struktur zunimmt.
Durch diese Irrationalität entfremdet sich die Gesellschaft immer mehr von der menschlichen Natur. Der Mensch fühlt diese Entfremdung – das Absurde und die Revolte zeugen davon gleichermaßen – begreift sie jedoch, angesichts einer scheinbar rationalen Gesellschaft, als prinzipielle Fremdheit der Vernunft von der Natur. Die verkehrte Vernunft des Kapitalismus erscheint ihm als Vernunft schlechthin und zwingt ihn daher dazu sich als letzten Rettungsanker an die menschliche Natur zu klammern, zugunsten derer er die Vernunft verleugnet. Auch Camus beschreibt im Mythos des Sisyphos diese Besiegelung des bürgerlichen Dualismus, wenn auch ungewollt:
Auf der einen Seite ist das Gefühl, das auf die irrationale Gesellschaft trifft, und somit das Absurde hervorbringt: „Aufstehen, Straßenbahn, vier Stunden Büro oder Fabrik, Essen, Straßenbahn, vier Stunden Arbeit, Essen, Schlafen, Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag, immer derselbe Rhythmus – das ist meist ein bequemer Weg. Eines Tages aber erhebt sich das ´Warum´, und mit diesem Überdruss, in den sich Erstaunen mischt fängt alles an.”(7)
Auf der anderen Seite steht eine Vernunft, die sich von der Natur gelöst hat, und diese daher auch nicht begreifen kann: „Trotzdem gibt mir alles Wissen über diese Erde nichts, was mich sicher sein ließe, dass diese Welt mir gehört. [...] Doch ihr erzählt mir von einem unsichtbaren Planetensystem, in dem die Elektronen um einen Kern kreisen. Ihr erklärt mir die Welt mit einem Bild. Jetzt merke ich, dass ihr bei der Poesie gelandet seid: Nie werde ich wirklich etwas wissen.”(8)
Camus fängt die Stimmung des menschlichen Dramas im 20. Jahrhundert mit den Begriffen des Absurden und der Revolte ein, doch kann er den Charakter dieses Dramas nicht begreifen, und muss so Vernunft und Natur als widersprüchlich ansehen, was im Menschen in der Revolte dann zu den bereits erwähnten verheerenden Schlussfolgerungen führt.

Marxismus und Moral

Dies ist der Punkt, dessen sich der Marxismus erinnern muss, denn die große Popularität, derer sich Camus nach wie vor erfreut, lehrt uns mehr als die Tatsache, dass seine Philosophie eine reaktionäre Rolle spielt. Camus erinnert uns daran, dass auch die revolutionäre Bewegung in der Revolte ihren Ursprung hat und sich auf diese besinnen muss. Dies kann jedoch nicht in der Form geschehen, dass man bei ihr stehen bleibt, wie Camus es fordert, sondern dass man Revolte und Vernunft als zwei Pole eines Ganzen begreift, die beide in ihrer extremsten Form erhalten werden müssen und doch nicht auseinanderfallen dürfen. Camus verkörpert eine Seite einer Totalität, die dem Marxismus nicht abhanden kommen darf, was jedoch nur allzu häufig der Fall ist: Weder die Degeneration zu einem primitiven bürgerlichen Moralismus eines Camus´, noch die Entwicklung zum Studiermarxisten, der jeden Ansatz jenes ursprünglichen Impulses der Revolte, der ihn mit den Menschen verbindet verloren hat, sind in der heutigen Linken eine Seltenheit. Während nur allzu viele an der Überwindung des unmittelbaren Empfindens hin zu einer langfristigen Strategie scheitern, vertrocknen die anderen in bloßer Theorie.
Seine Handlungen nur auf Grund von vernünftigen Überlegungen auszuführen, und gleichzeitig nicht auf den Impuls der Revolte zu vergessen, durch den allein ihm das Ziel seiner Handlungen gegeben ist: Das ist der Weg des Menschen in der Revolte. Doch nicht nur das: Camus hatte richtig erkannt, dass die Revolte der beste Teil des Menschen ist, doch sowohl aus persönlichen Gründen – als Algerienfranzose, und später als Mitglied des Establishments, war er nicht dazu in der Lage, die politischen Konsequenzen zu tragen, die eine Anerkennung der Einheit von Revolte und Vernunft mit sich gebracht hätte – als auch aus intellektuellen Gründen – wie so viele andere Menschen, einschließlich Linke, suchte er angesichts einer verkehrten Vernunft in der Natur sein Heil – konnte er die Revolte nicht vollständig begreifen. Der Weg der Revolte ist der Weg des Menschen überhaupt. Auf diesem Weg, in dem er diese Spannung zwischen Natur und Vernunft erträgt, zeigt sich der Mensch in seiner wahren Größe.
Dies könnten Elemente einer Grundlage einer marxistischen Ethik sein. Eine Moral im Sinne marxistischer zehn Gebote kann die Philosophie nicht aufstellen, da diese bestenfalls ein Hilfsmittel für gewisse Zeitspannen sein kann – niemals jedoch für die Ewigkeit.

Stepan Königsberger

(1) Kampits, Peter (2000), Zur Aktualität von Albert Camus, S. 62, Picus Verlag Wien, 2001
(2) Camus, Albert (1942), Der Mythos des Sisyphos, S. 22, Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbeck bei Hamburg, 2001
(3) ebd, S. 31
(4) ebd, S. 73
(5) ebd, S. 160
(6) Camus, Albert (1951), Der Mensch in der Revolte, S. 276, Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbeck bei Hamburg, 2001
(7) Camus, Albert (1942), Der Mythos des Sisyphos, S. 22, Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbeck bei Hamburg, 2001
(8) ebd. S. 31