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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 3 September 2002

Der neue Krieg

Dieser Artikel von Werner Pirker erschien am 20. Oktober 2001 in der deutschen Tageszeitung „junge welt“. Er thematisiert die Krise der Globalisierung und der Neuen Weltordnung in Anbetracht der Ereignisse des 11. September.


„In einer Epoche der Privatisierung“, empört sich Theo Sommer in der „Zeit“, „privatisiert er (Osama Bin Laden) den Krieg“, „im Zeitalter der Globalisierung globalisiert er den Terror“. Eine schlimmere Beleidigung der Privatisierung und eine zynischere Verhöhnung der global agierenden Finanzströme kann es liberalem Zeitgeist zufolge nicht geben. „Allenthalben sind Stämme, Sekten, ruhmsüchtige Warlords dabei, den Krieg wieder zu entstaatlichen“, wie einst im Mittelalter, weshalb der Essayist dies auch als zivilisatorischen Rückschritt beklagt. Den privatisierten Krieg, nicht den Krieg und nicht die Privatisierung.

Vielleicht hat Osama Bin Laden die Logik der Privatisierung tatsächlich besser begriffen als die liberalen Denker in ihrer Verteidigung der offenen Gesellschaft und des Gewaltmonopols des Staates. Die Kausalität von Krieg und Privatisierung erschloss sich in der privaten Enteignung der staatssozialistischen Gesellschaften als ein Akt des Kriegskapitalismus. Dass dieser Krieg weitgehend ein kalter Krieg geblieben ist, hängt mit der schockartigen Enteignung bzw. Entwaffnung potentiellen Widerstandes zusammen. Die russische Privatisierung ging bis zur Privatisierung der Staatsmacht – ein Prozess, den die heutige Kreml-Führung unter Putin mit geringen Erfolgsaussichten zu korrigieren versucht. Jelzin verdankte seinen Sieg im Oktober 1993 der Privatisierung der Armee. Die Taganskaja-Elite-Division war nur gegen Dollar-Honorare bereit, die Volkserhebung niederzuschlagen. Das aufständische Parlament hatte bloß lumpige Rubel zu bieten.

Was ist al-Qaida im Vergleich zu IWF und Weltbank?

Osama Bin Laden, der wie eine islamische Ausgabe von Jesus Christus aussieht, sanft wie der Gottessohn, nur nicht so abendländisch, wie sich Christenmenschen fälschlicherweise ihren Erlöser vorstellen, ist ein Kind seiner Zeit. Nicht der Spätgeborene einer Zeit, in der die Propheten der Weltreligionen einer nach dem anderen durch das Morgenland wandelten. Kein Prämoderner, sondern ein Postmoderner. Die Postmoderne ist ebenso die ins Absurde gesteigerte Moderne wie die hypermoderne Ausgabe der Prämoderne. Der Moderne ist ihre Selbstaufhebung immanent – was heute modern ist, ist morgen unmodern. Sollten Aufklärung und menschliche Emanzipation je die inhaltlichen Kriterien der Moderne gebildet haben, dann wäre sie völlig aus der Mode geraten.

Es heißt, Kriminelle hätten die Intelligenz von Erwachsenen auf dem ethischen Niveau von Kleinkindern. Genau so präsentiert sich der zeitgenössische Kapitalismus. Die Errungenschaften des menschlichen Geistes werden von atavistischen Trieben beherrscht.
Unter den 100 größten Wirtschaftseinheiten der Welt befinden sich 51 privatkapitalistische Imperien und nur 49 Nationalstaaten. Osama Bin Laden mag den Krieg privatisiert haben. Doch was ist ein privatisierter Krieg gegen den Krieg der Privatisierer? 5000 Milliarden Dollar werden nach IWF-Schätzungen in den „Steueroasen“ geparkt und so der globalen Entwicklung der menschlichen Gesellschaft entzogen. Der Besitz von 358 Dollarmilliardären übersteigt das Gesamteinkommen jener 45 Prozent der Länder, die in der unteren Hälfte der Reichtumsskala angesiedelt sind. Die ganzheitliche Welt, von den Globalisierungs-Ideologen beschworen, als deren erster Stichwortgeber sich übrigens der letzte Generalsekretär der KPdSU hervortat, ist so ganzheitlich wie die bürgerliche Gesellschaft eine klassenlose. Osama Bin Laden mag den Terror globalisiert haben, doch was ist globalisierter Terror gegen den Terror der Globalisierer? Was ist al-Qaida im Vergleich zu IWF und Weltbank?

Am 11. September 2001 ist der katastrophische Zustand der Welt auch den Verursachern der Katastrophe bewusst geworden. In ihrer Selbstbezogenheit konstatierten sie eine historische Zäsur. Nichts sei mehr, wie es davor war. Mag schon sein, dass es eine Jahrhundertzäsur war, was bei einem Jahrhundert im Alter eines Kleinkindes wenig aussagt. Wie seicht muss postmodernes Geschichtsbewusstsein sein, dass selbst der Untergang der Sowjetunion als geschichtliche Zäsur inzwischen weniger dramatisch wahrgenommen wird als der Einsturz der Ikonen des amerikanischen Kapitalismus. Denn es ist die von ihnen beherrschte Welt, mit deren Widersprüchen sie der Sozialismus nach seinem Abtreten allein gelassen hat, die nun außer Kontrolle gerät. Der Mythos vom Ende der Geschichte liegt unter den Trümmern der Zwillingstürme endgültig begraben. Eine vorgeblich aufgeklärte Gesellschaft folgte den mittelalterlich-mystischen Verheißungen auf die Endzeit in Gestalt eines tausendjährigen Reiches. Wurde diese Hoffnung früher auf einen Messias projiziert, später auf einen Führer, so nun auf die unsichtbare Hand des Marktes.

Es war eine friedliche Posthistorie, die Francis Fukuyama entwarf, basierend auf der liberalen Demokratie als globaler Staatsform. Den Auftakt zum ewigen Völkerfrühling bildete der Krieg gegen den Irak. In Jugoslawien folgten die Völker der unsichtbaren Hand und fielen übereinander her. Der jugoslawische Bürgerkrieg wurde zum Sittengemälde der neuen Weltordnung. Das westliche Wertesystem dünkt sich auf eine Weise erhaben, dass es den Krieg als Instrument zur Durchsetzung des Wahren, Guten und Schönen als selbstverständliche Denkoption rehabilitiert, wie man das nach 1945 nicht mehr für möglich gehalten hätte.

Spalte die Opfer, und du machst dir den Globus untertan

Allein die Kriegspropaganda ist eine völlig andere geworden. Stellte sie früher einen offenen Appell an niedrige Instinkte und atavistische Triebe dar, so artikuliert sie sich nun übernational und menschenrechtlich. Der Krieg mit menschlichem Antlitz. Imperialistische Kriege erscheinen als Befreiungskriege. Als wollte nach dem vorläufigen Ende des Kommunismus der Globalkapitalismus die Rolle eines ideologisch begründeten, auf einer Befreiungsidee beruhenden Weltsystems einnehmen. Die Internationale erkämpft des Menschen Recht. Dass es das letzte Gefecht ist, will indes niemand versprechen. Militarisiertes Denken hat den Krieg aus seinem Status als Ausnahmezustand befreit und in die Normalität geholt. Eine Epoche des permanenten Krieges kündigt sich an.

(…)

Die mediale Begleitung des NATO-Krieges in Jugoslawien war Meutejournalismus der übelsten Art. Es war, als wäre die Erwachsenenwelt auf Kindergartenniveau zurückgefallen, andächtig den Märchen lauschend, die Jamie Shea oder Onkel Rudolf erzählten. Vom albanischen Rotkäppchen, das Milosevic fressen wollte oder vom albanischen Schneewittchen, das der NATO-Prinz mit einem Kuss erlöst hat. Dissens zu dieser manichäischen Weltsicht war kaum vernehmbar. Der mediale Stammtisch formierte sich zum fröhlichen Jagen. Belgrad war eingekesselt.

Verglichen mit damals wirken die Erzeugnisse der MeinungsproduzentInnen im Angesicht des „Krieges gegen den Terror“ seltsam gequält und von des Gedanken Blässe angekränkelt. Gestern noch hemmungslos, heute ängstlich zurückgezogen. Auch daran erkennt man die Meute. Jugoslawien war ein hilfloses Opfer, das seine Existenz als souveräner Staat zwar verzweifelt verteidigte, aber letztendlich chancenlos war. Der Balkanstaat hatte keine Verbündeten, jedenfalls keine, die ihre Existenz mit der Jugoslawiens verbunden hätten. Vor allem aber war der Balkan kein Terrain, auf dem der viel zitierte „Clash of Civilisations“ hätte stattfinden können. Die islamische (Ausnahme: Libyen) und protestantisch-katholische Welt waren in ihrem Kampf gegen das orthodoxe Serbien ein abendländisches Herz und eine morgenländische Seele. Das restsozialistische Restjugoslawien wurde, obwohl es sich aus diesem immer raus gehalten hatte, zum letzten Opfer des Ost-West-Konfliktes. Ein nicht unwesentliches Kalkül der Balkan-Politik des Westens dürfte darin gelegen haben, über ihr „pro-islamisches Engagement“ den islamischen Nationalismus als eine Erscheinungsform des Nord-Süd-Konfliktes zu entschärfen. Spalte die Globalisierungsopfer und du machst dir den Globus untertan.

Dass das Kalkül nicht aufging, hat wesentlich mit der israelischen Politik der andauernden Unterdrückung und Demütigung der Palästinenser zu tun. Auch dürfte es den Islamisten klar geworden sein, dass sie in Bosnien und im Kosovo der Sache des Westens zum Sieg verholfen haben und nicht umgekehrt. Von einer islamischen Republik auf dem Balkan ist nichts zu sehen. Vor allem aber reflektiert der Islamismus auf seine verzerrte, religiös verklärte und reaktionäre Weise die Krise der Globalisierung. So wie im europäischen Mittelalter die Bewegung der Ketzer und Geißler, angeführt von Reichen mit schlechtem Gewissen und getragen von den Marginalisierten, eine unbewusste Form sozialen Protestes äußerte. Wenn auch sozial und intellektuell rückständig, weil nicht Zukunfts-, sondern Vergangenheitshoffnungen zum Ausdruck bringend, waren sie doch Vorboten der Neuzeit.

Die westlichen Medien sind Bin Laden auf eine seltsame Weise zugetan. Milosevic erschien ihnen als die Banalität des Bösen – eine ursprünglich auf Eichmann bezogene Metapher. In Osama Bin Laden aber erblicken sie mit wohligem Schaudern die „Ästhetik des Bösen“. Hollywood hätte Bin Laden kreieren müssen, gäbe es ihn nicht. Er verkörpert die Negation und gleichzeitig die Entsprechung der westlichen Kulturgesellschaft, die spiegelverkehrte Spaßgesellschaft, die „Schluss-mit-lustig“-Gesellschaft. Entsprechend geschockt reagierte die „Comedy“. Die Attentäter hatten ihr die zynische Show gestohlen. Osama Bin Laden Superstar. Er hat nicht nur den Krieg privatisiert und den Terror globalisiert, er hat – falls er es wirklich getan hat– in einer Zeit des medialen Wahns den Wahn mediengerecht inszeniert. „Auf dem Videoband sitzt Bin Laden mit drei Kampfgefährten vor einer Höhle, verfolgt wie der Prophet Mohammed bei seiner Flucht aus Mekka im Jahr 622“, preist Oliver Fahrni in „Die Woche“ das Mediengenie.

(…)

Der Nord-Süd-Charakter der globalen Auseinandersetzung

Es bedurfte einer zehnjährigen Auseinandersetzung, um Serbien als Dissident der neoliberalen Weltordnung in die Knie zu zwingen. Der nach den ideologischen Mustern des Ost-West-Konfliktes ausgetragene Kampf – „Demokratie und Menschenrechte versus Totalitarismus“ – war seinem Wesen nach bereits ein Nord-Süd-Konflikt. Was aber auch von einem Großteil der Linken anders wahrgenommen wurde. Nur so ist es erklärbar, dass Friedensbewegte und Antiglobalisierer gegenüber dem Afghanistan der Taliban weniger Berührungsängste haben, als sie sie gegenüber Jugoslawien unter Milosevic gehabt haben. Selbst zu einem Zeitpunkt, als die neue jugoslawische Führung die letzten Souveränitätsrechte dem Westen bzw. Norden ausgehändigt hatte, war Jugoslawien in Genua kein Thema.

Nun aber ist der Nord-Süd-Charakter der globalen Auseinandersetzung evident. Der Schwachsinn von den Schurkenstaaten, die sich gegen die „globale Zivilgesellschaft“ verschworen haben sollen, wird zunehmend unglaubwürdig. Das bürgerliche Feuilleton vermerkt mit Entsetzen, dass der Einsturz der Twin-Towers die innere Brüchigkeit des Globalisierungsregimes zum Ausdruck brachte. Der amerikanische Politikwissenschaftler Stanley Hoffmann analysiert in der „Zeit“, dass der neuzeitliche Terror der „globalen Zivilgesellschaft“ nicht entgegengesetzt, sondern ihr durchaus immanent ist. „Dazu (zur Zivilgesellschaft) gehören nicht nur multinationale Unternehmen, weltliche und religiöse Nichtregierungsorganisationen, Investoren, die ihr Geld in Lichtgeschwindigkeit von einem Aktienmarkt zum anderen lenken, sondern auch Drogenkartelle, Mafiabanden und Terroristen.“ Eine schöne Gesellschaft. Mit der linken Apologie der Zivilgesellschaft hat diese Deutung wenig gemein.

Nicht nur, dass Hoffmann mit der Mär aufräumt, die Zivilgesellschaft sei das basisdemokratische Gegengewicht zur Konzernherrschaft, er sieht die rührigen BasisdemokratInnen auch noch in der Gesellschaft von Mafiosi und Terroristen. Hoffmanns trotz alledem positive Deutung der Zivilgesellschaft ergibt sich aus ihrem privatistischen Charakter: „Menschen und Gruppen, die über Grenzen hinweg wirken und deren Beschlüsse und Aktionen den Handlungsspielraum von Regierungen deutlich einschränken.“ Egal, ob es sich um die Aktionen von Börsenspekulanten oder von Tierschützern handelt. Damit aber, dass Bin Laden auch noch den Krieg privatisiert, war nicht zu rechnen. Gewissermaßen ein Virus im neoliberalen Computersystem.

Wofür der linksliberale Mainstream eintritt, ist die Globalisierung der Sozialpartnerschaft bzw. die Versozialpartnerschaftlichung der Globalisierung. Doch ist die Globalisierung nun einmal das Gegenmodell zur Sozialpartnerschaft im nationalstaatlichen Rahmen. Nun soll sie international sozialpartnerschaftlich agieren? Die Zurückdrängung der nationalstaatlichen Komponente betrifft ja nicht den staatlichen Repressionsapparat, sondern die Sozialstaatlichkeit. Der an sich wertneutrale Begriff „Globalisierung“, der die brachiale Unterwerfung der Welt unter das Profitprinzip als objektiven Prozess suggeriert, der ein Für oder Wider sinnlos macht, ist das semantische Gegenteil seiner selbst: Die Welt erfährt eine nie da gewesene soziale Spaltung.

(…)

Werner Pirker