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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 3 September 2002

Amerika zieht in den Krieg - und die Medien ziehen mit

Das erste wirklich hautnah miterlebte „Medienspektakel“, 24 Stunden live Übertragung von Ground Zero in Manhattan am 11. September 2001 – wer kann sich daran nicht erinnern?


Die ersten Schlagzeilen nach dem Anschlag auf das World Trade Center spiegelten dann auch das wider, was den meisten als das „Unfassbare“ in Erinnerung bleibt: „U.S. under attack“ titelte der Sunspot, „Day of Infamy“ war die Schlagzeile von The Times, und die New York Times sprach vom „Day of Terror“.
Doch schon bald wandelten sich die Schlagzeilen. Die Berichterstattung des CNN tags darauf wurde bereits unter dem Motto „America’s new war“ geführt. Das rot-weiß-blaue Banner auf CBS verkündete „America fights back“. NBC und MSNBC verwendeten „America strikes back“ – von Zeit zu Zeit war auf MSNBC auch der Satz „Homeland Defense“ zu lesen (1). Newsweek verkündete stolz, Amerika sei „Back on Our Feet“. Tapfere Feuerwehrmänner und amerikanische Flaggen zierten die Titelblätter. Das Oprah Magazine versuchte es auf den Punkt zu bringen: „Aus der Asche des Word Trade Centers, des Pentagon und diesem Feld in Pennsylvania erstand ein neuer Geist der Einheit. Wir stellten fest, dass wir alle Teil der amerikanischen Familie sind.“(2) Eine Art „patriotisches Fieber“, wie es Dan Rather, Nachrichtensprecher des CBS später nannte, hatte die amerikanischen Medien ergriffen (3). Eine Krankheit, die jedoch chronisch sein dürfte, betrachtet man beispielsweise die Rolle der Medien während des Golf- und des Jugoslawienkriegs.
In den ersten Berichten wurde bereits verkündet, dass die Anschläge von „arabischen Terroristen“ durchgeführt worden seien. Anfangs kam sogar das Gerücht auf, die PFLP habe sich dazu bekannt (4). Bereits am Abend war jedoch klar, wer für das Geschehene verantwortlich zu machen sei. Zumindest wurde es gemutmaßt. Denn wirkliche Beweise wurden bis heute, aus Sicherheitsgründen wie gesagt wird, nicht vorgelegt. Und nachdem die Medien den Namen Osama Bin Laden mindestens 99mal erwähnt hatten, wurde aus dem „vermutlichen Attentäter“ nach dem hundertsten Mal „der Attentäter“, das Böse schlechthin. Amerika verlangte nach Rache und nun hatte es auch ein Ziel: den Nahen Osten und im speziellen Afghanistan und die al-Qaida. Durch die Liste der „Most Wanted Terrorists“, zweiundzwanzig arabische Männer umfassend, bekam der Terrorismus auch ein Gesicht, welches nicht nur die al-Qaida umfasste.
Kolumnist Neil Kessel der New York Post schrieb am 14. September: „Auch wenn Bin Laden gefangen ist, seine Organisation operiert in dezentralen Zellen überall auf der Welt, möglicherweise in Afghanistan, Sudan, Pakistan, Tschetschenien, Ägypten, Tunesien und sonst wo. In gewissem Sinne werden wir einen Weltkrieg führen. (...) Zeit aufzuräumen!“(5) Und somit waren die nächsten Ziele des „Anti-Terror Krieges“ gesteckt. Nur den Irak hatte Neil Kessler vergessen zu erwähnen. CNN vergas nicht auf den Irak, sondern fing an, den Mythos der von Saddam Hussein eingesetzten „menschlichen Schutzschilde“(6) wieder aufzuwärmen.

Weil nicht sein kann was nicht sein darf

Auch die palästinensische Frau, deren Bild am 12. September in fast jeder Zeitung zu sehen war, wurde instrumentalisiert, um die „Unmenschlichkeit“ der arabischen Bevölkerung der „zivilisierten Welt“ gegenüber noch einmal zu verdeutlichen. Das genannte Bild zeigt eine Frau und ihre Kinder, die vor der Kamera jubeln. Die Bildunterschriften lauten immer ähnlich: „Ein Bild, das fassungslos macht. Sie lachen, sie klatschen, sie reißen jubelnd die Arme hoch, singen ‚Allah ist groß’ und schießen Salut in den Himmel.“ „Diese Palästinenserin jubelt und wird mit Süßigkeiten verwöhnt – so ist es hier Brauch, wenn es Grund zur Freude gibt.“(7) Wie sich herausstellte, waren die Bilder gefälscht. Die Palästinenserin wurde zum „Lohn“ von etwas Kuchen zum Jubeln überredet. Sie wusste nicht einmal, warum sie jubeln sollte. Die Bilder gingen an CNN und dieser hat sie dann weltweit weiterverkauft (8). Die traurigen Gesichter der Moderatoren ließen keinen Zweifel - wenige Stunden nach dem Einsturz des WTC wurde über den Äther die Gleichschaltung vollzogen: Wer sich freut ist auf der anderen Seite. Die gesamte Welt hat sich in Trauer zu hüllen, und keinesfalls, unter keinen Umständen darf man sich freuen. Natürlich nicht ohne Hintergedanken. Selbst den dümmsten US-Patrioten muss klar sein, dass sie eben nicht auf der ganzen Welt beliebt sind.



Gleich darauffolgend stellt sich die Frage: „Warum hassen sie uns?“, wie Newsweek am 15. Oktober titelt. Darunter ist das Bild eines arabischen Kindes mit Kalaschnikow zu sehen. Was wohl soviel suggerieren soll wie: Wenn schon die Kinder so gefährlich sind, wie gefährlich sind dann erst die erwachsenen Araberinnen und Araber?

Der Angriff auf die Freiheit

Die Antwort, die die Medien ihren Leserinnen und Lesern in den Worten des Präsidenten und der Intellektuellen Amerikas sowie des Pentagon geben, ist deutlich: „Wir kämpfen, um uns selbst und diese allgemeingültigen Prinzipien [die amerikanischen Werte] zu verteidigen. Es [gibt] universale moralische Wahrheiten, zu denen alle Menschen Zugang haben. Keine andere Nation [als die amerikanische] in der Geschichte hat ihre Identität (...) so direkt und ausdrücklich mit den universalen Menschenrechten verbunden. Für uns hat kein anderes Faktum über dieses Land höhere Bedeutung. Die Vernunft und die moralische Abwägung lehren uns, dass es Zeiten gibt, in denen die erste und wichtigste Reaktion auf das Böse sein muss, es zu stoppen. Es gibt Zeiten, in denen es nicht nur moralisch gerechtfertigt, sondern sogar geboten ist, den Krieg zu erwägen - als Antwort auf katastrophale Gewaltakte, Hass und Ungerechtigkeit. Derzeit erleben wir einen solchen Moment.“(9) In der Washington Post wird das, was Huntington, Etzioni, Fukujama und andere in ihrem „philosophischen“ Brief zu sagen haben, so übersetzt: „Diese Nation symbolisiert Freiheit, Stärke, Toleranz und demokratische Prinzipien. (...) Das World Trade Center und das Pentagon haben, wie helle Lichter, die Wut der Feinde der Zivilisation angelockt. Diese Feinde sind immer da draußen... Amerikaner werden langsam wütend, aber sie sind bestimmt, wenn wütend, und ihre gerechte Wut soll nun mit Stolz erstrahlen.“(10) Und so zieht Amerika, mit den Medien an seiner Seite, wieder einmal in den „gerechten Krieg“.

Experten des Militärs, der Präsident und der amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfelds wurden in den Medien meist im Wortlaut zitiert, ohne deren Worte zu hinterfragen. In die Talkshows wurden nur jene als „Experten“ eingeladen, die sich für den Anti-Terrorkrieg aussprachen. Darunter waren nicht nur Ex-Generäle wie Henry Kissinger, auf CNN wurde auch der „erklärte Neonazi Larry Wayne Harris (‚Aryan Nation’) bisher 17 mal als Experte für Bioterrorismus“(11) interviewt, ohne dass auf seine Biographie hingewiesen worden wäre.

Was den Amerikanerinnen und Amerikanern generell über die Medien vermittelt wurde, war das Versprechen einer „starken Hand“ im „Kreuzzug“ des „Guten gegen das Böse“. Der Verteidigungs-Korrespondent des Time Magazin fasste die Auftritte des Verteidigungsministers mit folgenden Worten zusammen: „Auch wenn er uns sehr wenig mitgeteilt hat, er war wie eine Vaterfigur.“(12)

Der Medien-Krieg in Afghanistan

Tatsächlich waren die Informationen über den Afghanistankrieg sehr spärlich. Bildmaterial konnte nur vom amerikanischen Militär angefordert werden. Satellitenbilder, die Kriegsschäden oder Schlimmeres in Afghanistan beweisen konnten, wurden vom internationalen Markt weggekauft (13). Journalisten waren in der Kriegsregion nicht erlaubt. Abgesehen von der „Anthrax-Gefahr“, die die Schlagzeilen füllte, wurde von den amerikanischen Essenspaketen für afghanische Kinder berichtet. Wobei nicht erwähnt wurde, dass durch die von Flugzeugen gleichzeitig mit den Bomben abgeworfenen Essensrationen immer noch weniger Lebensmittel ins Land gelangten, als vorher durch die noch nicht geschlossenen Grenzen. Wer sich weniger für die „humane“ Seite des Krieges interessierte, konnte sich auf der CNN-Homepage per Mausklick von der Stärke der amerikanischen Luftstreitkräfte überzeugen, deren Flieger dort in einer 3-D Bildergalerie ausgestellt waren.
Die „Rendon Group“, eine bekannte PR-Firma, die zu Beginn der 90er Jahre bereits für die Regierung von Kuwait arbeitete, aber auch zusammen mit dem CIA für die irakische Oppositionsgruppe Iraqi National Congress warb, wurde für insgesamt 100.000 Dollar monatlich engagiert, um eine positive PR-Kampagne zu unterstützen. Bilder, wie die im Krieg 1999 gegen Jugoslawien, von sogenannten „Kollateralschäden“, wie der Tod vieler Menschen damals schon genannt wurde, sollten dadurch vermieden werden.

Noam Chomsky stellte einmal fest, dass es für eine vermeintlich freie Presse um einiges leichter ist, glaubhafte, patriotische Kriegparolen zu postulieren als für eine unter staatlicher Zensur (14). Diese traditionelle Aufgabe übernimmt die Presse anscheinend auch im jetzigen Krieg gegen den Terror.

Irina Vranac


(1) Norman Solomon: TV News: A Militarised Zone, www.fair.org/media-beat/011008
(2) Norman Solomon: A Sweet Message for Americans – „We Are Family“, www.fair.org/media-beat/011126
(3) US media cowed by patriotic fever, says CBS star, The Guardian, 17.05.2002
(5) Owen Gibson: What the US Papers say, www.fair.org
(6) Florian Rötzer, US-Regierung im Medienkrieg, 11.10.2001, www.heise.de/tp/deutsch/spezial/auf/9782/1
(7) Express, 12.09.2001
(8) www.wdr.de/online/polis/themen/20010924
(9) Nächstenliebe verlangt Gewaltanwendung, US-Intelektuelle plädieren für den „gerechten Krieg“ - Im Wortlaut, Der Tagesspiegel, 12. März 2002
(10) Washington Post, 12.09.2001, zit In: www.faire.org/press-releases/wtc-war-punditry
(11) Zur Vertiefung seines Informationsmonopols im „Krieg gegen den Terrorismus“ setzt das Weiße Haus auf eine bewährte Methode: Professionelle PR-Firmen, www.heise.de
(12) Chicago Tribune, 22.10.2001
(13) Zur Vertiefung seines Informationsmonopols im „Krieg gegen den Terrorismus“ setzt das Weiße Haus auf eine bewährte Methode: Professionelle PR-Firmen, www.heise.de
(14) Noam Chomsky, Manufacturing Consent, The Political Economy of the Mass Media, New York 1988, S xiv, zit in: http://www.globalissues.org/Geopolitics/MiddleEast/TerrorInUSA.asp