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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 3 September 2002

Durchs wilde Afghanistan

Was die US-geführten Streitkräfte wirklich in Afghanistan gemacht haben


Am 1. Juli 2002 bombardieren US-Kampfjets eine Hochzeitsfeier in dem kleinen Dorf Kakarak in der südlichen Provinz Uruzgan. Die Bilanz: zwischen 40 und 250 Todesopfer, Dutzende Verletzte, viele von ihnen Kinder und Frauen. Nur zögernd entschuldigen sich die USA bei den Familien der Opfer, bestehen aber darauf, dass das Bombardement in Reaktion auf feindlichen Beschuss unternommen wurde. Es stellt sich heraus, dass die Hochzeitsgäste, wie in Afghanistan üblich, in die Luft gefeuert hatten, um den Anlass gebührend zu feiern, und dass die US-Truppen diesen Brauch eigentlich kennen sollten. Denn dieser „bedauerliche Zwischenfall“ ist nicht der erste seiner Art.

Spuren verwischen

Nur wenig analytisches Material gibt es zu der Blutspur, die die amerikanische Militäroperation „Beständige Freiheit“ unter der afghanischen Zivilbevölkerung hinterlassen hat. Von offizieller US-amerikanischer Seite werden die zivilen Opfer mit einigen Hundert angegeben. Eine Studie von Project on Defense Alternative (1) spricht von 1000 bis 1300 Toten unter der Zivilbevölkerung für den Zeitraum vom 7. Oktober 2001 bis 31. Januar 2002, während Professor Marc Herold, Professor an der Universität New Hampshire, in seiner zur US-Politik kritisch eingestellten Studie von 3000 bis 3400 Todesopfern zwischen 7. Oktober und März 2002 spricht (2). Für die erste Jahreshälfte 2002 liegen hingegen keine seriösen Untersuchungen vor.

Herold kritisiert die US-Medien scharf, die in Übereinstimmung mit dem Pentagon und dem Weißen Haus während der Militäroperation Stillschweigen über zivile Opfer und Vorgangsweisen der westlichen Truppen bewahrt und so deren Zielvorgabe eines „Krieges ohne Zeugen“ Vorschub geleistet hätten. Um die Kriegsbegeisterung in den USA nicht durch Bilder von Todesopfern und massiven Zerstörungen zu untergraben, erwarb das Pentagon die exklusiven Rechte für alle Ikonos-Satelliten Bilder. Das selbe Motiv liegt wohl der Zerstörung des Al Jazeera-Büros von Kabul am 12. November durch US-Bomben zugrunde. Der Imperativ eines Krieges der Gerechten durfte in einer Welt, in der Bilder begonnen haben die Realität zu ersetzen, nicht durch tatsachengetreue Berichterstattung gefährdet werden.

Niemand zählt die Toten

Und doch gelang es nicht, das Zerstörungswerk im Namen der Freiheit vollkommen zu verbergen. Herold spricht von 41 bis 47 zivilen Toten pro Tag für die ersten Monate der Intervention.

Massaker, die der Nachrichtensperre entgehen, werden von offizieller US-Seite entweder abgestritten, oder sie werden damit gerechtfertigt, dass die zerstörten zivilen Einrichtungen in der Nähe militärischer Ziele gelegen wären. In den meisten Fällen halten diese Behauptungen jedoch genaueren Nachforschungen nicht stand. Die angeblichen militärischen Ziele waren oft meilenweit entfernt, oder seit langer Zeit verlassen, wie im Falle der Bombardierungen eines Wohnviertels in Kabul am 21. Oktober, in dem sich eine Militärbasis der Taliban befunden hätte. Die Basis war seit langem aufgegeben, acht Mitglieder einer Familie starben.(3)

Zivile Ziele

Auch die Bombardierung von Flüchtlingskonvois wurde bekannt. Überlebende berichteten, dass die US-Streitkräfte alles bombardieren würden, was sich bewegte, und dass es nicht wahr sei, dass die Zivilbevölkerung nur versehentlich getroffen wurde. Das Pentagon bezeichnete diese Flüchtlingsströme als „mobile Ziele“, „sich ergebende Ziele“ und „neue Zielmöglichkeiten“ (4), die aufgrund der etwa im Vergleich zur Militärintervention gegen Serbien 1999 geringeren Anzahl an festen Zielen verstärkt ins Visier genommen wurden (5).

Auch zivile Einrichtungen waren das Ziel der Bombenkampagne: Am 15. Oktober zerstörten US-Bomben Kabuls Telefonnetz, Ende Oktober das Stromnetz in Kandahar. Am 31. Oktober wurden sieben Angriffe auf ein 90 km nördlich von Kandahar gelegenes Wasserkraftwerk geflogen, der riesige Kajkai-Staudamm drohte zu bersten. Die Folgen wären unabsehbar gewesen. Religiöse Schulen in Khost und Herat wurden bombardiert, ebenso wurden Benzin- und Erdöltransporte aus dem Iran bevorzugtes Ziel der US-Luftangriffe.

Als Folge der Bombardierungen und Zerstörungen kommt es zu einer massiven Fluchtbewegung der Zivilbevölkerung. Laut der UNO blieben nur 20 Prozent der ursprünglichen Einwohner in den großen Städten zurück. Es waren dies vor allem jene, die zu arm waren, um die hohen Kosten einer Reise nach Pakistan oder in den Iran bezahlen zu können.

Kollateralschäden als Kriegstaktik

Zu Beginn der US-Intervention konzentrierte sich die Bombenkampagne auf die großen Städte und Einrichtungen der Taliban. Der innere Zusammenhalt der Taliban sollte aufgebrochen werden. Als dies misslang und die hohen zivilen Opferzahlen massive Kritik laut werden ließen – man sprach von einem „Public Relations Fiasko“(6) -, gingen die USA Ende Oktober zu ihren altbekannten Flächenbombardements durch B-52-Bomber über. Dabei kamen massiv Clusterbomben zum Einsatz. Ein Teil der abgeworfenen Bomben explodierte jedoch nicht, sondern diese kamen nach ihrem Abwurf auf dem Boden zu liegen. Eine nicht detonierte Bombe hat die Gefährlichkeit einer Landmine. Nach Schätzungen der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch befinden sich mindestens 5000 dieser nichtexplodierten Clusterbomben als Landminen auf afghanischem Boden.(7) Sie stellen eine besonders große Gefährdung für die Zivilbevölkerung dar, da sie in Farbe und Form den von den US-Streitkräften abgeworfenen Lebensmittelpaketen gleichen und daher gerade auf Kinder anziehend wirken.

Dem massiven Einsatz von Clusterbomben sei teilweise die hohe Zahl an zivilen Opfern geschuldet, so Conetta in seiner Studie. Andererseits sei zwar der Prozentsatz von „intelligenten Bomben“ höher gewesen als beispielsweise beim Angriff auf Jugoslawien 1999, aber es handelte sich vornehmlich nicht um lasergesteuerte Bomben, sondern um solche, die von dem neuen Global Positioning System (GPS) geführt wurden, das in seiner Treffsicherheit weniger genau sei. Als weitere Gründe für die hohe Zahl an US-Fehlschlägen mit verheerenden Folgen werden die Unverlässlichkeit der lokalen Geheimdienstinformationen angeführt und die Tatsache, dass die Taliban sich und ihre Einrichtungen bevorzugt in Wohngebieten verstecken würden. Der Hauptgrund ist allerdings zweifellos, wie Professor Herold betont, dass der Großteil der Angriffe aus einer Höhe geflogen wurde, die Treffsicherheit kaum noch zulässt. Das Motiv dafür ist jedoch weder in waffentechnischen noch in kriegstaktischen Überlegungen zu suchen, sondern schlichtweg in der Tatsache, dass die Vermeidung von US-Opfern kategorischer Imperativ der amerikanischen Kommandozentrale war und ist. Die zivilen Opfer auf der anderen Seite werden folglich als bedauerlicher aber unvermeidbarer Kollateralschaden eingestuft.

Kriegsverbrechen

Der bekannteste Fall eines Kriegsverbrechens während der Operation „Enduring Freedom“ (dt. Beständige Freiheit) ist wohl das Massaker an Taliban-Kriegsgefangenen in der Festung Kala-i-Dschangal und während ihres Transportes zum Sheberghan-Gefängnis. Der britische Filmemacher Jamie Doran und schließlich auch Newsweek berichteten, dass Hunderte von Gefangenen während des Transportes ums Leben kamen, wobei sich der Verdacht auf Hinrichtung verhärtet (siehe bruchlinien Nr. 2). Ein von der CIA provozierter Aufstand der Kriegsgefangenen in Kala-i-Dschangal wurde zum Anlass genommen um 400 bis 800 von ihnen kaltblütig zu ermorden. Beim Transport in das Sheberghan-Gefängnis starben schließlich zwischen 3000 und 5000 der Gefangenen. Die meisten erstickten in den Containern, in denen sie „untergebracht“ waren. Das Pentagon bemühte sich, die Verantwortung für das Massaker den afghanischen Verbündeten der Nordallianz in die Schuhe zu schieben. Untersuchungen zufolge liegt sie jedoch maßgeblich bei den US-Truppen.

Auch von der Operation „Anaconda“ im März 2002, die gegen eine angebliche Taliban- und al-Qaida Festung in Shahi Kot in der Nähe von Gardes gerichtet war, berichtet ein beteiligter amerikanischer Soldat, dass der Befehl erteilt wurde, die Gegner nicht zu schonen und alle, ausdrücklich auch die in der Höhlenfestung befindlichen Frauen und Kinder, zu töten (8). Manche Quellen bezweifeln allerdings stark, dass es sich bei den in der Höhlenfestung verschanzten Kämpfern um Taliban oder al-Qaida-Mitglieder gehandelt hätte, sondern sprechen von den Leuten eines lokalen paschtunischen Milizführers, Saifur Rahman Mansour, der kein enger Gefährte Bin Ladens gewesen sein soll (9).

Ähnliche Vorfälle wurden vom Februar 2002 berichtet, als US-Flugzeuge Stammesmilizen bombardierten, die zur Zentralregierung Karzais in Opposition standen (10). Mit diesen eindeutig über ihr gestecktes Ziel der Verfolgung der Taliban und al-Qaida hinaus gehenden Aktionen beweisen die USA, dass es in diesem Krieg um mehr geht als um Terrorbekämpfung: Es gilt, die lokalen Machtverhältnisse so einzusetzen, dass sie den US-Interessen bestmöglich Genüge tun. Wenn dazu die Festigung der Zentralregierung nötig ist, so stehen der Erreichung dieses Ziel auch die militärischen Mittel zu Gebote, unabhängig davon, ob dadurch internationales Recht verletzt wird.

Misshandlungen von Gefangenen – die sich später oft als Zivilbevölkerung bzw. Verbündete heraus stellen – stehen bei den Operationen der US-Einsatzkommandos offenbar auch an der Tagesordnung. Mitunter können diese auch Todesfolgen haben. Die Frauen der gefangen Genommenen wurden bei solchen Kommandoaktionen oft mit Handschellen gefesselt, um ihnen Haarproben für DNA-Untersuchungen zu entnehmen, die eventuelle Verbindungen zu den Taliban ergeben sollten. Die US-Verantwortlichen machen für den Fall, dass solche „Missgeschicke mit Todesfolgen“ an die Öffentlichkeit dringen, gerne ihre afghanischen Verbündeten dafür verantwortlich. Augenzeugenberichte widersprechen diesen Aussagen allerdings und auch die Tatsache, dass Entschädigungszahlungen an die Verwandten der Opfer durchgeführt wurden, deutet auf amerikanische Verantwortliche hin (11).

Schuldeingeständnis?

So wie während der gesamten Operation „Beständige Freiheit“ weisen die USA auch für ihren letzten Fehlschlag auf die Hochzeitsgesellschaft jede Verantwortung zurück. Der von der Londoner Times teilweise veröffentlichte vorläufige UNO-Untersuchungsbericht zeichnete allerdings ein anderes Bild und ließ Rückschlüsse darauf zu, dass die USA Versuche unternommen hätten, die Spuren noch vor der Bestandsaufnahme zu verwischen. Die UNO zog darauf hin ihren Bericht zurück und betonte in einer Presseerklärung, dass sie nie die Absicht gehabt hätte, eine Untersuchung der Ereignisse durchzuführen, sondern lediglich versucht hätte, „die humanitären Bedürfnisse in der Region zu erfassen“.(12) Nahezu gleichzeitig wurde mitgeteilt, dass die UNO-Hochkommissarin für Flüchtlingsfragen Mary Robinson in ihrem Amt von Vieira de Mello abgelöst würde, einem Mann, der laut UNO-Generalsekretär Kofi Annan „nicht mit den großen Mächten in Konflikt geraten würde“.(13) Mary Robinson hatte seit dem 11. September wiederholt Kritik an der US-Politik verlauten lassen, nicht zuletzt an der Behandlung der inhaftierten Taliban und al-Qaida Mitglieder in Guantánamo.

Wer zum Zwecke des Spurenverwischens gar auf höchster diplomatischer Ebene seinen Einfluss in der UNO geltend machen muss, der hat wohl mehr zu verbergen als ein paar „bedauerliche technische Fehlschläge“.

Margarethe Berger

(1) Carl Conetta „Operation Enduring Freedom: why a higher rate of civilian bombing casualties“, www.comw.org/pda
(2) Marc W. Herold „A Dossier on Civilian Victims of United States’ Aerial Bombing of Afghanistan“, www.cursor.org/stories/civilian_deaths.htm
(3) Herold a.a.o.
(4) laut Herold: „mobile targets“, „emerging targets“ und „new targets of opportunity“
(5) Conetta a.a.o.
(6) Conetta a.a.o.
(7) „Cluster bomblets litter Afghanistan“, 16. November 2001, www.hrw.org
(8) Portland Indymedia
(9) „Wen schlachtet das US-Militär in Ostafghanistan ab?“, www.wsws.org.
(10) The Guardian, 20.Februar 2002
(11) The Guardian, 12. Januar 2002
(12) UN News Service, 30. Juli 2002
(13) The Guardian, 31. Juli 2002