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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 3 September 2002

Paradigmenwechsel

1996 erschien Huntingtons Clash of Civilisations und wurde sofort ein Bestseller. Huntingtons Vorstellung vom kommenden Kulturkampf, weder besonders fundiert, noch besonders originell, schien schon damals einen Nerv in der westlichen Gesellschaft zu treffen. Als der asbesthaltige Staub des 11. September die Krise der Neuen Weltordnung für alle sichtbar machte, wurde Huntington zum Propheten des Bürgers. Verschiedene Versatzstücke seiner Vorstellungen werden den amerikanischen Kreuzzug wohl zunehmend begleiten. Ein Grund für eine Buchrezension mit fünfjähriger Verspätung.






Bruch des liberalen Einheitsdenkens

Der Kampf der Kulturen ist nicht besonders fundiert, dafür relativ kurzweilig. Das Buch liest sich wie ein Roman, wohl eine wesentliche Voraussetzung für seine breite Rezeption. Er ist leicht zu kritisieren, und wir werden das im Laufe des Artikels auch noch ausführlich tun, aber er ist weder ein Idiot, noch ist das Buch uninteressant. Huntington kündigt einen Wechsel wesentlicher Paradigmen westlichen Denkens an.
Anfang der 90er Jahre hat der amerikanische Intellektuelle Francis Fukujama das Ende der Geschichte verkündet, in dem Sinne des endgültigen Triumphes des Liberalismus, der westlichen Demokratie und des Freihandels. Der amerikanische Präsident Bush (senior) rief die Neue Weltordnung aus, in der eine Ära des Wohlstandes, der Menschenrechte und der Demokratie versprochen wurde – unter der Führung der USA. Die liberal-imperiale Propaganda, so illusorisch sie auch gewesen sein mag, hatte damals einige Anziehungskraft und der liberale Universalismus ist auch heute noch Hauptströmung bürgerlichen Denkens: Dieses Denken ist die Essenz der europäischen Sozialdemokratie und der bürgerlichen „Mitte“, es beherrscht Zeitungsredaktionen genauso wie einen Großteil der Linken (etwa im Vertrauen auf die Möglichkeit einer „anderen“ Globalisierung). Bis vor kurzem waren nur die radikale Rechte und die radikale Linke Häretiker des liberalen Glaubens.
Huntington bricht dieses Dogma, sein Erfolg zeigt eine Repositionierung des amerikanischen Konservativismus. Der erste Teil des Buches, in dem die Instabilität der Neuen Weltordnung aufgezeigt wird und die großen imperial-liberalen Illusionen angegriffen werden, ist dann auch dessen stärkster Teil. In Abgrenzung zu Fukujama sagt er: „Der Augenblick der Euphorie am Ende des kalten Krieges erzeugte eine Illusion von Harmonie, die sich bald als eben diese erweisen sollte. Die Welt wurde Anfang der 90er Jahre anders, aber sie wurde nicht unbedingt besser.“(1) Huntington bestreitet einen Zusammenhang zwischen Modernisierung und Verwestlichung (beides allerdings recht unklare Konzepte), die Globalisierung löse keine Vereinheitlichung der Welt aus, sie führe im Gegensatz zu einer als „Indigenisierung“ bezeichneten Affirmation nichtwestlicher Kulturen und einer Rückkehr der Religion. Denn Kontakt erzeuge vor allem das Bedürfnis nach Abgrenzung und Suche nach eigener Identität – hier wird eine richtige Beobachtung mit einem unbrauchbaren anthropologischen Prinzip erklärt, ein Muster, das sich bei Huntington fortsetzt. Die ProtagonistInnen der Globalisierung bezeichnet er leicht verächtlich als „Davos Leute“, nach dem Ort des Weltwirtschaftsgipfels in den Schweizer Bergen, und stellt sie als verschwindende Minderheit dar.
Das 21. Jahrhundert sei nicht mehr das goldene Zeitalter des aufgeklärten Liberalismus, sondern ein Jahrhundert der „Indigenisierung“ und der neuen Religiosität, ein Jahrhundert der Konflikte, die an den kulturellen Bruchlinien zwischen den großen Zivilisationen der Erde entstehen. Und in diesem Ringen zwischen den großen Kulturen ist der Westen bedroht, vor allem durch den wirtschaftlichen Aufstieg Asiens im Allgemeinen und des „sinischen [chinesischen] Kulturkreises“ im Besonderen, sowie durch die demographische Vitalität des Islam.

Huntingtons Begriff der Kulturen

Huntington sieht Konflikte zwischen den großen „Kulturen“ oder „Zivilisationen“ der Menschheit. Deren gegenseitige Abgrenzung erscheint aber reichlich holprig, meist wird einfach auf religiöse Elemente und Traditionen zurückgegriffen (Islam, Konfuzianismus, Protestantismus und Katholizismus, Orthodoxie...). Das macht gewisse Schwierigkeiten, etwa bei der Abgrenzung einer lateinamerikanischen Zivilisation, und wird daher durch ausgesprochen vage Wertvorstellungen (und Vorurteile) ergänzt. Teilweise wird das dann recht absurd, etwa wenn die Magna Charta, Demokratie, Menschenrechte und Individualismus zum Zentrum der westlichen Zivilisation wird – lachhaft bis zynisch, angesichts der Geschichte des letzten Jahrhunderts. Oder wenn in Abgrenzung dazu Autoritarismus und Populismus als kennzeichnend für die lateinamerikanische Zivilisation dargestellt werden – als ob Pinochet Ausdruck lateinamerikanischer „Kultur“ gewesen wäre, und nicht Marionette der CIA. Das konflikthafte der Beziehung zwischen den Zivilisationen wird essentiell durch das Bedürfnis des Menschen erklärt, angesichts des Fremden die eigene Identität zu bestätigen – als allgemeines Prinzip mehr als zweifelhaft.

Modernisierungstheorie und Kampf der Kulturen

In den 50er Jahren hat der US-Amerikaner Walt Rostow in seinem noncommunist manifesto die Grundzüge der Modernisierungstheorie niedergeschrieben, nach der Entwicklung ein linearer Prozess ist, der, nach Überwindung interner Entwicklungshemmnisse, zur Industrialisierung und zur Ausbildung einer westlichen Gesellschaft führt. Vor dem Zeitalter des Imperialismus schrieb ein weniger antikommunistischer Autor Ähnliches im Kapital: „[D]as industriell entwickeltere Land zeigt dem minder entwickelten nur das Bild der eignen Zukunft.“(2) Beides hat sich nicht bewahrheitet. Der Kongo ist nicht Österreich vor hundert, der Iran nicht die USA vor sechzig Jahren. Sie stehen an unterschiedlichen Positionen eines zusammenhängenden Weltsystems, in dem Entwicklung und Unterentwicklung zusammengehören und die Unterentwicklung keinesfalls weniger „modern“ ist.
Huntington lehnt die politischen Schlussfolgerungen der Modernisierungstheorie – Demokratie und Verwestlichung – ab, er hält den islamischen Fundamentalismus für ein Phänomen der Moderne, aber Entwicklung bleibt bei ihm dennoch ein linear verlaufendes Phänomen. Für Huntington gibt es keine Außenabhängigkeit, keine koloniale Deformation der meisten Volkswirtschaften dieses Planeten. Die Modernisierungstheorie macht ihn weitgehend blind für die Hintergründe seines Kulturkampfes.
Huntington hat recht, wenn er ein Zurückwenden zu nichtwestlichen Kulturen in großen Teilen der Welt erkennt. Er irrt, wenn er dieses für eine Zwangsläufigkeit der menschlichen Natur hält. Hätte „der Westen“ seine Versprechungen von Friede und Wohlstand für alle eingehalten, dann würde das sicherlich zur „Verwestlichung“ der Welt führen und Fukujamas Propagandaillusionen würden sich bewahrheiten.(3) Hätte er..., aber er hat nicht. Für die Mehrheit der Menschheit hat das kapitalistische Weltsystem seit jeher vor allem Scheiße zu bieten. Die Antworten auf dieses Problem waren lange Zeit sozial-national – nationale Befreiung und soziale Gleichheit, heute sind sie zu großen Teilen national-kulturell. Der „Kampf der Kulturen“ ist real, auch wenn Huntington seine Ursachen verkennt.

Rückkehr hobbsscher Staatsphilosophie

Die Suche nach moralischer Rechtfertigung des eigenen Treibens begleitet die Menschheitsgeschichte, aber gerade die 90er Jahre haben eine zusätzliche Inflation moralischer Kategorien in der westlichen Propaganda gebracht. In Jugoslawien mussten Bombenflugzeuge Auschwitz verhindern, im Irak verbrannten Zivilisten wegen der Gefahr von Massenvernichtungswaffen, in Somalia musste man verhungernden Kindern helfen. Als oberstes Prinzip wurde die Universalität der Menschenrechte über das Völkerrecht gestellt – anzuwenden immer dann, wenn es gerade ins politische und geostrategische Kalkül passte. Huntington kennzeichnet eine Rückkehr Hobbsscher Staatsphilosophie, seine Konzepte sind ungeschminkt: Die Macht genügt sich wieder selbst, dient dazu, sich zu erhalten oder auszubauen – moralische Erwägungen sind dem offiziell untergeordnet. So bezeichnet er etwa das Vorgehen der USA in Bosnien als Schwäche: Man hätte die bosnischen Moslems unterstützt, weil man sie als verfolgt wahrgenommen habe, das Ergebnis sei ein weiterer moslemischer Staat in Europa, eine gefährliche Sache, Basis für zukünftige iranische Atomraketen. Es geht hier nicht um die Richtigkeit dieser Aussagen, sondern einzig um die Struktur einer Argumentation, die sich gegen moralische Kategorien als bestimmendes Element von Politik wendet. Die Rückkehr solchen Denkens mag uns in der Zukunft noch beschäftigen.


Der bedrohte Westen und der antiterroristische Kreuzzug

Huntington schreibt aber mehr als politische Theorie. Er erstellt ein Bedrohungsszenario für den Westen, entwirft eine Bedrohung, die vom „Islam“ (nicht dem Fundamentalismus) und von China ausgeht. Gegenüber deren Aufstieg sieht er einen relativen Abstieg des Westens seit ungefähr 1910 und Zeichen des Verfalls, und das im Stil eines amerikanischen Konservativen. Demographische Stagnation wird festgestellt, Arbeitslosigkeit, vor allem aber „moralische“ Defizite: Der Bedeutungsverlust der Familie, jugendliche Alleinerzieherinnen („teenage mothers“), Kriminalität und Drogenkonsum, der in Europa verbreitete Laizismus und der Multikulturalismus. Letzterer ist besonders gefährlich, schaffe er doch in einer Welt der rivalisierenden Kulturen eine „zerrissene Gesellschaft“. Rettung sieht er in der Verteidigung der westlichen Werte inklusive der Religion und der transatlantischen Integration.
Dabei theoretisiert Huntington keinen aggressiven Imperialismus. Den Export der „westlichen Werte“ lehnt er ab, weil er ohnehin zum Scheitern verurteilt wäre. Aber das ist Makulatur: Nach dem 11. September hat er ein Manifest amerikanischer Intellektueller unterzeichnet, übrigens gemeinsam mit Fukujama, in dem zum gerechten Krieg gegen den Terrorismus aufgerufen wurde.
Huntington liefert der Bourgeoisie Ansätze eines neuen Paradigmas, das im Zuge des antiterroristischen Krieges weiter ausgebaut werden wird. Er liefert einen Feind, gegen den man rüsten kann. Er ersetzt die Universalität der Menschenrechte als Zentrum außenpolitischer Propaganda durch das alleinige Kriterium westlicher Sicherheitsinteressen – schon vor dem 11. September. Und er liefert „westliche Werte“ (verschwommen genug, dass man darunter verstehen kann, was man gerade will), die man verteidigen kann, sollte der Konsum als heute wesentlichstes gesellschaftliches Bindemittel einmal nicht mehr ausreichen. Vom Freihandel weicht er nicht ab, aber Huntington ist ein Zeichen für die ersten Schritte der Bourgeoisie, jenseits des Liberalismus.

Stefan Hirsch

(1) Samuel P. Huntington, Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert. München 1998 (New York 1996), S. 35.
(2) Karl Marx, Das Kapital. Vorwort zur ersten Ausgabe. Bd.1, Berlin 1973.
(3) Vielleicht mit Ausnahme Asiens, das in Zukunft einen eigenständigen kapitalistischen Entwicklungspol darstellen könnte. Japan ist ein eigenständiger Imperialismus, und China ist eine unerwartete Bestätigung Stalinscher Etappentheorie: Die sozialistische Revolution hat dort eine herrschende Klasse, eine Bürokratie-Bourgeoisie geschaffen, die tatsächlich über eine gewisse (nationale) Unabhängigkeit verfügt, die tatsächlich an der Entwicklung ihres Landes interessiert ist und die von einem tiefen Nationalismus angetrieben wird. Das ist allerdings noch keineswegs entschieden, auch das chinesische „Wirtschaftswunder“ weist eine steigende Außenabhängigkeit auf.