Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

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 Aktuell

Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

 Ausgaben

Nr. 21 Herbst 2007
Nr. 20 Frühjahr 2007
Nr. 19 November 2006
Nr. 18 Mai 2006
Nr. 17 Februar 2006
Nr. 16 November 2005
Nr. 15 Juni 2005
Nr. 14 April 2005
Nr. 13 November 2004
Nr. 12 September 2004
Nr. 11 Mai 2004
Nr. 10 Jänner 2004
Nr. 9 November 2003
Nr. 8 September 2003
Nr. 7 Mai 2003
Nr. 6 März 2003
Nr. 5 Jänner 2003
Nr. 4 November 2002
Nr. 3 September 2002
Nr. 2 Juli 2002
Nr. 1 Mai 2002

 

 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 3 September 2002

Was haben Sie eigentlich gegen das Kopftuch?

Ehrenmord, Zwangsheirat und Steinigung gegen Push-up-BHs und Frauenrechtsdiskurs, orientalische Rückständigkeit gegen okzidentale Moderne. Humanismus und Rassismus speisen die Analysen von der Rolle der Frau im Islam aus westlicher Sicht.


„Unser Marsch hat begonnen”

Der Islam als neue Variante des Totalitarismus: die meisten Erklärungskonzepte westlicher HistorikerInnen, JournalistInnen etc. ähneln doch stark in der Betonung von Gewalt, Expansionsdrang, Repressivität, besonders gegenüber Frauen, Intoleranz, Vernunftfeindlichkeit und Freudlosigkeit. Düstere Prognosen eines Schweizer Rechtsextremisten unter dem Titel Der Islam wird uns fressen (1) unterscheiden sich inhaltlich und im Argumentationsstil kaum von den Warnungen Barreaus vor dem Kampf des Islam gegen die moderne Welt (2) oder einem Spiegel-Bericht über den Marsch des islamischen Fundamentalismus gegen den Westen und seine Weltordnung (3).
Die im Westen immer wieder heraufbeschworenen Visionen eines kommenden mittelalterlich-finsteren „islamischen Weltreiches“ muten angesichts der realen internationalen Machtverhältnisse grotesk an. Noch sind es doch wohl die USA und Europa, die global ihre Interessen und ihre Kulturmuster durchsetzen. Wenn die „Angst vor dem Islam“ überhaupt einen realen Kern hat, dann kann er allenfalls in der Erkenntnis liegen, dass sich die gegenwärtig weltweit stärkste Bewegung gegen die Dominanz des Westens und die Abhängigkeit von europäischen oder US-amerikanischen Modellvorgaben in allen Lebensbereichen auf den Islam beruft. In der Abwehrfront gegen diese „Modernisierungsverweigerer“ treffen sich dann unversehens konservative Verteidiger des christlichen Abendlands mit liberalen Interessenwahrern der „freien Marktwirtschaft“ und mit denjenigen Linken und Feministinnen, für die beim Schlagwort „Islam“ die antikapitalistische und antiimperialistische Hülle abfällt. Letztere sehen dann lediglich ein religiös fundiertes Staats- und Gesellschaftskonzept, das nichts anderes sein kann als undemokratisch, despotisch, aufklärungs- und emanzipationsfeindlich. Sie, die sonst nicht müde werden, die fatalen Auswirkungen der kapitalistischen „Marktgesetze“ auf die „Dritte Welt“, deren politische und ökonomische Abhängigkeit von den Industriestaaten oder die Zerstörung afrikanischer, asiatischer und lateinamerikanischer Kulturen durch westliche Konsumgüter, Medien usw. zu kritisieren, werden in der Abwehr des „islamischen Fundamentalismus“ plötzlich zu emphatischen Verteidigern des „Modells freier Westen“.

Push-up BH’s statt Sonderrechte

Islam - das ist geradezu ein Synonym für männer- bzw. väterdominierte Familienstrukturen, für rigide, alles, was Spaß macht, verbietende Moralvorstellungen und - nicht zuletzt - für die Unterdrückung der Frau. Allerdings, unsere westliche Gesellschaft ist nach wie vor von diesen Strukturen geprägt, aber in einem anderen Ausmaß. Wir haben nach jahrzehntelangen Kämpfen nicht das erreicht, wofür bürgerliche, aber vor allem revolutionäre Frauen eingestanden sind. Der gleiche Lohn für die gleiche Arbeit blieb ebenso aus, wie die Befreiung von der doppelten Belastung – Arbeit, Kindererziehung, Reproduktion des Mannes etc. 1999 wurden in Österreich 85.905 Personen wegen „strafbarer Handlungen gegen Leib und Leben“ (§§75-95) und 3.450 Personen wegen „strafbarer Handlungen gegen die Sittlichkeit“ (§§201-221) gegen Frauen angezeigt. Im selben Jahr ergingen 851 Anzeigen wegen Vergewaltigung bzw. wegen geschlechtlicher Nötigung innerhalb der Ehe bzw. einer festen Partnerschaft an die Polizei (4). Die Dunkelziffer liegt natürlich weit höher, denn den Schritt zur Anzeige wagen die wenigsten Frauen. Dem kann natürlich entgegenhalten werden, dass seit 1997 fünfzehn Frauen im Iran gesteinigt worden sind oder unzählige Frauen, die „unislamisch“ gekleidet sind bzw. sich ein „unislamisches“ Auftreten erlauben, einzeln oder in Gruppen von einem eigens dazu geschaffenen Polizeikommando verhaftet und zum Teil für längere Zeit in Gewahrsam genommen werden. Werden sie ein zweites Mal dabei ertappt, wie sie einem Mann die Hand geben oder Make-up tragen, so werden sie zu 17 Peitschenhieben verurteilt (5). Die Liste von Vergleichen zwischen ungerechter, zum Teil verbrecherischer Handlungen gegen Frauen im Westen und in islamischen Staaten ließe sich fortsetzen. Was mit den Beispielen aufgezeigt werden sollte, ist, dass es in beiden Gesellschaftsformen die verschiedenartigste Unterdrückung gibt. Während wir die Muslime als mittelalterlich-rückständig, traditionsverhaftet, irrational, brutal und frauenverachtend charakterisieren, sehen wir uns selbst als rational, freiheitsliebend, friedlich, aufgeklärt, tolerant, emanzipiert und sauber. Dies ist aber nicht der Fall.
Wie sehr der westliche Feminismus die Rolle der muslimischen Frau fehlinterpretiert, zeigt das Beispiel Afghanistan, wo Feministinnen afghanische Frauen dazu aufgefordert haben, ihre Burkas zum Zeichen der Befreiung öffentlich zu verbrennen; allein die afghanischen Frauen wollten aber nicht (6). Die Zeit der Verbrennung von Büstenhaltern ist aber auch bei uns längst vorbei. Heute verlangen Frauen eher Push-up-BHs als Sonderrechte. Der weibliche Körper wird extremer vermarktet als je zuvor, die Hüllen sind im wahrsten Sinne des Wortes gefallen. Es hat bisher keine wahre Befreiung der Frau aus ihrer Unterdrückungssituation gegeben.

Positive Beispiele, die einen schalen Nachgeschmack hinterlassen

Jede Gesellschaft und jede Religion muss sich nicht zuletzt daran messen lassen, wie sie mit den Frauen umgeht. Das gilt auch für die muslimische und die verschiedenen Interpretationen des Islam.
Man kann nicht allgemein vom „Islam“ sprechen, wenn man verstehen will, warum die Mehrheit der Frauen in den arabischen Ländern dieses System der „Unterdrückung der Frauen“ akzeptiert, ja sogar den Tschador freiwillig trägt. In Algerien haben die islamischen Frauen durch die FIS-Aktivitäten mehr Bewegungsfreiheit sowie das Recht erhalten, zu studieren und zu arbeiten.(7) Geschicktes Taktieren unter tatsächlich nur rein formaler Anerkennung der Scharia mittels des Einholens von Fatwas staatlich besoldeter Gelehrter ermöglichte es Habib Bourgiba (1957-87) in Tunesien, die Gleichberechtigung in der Verfassung zu verankern. Auch das Frauenwahlrecht wurde den Tunesierinnen früher zuteil als den Ägypterinnen oder Türkinnen. Insbesondere in ländlichen Gebieten kommt es aber nach wie vor zu drastischen Benachteiligungen der Frauen und auch zur Vielehe. Doch weder Tunesien noch das von Alewiten regierte Syrien, weder der Irak oder sonst ein islamischer Staat wagt es, in seiner Verfassung auf die Erklärung zu verzichten, dass der Islam Staatsreligion ist. Sogar der Irak hat nach dem iranisch-irakischen Krieg die Vielehe zur Versorgung der Kriegswitwen und -waisen wieder zugelassen und damit sein ursprüngliches Konzept selbst unterlaufen, nämlich die Vielehe abzuschaffen.

Opportunismus oder Feminismus?

Einen Islam ohne Scharia kann es nicht geben. Die Gesetzgebung vieler islamischer Länder stützt sich auf die Scharia, schließlich je nach Interpretation von Koran und Sunna außerdem auf Fallentscheidungen der jeweiligen Rechtsschule und die auf dieser Grundlage aufbauenden Fatwas, die religiösen Gutachten der Ulama. Deren Beurteilungen divergieren erheblich. Varianten gibt es viele, Interpretationen zugunsten der Frauen allerdings nur selten; so kann der Vers im Koran (Sure 4, 34), aufmüpfige Frauen zu schlagen, von Theologen lieber mit „bestrafen“ oder als „berühren mit dem Taschentuch“ übersetzt werden.
Vieles hat aber mit dem „Islam“ wenig zu tun. Die Frauen - und nicht zu vergessen: auch die Männer - sind nicht nur den staatlichen Gesetzen unterworfen, sondern auch der Tradition. Der Sittenkodex, der die Ehre der Männer über das Hymen ihrer Töchter definiert, wird auch von Christen im Orient hochgehalten. Zwangsheiraten sind immer noch weitgehend gebräuchlich und werden oft von Mullahs gefördert - obwohl nicht von der Religion gestützt. Die grausame Mädchenbeschneidung - vor allem, aber nicht nur im mittleren Afrika -, durch die in manchen Gegenden bis zu 98 Prozent der Frauen verstümmelt werden, wird auch von Anhängern der Stammesreligionen und von christlich-koptischen Stämmen in Ägypten durchgeführt. Obgleich in Äthiopien noch 90 Prozent der Frauen beschnitten sind, soll in Eritrea, wo die Frauen beruflich und militärisch einsatzfähig sein müssen, diese Unsitte weitgehend zurückdrängt worden sein. So ist auch die Burka in Afghanistan weniger islamisch, als eine paschtunische Kleidungsvorschrift für Frauen, die eben aus dieser Stammestradition kommt. Obgleich Frauen in allen islamischen Parlamenten noch deutlich unterrepräsentiert sind, wurden in Pakistan, in Bangladesch und in Indonesien Frauen Ministerpräsidentinnen, während in katholischen europäischen Ländern und in den USA überhaupt noch keine Frau regierte. Unter den KritikerInnen am „Islam“ ist die Überzeugung verbreitet, nur Unterschicht-Frauen würden auf die „Verführung“ durch die „Fundamentalisten“ hereinfallen. Mögen sich in Algerien, Ägypten, der Türkei usw. auch noch so viele Studentinnen dem Islam zuwenden und deshalb sogar Konflikte mit dem Staat, mit der Universitätsleitung etc. riskieren, so bleibt diese Sichtweise erhalten, auch wenn die Existenz „fundamentalistisch“ orientierter Studentinnen und Akademikerinnen nicht schlichtweg ignoriert werden kann - was allein schon wegen der zunehmenden Zahl „verschleierter“ Frauen an den Universitäten fast überall in der „islamischen Welt“ immer schwerer möglich ist. Auch wenn es Frauen geben mag, die sich in dieser Weise pragmatisch verhalten und lieber den Schleier mit Bildung verbinden, als zu Hause im Nähkistchen zu stöbern, so bleibt doch die Hoffnung, dass die Mehrheit intelligente, geistig unabhängige und aufgeschlossene Frauen stellt, die im Islam eine Perspektive für ihr eigenes Leben sowie für die gesellschaftliche Entwicklung sehen, solange sich der „Islam“ in Opposition zum westlichen Gesellschaftsmodell sieht und einen kulturellen und militärischen Abwehrkampf trägt. Ob die Befreiung der Frauen in islamischen Ländern mit den islamistischen Kräften erreichbar sein wird, ist jedoch fraglich.
Und das ist das Dilemma der revolutionären Frauen im Westen.

Tanja Kostic

(1) Beat Christoph Baeschlin, Der Islam wird uns fressen. Der islamische Ansturm und die europäischen Komplizen dieser Invasion. Tegna/Schweiz 1989.
(2) Jean-Claude Barreau, Die unerbittlichen Erlöser. Vom Kampf des Islam gegen die Moderne. Reinbek 1992.
(3) Unser Marsch hat begonnen, DER SPIEGEL Nr. 5 1993.
(4) Österreichisches Bundesministerium für Justiz, Österreichisches Statistisches Zentralamt 1999.
(5) Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM).
(6) Siba Shakib, Schriftstellerin und Filmemacherin deutsch-iranischer Herkunft
(7) beiträge zur feministischen theorie und praxis. H. 25726 (1989), S. 241