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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Rezensionen

Die Amerikanisierung der Köpfe

Ignacio Ramonet: Liebesgrüße aus Hollywood. Die versteckten Botschaften der bewegten Bilder



Wer Ignacio Ramonets Liebesgrüße aus Hollywood näher betrachtet, kann den deutschen Untertitel nicht überlesen: Die versteckten Botschaften der bewegten Bilder. Wer die Innenseite des Umschlags betrachtet, dem entgeht auch der Originaltitel nicht: Propagandes silencieuses. Diese zwei Untertitel sind es, die in wenigen Worten umreißen, worüber das Buch handelt. Den Diskurs bestimmt, wer die Medien bestimmt. Die Erfahrungen der letzten zwei Jahrzehnte bestätigen diese Kausalität aufs Neue. In immer totalerer Art und Weise bedient sich der Westen visueller Medien, um seinen Krieg gegen die Köpfe führen zu können. Visuelle Medien spielen auch deshalb so eine bedeutende Rolle, weil Bilder eine spezifische Form sind, „versteckte Botschaften“ in kompakt zu transportieren.

„Die Abbildung ist gewiß gebieterischer als die Schrift, sie zwingt uns ihre Bedeutung mit einem Schlag auf, ohne sie zu analysieren, ohne sie zu zerstreuen.“(1) Es sind diese Bilder, die Ramonet zum Zentrum seiner Untersuchung macht, „leben wir doch in einer Welt, in der die Bilder [...] nach allgemeinem Dafürhalten das Leben zusehends überwuchern“.
Gerade für die westliche Gesellschaft sind Film und Fernsehen bereits zu dominanten Vermittlern von Wirklichkeit geworden, für manche Menschen – nach der Schulzeit – zum nahezu einzigen Mittel beim Versuch sich selbst und die eigene Realität zu erklären, Geschehnisse zu rezipieren. Insbesondere durch das Fernsehen gerät die Wirklichkeit zum Mythos, zu Botschaften, die Erklärungsmuster für das liefern sollen, was ist. Eine Kultur des Liberalismus auf dem Vormarsch, eine marktwirtschaftliche Kultur unter US-amerikanischer Hegemonie, die in einer quasi mythisierenden Umdeutung die eigene Kultur ans Ende der Geschichte setzt und einen ideologischen Krieg nach innen wie nach außen führt unter den Flaggen von Individualismus, Konsumismus und Kapitalismus.
Die westliche Kultur – aufgebläht in ihrem imperialen Sendungsbewusstsein – erklärt die eigenen Werte zu den universell gültigen.
Wie total diese Werte bereits in unser Leben eingedrungen sind, beschreibt Roland Barthes:
Diese Namenlosigkeit der Bourgeoisie wird noch deutlicher, wenn man von der eigentlichen bürgerlichen Kultur zu ihren verbreiteten, popularisierten, angewandten Formen übergeht, zu dem, was man die öffentliche Philosophie nennen könnte, jene, aus der die alltägliche Moral gespeist wird, die zivilen Zeremonien, die weltlichen Riten, kurz, die ungeschriebenen Normen für die Lebenbeziehungen in der bürgerlichen Gesellschaft. Es ist falsch, die herrschende Kultur auf ihren erfindenden Kern zu beschränken: es gibt auch eine bürgerliche Kultur des reinen Verbrauchs. Ganz Frankreich schwimmt in dieser anonymen Ideologie, unsere Presse, unser Film, unser Theater, unsere Gebrauchsliteratur, unsere Zeremonien, unsere Rechtssprechung, unsere Diplomatie, unsere Konversation, das Wetter, das herrscht, das Verbrechen, über das man urteilt, die Hochzeit, von der man bewegt wird, die Küche, von der man träumt, die Kleidung, die man trägt, alles in unserem alltäglichen Leben ist der Vorstellung verpflichtet, die die Bourgeoisie sich und uns von den Beziehungen des Menschen zur Welt macht. Diese ‚normalisierten’ Formen erregen wenig Aufmerksamkeit, proportional gerade zu ihrer Verbreitung;“(2)
Erkannten schon Lunatscharski, die Briten im Ersten Weltkrieg und auch Joseph Goebbels die ideologische Kraft des Films, hier noch als bewusstes Propagandamittel begriffen, so entwickelten die USA dieses Instrument nach dem Zweiten Weltkrieg in einer stetig steigenden Kurve zu einer Perfektion, die derart insistierend und zum Teil selbstgesteuert sich auf alle Bereiche des Lebens und des Bewusstseins ausdehnte, dass eine Wirklichkeit jenseits der westlichen Vorstellung von der Welt vielen nicht mehr imaginierbar erscheint, gerade, weil es die konstituierenden Elemente des Bewusstseins manipulierte.
„ Die Vereinigten Staaten waren die erste ‚freiheitlich-demokratische Gesellschaft’, in der das Zusammenspiel aller modernen mentalen Beeinflussungstechniken – Fernsehen, Radio. Presse, Kino, Werbung, Plakate usw.- in den fünfziger und sechziger Jahren entwickelt wurde.“
Dabei ist die Totalität der Bildsprache so enorm, dass geschriebene Sprache relativ dazu geradezu subversiven Charakter erhält. Ramonet hat sich diese Bildsprache vorgeknöpft, auch, um „herauszuarbeiten, wie Film und Fernsehen zu wichtigen politischen Fragen und in entscheidenden historischen Augenblicken eine spezifische, ideologischen Zwecken dienende Bilderwelt in Umlauf bringen, dazu bestimmt, die kollektive Wahrnehmung durch eine Art symbolischer Prothesen aufzurüsten „.
Als Grundintention dient ihm „das Misstrauen gegenüber der Kulturindustrie und ihrer Propaganda“, das „grundsätzlich auf folgenden drei Befürchtungen“ beruht:
„Erstens reduziere die Kulturindustrie die Menschen auf Massenwesen und verhindere damit die Entwicklung emanzipierter, zu eigenem Urteil und freier Entscheidung fähiger Individuen;
zweitens lasse sie das legitime Streben der Bürger nach Selbstbestimmung und bewusstem Handeln in regressivem Konformismus und bedrohlicher Passivität untergehen;
drittens verhelfe sie der Anschauung zum Durchbruch, die Menschen wünschten sich nichts sehnlicher, als fasziniert, abgelenkt und getäuscht zu werden, in der Hoffnung, eine Art hypnotischer Befriedigung lasse sie einen Augenblick lang die Absurdität, Grausamkeit und Tragik der Welt, in der sie leben, vergessen.“

Den Diskurs bestimmt, wer die Medien bestimmt

„Die heutigen Multimediakonzerne gingen und gehen aus Megafusionen hervor [...]. Diese Megagruppen produzieren nicht nur Filme und Fernsehsendungen, sie bringen auch Bücher, Zeitungen und Zeitschriften, CDs, Videokassetten, Videospiele, DVDs und dergleichen mehr heraus. Sie begnügen sich nicht mehr, nur ein Medium oder einen Sektor der Kulturindustrie zu kontrollieren. Sie führen alle möglichen Dienstleistungen im Angebot: Bestellservice, Bank- und Börseninformationen, Wetterberichte, Reisen, Enzyklopädien. Und sie besitzen gleichzeitig überall auf der Welt Telefonlizenzen, Plattenlabels, Fernsehsender, Fußball- oder Basketballmannschaften, Filmstudios, Internet-Portale, Werbeagenturen, Verlagshäuser, Radiosender und so weiter und so fort.“
Im weiteren Verlauf seines Buches untersucht Ignacio Ramonet nun, wie sich diese Tatsachen im Film selber niederschlagen und stellt fest, dass „der Massenmarkt mit exakt kalibrierten Bildern beliefert wird“. In einem sich selbst quantifizierenden Prozess sind „die neuen Mediengiganten in der Lage, kulturelle Produkte zu erzeugen, die die herrschenden Bedürnisse befriedigen und die entsprechende Nachfrage zusätzlich stimulieren“.
Mittels eines immer weiter andauernden Normierungsprozesses, der den Erkenntnissen der Marketing- und Massenpsychologie entspringt. „Die Orientierung an einer Hand voll kultureller Kriterien und psychosoziologischer Mechanismen erlaubt es den neuen Megakonzernen der Kulturindustrie, den Akzeptanzgrad ihrer Produkte auf dem Weltmarkt vorab zu bestimmen.“
Inhaltlich bedeutet das für die Filme „Klarheit, Einfachheit, nichts Unerwartetes, bruchlose Linearität, Konventionalität, Klischees“, wobei „notwendige Voraussetzung dieser Art von Filmproduktion ist, dass sich die Filmschaffenden, zumal die Drehbuchautoren und Regisseure, den Entscheidungen der Verkaufsmanager unterordnen“.
Die beförderte, am Weltmarkt ausgerichtete „Durchschnittssensibilität“ wurzelt „vielfach in keiner spezifischen Kultur im eigentlichen Sinn“. Ständige Wiederholung ein- und desselben Sinns lässt „die meisten zeitgenössischen Filmerzählungen die visuelle und narrative Struktur von Werbespots“ reproduzieren. „Die planetaren Ausmaße und die aggressiven Werbemethoden dieses aus der ‚New Economy’ hervorgegangenen Komplexes haben den Kino- und Fernsehfilm in seiner innersten Struktur radikal verändert.“
Die daraus folgernden Auswirkungen des Werbespots auf den modernen Film („kurze Großaufnahmen, knallige Schnitttechnik, starke Typen, ausgefeilte Kommentare, überwältigende Musikschnipsel) lässt den Autor mit der Werbung beginnen. Im Kapitel Die Massen manipulieren untersucht er die Geschichte des Werbefilms, die unbemerkte Überredung, subliminale Wahrnehmung, die Kolonisierung der Vorstellungswelten und ob Werbung überhaupt wirkt.

Kulturelle Despotie der USA

Zusätzlich aufgewertet wird das Buch durch die Grunderkenntnis, die Ignacio Ramonet seinem Buch zu Grunde legt: die „charismatische Herrschaft“, die „kulturelle und ideologische Hegemonie“ der USA.
Der Wegbruch jedweden ernsthaften Gegengewichts hat insbesondere am kulturellen Markt zu einer Hegemonie der USA geführt, die in erschreckend umfassender Weise dabei ist, in die Kerngebiete menschlichen Freiheitsstrebens einzudringen, in das Bewusstsein der Menschen.
Während die Medien bereits die wesentlichen Propagandafunktionen übernommen haben, spielt sich eine Kolonisierung ab, in deren Zuge die ganze Welt vom amerikanischen Wertekanon überschwemmt wird.
„Nachdem die Vereinigten Staaten einst die Indianer ausgerottet, die Schwarzen Afrikas versklavt, den Mexikanern Land geraubt und die Puertoricaner kolonisiert hatten, lernten sie, dass man in anderen Zeiten mit anderen Methoden weiter kommt, und sind nunmehr bestrebt, sich auf friedliche Weise in den Köpfen aller Nichtamerikaner festzusetzen und ihre Seelen zu verführen.“
Hier liegt aber auch die Schwachstelle des Buches, das vor dem 11.September 2001 erschien, während der Clinton-Ära, in der „humanitäre Werte“ die Hegemonialpolitik auszubauen helfen sollten. Ramonet impliziert in obigem Zitat, die USA benützten die stille Propaganda als „andere Methode“ der Kolonisierung, nicht als die militärische, politische und wirtschaftliche Unterwerfung flankierendes Mittel.
An anderer Stelle wiederum bringt der Autor die Problematik entscheidender zum Ausdruck:
„In vielen Bereichen hat sich Amerika die Kontrolle über den Wortschatz und die Begriffe, über Sinn und Bedeutung gesichert. Die USA nötigen dazu, die Probleme, die sie schaffen, mit den Worten, die sie in die Welt setzen, auszusprechen. Sie liefern die Codes, mit denen sich die Rätsel, die sie vorgeben, entschlüsseln lassen.“
Die ideologische Kontrolle vollzieht sich aber nicht nur durch die Brutalität der Marktgesetze, sondern wird ergänzt durch eine parallele politische Zensur. So geben „Sonderbeauftragte des Verteidigungsministeriums für Unterhaltungsmedien“ vor, welche Botschaften ein Militär- oder Kriegsfilm aus den USA transportieren soll. „Dass Wirklichkeitstreue [bei den Effekten; Anm.d.Verf.] zum Erfolg beim Publikum beiträgt, ist für Hollywood ein Gesetz. Dafür nehmen die Studios die Mehrkosten fürs Militär hin, die sich selbst bei teuersten Produktionen fast immer nur im einstelligen Millionenbereich bewegen. Doch das Pentagon erwartet eine Gegenleistung: das Recht auf Zensur.“(3) Auf diese Weise vermag Phil Strub, „eine Art Ideologiewächter des Pentagon“, zu überwachen, dass der jeweilige Film für echte Soldaten und echtes Gerät auch die „echte Wirklichkeit“ in die Welt exportiert.

Mangelnde Spezifik

Die mangelnde Unterscheidung zwischen Ländern des Zentrums und denjenigen Ländern, deren imperialistische Unterwerfung den Lebenstandard im Westen erst möglich macht, lässt Ramonet, den Direktor von „Le Monde diplomatique“, zu Simplifizierungen wie der folgenden kommen: „Zu befürchten steht daher, dass die Unterwerfung unserer Gedanken und die Kontrolle über unsere Köpfe auf dem Weg der Verführung, nicht der Gewalt erfolgt, nicht auf Befehl, sondern weil wir selbst es wünschen, nicht durch Strafandrohung, sondern aufgrund unserer eigenen Vergnügungssucht.“
Hier verkürzt Ramonet, indem er die Tendenz zur Einheitskultur, wie die Globalisierung sie vor allem in den westlichen Ländern bereits annähernd realisiert hat, und die Erfahrungen der europäischen Länder damit unreflektiert auf die ganze Welt überträgt. Wenngleich die Amerikaner auch in der Dritten Welt bestrebt sind, ihr Wertesystem zu penetrieren. Dennoch müssten gerade für diese Teile der Erde analytische Spezifika entwickelt werden.
Doch hat Ramonet Recht, wenn er sich fragt:
„Angesichts dieser militärischen, diplomatischen, wirtschaftlichen und technologischen Vormachtstellung der USA fragt sich, weshalb hier nicht mehr Kritik laut wird, warum sich nicht mehr Widerstand regt. Weil Amerika überdies die kulturelle und ideologische Hegemonie innehat. Amerika kontrolliert das Feld des Symbolischen.“

Ramonet betrachtet den unterschwelligen Sinntransport in Katastrophenfilmen, bei Kojak und Columbo, in den Vietnamkriegsfilmen und die politischen Metaphern im Italowestern, „Krieg und Komödien“ sowie den Politfilm.
„Während die Vereinigten Staaten nur 1 Prozent der in amerikanischen Kinos gezeigten Filme im Ausland einkauften, überschwemmen sie den internationalen Markt mit Hollywood-Produktionen.“ Derzeit liegt der Anteil bei 80 Prozent des Umsatzes, den amerikanische Filme aus dem Ausland einbringen, europäische Produktionsfirmen sind – aufgrund mangelnder finanzieller Möglichkeiten zur heimischen Filmförderung – gezwungen, dem Ruf (einem vielfach simulierten Ruf) der amerikanischen Studios zu folgen und oft ganze Jahresproduktionen imVoraus einzukaufen. „Diese Dominaz des US-Films nimmt mit dem Aufschwung des Digitalfernsehens weiter zu.“

Schlussfolgerung

Liebesgrüße aus Hollywood macht die Prozesse, die Methoden bewusst, mit denen der Neoliberalismus „nicht nur als ökonomisches, sondern auch als politisches und kulturelles System operiert“, denn „der Neoliberalismus funktioniert am besten in einer formellen parlamentarischen Demokratie, in der die Bevölkerung zugleich systematisch davon abgehalten wird, sich an Entscheidungsprozessen sinnvoll beteiligen zu können“.(4)
Es macht klar, dass Werbung nicht nur über den einzelnen Spot für ein Produkt wirbt, dass der einzelne Film nicht nur seine Geschichte erzählt. Sondern dass durch die Stereotypen, die tausendfache Wiederholung, die Form schließlich Werthaltungen transportiert werden, die explizit ideologischen Zwecken dienen. Die Bewusstmachung dieser stillen Propaganda lässt schließlich hoffen, dass die Amerikanisierung der Köpfe der Realität auf Dauer nicht standhält.
Ignacio Ramonet hat ein interessantes Buch geschrieben.

Martin Vinomonte


Falls nicht anders angegeben, stammen die Zitate aus:
Ignacio Ramonet: Liebesgrüße aus Hollywood. Die versteckten Botschaften der bewegten Bilder. Zürich: Rotpunktverlag 2002, S.7
(1) Roland Barthes: Mythen des Alltags. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1964, S.87(2) Roland Barthes, S.127
(3) Die Achse des Guten. In: Der Spiegel 29 (2002), S. 152-154
(4) Noam Chomsky: Profit over People. Neoliberalismus und globale Weltordnung. Hamburg, Wien: Europa Verlag 2000