Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

 Ausgaben

Nr. 21 Herbst 2007
Nr. 20 Frühjahr 2007
Nr. 19 November 2006
Nr. 18 Mai 2006
Nr. 17 Februar 2006
Nr. 16 November 2005
Nr. 15 Juni 2005
Nr. 14 April 2005
Nr. 13 November 2004
Nr. 12 September 2004
Nr. 11 Mai 2004
Nr. 10 Jänner 2004
Nr. 9 November 2003
Nr. 8 September 2003
Nr. 7 Mai 2003
Nr. 6 März 2003
Nr. 5 Jänner 2003
Nr. 4 November 2002
Nr. 3 September 2002
Nr. 2 Juli 2002
Nr. 1 Mai 2002

 

 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 2 Juli 2002

Schlachtfest am Hindukusch

Die USA und ihre Verbündeten sind in Afghanistan für den Tod tausender Kriegsgefangener verantwortlich


„Die Vereinigten Staaten sind weder geneigt, über Übergaben zu verhandeln, noch sind wir in der Lage mit einer relativ kleinen Zahl von Bodentruppen Gefangene zu machen”, soweit US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld (1)

Der Kessel von Kundus

Im November letzten Jahres wurde auch in europäischen Medien über die verfahrene und dramatische Situation rund um die afghanische Stadt Kundus berichtet. In mitten Hunderttausender Zivilisten verschanzten sich einige Tausend Taliban- und Al-Qaida-Kämpfer. Truppen der „Vereinigten Islamischen Front”, in unseren Breiten besser als Nordallianz bekannt, umstellten die Stadt, während die US-Luftwaffe mit Flächenbombardements versuchte, die Kämpfer zu zermürben. Bei den wahllosen Bombardierungen sollen laut Angaben indischer und pakistanischer Zeitungen mehr als tausend Zivilisten umgekommen sein. Die lokalen militärischen Führer der Nordallianz, insbesondere der General Mohammad Dawood Khan, drängten letztlich auf eine Verhandlungslösung, um ihren eigenen Kämpfern verlustreiche Straßenkämpfe zu ersparen
Diese Rechnung ging auch auf und so ergaben sich die Taliban und verließen über Korridore unbewaffnet die belagerte Stadt. Dies geschah am 25. November 2001. Offiziell sollten die gefangenen Kämpfer in verschiedene sogenannte Filtrationslager gebracht werden.

Massaker an den Überlebenden

Schon kurz darauf mehrten sich Gerüchte, wonach die Mehrzahl der kapitulierenden Kämpfer wenig später massakriert worden sei. In dieser Zeit begann der irische Journalist und frühere BBC-Mitarbeiter Jamie Doran mit seinen Recherchen. Er filmte vom November bis April in Afghanistan und präsentierte am 13. Juli im Berliner Reichstag auf Einladung der PDS-Bundestagsfraktion und am Sitz des Europäischen Parlaments in Straßbourg auf Einladung der konföderalen Fraktion der vereinigten europäischen Linken Ausschnitte aus seinem mehr als brisanten Material. Darin berichten sechs Zeugen über Massaker an den Kriegsgefangenen. Die Zeugen: ein General und zwei Kämpfer der Nordallianz, sowie ein Taxi- und zwei Fernfahrer.
Nach deren Zeugenaussagen sollen Anfang Dezember etwa 3.000 bis 5.000 ehemalige Kämpfer in Südafghanistan ermordet worden sein. Der Nordallianz-General Amir Jhan bestätigte gegenüber Doran: „Wir haben die Gefangenen gezählt. Es waren 8.000. Im Shebergan-Gefängnis sind jedoch bloß 3.015 angekommen.”
Schon vorher bekannt war das Schicksal von mehr als 400 Taliban. Sie waren in die in der Nähe von Kundus liegende Festung Kaala-i-Dschangi gebracht worden. Dort brach wegen der unmenschlichen Haftbedingungen ein Aufstand los, der von Nordallianz-Kämpfern und US-Soldaten blutigst niedergeschlagen wurde. Damals schon kamen Pressefotos an die Öffentlichkeit die erschossene Gefangene mit gefesselten Händen zeigten. Der US-Militärsprecher Kenton Keith leugnete das Massaker und erklärte gleichzeitig, dass der Kriegsgefangenenstatus der Gefangenen nach der Genfer Konvention sich verändert habe, nachdem sie sich „an offensiven Aktionen beteiligt” (2), das heißt, sich ihrer eigenen Exekution widersetzt hätten. Nur 85 Gefangene überlebten das Gemetzel, weil sie sich in einem Tunnel versteckt hatten. Darunter der einige Tage später in die Öffentlichkeit gezerrte US-Taliban John Walker Lindh.

In der Wüste verscharrt

Doch damit nicht genug. Die jetzt veröffentlichten Ausschnitte zeigen ein Massengrab in der Wüste bei Dasht-i-Leili. Doran und seine Mitarbeiter wurden von Fahrern, die beim Transport der Gefangenen beteiligt waren, an diese Stelle geführt. Zu sehen sind Kleidungsstücke und Knochen, die aus dem Sand ragen. Doran vermutet, dass Hunde die Leichen aus dem Sand gewühlt haben. Was war geschehen? Laut den Aussagen, die Doran sammelte, wurde das Gros der Gefangenen in und nahe der Festung Kaala-i-Seini gesammelt, um dort in Container geladen zu werden. Eine Prozedur, die viele nicht überlebten: „Ich beschoss den Container, um Löcher für die Belüftung zu schaffen. Einige von denen im Inneren wurden getötet. Dann schickten wir die Container nach Sheberghan“, sagt ein Soldat in Dorans Film aus. Andere Augenzeugen berichten, wie sie aus den Containern Blut sickern sahen. Auch in Sherberghan ereigneten sich unglaublich grausame Vorfälle. Nur einige Kostproben aus Dornans Film: Ein Afghane, dem man die Strapazen des Kampfs ansieht, beschreibt auf dem Filmdokument die Behandlung der Gefangenen in Sheberghan: „Ich sah, wie ein amerikanischer Soldat einem Gefangenen das Genick brach und einen weiteren mit Säure übergoss. Die Amerikaner taten, was sie wollten. Wir konnten sie nicht aufhalten.“
Ein weiterer afghanischer Soldat erklärt: „Sie schnitten ihnen die Finger und Zungen ab, sie schnitten ihnen die Haare und die Bärte. Manchmal taten sie das zum Vergnügen, sie brachten die Gefangenen nach draußen, verprügelten sie und brachten sie ins Gefängnis zurück. Aber manchmal kehrte ein Gefangener nicht zurück und verschwand. Ich war dabei.“
Vom Gefängnis in Sheberghan wurde ein Teil der Gefangenentransporte in die Wüste geschickt, vermutlich, damit die Toten in den Containern nicht den Journalisten unter die Augen kommen konnten. Doch nicht alle Containerinsassen waren bereits tot, als sie in Dasht-i-Leili ankommen. Doran präsentiert zwei Zeugen, die aussagen, dass dort in der Wüste mindestens mehrere hundert Kriegsgefangene, die noch nicht erstickt, erschossen oder verdurstet waren, hingerichtet wurden. Und zwar unter den Augen von „30 bis 40 amerikanischen Soldaten“, wie ein Fahrer berichtete.
Doran forderte bei der Präsentation des etwa 20-minütigen Trailers, der nur ein Teil seiner demnächst erscheinenden umfassenden Dokumentation mit dem Titel „The Massacre of Masar” ist, die internationale Gemeinschaft auf, unabhängige Experten an den Fundort des Massengrabs zu schicken, um eine lückenlose Beweisaufnahme zu garantieren.

Josef Badko

(1) Junge Welt vom 21. November 2001
(2) http://www.wsws.org/de/2001/dez2001/afgh-d11.shtml