Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

 Ausgaben

Nr. 21 Herbst 2007
Nr. 20 Frühjahr 2007
Nr. 19 November 2006
Nr. 18 Mai 2006
Nr. 17 Februar 2006
Nr. 16 November 2005
Nr. 15 Juni 2005
Nr. 14 April 2005
Nr. 13 November 2004
Nr. 12 September 2004
Nr. 11 Mai 2004
Nr. 10 Jänner 2004
Nr. 9 November 2003
Nr. 8 September 2003
Nr. 7 Mai 2003
Nr. 6 März 2003
Nr. 5 Jänner 2003
Nr. 4 November 2002
Nr. 3 September 2002
Nr. 2 Juli 2002
Nr. 1 Mai 2002

 

 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 2 Juli 2002

Kann die UNO Demokratie bringen?

Interview mit Dr. Abdul Rashid Jalili, Präsident der Organisation für die Nationale Einheit Afghanistans (ONUA)


Dr. Jalili war führendes Mitglied der Khalk-Partei, die ursprünglich ein Flügel der Demokratischen Volkspartei Afghanistans war, aber als eigenständige Partei handelte. Als solches beteiligte er sich im Jahre 1978 an deren „Revolution von oben”. Nach dem gewaltsamen Sturz der Führer der Khalk-Partei Amin und Taraki, der Machtübernahme durch die pro-sowjetische Parcham-Gruppe und der sowjetische Invasion verbrachte er fast ein Jahrzehnt im Gefängnis, bis es ihm schließlich Anfang der 90er Jahre gelang ins Exil in die Niederlanden zu gehen.

Wie stellt sich Ihnen die Lage in Ihrem Heimatland dar?

Vorab möchte ich auf den historischen Hintergrund eingehen. Die ehemalige Sowjetunion ist verantwortlich für die Tragödie meines Landes, die mit dem Tod von Hafizullah Amin begann. Unsere Demokratische Volkspartei war eine progressive Partei, die Demokratie und Freiheit für das afghanische Volk wollte und auch dessen Unterstützung hatte. Die Regierung wollte gleiche und freundschaftliche Verhältnisse mit allen Ländern der Welt, jedoch konnte dies die Sowjetunion nicht akzeptieren. Ein Teil der Regierung unter der Führung von Babrak Karmal führte einen Militärputsch durch, doch sie blieben beim Volk verhasst und konnten sich nur auf die Armee und die sowjetischen Hilfe stützen. So kam es zum Aufstand, der von den Mujaheddin geleitet wurde.
Unsere Bewegung wurde für illegal erklärt und viele von uns landeten im Gefängnis. Tausende von meinen Freunden wurden umgebracht.

Wie stand ihre Partei zum Aufstand der Mujaheddin?

Wir betrachten diesen als einen Volksaufstand gegen die Militärdiktatur und gegen die sowjetische Besatzung. Ich mache Babrak Karmel und die Gruppe um ihm dafür verantwortlich, Afghanistan in ein Spielfeld der Großmächte verwandelt zu haben.

Die Mujaheddin erwiesen sich ebenfalls als diktatorisch und von ausländischen Mächten gesteuert?

Die Gruppe von Massud und Karmal brachten mit Hilfe der Sowjetunion Rabbani an die Macht, der die Beziehungen zu Russland fortsetzte. Das Programm der UNO scheiterte schließlich. Es standen also auf der einen Seite die traditionelle Stammesgesellschaft, die etwa Massud vertrat. Auf der anderen Seite tauchten die Taliban auf. Das sind Fundamentalisten, dumme Leute. Auch gaben sie Al-Qaida Raum, die Afghanistan zu einem Drogenproduzenten verkommen ließ. Die Macht der Taliban stützte sich einerseits auf Pakistan, andererseits auf das Versagen und die Missstände unter der Regierung Rabbani. Die Taliban taten Dinge, die das Volk nicht akzeptieren konnte. Sie beschnitten die Rechte des Volkes und zwangen die Frauen dazu zu Hause zu bleiben.

Wie denken Sie nachträglich über die Landreform der Regierung Amin?

Die Reform wurde zu schnell gemacht und sie wurde schließlich aufgrund der Aggression abgebrochen.

Betrachten Sie die USA und Groß-Britannien als Befreier?

Wir beklagen natürlich die Opfer unter der unschuldigen Zivilbevölkerung, doch wir lehnen auch den Terrorismus ab, genau so wie Fundamentalismus und Fanatismus. Darum war die Niederlage der Taliban wichtig.
Das afghanische Volk sollte sich selbst von jenen befreien, die es unterdrücken, doch jede Kraft, die uns auf unserem Weg zur Demokratie unterstützt, ist willkommen. Die USA kämpfen natürlich für ihre eigenen Interessen, aber in diesem Fall kämpfen sie auch für Demokratie. Wir hätten nicht gedacht, dass Afghanistan so schnell aus dem Krieg herausfinden würde. Der Krieg gegen die Taliban, auch gegen die Nordallianz, hätte endlos sein können. Wir sollten das zu schätzen wissen und diese Gelegenheit nützen um die Menschen einander näher zu bringen.

Welche Stellung nehmen Sie zur derzeitigen Regierung und zur Loya Jirga ein?

Zuvor kontrollierten die Taliban weite Teile des Südens, Massud und Rabbani den Rest. Nun ist es umgekehrt. Die Nordallianz ist nun an der Macht und das kann von der Mehrheit der Afghanen nicht begrüßt werden. Sie haben den Hass zwischen den anderen Gruppen geschürt. Ihre Macht hat keine rechtliche Grundlage. Wir hoffen, dass die Nordallianz bald von der Macht verdrängt werden wird, doch das zu erreichen ist nur mit Hilfe der Demokratie möglich.
Das Volk ist den Extremismus und die Unterdrückung leid, es will wirkliche Demokratie, die auf einem parlamentarischen System beruht. Die Macht soll auf das Volk übertragen werden.
Die Loya Jirga, die große Ratsversammlung der Stammesfürsten, sollte ein wichtiger Schritt dazu sein. Natürlich stellt die Nordallianz bereits viele Minister, vielleicht gelingt es ihnen, noch mehr ihrer Leute an Schlüsselstellen zu setzen. Doch auch die demokratischen Kräfte versuchen ihre Repräsentanten wählen zu lassen.
Damit der derzeitige politische Prozess in Richtung Demokratie gehen kann, muss das afghanische Volk die Kriegsherren entwaffnen. Doch ohne Hilfe der internationalen Gemeinschaft wird das nicht möglich sein. Wir hoffen vor allem, dass sich die UNO verstärkt für die Errichtung der Demokratie in Afghanistan einsetzen wird. Doch wenn das nicht gelingen sollte, werden die Kämpfe weitergehen.

Wie tief ist die Spaltung zwischen den Nationalitäten wirklich?

In Wirklichkeit haben die Paschtunen und die anderen Stämme seit Jahrhunderten in Frieden miteinander gelebt, ohne Hass. Nur die politischen Machtgruppen, vor allem Karmal, Massud, die Tadschiken, die Kriegsherren, haben diese Verbrechen begangen, als sie versuchten, ihre Macht zu etablieren. Die Menschen hassen einander nicht, aber diese Stammesfürsten, die mit dem Gewehr in der Hand herrschen, schüren die Feindseligkeiten. Ohne sie würde das Volk in Frieden leben.

Ist Ihre Bewegung auch in Afghanistan präsent?

Wir waren immer innerhalb Afghanistans aktiv. Wir haben die revolutionäre Methode ausprobiert und das hätte funktioniert, doch die Sowjetunion hat alles zerstört. In der heutigen Form wurde unsere Partei im August 1996 gegründet, noch bevor die Taliban an die Macht kamen. Wir sind eine sozialdemokratische Bewegung, die für Frieden und Demokratie in Afghanistan kämpft. Nur so können die Menschen einander nähergebracht und der Tragödie ein Ende gesetzt werden. Wir haben die Diktatur kennen gelernt. Wir wissen wovon wir sprechen. Vielleicht wird es am Anfang keine perfekte Demokratie sein, doch sobald ein Schritt gemacht ist, sind wir davon überzeugt, dass das Volk folgen wird.


Das Interview führten Charlotte Malterre und Ali Nasser.Utrecht, 28. April 2002