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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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Nr. 2 Juli 2002

Ein skandalöser Text

Anton Holberg über Hermann L. Gremliza


Hermann L. Gremliza, Herausgeber von ‘Konkret’, des wohl bekanntesten linken Magazins im deutschsprachigen Raum, kam im Oktober vergangenen Jahres nach Wuppertal, sah und hörte offensichtlich nichts, hielt eine Rede ... und verlor. Diese Rede wurde kürzlich vom Neue Impulse Verlag in einem ‘Israel, die Palästinenser und die deutsche Linke’ betitelten Sammelband der Beiträge der gleichnamigen Tagung der DKP-verbundenen ‘Marx-Engels-Stiftung’ veröffentlicht. Gremliza scheint seiner Rede die Überschrift ‘Ein skandalöser Text’ gegeben zu haben, und meinte damit das Vorwort zum Israel/Palästina-Heft der DKP-Zeitschrift ‘Marxistische Blätter’(4/2001).

Allgemeine Kritik am ‘antideutschen’ Prozionismus bis hin zu seinen pathologischsten Formen, wie wir sie im Falle der ‘Bahamas’-Redakteure konstatieren müssen, wurde schon des öfteren geleistet. Dabei wurde den ‘antinationalen/antideutschen’ Wortführern zurecht vorgehalten, dass ihr Anspruch, marxistisch zu argumentieren in krassem Gegensatz dazu steht, dass sie Marxens Diktum, dass die Geschichte der Menschheit die Geschichte der Klassenkämpfe sei, durch eine Geschichtskonzeption ersetzt hätten, nach der zumindest die Geschichte der Deutschen die einer Ideologie - des Antisemitismus - und ihrer Folgen im 20. Jahrhundert - des Holocaust - ist.

Auf diese Argumentation zurückzukommen, ist jedoch nicht das eigentliche Ziel der hier versuchten Kritik an Herrn Gremliza. Ebenso wenig kann es darum gehen, gegen Gremliza & Co. schwerpunktmäßig historische Fakten ins Feld zu führen. Das alles ist schon hundertmal geschehen. Die einschlägige Literatur ist fast erdrückend. Jedoch: die Theoretiker des ‘linken’ Prozionismus sind davon nicht beeindruckt und das nicht etwa, weil sie glauben, mit ebenso schlagenden Gegenfakten aufwarten zu können, sondern weil Fakten sie überhaupt nicht interessieren. Was aber bleibt bei einer auch wesentlich historischen Auseinandersetzung ohne den kritischen Rückgriff auf Fakten? Feuilleton und Demagogie.

Ich glaube, dass eine textkritische Analyse des Beitrages von Herrn Gremliza genau das als sein Charakteristikum enthüllen wird. Vergleicht man diesen Beitrag mit anderem, was von Seiten der ‘antideutschen’ Prozionisten geschrieben wurde, so wird man feststellen, dass Gremlizas Methode die der gesamten ‘Schule’ ist. Das ist nicht unbedingt böser Wille. Aber die in diesen Kreisen gepflegte hochmütige Missachtung der historischen Tatbestände zwingt dazu.

Der Verlag hat dankenswerter Weise die Kritik an GremlizasAusführungen dadurch erleichtert, dass er den von ihm als „skandalös” bezeichneten Text aus den ‘Marxistischen Blättern’ (MBl) mit veröffentlicht hat. Gremlizas erste Kritik betrifft die Tatsache, dass im MBl-Vorwort die Juden ein „Volk” in Anführungszeichen seien. Sein Verdikt lautet: „Angehörige des Kollektivs ‘die Deutschen’ sollten, auch wenn sie, anders als Sie, die Rede vom Volk meiden, weil sie völkisch kontaminiert ist, nicht mit Juden darüber rechten, wie sich die der Mordlust unserer Väter nach Israel Entkommenen nennen wollen. Wer Jude ist und ob sie sich ein Volk nennen sollen, möge bestimmen wer will, nur für die nächsten tausend Jahre eine Menschensorte nicht: Deutsche.” Im kritisierten Text jedoch wird Volk keineswegs maliziös stets in Anführungszeichen gesetzt. Dort heißt es vielmehr: „Mit Israel hat sich jenes Volk - genauer gesagt: hat sich jener Teil der Judenheit, der sich selbst als ‘Volk’ verstand - einen Staat geschaffen, das der deutsche Faschismus ‘mit Stumpf und Stiel’ ausrotten wollte.” Zwar ist auch dieser Satz sachlich nicht ganz richtig, weil es in der Tat antizionistische Menschen gab und gibt, die sich nicht aus religösen, wohl aber wegen ihres kulturellen Hintergrundes z.B. als Jiddisch-Sprechende und ihres historischen Hintergrundes als zumindest potenzielle Opfer des Antisemitismus als Angehörige der von Abraham Leon so bezeichneten jüdischen ‘Volksklasse’ definierten. Die Verweigerung des Rechtes von Juden, sich als Angehörige eines Volkes zu sehen, ist jedoch ganz offensichtlich nicht sein Thema. Wohl aber stellt das von Gremliza ausschließlich für Deutsche ausgesprochene Verbot - auch für solche des Jahres 3.000 - , über die Frage zu befinden, ob Juden ein Volks sind, eine völlige Negation seines eigenen ‘antinationalen’ Anspruchs dar. Die hier konstruierte Kollektivschuld ist originär nationalistisch, zumal, wenn sie bis zum hunderststen Glied reicht. Gremlizas im folgenden im gleichen Sinn dargelegte Theorie, der zufolge die europäischen Juden nicht etwa Opfer des - wie im MBl-Text formuliert - „deutschen Faschismus” waren, sondern „der Deutschen”, ist an und für sich zu abstrus, um darauf näher einzugehen. Er selbst muss eingestehen, dass nicht alle Deutsche direkt oder indirekt am Holocaust beteiligt waren. Wenngleich die Zahl der Beteiligten sicher größer war als hinterher zugegeben, ist es doch offensichtlich, dass die meisten nicht daran beteiligt waren, es sei denn durch Passivität, und das ist nun wirklich keine ausschließlich deutsche Haltung - weder unter den Bedingungen einer Demokratie noch gar unter denen einer Diktatur. Weiter kritisiert Gremliza dann die Aussage der MbL, dass der Zionismus bis zum Holocaust zahllosen Juden als „abseitige Ideologie” erschienen sei. Gremlizas sarkastische Reaktion: „...und wenn es die Juden, bevor sie aus Angst um ihr Leben den Kopf verloren haben, selbst so gesehen haben, wird der Zionismus schon eine abseitige Ideologie sein. ‚Plausibel’ gemacht haben diese abseitige Ideologie, dem Subtext Ihres Vorworts zufolge, die deutschen Faschisten. Die gibt es nicht mehr. Und deshalb ist der Zionismus auch nicht mehr plausibel, sondern abseitig. (Warum übrigens, keine ‘abartige’? Es wird sich vor 1933 bestimmt bei irgendeinem jüdischen Autor auch dieses Wort finden).” Nun ist es zum einen so, dass der Zionismus gerade auch in Deutschland und Westeuropa bis zur antisemischen Barbarei der Nazis eine Minderheitenideologie war, die Autoren des Vorworts also lediglich einen historischen Tatbestand in Erinnerung rufen. Kein Grund zum Sarkasmus, es sei denn man habe Beweise für die Unrichtigkeit der Behauptung. Weiterhin ist es so, dass die Autoren eben nicht den tendenziell biologistischen Begriff ‘abartig’ verwandt haben, gleich, ob das Wort in irgendeiner jüdischen Quelle vor 1933 aufzufinden gewesen wäre oder nicht. Was ist das für eine Diskussionskultur, in der man den Gegner anschwärzt, indem man belastete Begriffe findet, die er benutzt haben könnte - aber eben nicht benutzt hat? Darüber hinaus argumentieren die Autoren des Vorworts auch keineswegs, dass der Zionismus durch das Ende der Existenz des deutschen Faschismus nicht länger plausibel sei. Vielmehr konstatieren sie: „Deutsche, die sich ihrer Geschichte bewusst sind, werden diese Tatsachen bei jedem Blick auf Israel vor Augen treten. Hinzu kommt, dass sich der Antisemitismus - der Begriff im landläufigen Sinne verstanden, bekanntlich sind auch die Araber ‘Semiten’ - mit der militärischen Zerschlagung des Nazifaschismus ja nicht erledigt ist.” Vielleicht sollte aber mit dem Vergleich dieses Satzes und Gremlizas Kritik diese ‘erledigt’ sein. Im übrigen ist es natürlich so, dass Plausibilität die eine Sache und Richtigkeit eine ganz andere ist. Daß für eine Vielzahl von jüdischen Opfern des deutschen Faschismus der Zionismus plausibel wurde, ist nachvollziehbar. Aber es ist kein Grund insbesondere für Marxisten – und als ein solcher beliebt Gremliza merkwürdigerweise bisweilen immer noch zu posieren – ihn heute richtiger zu finden als zur Zeit seines Entstehens, wo er insbesondere auf die permanenten antijüdischen Pogrome im Zarenreich reagierte. Gremliza aber will keine Gelegenheit auslassen, von einem Fettnäpfchen ins nächste zu treten. Als nächstes ereifert er sich - eigenes Unwissen und Desinteresse als Nicht-’Rassenkundler’ suggerierend - darüber, dass die Autoren es gewagt haben, darauf hinzuweisen, dass der Begriff ‘Antisemitismus’ im Grunde ungenau ist, da er keineswegs alle Semiten wie die Araber einschließe. Für Gremliza nämlich bedeutet die Erwähnung der Araber und mehr noch die Tatsache, dass die MBl-Autoren feststellen, dass der Antisemitismus in Deutschland „Hand in Hand mit anderen (auch antiarabischen und antiislamischen!) Formen des Rassismus” wiederauflebe, dass die Autoren „Antisemitismus mit Antiarabismus oder Antiislamismus gleichsetzen” und den Antisemitismus „beschönigen und leugnen”. Nun heißt „Hand in Hand gehen“ in Wirklichkeit keineswegs identisch zu sein. Andererseits bedeutet eine Nichtidentität keineswegs notwendigerweise, dass das eine dem anderen vorzuziehen sei. Gremliza jedoch greift zu einem neuen Trick. Er fragt, ob der Antiislamismus denn die Endlösung der Moslemfrage wolle, und kokettiert erneut mit seinem ‘Marxismus’, indem er fragt, ob er denn nicht Gegner „von Aberglaubensgemeinschaften aller Arten sein“ dürfe. Er darf nicht nur, er sollte! Er sollte aber in Hinblick auf den Aberglauben nicht nur ein Gegner der „zwei gruseligen Mordsreligionen” – des Christentums und des Islam – sein, sondern ebenso des nur dank der Abwesenheit eigener staatlicher Macht weniger mordenden Judaismus. Im übrigen sollte er die afrikanischen oder türkischen Opfer des nicht ausdrücklich antisemitschen modernen deutschen Rassismus oder die Opfer des ‘Rassismus’ in Rwanda und des religiösen Kommunalismus in Indien oder Pakistan fragen, was diese denn so angenehm an ‘normalen’ Formen des Rassismus oder Religionsfanatismus finden. Die Besonderheit des Antisemitismus kann kein Grund sein, den mörderischen Charakter anderer Formen des Rassismus mit der linken Hand abzutun, wie das Gremliza mit dem Hinweis darauf tut, dass schließlich noch kein Araber in eine deutsche Gaskammer geführt worden sei. Weiter empört sich der Herr Gremliza darüber, dass es die Autoren wagen, ihre - wie im übrigen auch immer zu kritisierende - Position zu Palästina nicht ausschließlich am Holocaust auszurichten. Dass sie das nicht tun, sondern auf der Notwendigkeit bestehen, die „Wirklichkeit” nach dem Holocaust und außerhalb Deutschlands - und Israels - zu bedenken, genügt ihm, um sie als Antisemiten zu entlarven.

In die letzte Runde geht Gremliza mit den Worten „und es geht immer noch ein bisschen schlimmer”. Der Mann hat recht - allerdings auf ihn selbst bezogen. Die Aussage des Vorworts, dass der „Zionismus als Antwort auf die antijüdischen europäischen Nationalismen, doch zugleich deren Denkmuster folgend” der arabischen Bevölkerung Palästinas von Anfang an als feindliche Verdrängungsideologie und -praxis begegnete, kontert Gremliza nicht etwa mit einer historischen Widerlegung - wie könnte er auch? - sondern damit, dass er behauptet, in diesem Satz solle mitschwingen, dass der Zionismus den Denkmustern der Nazis folge. Die Autoren hatten von europäischen Nationalismen geschrieben, deren antisemitischen Seiten sich keineswegs nur in der Nazi-Ideologie finden. Darüberhinaus jedoch hätten sie recht, wenn sie gewisse Parallelen zwischen der Ideologie des deutschen Faschismus und des Zionismus festgestellt hätten - beide sind bei allen Unterschieden Ausdruck eines völkisch verstandenen und natürlich gegen die Einheit der internationalen Arbeiterklasse gerichtete Nationalismus. Und in der Tat ergeben sich auch daraus die Verbrechen der zionistischen Bewegung gegen die im zu von ihr zu besiedelnden Land vorgefundenen Araber. Gremliza nun versucht nicht, dieses historische Faktum zu bestreiten, sondern dessen Nennung durch die Behauptung, sie sei antisemitisch, zu verhindern. Er formuliert nämlich „Und deshalb, kein Wunder, begehen die Juden alle möglichen Verbrechen, die bei uns seit den Nürnberger Prozessen Verbrechen gegen die Menschlichkeit genannt werden”. Im MBl-Text ist aber gar keine Rede davon, dass „die Juden” alle möglichen Verbrechen begehen, sondern jüdische Nationalisten (Zionisten). Was hier politisch ist, schreibt Gremliza rassistisch um.

Anton Holberg

Der Text wurde für die bruchlinien redaktionell gekürzt und bearbeitet.