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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 2 Juli 2002

Sardinien, schön und giftig

Italien wird von der verheerenden Wirkung radioaktiver Munition eingeholt.


Mit einem Schlag führte ein am 27. 4. 2002 vom Satellitensender RaiNews24 ausgestrahlter Bericht dem italienischen Publikum wieder die ganze unglaubliche Dimension der Kriegsführung mit abgereichertem Uran (DU, Depleted Uranium) vor Augen. Die in penibler eineinhalbjähriger Vorarbeit entstandene Dokumentation des Journalisten Sigfrido Ranucci (1) befaßte sich mit den Auswirkungen des DU bei Kindern sowohl von Militärs als auch Zivilpersonen. Von 15 Angehörigen eines Räumtrupps, der in Bosnien eingesetzt war, sind zwei schwer erkrankt, vier weitere leicht. Zwei bekamen verkrüppelte Kinder (2). Herzstück der Dokumentation ist ein von einem Soldaten gedrehter, bloß einige Minuten dauernder Amateurfilm (1), in dem genau erkennbar ist, wie die eigenen Soldaten verheizt werden. Außerdem wird berichtet, dass sieben Kinder italienischer Soldaten, die in Somalia und auf dem Balkan stationiert waren, vor kurzem mit erblich bedingten Mißbildungen geboren wurden (2).

Einsatz in Bosnien

Die Entschärfungs- und Entsorgungsaktion namens Operation Vulkan, fand am 18. August 1996 in der etwa 100 Kilometer von Sarajevo entfernten bosnischen Stadt Vukonovici statt (1). Man sieht, wie die Zelte der Soldaten in Rauch und Nebel eingehüllt werden. Eine riesige Wolke erhebt sich bis auf 2000 Meter Höhe. Die DU-Geschoße werden entschärft, und nach der ersten Explosion sieht man, wie die Soldaten ohne Schutzkleidung und mit bloßen Händen die Geschoße aufsammeln. Die „Arbeitskleidung” bestand zum Teil bloß aus T-Shirts oder Hemden, die Ärmel waren aufgekrempelt. „Wir wussten nicht, dass es sich um Uran handelte. Die Operation wurde an einem Tag 18 Mal wiederholt. Wir waren 15 Italiener, und mit uns waren Spanier und Franzosen. Zwei von uns erkrankten an einem Lymphom (3)” berichtet ein Teilnehmer des Einsatzes. Bei einem Soldaten des Räumtrupps kam ein Kind mit schweren Missbildungen zur Welt, dies allerdings einen Monat nach dessen Rückkehr aus Somalia (4).

Militärbasis Sardinien

In dem Film kommt auch die Bevölkerung des 2.600 Einwohner zählenden Ortes Escalaplano zu Wort, der sich in 4 Kilometer Entfernung vom Militärstützpunkt Pedasdefogu befindet (1). Der Festlandstützpunkt und Truppenübungsplatz Pedasdefogu bildet, zusammen mit dem maritimen Truppenübungsplatz Capo San Lorenzo, eine der beiden Komponenten des flächenmäßig größten NATO-Truppenübungs- und Schießplatzes nicht nur Italiens, sondern auch Europas: Salto di Quirra, benannt nach der ebenfalls betroffenen bloß 150 Einwohner zählenden Gemeindefraktion Quirra (5).

In Escalaplano spricht Ranucci mit einem dreißigjährigen Mann, der an Krebs erkrankt ist und mit zwei krebskranken Hirten. Er zeigt, in was für einem Zustand die Landschaft dort ist. Geschoße liegen im Gebüsch herum, die Reste eines Flugkörpers liegen seit Beginn der 90er Jahre auf der Erde, nur ein paar Meter vom Haus der beiden Hirten entfernt (1).

Die Gesamtzahlen der DU-Opfer in Italien sind alarmierend, und seit einiger Zeit bekannt. Die regierungsoffizielle Commissione Mandelli, benannt nach einem mit den Untersuchungen beauftragten Hämatologen, ist vorsichtig. Ihr zufolge sind in Italien 40 Soldaten, die am Balkan stationiert waren, erkrankt, 10 sind gestorben. Das Osservatorio di tutela dei militari („Informationsstelle und Interessenvertretung der Heeresangehörigen”) kommt zu anderen Resultaten: 143 Menschen sind an Leukämie und Lymphomen erkrankt, es gibt bereits 15 Tote (4).

Und das abgereicherte Uran schlägt auf die Täter zurück: Unter den Toten befinden sich nicht nur vier Wehrdienstleistende, sondern auch ein General! (6) Von den Wehrdienstleistenden, die in den Stützpunkten Quirra-Pedasdefogu oder Teulada (der zweitgrößten Militärbasis Sardiniens) ihren Dienst versehen haben, sind allein 12 erkrankt (7).

Falco Accame, ehemaliger Flottenadmiral und Vorsitzender des Verteidigungsausschusses der Abgeordnetenkammer, sowie Präsident des Opferverbandes von Angehörigen der Streitkräfte, berichtet von insgesamt 12 mißgebildeten Kindern von Soldaten, die auf dem Balkan stationiert waren, dazu kommen Mißbildungen bei 11 Kindern von Zivilpersonen, die in der Nähe von Militärbasen leben (8).

Ranuccis Film ist nicht die erste Enthüllung, einige politische Organisationen wie auch die Presse Sardiniens haben Vorarbeit geleistet. Das erste Schreckensbild, das an die Öffentlichkeit kam, war das der winzigen Ortschaft Quirra. Von ihren 150 Einwohnern sind in den letzten 10 Jahren (Stichtag 27. 2. 2002) allein 13 erkrankt (9), bei 10 wurden offiziell Tumore festgestellt (4). Alle leben sie im Umkreis von 4 Kilometern vom Truppenübungsplatz Capo San Lorenzo, Teil der Basis Salto di Quirra. Was auffällt: im vorangegangenen Jahrzehnt hatte es in Quirra überhaupt keine Erkrankungen an Leukämie oder Lymphdrüsenkrebs gegeben. Piero Mannironi von der Tageszeitung La Nuova Sardegna zählt noch drei weitere Fälle dazu, die zwar aus Quirra stammen, deren Diagnose aber an anderen Orten gestellt wurde. Eine Reihe von Erkrankungen trat auch in unmittelbarer Nähe der Firma Vitrociset auf. Die Firma stellt Waffen her und lässt Wartungsarbeiten an den Anlagen des Stützpunktes durchführen (10).

Dazu kam im Februar 2002 der „Skandal” Escalaplano. In den 80er Jahren sind dort 11 missgebildete Kinder geboren worden: die Zahl nennt der DS-Senator Rossano Caddeo in einer dringenden Anfrage an den Verteidigungsminister Martino. (11). Das deckt sich mit den Angaben Falco Accames. (1) Escalaplano hat 2.600 Einwohner. (8) Allein im Jahre 1988 kamen dort 23,8% der Neugeborenen mit Mißbildungen auf die Welt. (10) Eine Bürgerinitiative machte es außerdem öffentlich, dass seit 1994 in Escalaplano 15 Fälle von Schilddrüsenkrebs aufgetreten sind. (12) Ebenso Fälle von Schuppenflechte (Psoriasis). Pasquale Angeloni, Hämatologe aus Rom, zählt DU zu den Verursachern von Schilddrüsenkrebs und Schuppenflechte. (8)

Wesentlich für das Verständnis des Films ist die von den US-Amerikanern in offiziellen Dokumenten hervorgehobene für die US-Kriegsführung geostrategisch zentrale Bedeutung Sardiniens. Sardinien ist die Region mit der größten Anzahl militärischer Strukturen in Italien, dicht gefolgt von Friaul. 66% der militärischen Einrichtungen der NATO in Italien befinden sich auf der Insel (13). Wenn sich in Friaul immerhin 17 Truppenübungsplätze/Militärbasen mit einer Gesamtausdehnung von 4.240 ha befinden, so umfaßt allein Teulada, die im Süden Sardiniens gelegenen zweitgrößte Militärbasis Italiens 7.200 ha (14). Salto di Quirra besteht aus zwei Teilen, einem Festland-Übungsplatz in Perdasdefogu mit einem Umfang von allein 11.600 ha und einen zweiten im Küstenbereich in Capo San Lorenzo mit 1.100 ha (5). Dieses riesige Kriegsgebiet zieht sich 50 km an der Ostküste entlang, von Capo Bella Vista im Norden bis nach Capo San Lorenzo mit der Stadt Villaputzu im Süden. Zusätzlich zur Gesamtfläche aller Miltärstützpunkte und Basen auf Sardinien, die 24.000 ha umfaßt und demnach größer ist als die Gesamtfläche sämtlicher Kriegs-Basen im restlichen Italien (16.000 ha), schließt sich an das Festland ein riesiges maritimes Manövergebiet an, das sich weit in internationale Gewässer erstreckt und die unglaubliche Ausdehnung von 2.800.000 ha hat (15), somit größer ist als die Insel selbst (23.821 qkm) (9). In dem Manövergebiet herrscht de facto Krieg, und es kommt schon mal vor, dass dort ein (ziviler) Fischkutter versenkt wird (16).

Salto di Quirra ist nicht nur ein zentrales Element der Kriegsmaschinerie, sondern einer der wichtigsten Treffpunkte, Umschlagplätze, Märkte der Waffenhändler und –produzenten (6). Gemeinsame Übungen von Luftwaffe, Heer und Marine der NATO-Länder finden dort statt (18), das Terrain wird aber auch direkt von Waffenherstellern gemietet. Darunter rangieren Fiat, Alenia, Melara, Aerospatial, Thomson (6). Auf diesem Gelände werden Kriegsmaterialien,Waffen, Raketen getestet (1). [...]

Sardinien ist nukleares Risikogebiet. Greenpeace hat bereits vor mehr als einem Jahrzehnt festgestellt, dass das Meer in der Nähe des im Norden gelegenen gänzlich exterritorialen US-Stützpunkts Santo Stefano durch die dort stationierten atomangetriebenen Unterseeboote verseucht wurde. Cagliari ist eine von 12 italienischen Hafenstädten, die in die nukleare Risikokategorie fallen. Das wurde lange Zeit geheimgehalten, die Bewohner der Stadt erfuhren das erst aus der Zeitung. (19)

Die nuklearterroristische Struktur Sardiniens ist Teil einer weltweiten Nuklear- und DU-Terror-Struktur. In sieben weiteren USA- und NATO-Basen Italiens wird abgereichertes Uran verwendet, und darüber hinaus auf acht Stützpunkten anderer europäischer Länder: in Frankreich, Spanien, Großbritannien, Deutschland und Griechenland. (8)

In der Dokumentation Ranuccis ist schließlich auch von einer internen Mitteilung der Streitkräfte die Rede, die mit 12. 1. 2001 datiert ist (1) und aus der herausgeht, dass 1985 von Italien DU-Geschoße US-amerikansicher Fabrikation in Israel gekauft wurden (2,4). Die Tageszeitung Il Messagero berichtet: „Aus den Dokumenten geht hervor, dass es sich nicht um NATO-Waffen handelt, sondern sie wurden von Italien in Israel gekauft. Sie sind in Somalia verwendet worden und auch noch danach, bis zum Jahr 2001 an einigen Truppenübungsplätzen in Italien.”(4). Aus den bisher bekannten Auswirkungen zu schließen, dürften sich in erster Linie Salto di Quirra und Capo Teulada darunter befinden.

Liberazione (1) und Corriere della Sera (20) verschweigen in auffälliger Eintracht die Herkunft der DU-Munition. Accame bemerkt dazu: „Die Unterlagen für diesen Waffenkauf aus Israel dürften sich bei der „Kommission für Internationalen Waffenvertrieb” befinden – die Teil des Außenministeriums ist. Ihr Vorsitzender Indelicato ist ein Beamter des Außenministeriums.” (21) Nicht nur auf Salto di Quirra und Teulada dürfte DU verwendet worden sein. Der kommunistische Senator Giovanni Russo Spena verweist in einer parlamentarischen Anfrage auf den Truppenübungsplatz Nettuno bei Rom, auf dem DU-Tests durchgeführt worden seien, sowie auf die zwischen Rom und Viterbo gelegene Militärbasis Monte Romano, dort habe es ebenfalls Schießübungen mit DU-Munition gegeben (21).

Mit DU beschäftigen sich auch die Lega-Abgeordneten Rizzi und Ballaman. Im Jänner 2001 hat das Personal eines in der Toscana gelegenen Heeeresdepots eine offizielle Anfrage gestellt, ob angesichts der mit DU verbundenen gesundheitlichen Risiken Untersuchungen oder Kontrollen durchgeführt würden. Das Personal war unter anderem damit beauftragt, aus Israel stammende DU-Munition, die aus Somalia rückgestellt wurde, zu katalogisieren und zu barbeiten (22). Ob die Italiener selbst DU in Somalia zum Einsatz gebracht haben, ist ungewiss, mit Sicherheit haben es aber die Amerikaner im August 1993 beim Angriff auf die Residenz von General Aidid verwendet (23).


Alexander Pia

(1) Sabrina Deligia: Uranio impoverito, il caso italiano, Liberazione, 28. 4. 2002
(2) Emmanuele Giordana, Lettera 22: I figli del soldato, in: il manifesto, 27. 4. 2002
(3) Lymphdrüsengeschwulst, meist bösartig
(4) Rosanna Santoro: Dopo Somalia e Balcani sette neonati malformati, 27. 4. 2002, Il Messaggero, 27. 4. 2002
(5) Il Poligono Di Quirra http://italy.indymedia.org/quirra/IlPoligonoDiQuirra.php3
(6) Comitato Sardo Gettiamo le Basi: Sardegna, uranio, vittime militari e civili, o. D., http://www.controappunto.org/cabala/sardegnauranio.html
(7) La sindrome di Quirra http://italy.indymedia.org/quirra/
(8) Sull’uranio adesso indaga Guariniello, La Nuova Sardegna, Indymedia Italien, 7. 5. 2002 http://italy.indymedia.org/quirra/archive_comment_dossier.php3?id=45
(9) Succede a Quirra http://italy.indymedia.org/quirra/SuccedeaQuirra.php3 der Bericht stammt von Paolo Pili, dem Amtsarzt der am Truppenübungsplatz gelegenen Stadt Villaputzu.
(10) Alessandro Marescotti, peacelink: Cgil Cisl Uil in difesa dei poligoni della morte, 27. 2. 2002 http://www.peacelink.it/webgate/news/msg01915.html
(11) Giancarlo Bulla: Interrogazione del senatore ds Caddeo sulle nascite „anomali“ negli anni 80
Sull ´uranio adesso indaga Guariniello, La Nuova Sardegna, 7. 5. 2002
Alessandro Marescotti, peacelink: Sindrome dei poligoni militari: escalation di tumori e malformazioni in Sardegna, 23. 2. 2002
(12) Sabrina Deligia: Uranio, Martino “ammette” il dramma italiano, Liberazione, 8.5. 2002
(13) Appendice Uno, in: SDQ, http://italy.indymedia.org/quirra/AppendiceUno.php3
(14) La presenza militare in Sardegna e le tre favole, Favola nr 3, http://italy.indymedia.org/quirra/TreFavole.php3
(15) La presenza militare in Sardegna e le tre favole, Cronistoria,http://italy.indymedia.org/quirra/TreFavole.php3
(16) Una barca da pesca affondata da un missile partito alla base di Decimomannu http://nuovacitta.tripod.com/artmaggio/basi.htm
(17) Durch Kürzung des Artikels nicht angeführt
(18) La presenza militare in Sardegna e le tre favole, Favola nr. 1, http://italy.indymedia.org/quirra/TreFavole.php3
(19) La presenza militare in Sardegna e le tre favole, Favola nr. 2, http://italy.indymedia.org/quirra/TreFavole.php3
(20) Giuliano Galla: Uranio, somno malati sette figli di soldati, Corriere della Sera, 27. 4. 2002
(21) Gabriele Masiero: Armi all´uranio nell´oasi di Bibbona, Il Nuovo TG, 22. 3. 2001
(22) Stefano manucci: Munizioni all´uranio per gli italiani in Somalia, Il Tempo, 10. 2. 2001, zit. nach: Falco Accame: Le armi all ´uranio sono state usate anche nell´esercito italiano? In: Nota informativa sull´attività della Rete Abolire l´Uranio Impoverito, nr. 2, http://ww.pasti.org/auiinfo.htm
(23) Falco Accame: Esposto al procuratore militare dott. Antonino Intelisano, 26. 3. 2001
http://www.pasti.org/intelis2.htm
(24) Military Analysis Network der Federation of American Scientists, http://www.fas.org/man/dod-101/sys/land/m829a1.htm
(25) http://army-technology.com/contractors/ammunition/apfsds.htm/apfsds.htm
(26) http://www.difesa.it/sgd/archivio/february2002.pd.
Der Artikel wurde für die bruchlinien leicht gekürzt.