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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

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 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Rezensionen

Not eines Schriftstellers

Walsers neuer Roman, der „Antisemitismus-Vorwurf” und die Medien


Schon vor dem Erscheinen wurde Martin Walsers neuer Schlüsselroman Tod eines Kritikers als antisemitisch apostrophiert. Das behauptet zumindest FAZ-Herausgeber Schirrmacher. Dabei will der Autor nur Marcel Reich-Ranicki als „Medienkritiker” angegriffen haben. Vinomonte hingegen meint: Wer sich mit Frank Schirrmacher geifernd entrüstet, ist selber schuld! Wer sich das Buch kauft und liest, ist es auch!



Der Skandal

Weidlich bekannt ist die Geschichte: Deutschlands Autor der Nation, Martin Walser, schrieb einen Schlüsselroman über den Medien-Kritiker Marcel Reich-Ranicki und wollte in gewohnter Weise einen Vorabdruck in Frank Schirrmachers FAZ erschienen sehen. Doch jener weigerte sich nicht nur, sondern reagierte in einem „offenen Brief” auf das „Dokument des Hasses” (1), in dem er das Buch und dessen Autor des „Spiels mit dem Repertoire antisemitischer Klischees” (2) zieh. Zu einem Zeitpunkt, wo die Möllemann-Aussagen und deren medialer Wellenschlag eben den Höhepunkt der Aufmerksamkeit erreicht hatten. Die Folge war ein kulturpolitischer Skandal erster Güte.
Das Buch selber ist wirklich außerordentlich schlecht, es liegt der Verdacht nahe, dass Walser versucht hat, sein Älterwerden und die bei ihm damit einhergehende Verschlechterung der literarischen Qualität zu übertünchen durch einen Eklat, der vorhersehbar war und den Verkauf gleichsam im Vorhinein sicherte. Umgekehrt ist der eigentliche Auslöser jener Debatte Frank Schirrmacher und manche „mutmaßen, Schirrmacher wolle sich als Initiator einer literaturpolitischen Debatte im Soge der Möllemannschen Antisemitismus-Diskussion in Deutschland profilieren” (3).
Bis dato hatte die FAZ noch jedes Walser Buch in Vorabdrucken gebracht, Frank Schirrmacher die Aussagen von der „Moralkeule Auschwitz” verteidigt. So intensiv war das Verhältnis, dass Schirrmachers öffentlicher und heftiger Reaktion berechnende Logik nachgesagt wurde. Einerseits stellt er sich vor Reich-Ranicki, dem er als Leiter der Redaktion Literatur und literarisches Leben nachgefolgt war, andererseits (so Aufbau-Verleger Bernd Lunkewitz) wird vermutet, Schirrmacher „wollte einen verkaufsfördernden Eklat provozieren” (3). „Ich musste da also etwas öffentlich unternehmen – um Reich-Ranicki zu schützen und einer Legende vorzubeugen.” (2) Welche Beweggründe auch immer ausschlaggebend gewesen sein mögen - „dass damit zugleich genau jene Mechanismen des Literaturbetriebs bestätigt werden, die Martin Walsers Novelle zur Sprache brachte, ist eine Pointe, für die der Autor seinen Kritikern eigentlich dankbar sein müsste. Sie sind willig in einer Falle gegangen, die ihnen niemand gestellt hat.” (4)
Bestätigt wird der Charakter dieser Auseinandersetzung, die allen Beteiligten eigentlich nützt, auch dadurch, dass Marcel Reich-Ranicki, der es wohl in der Hand hätte, alle Mutmaßungen über tatsächlich anitisemitische Substanz in Tod eines Kritikers mit einer eindeutigen Stellungnahme zu beenden, das nicht tut. „Ich möchte mich dazu nicht äußern”, ist sein Kommentar. In üblicher Manier spricht er dann sein Diktum über das Werk: „Der Roman hat mich zutiefst erschüttert, beleidigt und geschmerzt. Aber nur aus einem Grund: Weil er das Dokument ist des gänzlichen Zusammenbruchs eines Schriftstellers, eines Talents, wohl einer Persönlichkeit.” (5)

Das Buch

Ist das Buch denn wirklich voller antisemitischer Stereotype? So einfach lässt sich das in der Tat nicht bestimmen. „Politisch konkret war er nie, auch nicht präzise in dem, was er sagen wollte. [...] Der Erfolg Walsers beruht ja [...] darauf, dass er gerne vernebelt mitteilt, was ihm gemütsschweres Unbehagen bereitete: eine gewisse Heimatlosigkeit, ein Leiden an der last der deutschen Vergangenheit und ein Unwohlsein am Leben überhaupt.” (6)
In aller erster Linie ist das Buch tatsächlich, soweit hat die rüde Rüge Reich-Ranickis Recht, verteufelt schlecht. Ich habe es nicht zu Ende gelesen, das Typoskript bei Seite 103 weggelegt, es war einafch zum Kotzen langweilig. Das soll auch eine Warnung an jene sein, die trotz des Wissens um den PR-Effekt von Literaturskandalen das Buch kaufen wollen und die vielleicht denken, durch die Lektüre selbst eine Antwort auf die „deutsche Gretchenfrage” (7) zu finden. Festmachen lässt sich der Antisemitismus nicht, denn es handelt sich um einen Schlüsselroman, der sich, bei aller dem Genre innewohnenden Denunziation, immer noch auf die literarische Fiktionalität, bloße Figurenrede etc. berufen kann.
Aber Walsers Unschuldsmiene [„Niemals, wirklich niemals, hätte ich gedacht, dass es auf diese Weise abgelehnt wird, mit dem Vorwurf des Antisemitismus” (8)] ist zutiefst lächerlich und schadet dem Autor in seiner Glaubwürdigkeit.
In dem Buch rechnet Martin Walser mit Marcel Reich-Ranicki und auch der Medienkultur-Maschinerie ab, die die Köpfe zahlreicher von ihm geschätzter Autoren hatte rollen lassen, er tut das mit der Haltung „das hätt’ ich schon längst tun sollen!” – „Ich bitte Sie, natürlich hat Reich-Ranicki viele Anlässe geliefert. Ich habe 25 Jahre zugeschaut, und jetzt habe ich in einem vielstimmigen Roman geantwortet.” (15)
Aber ist Martin Walser dafür der Richtige? Jener Schriftsteller, der seine herausragende Stellung in der deutschen Kultur bestimmt nicht an letzter Stelle dem darin herrschenden Betrieb verdankt? Somit gerät das Buch zu einer persönlichen Abrechnung, die zusätzlich genau von dem profitiert, was sie ablehnt. Walser, als „nationalkonservativer” Autor mit der deutschen Geschichte, dem Problem deutscher Schuld und dem Nationsgedanken auf provokante Weise verfahrend, hat selbst das Umfeld geschaffen, in dessen Rahmen er jetzt beurteilt wird. „Walser selbst zimmerte da ein ‚rechtes Eck’, in das jetzt ein neuer Text leicht gerückt werden kann.” (9) Der sehr persönliche Charakter der „Abrechnung”, die umstrittenen Anschauungen, aus denen Walser eine manchmal geradezu „mitleiderregende Humorigkeit” (10) schöpft („Sehen Sie sich vor, Herr Ehrl-König. Ab heute Nacht null Uhr wird zurückgeschlagen”), all das lässt zumindest keine hundertprozentige Entkräftung der Annahme zu, Walser benütze „antisemitische Stereotype” oder denunziere Reich-Ranicki auf der Grundlage seines „Jüdischseins” (z.B. durch die überzeichnete Imitation von dessen Sprechweise).
Oder: Die Biografie der Ehefrau des Starkritikers im Roman und die der Teofila Reich-Ranicki decken sich z.B. nicht. In der Fiktion wäre deren Vater „Geheimdienstchef des Vichy-Regimes” gewesen, tatsächlich starb jener im Warschauer Getto. Das sind also zumindest bedenkliche Ebenen des Angriffs.

Dennoch ist es nicht einfach, den schweren Antisemitismus-Vorwurf tatsächlich zu belegen, Wer das nach Kriterien der Literaturanalyse unternimmt, kann lediglich Antisemitismus konstatieren, der „aus tiefstem Grund” kommt, „aus jenen Tiefenschichten des Bewusstseins, deren Unwillkürlichkeit vielleicht der Nachsicht bedarf” (1) Es ist die Art, in der hier Belege für den Vorwurf erbracht werden sollen, die stutzig macht. Jenseits des Konkreten nämlich, mittels Unterstellung einer Haltung.
Da findet sich z.B. eine Stelle, wo wir zwei Figuren des Romans, Rainer Heiner Henkel und Ilse-Frauke von Ziethen, begegnen, identifizierbar als Walter und Inge Jens. Henkel (also Walter Jens) nimmt für sich in Anspruch, die Substanz des Erfolges für Andrè Ehrl-König (= Reich-Ranicki) geschaffen zu haben, die PR-Maschine in Gang gebracht zu haben und somit der eigentliche Schöpfer des Fernsehkritikers zu sein. Daraus folgert nun Elke Schmitter in ihrem Artikel Der verfolgte Verfolger: „Was uns der Autor Walser hier entwickelt, ist der wohl machtvollste Antisemitismus der an solchen Ausfällen nicht armen deutschen Geistesgeschichte. Das Stereotyp des Juden, der selbst nichts Eigenes schafft, sondern nur leiht, ergaunert, mit ‚jüdischer Mimikri’ kopiert, zusammenschnorrt.” (1) Das ist eher fraglich.
Walser selbst zeigt sich im Spiegel-Interview resistent gegen die Vorwürfe. Auf die Frage: „War das nicht naiv, gerade für Sie, gerade nach Ihrer Erfahrung mit der Rede anlässlich der Friedenspreisverleihung in der Frankfurter Paulskirche, zu glauben, dieses Thema umgehen oder marginalisieren zu können?”, antwortet er geradezu verzweifelt: „Wenn es doch im Roman keine Rolle spielt! Machtausübung im Kulturbetrieb! Würden Sie das, bitte, endlich zur Kenntnis nehmen.” und an späterer Stelle: „Für mich ist die Hauptszene im Buch die Fernsehshow, in der es um den Roman ‚Mädchen ohne Zehennägel’ geht. Das ist die ausführlichste Darstellung der Kritikerpraxis im Zeitalter des Fernsehens.” (8)

Was bleibt?

Dass ausgerechnet der Medienprofi Martin Walser der fähigste Angreifer der Literaturkritik á la Reich-Ranicki sein soll, ist schwer zu bezweifeln, und Schirrmacher? „Hier wird auch mediales Geschäft gemacht, hier wird moralisch erpreßt, hier wird eine Phantomdebatte hergestellt.” (11)
Alles in allem gleicht der vorgeschobene Grund der Auseinandersetzung in der Tat einem bloßen Sturm im Wasserglas, einer Phantomdebatte. Am wenigstens nützt sie der Literatur. Es ist diese Medienlandschaft, dieser Kulturbetrieb derselbe, der für die anhaltende Erregung in der Debatte sorgte, der Martin Walser seinen Rang außerhalb des Literarischen gibt und dem Tod eines Kritikers jene Bekanntheit, die der Roman literarisch nicht verdient. Der den Aufsteiger Frank Schirrmacher zum „einflussreichsten Feuilletonisten im deutschen Sprachraum” machte, sodass er Debatten wie die gegenwärtige überhaupt lostreten kann. Und es ist derselbe Kulturbetrieb, der die Medien-Intellektuellen wie eben Marcel Reich-Ranicki kreierte, die keine ernsthaften Kritiker mehr sind, sondern Schauspieler und Richter, die schon so manchem der ohnehin existenziell schlecht abgesicherten Schreibhandwerkern ohne ausreichenden Grund den „Todesstoß” versetzten.

Der Reflex

Österreich lieferte nun die Würze zur „unappetitlich vor sich hin gärenden Walser-Ranicki-Schirrmacher-Suppe” (12): Karl-Markus Gauß, „der ein im besten Sinn liberaler Mensch ist” (11), griff den Festwochenintendanten Luc Bondy anlässlich dessen geziert-selbgefälliger Aussage zur Verleihung des Nestroy-Preises, er mache sich nichts aus Auszeichnungen, habe sogar sein Bundesverdienstkreuz verlegt, in seinem Buch Mit mir, ohne mich giftig satirisch an: „Luc Bondy, von dem ich bisher viel gehalten habe, erscheint mir auf einmal schon körperlich in einem anderen Licht. Wie er den Hals, einem jener Vögel ähnlich, die sich aufplustern können, bläht und bläht, bis zwischen Schultern und Haupt ein veritabler Kropf der Selbstzufriedenheit sitzt...” Bondy warf dem Autor daraufhin sein Buch an den Kopf und behauptete, Gauß habe „offenbar unbewusst [...] auf das rhetorische Arsenal des Antisemitismus zurückgegriffen” (12).
Auffallend ist bei allen diesen Argumentationen, dass sie zumeist Schatten jagen, also „latentem”, „unbewusstem” Antisemitismus nachspüren, sich satirische Literatur aussuchen und wohl gerade jene, die sich eine konkrete Person zum Objekt erwählt.
Aber eben in diesem Fall hatte sich Luc Bondy verrechnet, denn der Gauß ist kein Walser, auch wenn seine – durchgehend und rasch unternommene – Verteidigung durch die journalistische Meinung dem geistespolizeilichen Abschlussbericht einer intellektuellen Gesinnungsprüfung gleicht, was ein wenig suspekt erscheint: „Eines darf der international so erfolgreiche Regisseur aber nicht tun: einem hochbegabten und gerade in Sachen Fremdenhass, Rassismus und Antisemitismus stets vorbildlich agierenden Intellektuellen wie Karl-Markus Gauß ‚unbewusste’ antisemitische Redewendungen vorwerfen.” (13)
Gauß äußert sich auch noch einmal dazu: „Noch ein paar solcher Jahre, und der Vorwurf, ein Antisemit zu sein, wird durch unernsten Gebrauch jede konkrete Bedeutung verloren haben, sodass die Buben auf der Straße, wenn sie miteinander streiten, einander nicht mehr Trottel, sondern Antisemit nachrufen werden. Und das kann ich tatsächlich nicht entschuldigen.” (14)
Sehr richtig und prägnant ist hier auf den Punkt gebracht, wer die Verlierer beim in Mode gekommenen „Antisemitismus-Vorwurf” sind: jene Kräfte, die den Antisemitismus sich nicht in den Köpfen und der Sprache der Menschen verankern lassen wollen. Die zunehmend inflationäre Verwendung, die skandalumwitterte Präsentation und die moralisch-selbstgefällige Werthaltung, die jene auszeichnet, die den Vorwurf gern so pathetisch erheben und doch zugleich oft aus wenig moralischem Grund handeln, verwischen die Grenzen zwischen tatsächlichem und nachgesagtem Antisemitismus. Das „reduziert den Antisemitismus-Vorwurf selbst auf eine Spielmarke, die immer dann eingesetzt werden kann, wenn einem sonst nichts mehr einfällt. Jeder, dem der Kampf gegen den Antisemitismus ein wirkliches Anliegen ist, müsste sich angesichts solcher Strategien angewidert abwenden” (4).

Martin Vinomonte

Martin Walser: Tod eines Kritikers. Typoskript.
(1) Elke Schmitter: Der verfolgte Verfolger. In: Der Spiegel Nr.23
(2) „Ich war so angewidert” – „FAZ”-Mitherausgeber Frank Schirrmacher über seine Ablehnung des Walser-Textes. In: Der Spiegel Nr.23
(3) Alexandra Föderl-Schmid: Vom Wunderkind zum Wortführer im Feuilleton. In: Der Standard v. 1./2. Juni 2002
(4) Konrad Paul Liessmann: Der Literaturskandal. In: Der Standard v. 8./9. Juni 2002
(5) poh: „Zusammenbruch eines Talents”. Marcel Reich-Ranicki über Martin Walser im „Welt”-Interview. In: Der Standard v. 1./2. Juni 2002
(6) Jan Feddersen: Anstoß nehmen woran? In: Der Standard v. 1./2. Juni 2002


(7) Eric Frey: Deutsche Gretchenfrage. In: Der Standard v. 8./9. Juni 2002
(8) „Der Autor ist der Verlierer”. Der Schriftsteller Martin Walser über die Vorwürfe gegen seinen neuen Roman. In: Der Spiegel Nr.23
(9) Richard Reichensperger: Die Gebilde von Allmacht und Schuld. In: Der Standard v. 1./2. Juni 2002
(10) Wendelin Schmidt-Dengler „Mitleiderregende Humorigkeit”. In: Format Nr. 24
(11) „Das ist nicht mein Krieg” – Presse-Gespräch mit dem Wiener Rudolf Burger. In: Die Presse v. 13. Juni 2002
(12) Thomas Maurer. Verhältnismäßigkeit der Mittel. in: Der Kurier v. 16. Juni 2002
(13) Paul Lendvai: Welch ein unsinniger Vorwurf. Der Standard v. 12. Juni 2002
(14) Karl-Markus Gauß: Ansichten eines „Antisemiten”. Der Standard v. 11. Juni 2002
(15) trenk: „Das kotzt mich an!”. Martin Walser kontert in Interviews auf die Antisemitismus-Vorwürfe. In: Der Standard v. 1./2. Juni 2002