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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

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 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Rezensionen

Die Wirtschaft ist das Schicksal

Rudolf Brunngraber: Karl und das 20. Jahrhundert


Die Wiederauflage eines österreichischen Romans der 30er Jahre ermöglicht es, sich eines der interessantesten Werke der hiesigen Literaturgeschichte zugänglich zu machen und seine Bedeutung nicht zuletzt für unsere Gegenwart zu erweisen.

Das Motto, welches Rudolf Brunn–grabers Roman Karl und das 20. Jahrhundert vorangestellt ist, sagt vieles: „Die Politik ist das Schicksal (Napoleon, zu Anfang des XIX. Jahrhunderts)! Die Wirtschaft ist das Schicksal (Rathenau, im XX. Jahrhundert)!” (1)
Angeregt zu diesem Roman wurde der junge Arbeiterschriftsteller und Vagabund Rudolf Brunngraber vom Gründer des Österreichischen Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums Otto Neurath, der in Hinblick auf die soziale Frage, das Massenelend und die Arbeiterschaft erstmals die Bedeutung statistischen Materials ins Blickfeld gerückt hatte. Nachdem dieser Brunngraber das ursprüngliche Manuskript seines Erstlings abschlägig zurückgeknallt hatte, machte sich jener an eine Überarbeitung.
Das Resultat ist nicht nur in inhaltlicher und thematischer Hinsicht gewaltig, auch formal erobert es ein Terrain, wie es selbst andere Werke der sogenannten Neuen Sachlichkeit in solcher Konsequenz nie eroberten. Wie auch die Wirkungsgeschichte der weiteren Romane desselben Autors belegen bzw. deren fehlende Nachhaltigkeit ist ihm mit Karl und das 20. Jahrhundert ein einzigartiges Werk gelungen, ein Werk, das nichtsdestotrotz dem Roman und seinem Wirkfeld völlig neue Perspektiven eröffnete.
Von einer Handlung im herkömmlichen Sinne lässt sich eigentlich nicht sprechen. Erzählt wird die Geschichte des Karl Lakner, eines Menschen wie tausend andere Menschen, ein Leben, beliebig herausgegriffen aus Millionen anderer, denselben Zwängen und Bedingungen unterworfener Leben. Dieses Leben steigt ab und endet - unpersönlich erzählt - schließlich im Selbstmord. Das tatsächlich Radikale des Buches ist die rücksichtslose Sprengung einer Romanform, die – in der Nachfolge des Bildungsromans - einen individuellen Helden verlangte, der seine subjektive Entwicklung durchmacht zu einem Stadium der Reife, dargestellt unter Wahrung der Subjektivität der Perspektive.
Karl Lakners Lebensgeschichte, das, was als sein Werdegang zu bezeichnen wäre, vollzieht sich jenseits der Individualität. Wenngleich er selbst sich dessen nicht gewahr wird und an seine Einzigartigkeit, seine Möglichkeiten glaubt, weist der Roman seine Verbundenheit mit den Auswirkungen der weltwirtschaftlichen Entwicklung aus. Verschränkt werden Biografie und „große Geschichte” durch eine Fülle statistischen Materials und zeigt so die Entpersönlichung des kapitalistischen Produktionsprozesses, wie er im Zuge des Taylorismus und der maschinellen und technischen Entwicklung den Arbeiter nur noch zu einem entpersönlichten Produktionsfaktor machte. Diese reportagehaft referierten Entwicklungen und die weltgeschichtlichen Ereignisse stellt Brunngraber neben das, was Karl Lakner für sein eigenes Leben hält, auf das er in Wirklichkeit jedoch keinen Anspruch zu erheben vermag.
Der Einzelne fungiert nur noch als kleinster Teil einer riesigen Weltmaschine des Kapitalismus, dessen Zwänge den Einzelnen entmachten. Dieser Aspekt des Romans verdeutlicht wie kaum irgend sonst einer die Notwendigkeit, diesem System des Wahnsinns ein Ende zu setzen und berührt den Leser gerade über seine Sachlichkeit. In der heutigen Zeit, die jedem individuelle Erfüllung verheißt und zugleich mit Globalisierung und Neoliberalismus die ganze Welt und alle Menschen mit ihr den kapitalistischen Sachzwängen unterordnet, gewinnt Karl und das 20. Jahrhundert eine erschreckend gegenwartsbezogene Dimension. Beinahe jede Kategorie des Romans wird hier gesprengt, der Bezug zur Wirklichkeit bleibt aber erhalten.
Am deutlichsten wird das Konzept des Romans an seinem Ende mit den letzten Absätzen, die uns gegenübertreten wie die verschiedenen unvereinbaren und doch nebeneinander stehenden Meldungen in einer Tageszeitung. Die unpersönlichste Form der Schilderung vom Selbstmord Karls, nämlich eine kurze Zeitungsnotiz, erscheint montiert neben der auf die Spitze getriebenen Versachlichung des Menschen, der in seine Rohstoffe zerlegt wird und einer Meldung, die sich wohl unter der Rubrik Vermischtes finden würde, zugleich jedoch das Buch mit einer berührenden Note ausklingen lässt, die eine Wertung enthält.
„In der heutigen Selbstmordrubrik nimmt der Fall des arbeits- und unterstandslosen Karl Lakner eine eigene Stelle ein. Die Aussagen der Prostituierten M.L., die dabei anwesend war, leuchten trotz ihrer Knappheit augenscheinlich tief in ein Menschenschicksal hinab. Wie die M. L. erzählt, kam Karl Lakner, den sie von einer Begegnung im Herbst her kannte, mit der Bitte um Geld auf ihren Standplatz. [...] Nach einer Weile dann kam ein Mann vorüber, mit dem die M. L. ins Hotel ging. [...] Nun gab sie Karl Lakner eine der beiden Fünfschillingnoten, die sie erhalten hatte, wobei sie die Bemerkung machte, der Mann müsse nach dem, was er in der Brieftasche trage, sein Geschäft verkauft haben. [...] Aber sie hatte den Satz kaum ausgesprochen, als Karl Lakner hinter dem Betrunkenen herrannte. Nun begann die M. L. zu schreien, weil sie Scherereien fürchtete, und rannte gleichfalls hinter den beiden her. Mittlerweile hatte Karl Lakner den Betrunkenen auf dem Bahnübergang beim Arsenal erreicht und gestellt. Als auch die M. L. auf die Brücke kam, hörte sie den Mann in höchster Angst rufen: Meine Kinder! Da sei Karl Lakner wie ratlos zwischen ihnen stehen geblieben. In diesem Augenblick kam aber der Mitternachtszug von der Station Favoriten herab und Karl Lakner schwang sich über die Brüstung, ehe man ihn zurückhalten konnte.
Nach Angaben des Dr. Charles H. Maye in Rochester ist ein Mensch nicht mehr und nicht weniger wert als vier Mark, wobei Dr. Maye die Bemessung exakt aufgrund der Verwertbarkeit der in einem Menschen enthaltenen Riohstoffe vornimmt. So reicht das Fett eines Menschen zur Herstellung von sieben Stück Seife. Aus dem Eisen eines Menschen läßt sich ein mittelgroßer Nagel machen. Der Zucker langt für ein halbes Dutzend Faschingskrapfen. Mit dem Kalk kann man einen Kükenstall weißen. Der Phosphor liefert die Köpfe von 2200 Zündhölzern. Das Magnesium ergibt eine Dosis Magnesia. Mit dem Schwefel kann man einem Hund die Flöhe vertreiben. Und das Kalium reicht für einen Schuss aus einer Kinderkanone. Wie aus Kapstadt berichtet wird, bemerkten Regierungsbeamte, die kürzlich das Gebiet des Cathkin Peak in Natal bereisten, auf einem Hügel, auf dem sich jährlich die Störche der Gegend zu ihrem Flug nach Europa versammeln, große weite Flächen, die sie zunächst für Schnee hielten. Als sie näherkamen, stellten sie fest, daß es viele tausend tote Störche waren. Die Vögel waren von einem Hagelsturm überrascht und zu Boden geschmettert worden, wo sie nun mit gebrochenen Flügeln und Beinen und übereinandergehäuft dalagen. Über ihnen kreisten Wolken von anderen Störchen, die ihre Kameraden zu betrauern schienen.” (2)
Nichts ist bezeichnender für den Charakter von Karl und das 20. Jahrhundert, als dass es möglich ist, sein Ende zu „verraten”, ohne ihm dadurch seine Wirkung zu nehmen.

Interessant ist auch zu beobachten, was die Nachwörter der verschiedenen Ausgaben in diesem Jahrhundert aus dem Autor machen. Lässt sich auch aus dem Buch nichts ableiten, so scheint es den Herausgebern unerlässlich aus dem radikalen Arbeiter – parallel zur Marginalisierung der Linken – einen überzeugten Antikommunisten zu machen. Darauf sollte niemand was geben, denn das Buch spricht für sich und sollte in keiner Bibliothek fehlen.

Martin Vonimonte
(1) Rudolf Brunngraber: Karl und das 20. Jahrhundert. Frankfurt a. Main: Societäts-Verlag 1933, S.7
(2) Ebda., S.288-290
Ausgaben:
Rudolf Brunngraber: Karl und das 20. Jahrhundert. Frankfurt a. Main: Societäts-Verlag 1933
Rudolf Brunngraber: Karl und das 20. Jahrhundert. Kronberg/Ts.: Scriptor 1978 (=Reihe Q;
Quellentexte zur Literatur- und Kulturgeschichte 5)
Rudolf Brunngraber: Karl und das 20. Jahrhundert. Nördlingen: Franz Greno 1988 (=Die Andere Bibliothek)
Rudolf Brunngraber: Karl und das 20. Jahrhundert. Göttingen: Steidl 2000