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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 1 Mai 2002

Palästinas Masada

Israels Vernichtungsfeldzug gegen den palästinensischen Widerstand und die Schlacht um Jenin


Die in der Karwoche be­gonnene Offensive der israelischen Armee sucht ihresgleichen: lückenlose Ausgangssperren, Zerstörungen von Häusern und Einrichtungen in Anwesenheit ihrer Bewohner, Massenverhaftungen, Festnahmen aller Männer zwischen 15 und 45 bzw. mancherorts 60 Jahren, Misshandlungen, Fesselungen, Knebelungen, Nummerierungen, Behinderungen der Rettungsdienste, Massenexekutionen. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International sprechen von einer humanitären Katastrophe und Menschenrechtsverletzungen nie gekannten Ausmaßes. Politisch gesprochen stehen wir gleichzeitig vor einem neuen Sabra und Shatila und einem neuen 1967.

Vernichtung des Widerstandes

Israels jüngste Militäroffensive verfolgt zweifellos den Zweck, den palästinensischen Widerstand ein für allemal dem Erdboden gleich zu machen. Nachdem die palästinensischen Massen in der zweiten Intifada seit September 2000 gezeigt haben, dass sie nicht bereit sind den Betrug ihrer Interessen in Form eines von Oslo diktierten Bantustan-Staates hinzunehmen, nachdem die zweite Intifada der israelischen Führung klar gemacht hat, dass der palästinensische Widerstand fest in den Massen verankert ist und auch der massivste Druck auf Arafat ihn nicht aushebeln kann, sah sich Israel gezwungen, zur physischen Liquidation dieses Widerstands zu schreiten.

Der erste Schritt dazu war die Isolierung und Demütigung Arafats seit Jahresbeginn. In der aktuellen Militäroffensive wurden schließlich die palästinensischen Autonomiestädte erneut besetzt und Arafats Hauptquartier militärisch umstellt und belagert. Das Ziel ist offensichtlich die Zerschlagung der Palästinensischen Autonomiebehörde und damit der Oslo-Verträge. Mit dem Ein­dringen in Flüchtlingslager, Massen­verhaftungen und –exekutionen soll der Widerstand der radikalen Organisationen mit der Wurzel ausgerissen und die Allianz von Al Fatah, Hamas, Jihad, PFLP und anderer Organisationen zerschlagen werden. Nach israelischen Angaben wurden mehr als 4000 Personen verhaftet und mehrere hundert getötet. Palästinensischen Informationen zufolge ist die Opferzahl um einiges höher. Es darf jedoch in jedem Fall als gesichert angenommen werden, dass der Avantgarde des militanten Widerstandes ein schwerer Schlag versetzt werden konnte.

Abkehr von Arafat

Obwohl das Verhältnis zu Arafat immer schon ein zwiespältiges war, so erkannte ihn die is­raelische Regierung jedoch bislang als politischen Führer der Palästinenser an und versuchte, ihre Interessen über seine Person durchzusetzen. Tatsächlich gab Arafat mit der Zustimmung zum Oslo-Vertragswerk grundlegende Positionen der palästinensischen Befreiungsbewegung auf. Das Jahrzehnt seit dem Beginn der „Friedensverhandlungen“ war dementsprechend von einer Entwicklung gekennzeichnet, in der die Herausbildung einer wirtschaftlich privilegierten und politisch autokratischen Kaste rund um die Führung Arafats dem gesellschaftlichen Phänomen einer dem Kolonialherren gefügigen korrupten Elite weitgehend, wenn auch nicht vollkommen entsprach. Enttäuschte Hoffnungen der Massen über versprochene doch nicht eingetretene Verbesserungen und das herbe Gefühl betrogen worden zu sein führten zum Ausbruch der zweite Intifada. In dem Maße als Arafat sich zunehmend als unfähig erwies, den Massenaufstand zu unterbinden, schwand das Vertrauen der israelischen Führung in seine Person. Während Israel in den letzten Jahren in Ermangelung einer Alternative dennoch die Führerschaft Arafats anerkannte, so ist mit der jüngsten Offensive klar eine Veränderung der israelischen Politik zu erkennen. Den unter Hausarrest gestellten, militärisch belagerten, des Kontaktes zur Außenwelt weitgehend beraubten Vorsitzenden der Autonomiebehörde für Selbstmordanschläge in Israel verantwortlich zu machen, ist zwar absurd, verfolgt aber den offensichtlichen Zweck, Arafat international zu delegitimieren und seinen Sturz vorzubereiten. An seine Stelle soll eine vollkommen kollaborationistische palästinensische Führung treten.

Feste Allianzen

Ein weiteres Ziel der israelischen Offensive besteht darin, nicht nur militärisch, sondern auch politisch wichtiges Terrain zu gewinnen und zu sichern, bevor geo­­politische Veränderungen Is­­raels Position beeinträchtigen kön­­n­ten. Den historischen For­derungen der palästinensischen Befreiungsbewegung, in erster Linie jenen nach dem Recht der fünf Millionen palästinensischen Flüchtlinge auf Rückkehr, soll ein für alle Mal der politische Boden entzogen werden. Die Haltung der USA zu Israels Militäroffensive zeigt denn auch deutlich, dass die stärkste Weltmacht durchaus bereit ist, in ihrem politischen Zeitplan Abstriche zu machen, um ihrem wichtigsten Verbündeten nicht in den Rücken zu fallen. Bushs Unterstützung des israelischen Vernichtungsfeldzuges trotz aller UNO-Resolutionen und europäischen Verstimmungen ist einmal mehr ein Beweis dafür, welche internationalen Beziehungen für die USA prioritär sind. Der US-Angriff auf den Irak wird daher noch ein wenig auf sich warten lassen, und zwar solange, bis Israel in seinem Hinterhof aufgeräumt und sich die Wogen in der arabischen Welt geglättet haben. Aufgeschoben ist jedoch nicht aufgehoben. Derweil nützen die USA die Zeit dazu, etwaige wankelmütige europäische Verbündete mit sanftem Druck auf Linie zu bringen.

In Anbetracht der vollkommenen militärischen Überlegenheit Is­­raels ist das wochenlange Durch­­haltevermögen des paläs­tinensischen Widerstandes überaus erstaunlich und beweist, dass die Kampfkraft dieses Volkes noch lange nicht erschöpft ist. Auch Arafat selbst, der als Gefangener unter menschenunwürdigen Bedingungen ständig von der direkten physischen Vernichtung bedroht ist, hält dem Druck stand und ist politisch nicht zurückgewichen. Das ist bemerkenswert, auch wenn dahinter die Gewissheit stecken mag, dass es mit seiner Macht schnell vorbei wäre, würde er seine Landsleute und ihren Kampf vollständig verraten.

Die Schlacht um Jenin

Während Arafat in seinem Hauptquartier ohne Wasser und Strom ausharren musste, drang die israelische Armee mit schwerem Kriegsgerät in palästinensische Städte und Flüchtlingslager im Westjordanland und im Gasastreifen ein. Was offensichtlich, angesichts der Überlegenheit einer der stärksten Armeen der Welt, eine Sache von wenigen Tagen sein sollte, zog sich mancherorts über Wochen hin. Insbesondere im Flüchtlingslager Jenin im Westjordanland leisteten die Bewohner erbitterten Widerstand und stellten sich den Panzern und Kampfhubschraubern mit nichts als leichten Waffen und einem unbeugsamen Willen durchzuhalten entgegen. Die „Operation farbenprächtige Reise“, so der zynische Name, den die israelische Armee ihrer Offensive gegen die Flüchtlingslager Jenin und Balata gab, war denn auch blutrot gefärbt. Panzer und Bulldozer machten Häuser und Unterkünfte dem Erdboden gleich, oft auch mit den darin Zurückgebliebenen. Die Bewohner des Flüchtlingslagers wurden zu Tausenden vertrieben. Die verbleibende Bevölkerung war vollkommen von der Versorgung mit Wasser und Lebensmitteln abgeschnitten. Hilfsorganisationen und Krankenwagen wurde von der Armee der Zugang verweigert. Verwundete blieben so tagelang ohne die notwendigste Versorgung. Viele von ihnen gingen elend zugrunde. Laut Augenzeugenberichten wurden von den Kämpfern, deren die israelische Armee habhaft werden konnte, viele auf der Stelle erschossen. Anderen Berichten zufolge wurden auch Unbewaffnete zusammengetrieben und zu Massenerschießungen abgeführt.(1) Erst am 12. April gelang es, den Widerstand zu brechen. Die verbleibenden palästinensischen Kämpfer ergaben sich, da ihnen die Munition ausgegangen war. Nach Beendigung der Schlacht um das Lager Jenin wurde dieses zur militärischen Sperrzone erklärt. Laut Aussagen des Gesandten von Amnesty International, Javier Zuniga, gleicht es aufgrund der massiven Zerstörungen eher einer Mondlandschaft als einer menschlichen Siedlung.(2) Erst auf starken internationalen Druck hin räumte Israel ein, in Jenin mehrere hundert Menschen getötet zu haben. Stimmen, die von der Aushebung von Massengräbern für die Getöteten berichten, mehren sich. Die israelische Seite dementierte heftig.

Schon jetzt ist die Schlacht um Jenin unter den palästinensischen und arabischen Massen zu einem Mythos geworden. Die Geschichte des Widerstandes einiger weniger hoffnungslos unterlegender Kämpfer gegen den übermächtigen Feind rang selbst israelischen Offizieren den Vergleich mit Masada ab (3), jener letzten isolierten Hochburg der Juden, die dem römischen Ansturm erbitterten Widerstand leistete.

Margarethe Berger

(1) Vgl. www.amnesty.org und www.jerusalem.indymedia.org
(2) Vgl. Presseaussendung von Amnesty International vom 17. April 2002; www.amnesty.org
(3) Vgl. „Jenin battle underscores ferocity of Palestinian resistance“, in jerusalem.indymedia.org 10. April 2002