Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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Nr. 1 Mai 2002

 

 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 1 Mai 2002

„Einheit im Kampf“

Interview mit Leila Khaled


Im Folgenden veröffentlichen wir Auszüge aus einem Interview mit Leila Khaled vom Februar dieses Jahres. Auch wenn die israelische Frühlingsoffensive nicht berücksichtigt werden konnte, so sind die behandelten Fragen doch gerade vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse von großem Interesse.

Leila Khaled ist Mitglied des Zentralkomitees der PFLP (Volksfront zur Befreiung Palästinas). Seit sie Ende der 60er Jahre für ihre Organisation zwei Flugzeugentführungen durchgeführt hat, ist ihr Name zu einem Symbol für den palästinensischen Befreiungskampf geworden. Heute lebt Leila Khaled in Amman.

Frau Khaled, wie schätzen Sie die aktuelle Situation ein? Will Sharon der Autonomiebehörde ein Ende setzen, oder handelt es sich nur um blinde Vergeltungsschläge?

[...] Wenn es nur nach Sharon ginge, würde er die Autonomiebehörde stürzen. Aber es hängt nicht nur von Sharon ab. Einerseits lehnten es die Amerikaner ab, die Beziehungen zu Arafat abzubrechen, andererseits fordert die israelische Gesellschaft eine Lösung. Deshalb steigert Sharon den Druck auf Arafat, damit dieser den Widerstand beendet. Die Politik Sharons besteht nur aus Mord und Zerstörung, um eine „politische Lösung“ zu diktieren, die aus einem palästinensischen Staat auf 42% des Westjordanlands besteht, was weitaus weniger wäre, als es die Oslo-Abkommen vorsehen. Sharon selbst war und ist gegen Oslo. [...]

Wie betrachten Sie das Selbstmordattentat von Wafaa Idris, für das die Fatah Verantwortung übernahm, und die darauffolgende Kamikaze–Operation der PFLP? Drückt sich darin eine qualitative Wende in den Widerstandsoperationen oder eher eine Konkurrenzsituation zwischen den verschiedenen Widerstandsorganisationen aus?

Die Verwendung verschiedener Mittel im Kampf gegen den Feind kann nicht als Konkurrenz der Organisationen betrachtet werden. Die Operation der PFLP war gegen eine israelische Siedlung im besetzten Westjordanland gerichtet und hatte zwei Ziele: Erstens die israelische Sicherheitsstrategien zu durchbrechen und zweitens den Siedlern das Sicherheitsgefühl zu rauben. Die meisten Siedler wohnen dort aus materiellen Interessen und müssen daher daran erinnert werden, dass sie auf besetztem Land leben und dass sie sich dort nie sicher fühlen werden. Die Selbstmordattentate sind nur eines vieler Kampfmittel, genau wie es die Steine einst waren. Die Besatzung, die Demütigungen und die Ungerechtigkeit verringern den Unterschied zwischen Leben und Tod. Hier findet der Mensch in einem Tod, der dem Feind Verluste zufügt, ein Leben für die anderen. Es geht nicht um Selbstmord aus Todeswillen. Zuvor wurden die Einzelaktionen mit Messern durchgeführt, von Menschen, die keinen Sinn in einem Leben unter der Besatzung gefunden hatten. Eine Journalistin des „Observer“ schrieb einmal: „Die Demütigungen, denen die Palästinenser in Gaza ausgesetzt werden, sind ohnegleichen und erklären und legitimieren alles, was die Palästinenser tun.“ Das ist kein Selbstmord aus Hoffnungslosigkeit, sondern eine Form des Widerstands gegen die alltäglichen Demütigungen unter der Besatzung.

Arafat wird noch immer in seinem Sitz in Ramallah gefangen gehalten und die palästinensische Führung schwankt weiterhin zwischen den amerikanischen und israelischen Forderungen, die Widerstandskämpfer zu verhaften und die Kampforganisationen aufzulösen einerseits, und dem Druck der palästinensischen Öffentlichkeit, den Widerstand fortzusetzen andererseits. Wie betrachten Sie in der PFLP mittel- und langfristig die Beziehungen zur Behörde Arafats?

[...] Unsere Beziehung zur PNA gründet sich auf die Einheit im Kampf, eine Allianz für die Sache. Natürlich durchlebt die PNA eine Krise im Schatten des Widerstands. Arafat beugt sich dem Druck und führt die Verhaftungen durch. Die Verhaftung des PFLP-Vorsitzenden Ahmad Saadat ist eine neue und gefährliche Entwicklung. Für die PNA ist es die „Zufriedenstellung“ der Israelis und ihrer Forderung, dem „Terror“ Einhalt zu gebieten [...]. Das Exekutivkomitee der PLO wurde einberufen, um die Freilassung Saadats zu fordern, aber der Beschluss wurde blockiert. Die Behörde betrachtet die Intifada nur als ein Werkzeug, um Fortschritte bei den Verhandlungen zu erzielen. Arafat kann ein Auge zudrücken, wenn als Antwort auf die israelischen Schläge Widerstandsaktionen durchgeführt werden, aber die PNA hat kein Widerstandsprogramm. [...]

Sehen Sie die Behörde denn nicht als ein Hindernis für die Kontinuität und die Entwicklung der Konfrontation?

Ja, es gibt einen Widerspruch mit der PNA, der ist jedoch sekundär. Der Hauptwiderspruch ist und bleibt die Besatzung und diese kann nicht bloß auf dem Verhandlungstisch gelöst werden. Der sekundäre Widerspruch mit der PNA liegt in der politischen Linie und im Verhältnis zu den Massen. Leider konnte die Opposition bisher kein gemeinsames Programm gegenüber der PNA entwerfen, was die Effektivität der Opposition einschränkt.

Hängt die Suspendierung der Mitgliedschaft der PFLP im PLO-Zentralkomitee nur mit der Forderung nach der Freilassung Saadats oder mit tieferen Reformforderungen zusammen, etwa bezüglich der allgemeinen politischen Linie sowie der Reaktivierung der PLO-Institutionen?

Die Suspendierung unserer Mitgliedschaft in dieser Phase kam als eine Reaktion auf die Verhaftung Saadats. Jedoch haben wir unsere Forderungen nach Reformen in der PLO in keiner der Phasen eingestellt. Wir forderten schon vor der Intifada eine Neuordnung des palästinensischen Lagers und einen nationalen Dialog, der alle Organisationen, Hamas und Dschihad inklusive, einschließt. Dieser Dialog wurde von Arafat in ein Rhetorikfestival umgewandelt und endete ohne Ergebnisse. Außerdem wurde die Forderung nach der Bildung von Intifada–Volkskomitees von der Behörde ignoriert, genau wie die Forderung nach präsidentiellen, legislativen bzw. kommunalen Wahlen. [...]

Was ist die Linie der PFLP, für den Fall, dass die palästinensische Führung den jetzigen Kurs beibehält? Gibt es ein Alternativprogramm? Gibt es einen Dialog mit den anderen Oppositionskräften, um eine Allianz auf der Basis des gemeinsamen Kampfes zu bilden und die PNA zu überwinden?

Mit dem Beginn der Intifada wurde die „Nationale und Islamische Führung“ gebildet, um die Operationen der Intifada zu koordinieren. Diese Führung hat es aber bisher nicht erreicht, die politischen Entscheidungen zu beeinflussen. Es wurden mehrere Kongresse abgehalten, aber kein gemeinsames Programm der verbündeten Kräfte gestaltet. Die Kräfte riefen zur Bildung von Volkskomitees des Widerstands und zur Bewaffnung der Massen auf, weil das ganze Volk im Kampf steht, jedoch reagierte die PNA nicht darauf. Es ist aber notwendig, eine Art Volkswiderstand zu organisieren. Es ist nicht akzeptabel, dass die Besatzungstruppen in die palästinensischen Städte und Dörfer einmarschieren, töten, verhaften und mit minimalen Verlusten abziehen können. Natürlich bewaffnen die Organisationen ihre Mitglieder, aber das ist nicht ausreichend. Wir müssen das Volk bewaffnen, genau wie die Siedler ihre bewaffnete Miliz haben. Auf der anderen Seite gibt es in der PNA noch Strömungen, die für das Einstellen des bewaffneten Kampfes eintreten, um Sharon keinen Vorwand für seine Aggression zu geben, als ob Sharon einen Vorwand bräuchte!

Wie ist heute das Verhältnis der PFLP zu den anderen Oppositionskräften?

Wir koordinieren uns aufgrund historischer Erfahrungen vor allem mit der DFLP. [...] Als die Feldführung gebildet wurde, gab es eine Abmachung zwischen allen Kampforganisationen, dass nur Besatzungssoldaten und Siedler angegriffen werden sollten. Jedoch führten andere Organisationen Operationen im 48-er Gebiet durch, was wir in dieser Phase ablehnen, weil das die Weltöffentlichkeit nicht verstehen würde. Die Hezbollah z.B. konzentrierte sich auf Militärziele und griff Zivilisten nur in speziellen Fällen an. Dies wurde durch die Balance der Abschreckung erreicht, deren Resultat das April-Abkommen (1) war. Katjuscha-Raketen wurden nur dann gegen die Siedlungen im Norden des israelischen Territoriums benützt, wenn die Israelis das April-Abkommen verletzten und Zivilisten angriffen. Ich glaube, die Palästinenser können so eine Balance der Abschreckung erreichen, indem sie in ähnlicher Weise die Siedlungen zu Angriffszielen wählen und so Angst unter den Siedlern verbreiten, sodass diese die Siedlungen verlassen und flüchten. Man kann in weiteren Phasen im „israelischen“ Hinterland angreifen, aber nur nach Einigung aller Organisationen. [...]

Wie erklären Sie das trotz der israelischen Eskalation andauernde Schweigen der arabischen Öffentlichkeit? Haben die fortschrittlichen arabischen Kräfte dabei versagt, eine dauerhafte Solidaritätsbewegung zu organisieren? Ist es noch möglich dieses Versäumnis nachzuholen?

Zweifellos ist der Hauptgrund für die schwache Unterstützung von Seiten der arabischen Massen für die Intifada in der starken Repression durch die Regierungen zu suchen. Am Anfang versuchten die Regime, die Solidaritätsbewegung zu absorbieren, indem sie die Intifada scheinbar unterstützten, jedoch wurden sie nach dem 11. September gegenüber dem Widerstand konservativer. Der Druck hat zugenommen und dazu geführt, dass Hamas und Dschihad als terroristische Gruppen deklariert, die politischen Freiheiten weiter eingeschränkt und die Solidaritätsveranstaltungen mit der Intifada verboten wurden. [...] Bisher liegt das Niveau der Massensolidarität unter dem Erforderlichen, was auf die allgemeine Schwäche der Organisationen zurückzuführen ist. Für die arabischen Regimes besteht der Sieg nur darin, dass sie an der Macht bleiben, daher ist zu erwarten, dass sie die Massenbewegung unterdrücken. Die Intifada hingegen ist ein Aufruf an die Massen, die arabische Straße zurückzugewinnen. [...]
[...] International ist auch die Palästina-Solidaritätsbewegung, verglichen mit früheren Phasen, zurückgegangen. Welche Rolle spielt hier das Fehlen einer zentralen und einheitlichen Positionierung der palästinensischen Bewegung, die zwischen der Forderung nach einem demokratischen und säkularen Staat, der Zwei-Staaten-Lösung und dem bedingungslosen Frieden von Oslo schwankt? Hat das nicht einen negativen Einfluss auf die Solidaritätsbewegung, die nicht radikaler sein kann als die Palästinenser selbst?

Es gibt ein von der PLO festgelegtes Programm, nämlich das Recht auf Rückkehr, auf Selbstbestimmung und auf einen Staat. Dies ist durch die UNO-Resolutionen festgelegt und international vertretbar. Wir müssen an diesen Forderungen festhalten, bis sie erfüllt werden. Erst dann widmen wir uns der strategischen Forderung nach einem demokratischen Staat in ganz Palästina. Dafür müssen wir gemeinsam gehen und die nationale Einheit, basierend auf diesem Programm, bewahren. Das Abkommen von Oslo war ein Verrat am nationalen Programm und hier liegt das Problem. Wenn sich die palästinensische Führung nicht an das Programm hält, dann können wir das nicht von den solidarischen Europäern fordern. Es gibt natürlich andere Faktoren, wie den Zerfall der Sowjetunion. Auch die USA nach dem 11. September sind nicht dieselben USA wie zuvor. Die jetzige amerikanische Verwaltung spricht von einem palästinensischen Staat, sagt aber nicht, in welchen Grenzen und unter welchen Bedingungen. Das nationale Programm muss von allen Kräften einstimmig unterstützt werden und keine darf davon abweichen. Erst dann können wir ausreichende arabische und internationale Unterstützung erlangen. Neben der Abweichung der Führung ist auch der Verfall der westlichen Linken zu teils opportunistischen und teils in der Vergangenheit lebenden Kräften zu beobachten. Dazu kommt das Auftauchen der Neonazis und des Neorassismus. Es gibt aber auch einige Lichtblicke, denn wir haben gesehen, wie die NGOs in Durban eine ehrenhafte Rolle spielten, indem sie den Zionismus als Rassismus verurteilten. Die Antiglobalisierungsbewegung ist nicht ganz von ihren Wurzeln getrennt. Leider wurde heute der Internationalismus durch die Antiglobalisierungsbewegung ersetzt, jedoch besteht der Inhalt noch teilweise weiter, der sich gegen die Ungerechtigkeit richtet. Wir sind auch von der Globalisierung bzw. dem Imperialismus betroffen und haben uns von der internationalen Bewegung nicht isoliert. Wir haben auch NGOs, die sich mit dem Thema Umwelt und den Schäden der israelischen Besatzungspolitik an der palästinensischen Umwelt beschäftigen. [...]

Wie erklären Sie das Fehlen bzw. die Schwäche der palästinensischen Frauenorganisationen im In- und Ausland nach dem Abkommen von Oslo? War das ein Teil der allgemeinen Schwäche oder ein Resultat früherer Fiaskos?

Es ist ein Fehler, die Rolle der Frauen bei der ersten 2
Intifada mit jener heute zu vergleichen. Die erste Intifada war ein Volksaufstand, bei dem verschiedene Mittel im Kampf gegen die Besatzung angewendet wurden, die in der Stadt und im Dorf anwesend war. Heute stehen die Besatzungstruppen vor den Städten, was dem Kampf einen militärischen Charakter verleiht. Die Rolle der Frau ist auch dabei nicht verschwunden, steht aber weniger im Rampenlicht als bei der ersten Intifada.
Die Situation nach Oslo war eine Art Niederlage. Niederlagen schlagen sich immer besonders auf die Situation der Frauen nieder, die nach Hause gehen und in ihre traditionelle Rolle zurückgedrängt werden. Auf der anderen Seite hatte die konservative PNA kein Programm, das die Frauen und ihre Rolle vorwärts gebracht hätte. Jedenfalls reichen sieben Jahre nicht aus, eine funktionierende Behörde zu schaffen, geschweige denn, wenn der Behörde die Hände vom Oslo-Abkommen gebunden sind. Die Verfallphase, die die palästinensische Frauenunion nach Oslo erlitt, und die wirtschaftlichen Faktoren, wie die Arbeitslosigkeit und das Fehlen einer wahren Entwicklung, führten zu einer Schwächung der Frauenbewegung. Innerhalb eines Jahres der Intifada fingen die Frauen an, ihre Positionen wieder zu erobern und am Kampf teilzunehmen.
Unser Kampf ist lang und nimmt je nach Periode verschiedene Formen an. Wir haben viele schreckliche Phasen durchgemacht, die aber unseren Willen nicht schwächen konnten. In Amman und in Beirut kämpften wir. Nur bei der Unterzeichnung des Oslo-Abkommens hatte ich ein Gefühl der Niederlage, weil die Unterzeichner unsere Leute waren. Jedoch bewies die Intifada, dass unser Kampf nicht durch eine Unterschrift zu beenden ist. Die kommenden Generationen müssen sich auf den Konflikt vorbereiten und aus unseren Versuchen und Fehlern lernen. Wir waren nicht die ersten und sind nicht die letzten. Nach uns werden andere kommen, die unseren Weg weitergehen werden.

Amman, Februar 2002

Das Interview führte Ali Hussein. Die vollständige Version erscheint in der Zeitschrift Intifada Nr. 9. Informationen sind auf der website www.antiimperialista.org oder über die Redaktion erhältlich.
(1) Das April-Abkommen wurde auf Vermittlung der UNO 1996 zwischen der Hezbollah und Israel geschlossen. Es untersagt den Angriff auf Zivilisten. Dadurch wurde der Aktionsradius der israelischen Armee entscheidend geschwächt, da sie nun den Guerillakämpfern der Hezbollah nachstellen musste und nicht weiterhin südlibanesische Städte und Dörfer bombardieren konnte.