Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

 Ausgaben

Nr. 21 Herbst 2007
Nr. 20 Frühjahr 2007
Nr. 19 November 2006
Nr. 18 Mai 2006
Nr. 17 Februar 2006
Nr. 16 November 2005
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Nr. 14 April 2005
Nr. 13 November 2004
Nr. 12 September 2004
Nr. 11 Mai 2004
Nr. 10 Jänner 2004
Nr. 9 November 2003
Nr. 8 September 2003
Nr. 7 Mai 2003
Nr. 6 März 2003
Nr. 5 Jänner 2003
Nr. 4 November 2002
Nr. 3 September 2002
Nr. 2 Juli 2002
Nr. 1 Mai 2002

 

 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 1 Mai 2002

Ein Land im Fadenkreuz

Reisebericht der internationalen Solidaritätsdelegation in den Irak (24.–29. März 2002)


Nur wenige Fluglinien haben die Destination Bagdad in ihrem Programm. Wir fliegen mit Zwischenstopp in Jordanien – denn direkte Flüge aus westeuropäischen Städten gibt es nicht. Am Flughafen Amman stehen Flugzeuge der Iraqi Airways – doch fliegen dürfen sie nicht. Bereits seit 1991 stehen Flugzeuge der irakischen Fluglinie auf vielen internationalen Flughäfen und dürfen aufgrund des Flugverbots und des anschließenden Embargos nicht in den Irak gebracht werden. Aber es ist wahrscheinlich auch besser so, denn beim nächsten Bombardement würden diese Flugzeuge sicher zerstört werden – und so sind sie in Damaskus, Kairo und anderen Städten in einem sicheren Hafen.

Viel Verkehr herrscht nicht auf dem Saddam International Airport. Zwei private Jets sind zu sehen. Später erfahren wir, dass es regelmäßige Flüge aus Syrien, Jordanien, Türkei und Russland gibt. Doch der Flughafen erscheint geisterhaft. Das Erste, was man sieht, ist der auf den Boden gemalte Schriftzug „Down USA“. Es besteht kein Zweifel mehr, wir sind in einem Land, das sich im Krieg mit den USA befindet.

Die ersten Eindrücke: Das Saddam Kinderspital in Bagdad

Es ist das größte seiner Art im Irak. Es wurde Mitte der Achtziger erbaut und hat 360 Betten. Allerdings werden täglich an die 100 Patienten aufgenommen und circa tausend Kinder ambulant behandelt, erzählt uns Dr. al-Dilaimi, der medizinische Leiter dieses Hauses. Er betont wiederholt, dass sie hier keine Wohlfahrt brauchen, sondern politische Solidarität. Das Embargo ist das Problem, nicht die Ressourcen. Vor dem Embargo konnten alle notwendigen Medikamente gekauft werden, die Gehälter für die angestellten Ärzte und das Pflegepersonal hatten ein normales Niveau. Jetzt müssen die Mütter bei ihren Kindern bleiben, weil zu wenige Krankenschwestern für das niedrige Gehalt arbeiten. Doch das ist nicht das einzige Problem. Die Kommission der UNO, die für die Verteilung der aus dem „Brot für Öl“-Programm erzielten Erlöse zuständig ist, verbietet die Einfuhr von Medikamenten mit dem Argument, dass diese auch für andere Zwecke eingesetzt werden könnten. „Dual use“ – diesen Ausdruck bekommen wir im ganzen Irak zu hören. Gemeint sind hiermit alle jene Waren und Rohstoffe, die auch für die Kriegsindustrie eingesetzt werden könnten. Hier werden allerdings keine realistischen Maßstäbe angelegt. Es genügen Spuren einer chemische Verbindung in einem Medikament, aus der man Sprengstoff erzeugen könnte, und die Einfuhr dieses Medikamentes wird von der UNO verboten. Es ist unter anderem nicht erlaubt, Impfstoff gegen Kinderlähmung oder Insulin zu importieren. Ein weiteres Problem sind Chemotherapien. Diese werden nur sporadisch von der UNO zugelassen. Allerdings ist dadurch eine kontinuierliche Behandlung der Patienten nicht möglich. Oft kommt es zu schweren Rückfällen, weil von einem Tag auf den anderen die Therapien nicht mehr verfügbar sind.

Wir werden durch das Spital geführt. Die Aufzüge funktionieren seit Jahren nicht. Wir kommen in ein Zimmer mit acht Betten. Eine Mutter gibt lautstark von sich: „Wir brauchen keine Fotos – ich will Medizin für mein Kind.“ Ihr Mann war Lehrer und verdient nun nichts mehr. Sie haben alles verkauft um die Behandlung ihrer Tochter zu finanzieren, aber es fehlt hier am Notwendigsten. Ein Zimmer weiter liegt ein Kind im Sterben. Der wuchernde Gehirntumor hat Blutungen im Schädel verursacht. Sein Kopf ist angeschwollen und die Augen hinter einem dicken, blauen Wulst nicht mehr sichtbar. Die Ärzte mussten das Kind aufgeben – der Tumor hat gewonnen. Die Zahlen, die wir erfahren, sprechen eine deutliche Sprache. Die Kindersterblichkeit hat sich in den zehn Jahren des Embargos auf 160 pro Tausend vervierfacht. Noch schlimmer ist es auf der Geburtenstation. 90% aller Frühgeburten mit einem Gewicht unter zwei Kilogramm sterben. Unter 1,5 kg sogar 95%. Auch hier fehlt es am Notwendigsten. Das modernste Gerät, das zur Beatmung der Frühgeborenen dient und deren Lunge trainieren sollte, ist fünf oder sechs Jahre alt. Diese Geräte sind sehr teuer und es besteht wenig Chance darauf, neue anzuschaffen. Es würde das Budget des Spitals hoffnungslos sprengen. Die Infusionen, sofern vorhanden, werden wie bei Erwachsenen vorgenommen – Frühgeborene vertragen diese Art der Infusionen kaum. Elektronisch gesteuerte Tropfenzähler, die für solche Patienten notwendig wären, dürfen nicht importiert werden – „Dual use“. Von anderen computergesteuerten medizinischen Geräten ganz zu schweigen. Das heißt, es gibt keine Lebensüberwachungsgeräte. Im Westen sehen Eltern nach der Geburt ihres Kindes glücklich aus. Die Eltern, die wir hier treffen, sind traurig. Sie wissen, dass ihr Kind sterben wird.

Als das Wort Kollateralschaden noch nicht erfunden war

Am 13. Februar 1991, während der US-Luftangriffe auf den Irak, haben diese mitten in einem Wohngebiet eine unvorstellbare Tragödie ausgelöst. Der ABC-Bunker von Amariyah, einer Wohngegend, in der nicht nur Iraker, sondern auch Ägypter, Syrer und Palästinenser leben, bot den Menschen vermeintlichen Schutz. Um vier Uhr morgens schlug eine lasergesteuerte Bombe in den Bunker ein und löste eine gewaltige Explosion aus. Über 400 Menschen starben sofort. Einige wenige, die in der Nähe der Ausgängen schliefen, wurden durch die Türen auf die Straße geschleudert. Keiner wusste so wirklich, was passiert war. Wenige Minuten später schlug eine zweite Bombe, eine Brandbombe, in das Lüftungssystem des Bunkers ein. Das Feuer brannte zwei Tage lang. Alle Menschen, die jetzt noch lebend im Gebäude waren, starben in der 400°C heißen Hölle. Das war kein Unfall, sondern ein gezieltes Bombardement von Zivilisten. Das Pentagon hat den „Fehler“ wenig später zugegeben. Doch an der systematischen Ermordung Tausender Zivilisten im gesamten Irak wurde festgehalten. Der Bunker von Amariyah wurde nicht abgerissen oder renoviert. Er ist nun eine Gedenkstätte. Man sieht überall die Zerstörungskraft, mit der hunderte Menschen getötet wurden. An den Wänden sind noch Schatten von Menschen zu sehen, die durch die Wucht der ersten Explosion gegen die Wand geschleudert wurden. Soweit dies möglich war, wurden von den Opfern Fotos im Bunker angebracht. Nach einer Schweigeminute sehen wir uns im Gebäude um. So sehen also die Ergebnisse der „sauberen“, lasergesteuerten Bomben der US-Army aus.

Religiöse Minderheiten

Im Irak bekennen sich ungefähr 5% der Bevölkerung zum Christentum. Wir treffen in der St.-Josef-Kathedrale den Erzbischof der römisch-katholischen Gemeinde. Er stammt aus dem Libanon und wurde von Rom nach Bagdad entsandt. Finanzielle Unterstützung erhält die katholische Kirche wenig bis gar nicht. Sie ist auf Gelder aus Rom und von katholischen Hilfsorganisationen angewiesen. Doch die Ausübung ihrer Religion steht ihnen frei. Beispielweise gibt es in Bagdad zwei katholische Spitäler und es wird auch römisch-katholischer Religionsunterricht an den Schulen angeboten. Allerdings fällt es in letzter Zeit sehr schwer mit der Bevölkerung zu arbeiten. Bushs Krieg der Zivilisationen vermittelt das Bild, dass die christliche Welt gegen die islamische in den Krieg zieht, und so wird der Dialog sehr erschwert. Die katholische Kirche ist gegen das verhängte Embargo. Sie bezeichnet es als mörderisch. Das Volk leidet und die Korruption nimmt aufgrund der eklatanten Mängel in der irakischen Gesellschaft überhand.

Kufa, Najaf und Kerbala – Zentren des schiitischen Glaubens

Etwa hundert Kilometer südwestlich von Bagdad besuchen wir diese drei Orte, die für schiitische Moslems wichtige Gebets- und Gedenkstätten beherbergen. Auf den Straßen sind nur noch verschleierte Frauen zu sehen. Sehr viele der hier betenden Menschen sind nicht aus dem Irak, sondern kommen aus dem Iran und Afghanistan um zu heiraten, ihre Toten zu begraben oder einfach um diese für sie wichtigen Plätze als Pilger zu besuchen. Der Bürgermeister von Kufa, Mohammed Ali Abdul Jahli, erläutert uns die Situation. Wir sind die erste westliche Delegation, die hierher kommt, um sich ein Bild über die Situation der Schiiten zu machen, die, schenkt man der US-Propaganda Glauben, massiv unterdrückt werden. Auf die Frage, ob die Schiiten oder ihr Glaube hier vom Regime unterdrückt wären, zeigt er in die Runde und meint: „Wir alle sind Schiiten, sehen wir unterdrückt aus? Gott ist groß!“ Auch der Chef der Administration der Moschee, Jasin Abel Amir Tomor, schaltet sich ein: „Sehen Sie, dieser Teil wurde mit Hilfe von Präsident Saddam Hussein renoviert und der andere Teil wird bald folgen. Außerdem wird derzeit das Haus Alis neu errichtet, an der Stelle, wo es einst stand.“ Wenige Meter weiter sehen wir eine Baustelle. Er zeigt uns mit Stolz auch dieses Vorhaben.

Nicht weit von Kufa entfernt liegt Najaf, wohl eine der wichtigsten Pilgerstätten der Schiiten. Auch hier wird sehr viel investiert, um die historischen Gebäude zu renovieren und in Schuss zu halten. In den letzten Jahren wurden circa 300 Kilogramm Gold an der Fassade angebracht, um das Gebäude wieder in seinem ursprünglichen prunkvollen Erscheinungsbild erstrahlen zu lassen. Man erklärt uns, dass jährlich vier bis fünf Millionen Pilger aus dem Iran und Afghanistan hierher kommen. Damit wird auch klarer, wie all diese Projekte finanziert werden können. Religiöse Pilgerstätten sind selten arm, da die Gläubigen als „Touristen“ kommen und auch Geld in die Gegend bringen. Im Gespräch mit dem Imam der Moschee, der Grabstätte Alis, erfahren wir, dass die Schiiten die USA nicht unterstützen, sondern gemeinsam mit allen Irakis gegen die Aggression kämpfen werden. Er weist uns darauf hin, dass es auch die Aufgabe der Christen ist, diese ständige Aggression und den drohenden Krieg zu verhindern.

Babylon

Weiter südlich von Kerbala liegen die Ausgrabungsstätten von Babylon. Große Teile wurden von deutschen Archäologen während des Zweiten Weltkrieges nach Berlin gebracht und so sieht man dort vor allem Nachbildungen. Die Anlage wurde in den achtziger Jahren auf den historischen Fundamenten neu errichtet. Hier, in der Wiege der Zivilisation, wurde das erste Gesetz von Menschen geschrieben. Normalerweise strömen auf solch wichtigen archäologischen Plätzen Tausende Touristen durch die Anlagen. Nicht so im Irak. Wir treffen nur eine Reisegruppe, sie kommt aus Jordanien. An einer Stelle, die etwas tiefer gelegen ist, und so von den imperialen Kunsträubern verschont blieb, ist Keilschrift in den Lehmziegeln zu sehen. Jedoch ohne Schutz. Auf die Frage, ob es nicht besser wäre, diese Originale zu schützen, wird auf mangelnde finanzielle Mittel verwiesen. Außerdem würde das bedeuten, eine Menge Stahl und Glas zu importieren und hier schlägt wieder einmal das Embargo zu. Wichtige Kulturschätze sind der Verwitterung preisgegeben.

Basra

Im Süden nahe Kuwait gelegen ist die Stadt Basra – ein Zentrum der Erdölindustrie. Trotz des Flugverbots gibt es täglich Flüge von Bagdad nach Basra. Auch so kann man das Embargo brechen. Der Krieg 1991 zog die Stadt und die Umgebung in starke Mitleidenschaft. Doch nicht nur die direkten konventionellen Bombenschäden sind hier zu beklagen, sondern vor allem die Langzeitfolgen der eingesetzten Uranmunition. Die Fahrt vom Flughafen in die Stadt lässt ungefähr erahnen, wie groß die Kriegsschäden hier sind. Zerbombte Brücken, Schulen und Industrieanlagen. Die Siedlungen vor der Stadt sind nicht befestigt. Kanalisation ist oft nicht vorhanden oder beschädigt. In der Nähe der Häuser tritt grüne Flüssigkeit an die Oberfläche.

Der Besuch einer Mädchenschule zeigt, dass das Schulsystem gut funktioniert. Es gibt gratis Schuluniformen, doch es mangelt an Schulbüchern und Heften – auch Papier muss importiert werden und ist daher nur begrenzt verfügbar. Die Klassen sind mit 45 Kindern voll besetzt. Eine Lehrerin der Schule erwidert auf die Frage, ob sie Angst vor einem neuerlichen Krieg haben: „Nein, wir haben keine Angst – wir sind bereit. Was soll denn noch schlimmer werden. Basra und die Umgebung werden jeden Tag bombardiert! Wir haben Vertrauen in die Führung und werden alles tun, um die Amerikaner von hier wieder zu vertreiben.“ Die Schulkinder sind von der westlichen Delegation beeindruckt. Es dauert nicht lange und sie stimmen im Schulhof Sprechchöre an: „Unser Blut und unsere Seele für den Irak! Unser Blut und unsere Seele für Saddam Hussein! Es gibt zwei – Saddam Hussein und Irak – einen dritten gibt es nicht.“ Der Krieg ist hier allgegenwärtig und macht auch vor den Schulen nicht Halt.
Das Kinderspital von Basra versucht gegen die Folgen der radioaktiven Strahlung bei seinen Patienten anzukämpfen. Die Probleme sind hier schwerwiegender als in Bagdad: Allen voran zu wenig und zu unregelmäßig gelieferte Medizin. Bei Leukämie liegt die Überlebensrate in westlichen Industrieländern bei 80%. Hier sterben mehr als 95% der Patienten. Nicht nur mit der steigenden Zahl an Krebserkrankungen haben die Ärzte zu kämpfen, es kommen auch noch die vielen Fehlgeburten und missgebildeten Neugeborenen hinzu. Dr. Amr El-Djawri glaubt nicht, dass der Höhepunkt dieser Erscheinungen erreicht ist. Die Halbwertszeit des hier verschossenen Uran ist derart, dass die großen Verstrahlungen erst beginnen werden. Ein weiteres Problem ist, dass kein Geld zur Entfernung kontaminierter Anlagen, geschweige denn zur Säuberung der gesamten Umgebung vorhanden ist. Es ist nicht notwendig, direkt mit Urangeschoßen in Kontakt zu kommen. Oft reicht es, wenn die Eltern in der Nähe von bombardierten Anlagen leben, um mit der todbringenden Strahlung verseucht zu werden. Der Spezialist für Kinderheilkunde erläutert uns, was vor sich geht. Die Zahl der Missbildungen ist in den Jahren nach 1991 auf das Siebenfache gestiegen. Doch es ist nicht nur dieses Faktum, das Sorge auslöst. Die Missbildungen, die hier auftreten, sind in der gesamten medizinischen Fachwelt nicht dokumentiert. Und hier wiederum ist es vor allem die Kombination von Missbildungen, die bisher noch nirgends auf der Welt beobachtet wurde. Es gibt Neugeborene die ohne Kopf und Arme zur Welt kommen, oder deren Gehirn praktisch vollständig außerhalb des Schädels ist. Es gibt auch Fälle, bei denen die Nase oberhalb der Augen gewachsen war – alles bisher noch nicht bekannte Fälle von Missbildungen. Diese sind meist noch mit Blutkrebs oder anderen Formen von Krebs kombiniert. Diese missgebildeten Kinder sterben meist nach wenigen Stunden. Es gibt von irakischer Seite wissenschaftliche Untersuchungen, die den direkten Zusammenhang von abgereichertem Uran und diesen extrem häufigen Fällen von schrecklichen Missbildungen und Krankheiten nachweisen. Es wurde das Blut der Neugeborenen und das der Eltern auf radioaktive Strahlung untersucht. Diese hat sich immer mit jener Strahlung gedeckt, die in der Wohnumgebung oder an den Arbeitsplätzen der Eltern festgestellt werden konnte. Das Problem hierbei ist, dass die Wissenschafter in den Industrieländern bisher noch viel zu wenig in diese Richtung geforscht haben und so die Ächtung dieser Waffen bzw. Schadenersatzleistung von den Aggressoren USA und GB international nicht durchzusetzen sein wird.
Während unseres Aufenthaltes in Bagdad fand auch eine internationale Konferenz zu abgereichertem Uran und dessen Auswirkungen statt. Auch hier war neben den erschütternden Fakten, von irakischen und deutschen Ärzten vorgetragen, der Tenor, dass die internationale Gemeinschaft sich diesem Problem annehmen sollte und nicht aus politischen Gründen die Augen vor diesem Verbrechen gegen die Menschheit verschließen darf.

„Die” Frauenorganisation

Nicht weit vom Zentrum Bagdads entfernt liegt die Zentrale der Organisation der Irakischen Frauen. Sie zählt über 1,2 Millionen Mitglieder. Ob es andere Frauenorganisationen gibt, erfahren wir nicht. Diese NGO ist nach Manal Younis Abdul Razak Al-Aloussi, ihrer Präsidentin, die einzige im Irak. Seit der Gründung 1968 wurden über 60 Nebenstellen und Büros im ganzen Land eröffnet um Rat und Hilfesuchenden eine Anlaufstelle zu bieten. Die Situation der Frauen hat sich in den Jahren des Embargos sehr verschlechtert. In den Achtziger Jahren waren die Hälfte aller Arbeitnehmer Frauen – quer durch alle Berufsschichten. Doch Arbeitsplätze sind nun rar und so finden sich viele Frauen zuhause ohne entlohnte Arbeit wieder. Ausgehend von dieser Organisation gibt es einige Projekte, die Frauen wieder Arbeitsplätze geben. Die dünnen Gewinne, die diese meist kleinen Produktionsstätten erwirtschaften, kommen der Organisation zugute – neben der Entlohnung der Arbeiterinnen versteht sich. „Women liberation became ugly with Madelaine and Hillary“ so wird hier das westliche bürgerliche Bild der Frauenbefreiung gesehen. Ab dem Zeitpunkt, wo Frauen in das schmutzige Geschäft der Unterdrückung eintreten, wechseln sie die Seite. Sie haben keine Ahnung, mit welchen Problemen die Frauen unter dem Embargo zu kämpfen haben. Um so wichtiger sind moralische Siege. Die Entschlossenheit nach zwölf Jahren Embargo, das Erdöl weiterhin gegen die US-amerikanischen Konzerne zu verteidigen, scheint ungebrochen. Wie könnte es auch anders sein. In den Räumen dieser Organisation sind viele Bilder von Saddam Hussein angebracht, der sich auch gerne mit Vertretern sozialer Organisationen zeigt. Und so organisieren diese Frauen auch den „zivilen“ Widerstand. Es gibt regelmäßige Übungen, die für den Ernstfall der US-amerikanischen Invasion vorbereiten. Evakuierungen, technische Ausbildung und auch der Gebrauch von einfachen Waffen wird regelmäßig geprobt. Der Tenor ist: Wenn sie kommen, müssen sie sich jedes Haus erkämpfen. Wir werden nicht zurückweichen. Allen Beteuerungen zum Trotz wird man den Eindruck nicht los, dass dies keine NGO ist.

Armut, aber kein Elend

Auffallend in den Straßen der großen Städte ist, dass es wenig bis gar keine Bettler oder Obdachlose gibt. Allein durch repressive Maßnahmen scheint das kaum durchzusetzen – dafür ist zu wenig Polizei in den Straßen unterwegs. Von Thair Saleem, einem Vertreter der Organisation für Freundschaft, Friede und Solidarität – diese hat die Reise der Delegation erst möglich gemacht – bekommen wir einen Eindruck von der sozialen Situation und der Rolle des Staates. Die Löhne sind vor allem auf dem öffentlichen Sektor – ausgenommen der Ölindustrie – sehr niedrig. Ärzte müssen versuchen durch private Patienten das Gehalt aufzubessern. Doch bei Krankenschwestern zum Beispiel ist das nicht möglich. Vom Staat gibt es geförderte Wohnungen für öffentlich Bedienstete. Und um die Grundversorgung aller zu sichern, gibt es jeden Monat für jeden ein Lebensmittelpaket, das für umgerechnet 50 US-Cent zu haben ist. In diesem Paket ist soviel enthalten, dass man ohne zu hungern einen Monat überleben kann. Allerdings kann damit die weitverbreitete und vor allem bei Kindern gefährliche Fehlernährung nicht verhindert werden. Denn Fleisch und Gemüse für alle sind in diesem Paket nicht vorgesehen. Trotzdem scheint es der Regierung damit zu gelingen, großes soziales Elend weitgehend zu verhindern.

Sie bekämpfen uns, weil wir Antiimperialisten sind

Tarek Aziz, ehemaliger Außenminister und jetziger Vize-Premier, nimmt sich kein Blatt vor den Mund: „Amerika hat den Irak für einen neuen großen Militärschlag wieder einmal im Visier. Der wahre Grund dafür ist jedoch von der allerersten Minute an bis heute das Öl. Amerika möchte die politische, wirtschaftliche und militärische Politik unserer gesamten Region diktieren. Nicht aus legitimen Interessen, sondern aus purem Imperialismus.“ Die Delegation erhält die Möglichkeit, mit ihm die politische Situation zu erörtern. Der Vorwand der USA – die Waffeninspektionen – sind ein besonders übles und zynisches Spiel. Über Jahre hinweg wurden die Inspektionen zugelassen. Hunderte Anlagen wurden mittels Kameraüberwachung permanent kontrolliert. Praktisch alle Orte, die die Inspektoren persönlich aufsuchten, wurden sehr bald darauf Ziele der andauernden Luftangriffe. Speziell 1998, als die USA und Großbritannien erneut gegen den Irak zu Felde zogen, wurden gezielt zivile Ziele, die Stromversorgung oder Wasseraufbereitungsanlagen, zerstört. Als nichts mehr zum Inspizieren vorhanden war, drehte Richard Butler – Chefinspektor der UNO im Irak – den Spieß um. Nun sollte es nicht mehr genügen, das keine ABC-Waffen gefunden würden – nein, der Irak solle beweisen, dass er keine solchen Waffen habe. Rein juristisch ist dies unmöglich und philosophisch ein bisher ungelöstes Problem. Wie kann man beweisen, etwas nicht zu besitzen? Die Idee dahinter ist klar: Das Embargo darf nicht aufgehoben werden. Das Ziel der Aggressoren ist es, das irakische Volk ausbluten zu lassen. Madelaine Albright hat auf die horrende Anzahl von Todesopfern in direkter Verbindung mit dem Embargo erwidert, dass dieses Opfer von den USA in Kauf genommen wird. Angesprochen darauf, ob der Irak jemals wieder Inspektoren ins Land lassen wird, sagt Tarek Aziz klipp und klar: Wenn das Embargo nach abgeschlossener – weil nicht fündig gewordener Mission aufgehoben wird, ist der Irak bereit, die UN-Inspektoren wieder ins Land zu lassen. Diese Zusicherung allerdings fehlt bis heute – sie wird auch nicht kommen. Die Kriegsvorbereitungen laufen – früher oder später liegt Bagdad wieder im Dunkeln und die Menschen sitzen wieder in Bunkern.

Robert Fisch