Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

Verkaufstellen:: Beiträge:: Impressum&Kontakt:: Abo:: Info mail:: Werben
suche:

 

 Aktuell

Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

 Ausgaben

Nr. 21 Herbst 2007
Nr. 20 Frühjahr 2007
Nr. 19 November 2006
Nr. 18 Mai 2006
Nr. 17 Februar 2006
Nr. 16 November 2005
Nr. 15 Juni 2005
Nr. 14 April 2005
Nr. 13 November 2004
Nr. 12 September 2004
Nr. 11 Mai 2004
Nr. 10 Jänner 2004
Nr. 9 November 2003
Nr. 8 September 2003
Nr. 7 Mai 2003
Nr. 6 März 2003
Nr. 5 Jänner 2003
Nr. 4 November 2002
Nr. 3 September 2002
Nr. 2 Juli 2002
Nr. 1 Mai 2002

 

 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 1 Mai 2002

Die Weltgeschichte ist das Weltgericht

Wir verschweigen nicht: Was Slobodan Milosevic in Den Haag zu sagen hatte


Der „Fall Milosevic“ ist zweifellos von historischer Bedeutung, denn mit Milosevic steht zum ersten Mal ein ehemaliger Regierungschef vor einem internationalen Straftribunal der Vereinten Nationen. Seine Verurteilung wäre ein entscheidender Präzedenzfall auf dem Weg zu einer internationalen Strafjustiz, die nach der Einrichtung der Tribunale von Nürnberg und Tokio 1945/46 fast fünfzig Jahre lang durch den Kalten Krieg blockiert war und nun nach der Konstituierung der beiden ad-hoc Tribunale zu Jugoslawien (1993) und Ruanda (1994) Anfang April in die Gründung eines Internationalen Strafgerichtshofes (IStGH) mündet. Völlig unklar bleibt allerdings, wie ein zukünftiges Weltgericht Haftbefehle gegen den Widerstand von Hegemonialmächten durchsetzen könnte. Die Vereinigten Staaten, die es gewohnt sind, ihre Interessen mit militärischen Mitteln durchzusetzen, sind offenbar nicht gewillt, sich in ihrer Handlungsfreiheit durch ein Weltgericht einschränken zu lassen. US-Bürgern soll sogar bei Strafe verboten werden, mit dem Gerichtshof zusammenzuarbeiten.

So werden sich in absehbarer Zeit vor allem Ruandesen sowie bosnische und sonstige Serben vor dem internationalen Straftribunal zu verantworten haben, das offensichtlich dazu geschaffen wurde, ausschließlich gegen jene Staaten „gerichtlich“ vorzugehen, die von der westlichen „Wertegemeinschaft“ als terroristisch bezeichnet werden. Da es sich hierbei zumeist um Staaten handelt, die dem Westen bislang die Unterordnung verweigert haben, kann angenommen werden, dass es sich beim internationalen Strafgerichtshof um ein Instrument der Weltpolitik und nicht, wie vorgegeben, der Jurisdiktion handelt.
Viel wurde über den Prozessverlauf gegen Milosevic geschrieben, gewettert und gezetert. Milosevic, Lügen und Videos – seit dem 12. Februar ließen die Medien keine widerlegte Unwahrheit aus. Racak, serbische KZs und die üblichen Propagandarequisiten werden aus der Kiste gezaubert – man wird nicht umsonst wegen Genozid angeklagt. Aber zur Abwechslung lassen wir einmal den Angeklagten selbst sprechen. Und drehen wir ihm das Mikrofon lauter, statt ab:

Heroische Verteidigung

(...) Sie wollen mir die Verantwortung für all das zuschreiben, was Sie selbst gemacht haben und für alle Verbrechen, die Sie selbst begangen haben. Sie behaupten, und das haben wir zwei Tage lang gehört, dass unsere Verteidigung, und ich habe sie heroisch genannt, dass diese unsere heroische Verteidigung gegen die Aggression des NATO-Paktes nur ein Schirm war, hinter dem wir die Gelegenheit nutzten, Verbrechen an den Albanern zu begehen. Aber Sie beleidigen ein ganzes Volk. In Wahrheit wollen Sie die Tatsache der tagtäglichen Bombardierung Kosovos, am Tage und in der Nacht, 24 Stunden jeden Tag, 78 Tage lang, während derer an jedem Tag 24 Stunden Luftalarm war, mit Zeugen widerlegen, die man hierher bringen wird, damit sie sagen, wie sie vor den serbischen Kräften, wie Sie die Armee und die Polizei nennen, geflohen sind. Diese in der Welt bekannte Tatsache sollen einige Zeugen widerlegen, die hierherkommen und sagen: Wir sind nicht vor den Bomben der NATO geflohen, wir sind vor den serbischen Kräften aus Kosovo geflüchtet.
Aber Sie haben soeben westliche Filmaufnahmen gesehen, die das dementieren ebenso wie westliche Generäle, und es gibt ihrer noch mehr, und sie werden hierher kommen müssen, und einige wünschen es sehr zu kommen, um Ihnen und Ihren Chefs zu sagen, was die Wahrheit und was in dieser Konstruktion Lüge ist. Die ganze Konstruktion ist eine Lüge.
Flucht oder Deportation?

Diese Flucht, von der Sie wie von einer Deportation sprechen, fällt gerade mit der Bombardierung zusammen. Aber selbst die in der Anklage gemachten Datumsangaben fallen in die gleiche Periode wie die Bombardierung. Das ist noch ein Beweis für die völlige Manipulation der Fakten und den Versuch, die Verbrechen auf die Opfer abzuwälzen. Die NATO hat sogar die Albaner bombardiert und massenhaft diejenigen getötet, die in ihre Dörfer zurückkehrten, die nicht der UCK gehorchten, die nicht geflohen sind, denn die UCK hat sie geschlagen und erschlagen, um sie zum Fliehen zu zwingen. Das war die Konzeption, von der Albright gesprochen hatte. Wir vertreiben die Albaner, also müssen die Albaner Kosovo verlassen, um die These zu beweisen, dass sie von uns vertrieben wurden. Aus Flugzeugen hat man nach den Bomben Flugblätter in albanischer Sprache abgeworfen, um die Bürger aufzurufen, aus Kosovo zu fliehen, und die UCK hat als ihr Verbündeter das gleiche gemacht und jene erschlagen, die Widerstand geleistet haben. Aber erneut sind die Albaner zurückgekehrt in ihre Dörfer, sie wollten nicht aus Kosovo fliehen. Sie blieben in Kosovo, und diejenigen, die sich in der Zone der schweren Operationen und Kämpfe aufhielten, sind geflohen und mussten fliehen. Geflohen sind auch Serben nach Ungarn, in die Republika Srpska, nach Serbien. Und auch sie wurden offensichtlich, urteilt man nach dieser Anklage, von den serbischen Kräften vertrieben.
Ich möchte hier in voller Verantwortung feststellen, dass der Ankläger diese schauderhafte und unglaubliche Lüge als ein Mittel des Verbrechens benutzt. Übrigens, vielleicht wäre es am besten, dass Sie diese Behauptung des Anklägers gelten lassen, damit dieser Farce vor den Augen der ganzen Welt die Krone aufgesetzt wird. Das, was wir gehört haben, beleidigt die Intelligenz eines durchschnittlichen Bewohners des Planeten. Gestern haben wir solch eine Konstruktion gehört, die etwa so lautet: Wo es Deportationen gibt, dort gibt es auch Morde. Aber die Wahrheit ist: da, wo es einen Zusammenstoß mit Terroristen, genauer gesagt mit einer terroristischen Bande gab, wo es Bombardierungen oder am häufigsten Zusammenstöße mit Terroristen gab – immerhin war es nicht selten, dass die Terroristen, wenn sie während des Krieges loszogen, Luftunterstützung durch ihre Verbündeten, die gegen Jugoslawien Krieg führten, bekamen –, dort flüchtete auch die Bevölkerung. Aber in der Interpretation, die wir zwei Tage lang angehört haben, wird dieser Zusammenstoß mit den Terroristen und die Bombardierung – und wir haben das in den westlichen und nicht in jugoslawischen Filmen gesehen – als Mord an der albanischen Bevölkerung durch serbische Kräfte gedeutet. Die Flucht der Menschen vom Ort der Zusammenstöße qualifizieren Sie als Deportation. Ich erkläre erneut: Aus Kosovo ist die Bevölkerung erstens durch die UCK, durch Anweisungen, Prügel und Morde vertrieben worden und zweitens durch die NATO, durch deren Bombardierung und Aufrufe. Das ist die Wahrheit über ihre Geschichte von den „Deportationen“.
Und weshalb sagen Sie, weshalb wagen Sie es zu sagen, dass Kosovo an Serbien grenzt? Kosovo ist Serbien. Haag grenzt nicht an Holland! Viele Dinge müssten Sie verstehen, und wenn Sie es nicht wissen, dann fragen Sie jemand, der es weiß.

Verbrannte Erde

(...) Sie haben irgendeinen Plan der „verbrannten Erde“ erwähnt, ich weiß nicht, woher er gekommen sein soll, wahrscheinlich aus Vietnam. Der Plan der „verbrannten Erde“ ist für Sie das gleiche wie jener „Hufeisenplan“, von dem jeder weiß, dass er eine gewöhnliche Erfindung ist.

Sozialismus

(...) Der Sozialismus als eine progressive und gerechte demokratische Gesellschaftsform darf eine Trennung nach Nationalität und Religion im Zusammenleben nicht erlauben. Der einzige Unterschied, der im Sozialismus erlaubt ist, ist der Unterschied zwischen arbeitenden Menschen und denen, die nichts tun, zwischen ehrenhaften und unehrenhaften Menschen. Deshalb sind alle, die in Serbien von ihrer Arbeit leben, redlich und die anderen Menschen und die anderen Nationen achtend, in ihrer Republik zu Hause. Jugoslawien ist eine multinationale Gesellschaft und kann nur auf der Grundlage völliger Gleichberechtigung aller hier lebenden Nationen überleben.
Die Krise, in die Jugoslawien geraten ist, führte zu nationalen, aber auch zu sozialen, kulturellen, religiösen und vielen anderen minder wichtigen Spaltungen. Unter all diesen Spaltungen erwiesen sich die nationalen als die dramatischsten. Ihre Überwindung wird die Beseitigung der anderen Spaltungen erleichtern und die Folgen lindern, die die anderen Teilungen hervorgerufen haben. Und so weiter.

Rede auf dem Amselfeld – jahrelanger Stein des Anstoßes

(...) Wenn jemand das nicht glaubt, möge er die Zeitungen vom 29. Juni 1989 hernehmen und die gleiche Rede lesen. Auch heute noch würde ich in ihr kein einziges Wort verändern: (...) „Gleichberechtigte und harmonische Beziehungen zwischen den Völkern Jugoslawiens sind die unumgänglichen Bedingungen für den Bestand Jugoslawiens, für seinen Weg aus der Krise und besonders für den wirtschaftlichen und sozialen Wohlstand des Landes.“

NATO-Verbrechen niemals legalisiert

(...) Schließlich zeugt die Tatsache, dass es so viele oppositionelle Medien gab, die alle funktionierten, davon, dass es im Lande Demokratie gab.
(...) Die Verbrechen der NATO werden in meinem Volk niemals legalisiert werden. Die Pro-NATO-Macht in Serbien kann immerzu die Aufgabe übernehmen, die sie erhalten hat, um Serbien nur anzuklagen und zu erniedrigen, aber sie spricht weder im Namen des Volkes, noch hat sie dazu das Recht, und das ganze Volk weiß, dass sie nicht in seinem Namen spricht.
Das erste und größte Verbrechen ist die Aggression selbst, die ein Verbrechen gegen den Frieden darstellt. Vom 24. März 1999, als die NATO Jugoslawien überfiel, bis heute werden Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen. In allen Ländern der NATO, der Europäischen Union und in den anderen unter dem Einfluss der NATO stehenden Staaten wurde eine große antiserbische und antijugoslawische Propaganda mit dem Ziel geführt, die massenhaften Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung zu vertuschen.
(...) Ich werde hier für ein Verbrechen angeklagt, das andere, vor allem von außerhalb Jugoslawiens, begangen haben, die dieses Gericht und dieses Gefängnis erdacht haben, um sich nicht selbst für die den Menschen angetane Gewalt, für die Zerschlagung eines Landes und den Bürgerkrieg zwischen seinen Völkern verantworten zu müssen. Sie klagen mich dieser Gewalt mit Hilfe eines Gerichtes an, das sie selbst geschaffen haben, weil ich mich ihrer Gewalt entgegengestellt habe und für den Erhalt des Landes eingetreten bin. Ihre gewaltige Macht, ihre Position in der internationalen Gemeinschaft nutzen sie nicht nur, um die Welt zu beherrschen, wie sie wollen, sondern auch dazu, grausame Rache an jedem zu nehmen, der sich dieser Herrschaft widersetzt. Das ist das Wesen dieses Prozesses. Das ist das wahre Gesicht dieses Rechts. Ich befinde mich hier vor einem falschen Gericht, damit diese nicht vor einem wahren Gericht stehen. Ich muss mich hier für nichts verteidigen, ich kann mir nur meinen Stolz erhalten und natürlich kann ich meine Ankläger und deren Chefs anklagen.“

„Ja sam moralni pobednik!”(1)


Tanja Kostic

(1) Ich bin der moralische Sieger!
Auszüge aus: Ralph Hartmann „Der Fall Milosevic. Ein Lesebuch“, Dietz Verlag Berlin GmbH