Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

Verkaufstellen:: Beiträge:: Impressum&Kontakt:: Abo:: Info mail:: Werben
suche:

 

 Aktuell

Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

 Ausgaben

Nr. 21 Herbst 2007
Nr. 20 Frühjahr 2007
Nr. 19 November 2006
Nr. 18 Mai 2006
Nr. 17 Februar 2006
Nr. 16 November 2005
Nr. 15 Juni 2005
Nr. 14 April 2005
Nr. 13 November 2004
Nr. 12 September 2004
Nr. 11 Mai 2004
Nr. 10 Jänner 2004
Nr. 9 November 2003
Nr. 8 September 2003
Nr. 7 Mai 2003
Nr. 6 März 2003
Nr. 5 Jänner 2003
Nr. 4 November 2002
Nr. 3 September 2002
Nr. 2 Juli 2002
Nr. 1 Mai 2002

 

 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 1 Mai 2002

Der letzte Dolchstoß

Kommentar zum Ende Jugoslawiens


Das Ende Jugoslawiens wurde weder bejubelt, noch wurden schwarze Fahnen auf Halbmast gezogen. Der letzte Dolchstoß zur Beendigung eines Hybrids aus heterogenen Völkern, die nur zeitweise miteinander leben konnten, wurde mit einem schlichten Federstrich eingeleitet. Die Unterzeichnung unter den Vertrag zur „Neuordnung der Verhältnisse zwischen Serbien und Montenegro“ wurde am 14. März 2002 ohne Zeremonie von Vojislav Kostunica, dem letzten Präsidenten „Jugoslawiens“, und Milo Djukanovic, dem Präsidenten Montenegros, unterzeichnet. Dobrica Cosic, Schriftsteller und ehemaliger Präsident, nennt den vierten Staat, also Serbien und Montenegro, „Solanija“. Nachdem Javier Solana kam, sah und siegte, wurde der folgenschwere Schritt getan und an einem Tag abgewickelt, natürlich ohne Volksbefragung. Dieser Vertrag gibt keine Garantie für das Verbleiben in einem gemeinsamen Staat mit Montenegro, eine weitere Zerfransung des immer kleiner werdenden Rumpfstaates ist also nicht ausgeschlossen.

Vor allem ältere Menschen, die sich an bessere Zeiten erinnern können, waren traurig, dass es diesen Staat nun nicht mehr geben wird. Die Reaktionen aus Beograd, Zagreb, Sarajevo, Ljubljana und Skopje waren gemischt, aber vornehmlich positiv. Man hatte den Eindruck, die Menschen waren schlichtweg erleichtert. Bis Ende Juni wird der Name „Jugoslawien“ aus den verschiedenen Institutionen verschwinden. Dieser Name bestand 84 Jahre lang – mit Unterbrechungen und Modifikationen, aber immerhin. Historisch gesehen ist das zwar keine besonders lange Zeit, aber was für Jahre das waren! 1918, nach Beendigung „des Krieges aller Kriege“ (Serbien hatte 1.247.435 Menschen im Krieg verloren oder 28% der Gesamtbevölkerung), wurde ein künstlicher Staat auf den Trümmern des habsburgischen und Osmanischen Reiches im Geiste der Konferenz in Versailles geschaffen und vereinte alle Südslawen, die bis dato unter Fremdherrschaft leben mussten. Nostalgiker bekommen jetzt feuchte Augen, aber schon damals waren die Schwierigkeiten auf der Gründungskonferenz in Korfu vorprogrammiert gewesen, die während der 20er Jahre eskalierten und in einer Königsdiktatur 1929 endeten. Das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen stand auf wackeligen Beinen, als es 1941 von Hitler, Mussolini und ihren Verbündeten am Balkan überrannt wurde. Nach der heldenhaften Befreiung durch die Partisanenarmee unter Tito wurde der zweite jugoslawische Staat gegründet und hatte den klingenden Namen „Föderative Volksrepublik Jugoslawien“. 18 Jahre später – nachdem man sich der Agenten von Stalins Sowjetunion endlich entledigt hatte – wurde sie in „Föderative Bundesrepublik Jugoslawien“ umbenannt. 1980 haben sich immerhin zwei Millionen Bürger als Jugoslawen verstanden und es bestanden, besonders in Bosnien-Herzegowina, hunderttausende Mischehen. Das superblonde Singsternchen Lepa Brena, bekannt am ganzen Balkan, besang die jugoslawische Nation und hob sie mit dem Lied aus dem Jahre 1980 „Es lebe Jugoslawien“ (Zivela Jugoslavija) in den Äther. Emir Kusturica, Gewinner der „Goldenen Palme“ von Cannes, sprach es 1992 unverhohlen aus: „Jugoslawien war eine Supermacht: sie machte großartige Filme, es gab wunderbare Romane und tollen Rock’n’Roll. Und sie war die Supermacht im europäischen Basketball.“ Aber diese kulturelle Verflechtung der Südslawen konnte nicht über die Spannungen hinwegtäuschen, es konnte keine einige Nation von Dauer herausgebildet werden und Kusturica beschwerte sich zwei Jahre später darüber, man habe ihn seines Landes beraubt. Mit tatkräftiger Einmischung von außen, die die aufbrechenden inneren Widersprüchen nutzen konnte, zerfiel der zweite Staat Jugoslawien und hinterließ eine Blutspur. Slobodan Milosevic benannte den übriggebliebenen Rumpfstaat 1992 in „Bundesrepublik Jugoslawien“ um; es war in 74 Jahren die dritte Staatsgründung. Was dann passierte, kennen wir nur zu gut aus den Medien. Die Agit-Prop-Lügen des selbstsicheren Imperiums machen immer wieder die Runde: Racak und humanitäre Katastrophe verhindern, etc. Heute muss sich derjenige Staatsmann, der versucht hatte, die Grenzen, die 1943 in Jajce auf der Konferenz des Antifaschistischen Rates gebildet worden waren, zu bewahren, vor dem Haager Tribunal für die angeblichen Kriegsverbrechen in einem Staat verantworten, den es gar nicht mehr gibt.
Aber das nationale Problem ist auch nach der vierten Staatsgründung, die 1999 mit „humanitären Bomben“ eingeleitet wurde, noch immer nicht gelöst. Albanische Separatisten stehen in Südserbien, Kosovo und Westmazedonien noch immer unter Waffen und versuchen weiterhin Brocken übriggebliebenen Landes an sich zu reißen. Aber auch die separatistischen Bewegungen in der nördlichen Provinz Vojvodina, im südöstlichen Sandzak (zwischen Kosovo und Montenegro gelegen) und neuerdings in Ost-Serbien – die separatistische Bewegung der Walachen verlangt die Abspaltung bzw. einen eigenen Kanton, die „Timocka krajina“ – schlafen nicht.
Vielleicht wäre eine fünfte Staatsgründung vonnöten, um endlich Friedhofsruhe in diese Region einkehren zu lassen? Der fünfte jugoslawische, nein, vielmehr serbische Staat hätte dann die Größe von Beograd und Umgebung. Der revolutionäre Traum, die nationalen und sozialen Gegensätze in einer freien, unabhängigen und antiimperialistischen Föderation der Balkanvölker aufzuheben, scheint heute in weiter Ferne und trotzdem unabdingbar.
Hatte Engels doch Recht, als er in einem deutlichen Bezug zu Hegel 1848 pauschal erklärte: „Völker, die nie eine eigene Geschichte gehabt haben, die von dem Augenblick an, wo sie die erste, roheste Zivilisationsstufe ersteigen, schon unter fremde Botmäßigkeit kommen oder die erst durch ein fremdes Joch in die erste Stufe der Zivilisation hineingezwungen werden, haben keine Lebensfähigkeit, werden nie zu irgendeiner Selbständigkeit kommen können (...)“?(1)
Geschichte, selbst Weltgeschichte, haben die „geschichtslosen Völker des Balkans“ im 20 Jahrhundert jedoch ohne Zweifel geschrieben.

Tanja Kostic

(1) Engels, Friedrich, Der demokratische Panslawismus (15.2.1884), S.275