Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

 Ausgaben

Nr. 21 Herbst 2007
Nr. 20 Frühjahr 2007
Nr. 19 November 2006
Nr. 18 Mai 2006
Nr. 17 Februar 2006
Nr. 16 November 2005
Nr. 15 Juni 2005
Nr. 14 April 2005
Nr. 13 November 2004
Nr. 12 September 2004
Nr. 11 Mai 2004
Nr. 10 Jänner 2004
Nr. 9 November 2003
Nr. 8 September 2003
Nr. 7 Mai 2003
Nr. 6 März 2003
Nr. 5 Jänner 2003
Nr. 4 November 2002
Nr. 3 September 2002
Nr. 2 Juli 2002
Nr. 1 Mai 2002

 

 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Nr. 1 Mai 2002

Mit wem gegen wen?

Die deutschen Intellektuellen verändern ihr Verhältnis zu den USA


„Das war das größte Kunst­werk, das es jemals ge­geben hat“, meinte der deutsche Komponist Karlheinz Stockhausen zu den Anschlägen am 11. September 2001.
Künstler dürfen solche Blödheiten im Allgemeinen sagen, im Zuge der verordneten globalen Amerikatrauer durfte er das nicht. Hiebe von der Betroffenheitspresse erhielten auch andere deutsche Intellektuelle für ihren „Antiamerikanismus“ und ihren Unwillen, über die New Yorker Polizisten und weitere vollwertige, weil weisse US-amerikanische Opfer Tränen zu vergießen. Am schlimmsten traf es den Moderator der „Tagesthemen“ auf ARD, Ulrich Wickert, der sich erdreistete, in der Lifestyle-Zeitschrift „max“ die indische Schriftstellerin Arundhati Roy mit dem Satz zu zitieren: „Osama Bin Laden ist das amerikanische Familiengeheimnis, der dunkle Doppelgänger des amerikanischen Präsidenten.“ Der allgemeinen Empörung über solche Tabubrüche folgte eine peinliche Entschuldigung vor laufenden Kameras, Wickert sprach von einem „Missverständnis“.

Die Zeiten ändern sich, das wusste schon der ehemalige Kriegsgegner Bob Dylan zu berichten. Aus ehemaligen begeisterten Kriegs­befürwortern mausern sich „ameri­ka­kritische“ Feuilleton-Schrei­ber. Als es 1991 darum ging, den Irak das Fürchten zu lehren, unterschrieb Günter Grass noch Aufrufe für einen „gerechten Krieg“ in der Bildzeitung. Heute belehrt der Schriftsteller, der bislang noch keinem Verbrechen der SPD seine Unterstützung versagte, den Bundeskanzler mit den Worten: „Zur Freundschaft mit den USA gehört auch, dass man dem Freund in den Arm fällt, wenn er im Begriff ist, etwas Falsches zu tun“. Der vom konkret nicht zu Unrecht als „ehemaliger Hitlerjunge“ apostrophierte Nobelpreisträger setzt karrieremäßig zu einem Sprung an, dazu gehört neben der Distanz zur USA auch die Wiederaufarbeitung der deutschen Leidensgeschichte (siehe weiterer Artikel in dieser Ausgabe).

Auch gestandene (und nicht nur vormalige) Linksliberale wagen die Absetzbewegung, wenn auch auf leisen Sohlen. Allen voran (wie könnte es anders sein) der Jet-Set-68er und traditionell lauteste unter den intellektuellen Blindgängern, Daniel Cohn-Bendit. In seinem bemerkenswerten Kommentar zur Lage „Europa im Glaubenskrieg“ (Spiegel 8/2002) legt er bereits im ersten Satz offen, wohin sein neues USA-Verständnis ihn führt: „Die demokratische Gestaltung einer zusammenwachsenden Welt (...) braucht als Zugkraft ein starkes Europa“. Aber es wäre nicht der Straßenkämpfer von Paris, würde er nicht vor allem (und bevor er auch nur ein Wort über die US-amerikanische Außenpolitik verliert) heftige Kritik an der (mehr imaginären als realen) Linken üben. Globalisierungskritik sei per se falsch, besonders in Anbetracht des 11. September, die Verarmung des Südens gehe zurück auf „Diktaturen übelster Sorte, die für die desaströse Wirtschaftslage (...) verantwortlich sind“ und beim Eingreifen in Afghanistan handele es sich mit den Worten des Zivilgesellschafters Michael Walzer um die Durchsetzung des „zivilen Anstands“. Ganz so zufrieden über den Kampf der US-Amerikaner gegen den „islamistischen Terror“ ist Cohn-Bendit dann doch nicht: Die USA sei zwar ein „demokratisches Imperium“ aber mit „vordemokratischen Resten“, es sei eine „patriotische Unbedingtheit erkennbar, die vom Rachegedanken der Scharia nicht allzu weit entfernt ist“. „Es bedarf“, so der grüne Europaparlamentarier, „eines kulturellen, moralischen und machtpolitischen Gegengewichts des vereinten Europas zu den USA“. Cohn-Bendit geht es scheinbar (schließlich ist er Realpolitiker), im Gegensatz zu Grass um die Form, nicht um den Inhalt. Aber eigentlich geht es beiden um dasselbe: Welches Land in der dritten Welt bombardiert wird, das sollen in Hinkunft deutsche und von ihnen geleitete europäische Politiker bestimmen, und keine „vordemokratischen“ Amis.

Man soll sie nicht alle in einen Topf werfen. Wer wie Wickert in den CNN-treuen Medien eine Kritik an der US-amerikanischen Aggressionspolitik unterbringen kann, sorgt für eine kritische Öffentlichkeit in einem seltenen Moment. Den „europäischen“ Deutschen geht es um die politische und militärische Gleichberechtigung mit dem erklärten Ziel, eigene Kriege und eigene Menschenrechtspolitik zu betreiben. Ihre Kritik an den USA ist letztlich die Kritik daran, Bomben nicht mit dem humanitären Etikett zu versehen. Darauf können die Bombenopfer verzichten.

Stefan Kainz