Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

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 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Rezensionen

Gutmenschentum und Geschichte

Günther Grass: Im Krebsgang


Im Krebsgang erobern sich die politisch Korrekten das politisch inkorrekte Terrain „deutschen Leidens“ im Zweiten Weltkrieg. Der Nobelpreisträger Grass löste mit seiner Novellen-Gestaltung des Gustloff-Unglücks eine literarische Debatte über vermeintlichen Revanchismus aus, unter deren Oberfläche sich die verschiedensten Autorenrudel um die Beute eines neuen Geschichtsrevisionismus streiten.





















Literatur und Luftkrieg: eine „neue Unbefangenheit der Geschichte gegenüber”?

Geradezu Paradoxes spielt sich in der bundesdeutschen literarischen Manege ab. In einer zum Teil heftigen Debatte polemisieren selbsternannte Wächter der ‚political-correctness’ und ebenso selbsternannte Tabubrecher eifrig gegeneinander.
Kernpunkt des Streits ist die Frage, ob Literatur ‚deutsches Leid’ im Zweiten Weltkrieg thematisieren dürfe, ob Bombenkrieg, opferreiche Massenflucht und zivile deutsche Opfer erzählbare Dinge seien, oder ob durch solche Thematisierungen die von Deutschen begangenen Verbrechen, der Holocaust und die Leiden der Verfolgten verharmlost würden.
„Schrille Alarmmeldungen kommen aus vielen Himmelsrichtungen: Von der Schweiz aus sieht die ‚Neue Zürcher Zeitung’ (‚NZZ’) in Deutschland eine ‚neue Unbefangenheit der eigenen Geschichte gegenüber’ walten. Anzeichen für eine solche ‚Transformation der Täter- in eine Opfergesellschaft’ gebe es schon lange, jetzt aber drohe die Thematisierung deutschen Leidens – wie etwa in der Bestseller-Novelle ‚Im Krebsgang’ von Günter Grass – das Leid der Holocaust-Opfer und -Überlebenden zu relativieren.“
Literarisch gefasst, ob Adornos Wort von der Unmöglichkeit des Erzählens nach Auschwitz noch Gültigkeit habe oder nicht.
In dieser Debatte outet sich die repräsentative Erzählliteratur als in reger Wechselbeziehung mit der Politik stehend, ausgetragen wird sie vom Spiegel auf der einen Seite und der Süddeutschen Zeitung, NZZ auf der anderen.
Wie immer bei derartigen Trends steht ein Buch am Anfang, das dem literarischen Markt zeigt, wo sich ein Nachfragevakuum ausfüllen (oder konstruieren?) lässt, in diesem Fall W.G. Sebalds Buch Literatur und Luftkrieg.

Im Krebsgang

Als eines der wesentlichsten Werke in diesem Zusammenhang erwies sich auch Günter Grass’ Novelle Im Krebsgang, gleich einmal eingeläutet durch eine Artikelserie des Spiegel und einer persönlichen, lobenden Rezension Augsteins. Grass, der Literaturnobelpreisträger von 1997 – das sagt ja auch was aus! – ist bekannt dafür, einen guten Riecher für das gerade Gefragte zu besitzen und hat sich mit Im Krebsgang wieder einmal als geeignetster Anreger wie Wiederkäuer linksliberaler Denkgeschwülste ausgewiesen. Das Werk stellt der bürgerlichen Literatur die Diagnose; jeneAutoren, wie Grass, die sich so gerne als Unzeitgemäße sehen würden, präsentieren in der Form wie im Inhalt die „anspruchsvolle“ Konsumliteratur als durchschnittlichsten Ausdruck ihrer Zeit. Und dieser Schriftsteller, selbst immer auf größte „political correctness“ bedacht, intellektuell-moralische Schützenhilfe der SPD, soll auf einmal einen Bruch riskiert haben? Und kommt der Vorwurf des Revanchismus, den er sich jetzt, nachdem er selbst die Frage nach einem Versäumnis der deutschen Nachkriegsliteratur gestellt hat, wohl oder übel gefallen lassen muss, nicht eigentlich aus derselben Ecke wie er selbst?
Wer es über sich bringt, diese Novelle zu lesen, was niemandem geraten sei, findet ein überfrachtetes Buch vor, stilistisch langweilig, formal eintönig und konventionell, ein Buch, das sich in eine ganze Reihe „zeitgenössischer“ Werke einfügt, die ebenso raunend den Imperfekt beschwören, mit vielen Worten wenig sagen und dennoch den Berechtigungsanspruch einer erzählenden Literatur ausdrücken wollen, die Fiktion und Tatsächliches zu einem romanhaften Ganzen mit moralischem Wert verwebt. Das scheinbar Brisante am Werk wird in ‚Im Krebsgang’ ohnehin bis zur Unkenntlichkeit relativiert, während das eigentlich Ungeheuerliche still und leise suggeriert wird.

Vorsicht des Autors und Untergang der Gustloff

Vorsichtig ist der Autor, schiebt er doch einen fiktiven Beteiligten, Paul Pokriefke als Erzähler zwischen das Publikum und Günter Grass, den er damit auch gleich aus der Schusslinie bringt. Grass selbst meldet sich in der Dritten Person zu Wort und gibt seine Intention preis:
„Eigentlich, sagt er, wäre es Aufgabe seiner Generation gewesen, dem Elend der ostpreußischen Flüchtlinge Ausdruck zu geben: den winterlichen Trecks gen Westen, dem Tod in Schneewehen, dem Verrecken am Straßenrand und in Eislöchern, sobald das gefrorene Frische Haff nach Bombenabwürfen und unter der Last der Pferdewagen zu brechen begann, und trotzdem von Heiligenbeil aus immer mehr Menschen aus Furcht vor russischer Rache über endlose Schneeflächen ... Flucht ... Der weiße Tod ... Niemals, sagt er, hätte man über so viel Leid, nur weil die eigene Schuld übermächtig und bekennende Reue in all den Jahren vordringlich gewesen sei, schweigen, das gemiedene Thema den Rechtsgestrickten überlassen dürfen.“
Diese „Überlassung“ exemplifiziert er an Konrad Pokriefke, der sich auf einer Internet-Seite, „blutzeuge.de“, in rechtsradikaler Weise über den Untergang der „WilhelmGustloff“ verbreitet, über jenes Ereignis, bei dem dessen Großmutter Tulla, in deren Bann er steht, überlebt hat, ihren Sohn Paul (=der Erzähler) geboren und es sich fortan zur Lebensaufgabe gemacht hat, das Erlebnis dargestellt zu wissen. Weiters spielen eine Rolle: der Jude David Frankfurter, der den Namensgeber des Kraft-durch-Freude-Schiffes und eidgenössischen NS-Gauleiter Wilhelm Gustloff erschoss, Marinesko, Kommandant jenes sowjetischen U-Bootes, das das in einen Truppentransporter umgewandelte Schiff versenkte und ein mit Konrad Gleichaltriger Wolfgang, der sich aus Schuldbewusstsein als Jude ausgibt und von Konrad Pokriefke (=Konny) erschossen wird.

Die Kollektivschuldthese erkennt Grass selber an, weshalb jene Abschnitte, die zu unmittelbarer Berührung von Verbrechen der Deutschen und Verbrechen an Deutschen führen, extrem vorsichtig, verklausuliert gestaltet sind. „Zwar gab’s vor gar nicht so langer Zeit im Fernsehen eine Dokumentation, doch ist es immer noch so, als könne nichts die Titanic übertreffen, als hätte es das Schiff Wilhelm Gustloff nie gegeben, als fände sich kein Platz für ein weiteres Unglück, als dürfte nur jener und nicht dieser Toten gedacht werden.“

Geschichtsrevisionismus nach der DDR, Totalitarismustheorien und Hass

Das eigentlich Bedenkliche des Buches liegt vielmehr in seiner Geschichtsrevision, der erzählerisch dargestellten To­­talit­arismustheorie Grass’, die bedenklich Nazideutschland, Sta­lins Sowjetunion, die DDR und den neuen Rechstradikalismus in Eins setzt. Der Verweis auf Gustloffs Herkommen von Georg Strasser, dem Nationalbolschwisten der NSdAP, Tulla Pokriefkes gleichzeitige Gustloff und Stalin-Verehrung, die Überbetonung der ‚klassenlosen’ Bauweise des KdF-Bootes, Tullas DDR-Karriere, die Hervorstreichung von Parallelen, die Behauptung einer Kontinuität von drittem Reich und DDR und vieles mehr vermittelt auf subtile Weise, das Streben nach einer klassenlosen Gesellschaft, nach Sozialismus würde das gewalttätig Totalitäre von selbst bedingen. „Auf dem Torpedo in Rohr eins steht „Für das Mutterland“, auf Torpedo zwei steht „Für Stalin“, auf dem dritten „Für das sowjetische Volk“ und auf dem vierten „Für Leningrad“. Sie sind eingestellt auf drei Meter Tiefe. Drei Meter unter der Wasserlinie liegt auf der „Gustloff“ das Schwimmbad mit den jungen Marinehelferinnen.“

Im Allgemeinen kapriziert sich Grass darauf, den Hass als politische Kategorie einzuführen.
„Solchem Frust vorzubeugen, das wäre aber kluge Politik. Solange Ursachen da sind für diesen nachwachsenden Hass, solange die Wut und die zum Teil berechtigte Empörung nicht beseitigt werden, ändert sich nichts.“ (Grass in einem Interview für spiegel-online))
Die – wenngleich nicht intendierten – Folgen solcher Verallgemeinerungen sind unmittelbar: So spricht ein Spiegelartikel schon vom tor­pedierten „Flüchtlingsschiff“, was dem sowjetischen U-Boot ein Kriegs­verbrechen unterstellt, in Zusammenhang mit einer zum Truppentransporter umgebauten ‚Gustloff’ mit Geschützen und Militärpersonal an Bord.
So scheint die Gefährlichkeit dieses Buches vor allem in seiner Revision der Geschichte und nicht in vermeintlichem Revanchismus zu liegen. Mit dem Wegfall der DDR wird auch der Zweite Weltkrieg umgeschrieben werden, die Rote Armee ist nicht mehr die Befreierin, sondern die Rächende, die Kommunisten geraten in die Nähe der Nazis und repräsentieren nicht länger deren entschlossensten und aktivsten Widerstand. Nicht ohne Grund schlägt der Spiegel gegen den Revanchismus-Vorwurf in nämliche Bresche: „Tatsächlich hat es seit den Tagen der DDR keine derart ideologischen Gutachten über deutsche Literatur ge­geben. Damals schrieb die Partei der Arbeiterklasse den Schrift­­stellern eine historische und ideologische Perspektive zwing­end vor: Vorbildliche Figuren und beispielhafte Handlungen waren gefordert, nicht eigenwillige Per­s­pektiven, selbstbezogene Be­­findlichkeiten, subjektive Erinner­ungen“

Mythisierung und neoliberale Einheitskultur: aber nicht jeder lässt sich vor den Karren spannen

Eine Mythisierung findet hier statt, die ganz in eine Zeit passt, in der Kriege für Menschenrechte und Demokratie geführt werden, so sehr Günter Grass sich verbal auch davon abzugrenzen vorgibt: „Und genauso dumm ist es, Kritik am Krieg in Afghanistan als antiamerikanisch abzutun. Schließlich verteidigt Amerika Freiheit. Und Freiheit beginnt mit dem Wort.“
In diesem Sinne ist Im Krebsgang leider ein schlimmer Rückwärtsgang ohne Vorwärtskommen.

Das österreichische Pendant zu Günter Grass hätte wohl Peter Handke heißen sollen, hätte sich jener nicht so mutig und entschieden gegen eine literarische Propagandierung des Jugoslawienkrieges gestellt, wodurch ihm leider auch gleich die literarische Öffentlichkeit ent­zogen wurde. Daraus bleibt zu lernen, denn es ist offensichtlich: Literarischer Erfolg wird mehr und mehr zu einer Frage der auch politikrelevanten Vermarktung, ebenso wie die Inhalte und die Kontroversen, die sich um sie ranken.
Es sind solche Scheinkontroversen, die eine Werteverschiebung hin zu einer neoliberalen Einheitskultur und damit denn auch zu einer wenig radikalen, innovativen und konkret kritischen Literatur gekonnt überdecken.

Martin Vinomonte