Zeitschrift für eine neue revolutionäre Orientierung

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Die Zeitschrift Bruchlinien hat eine Phase der Abwesenheit durchlebt. Nun erscheint sie wieder in neuer Form unter dem Titel "Intifada - Zeitschrift für den antiimperialistischen Widerstand". Der Online-Auftritt bleibt jedoch weiter bestehen.

Podiumsdiskussion: Was war die Sowjetunion?

 

 Ausgaben

Nr. 21 Herbst 2007
Nr. 20 Frühjahr 2007
Nr. 19 November 2006
Nr. 18 Mai 2006
Nr. 17 Februar 2006
Nr. 16 November 2005
Nr. 15 Juni 2005
Nr. 14 April 2005
Nr. 13 November 2004
Nr. 12 September 2004
Nr. 11 Mai 2004
Nr. 10 Jänner 2004
Nr. 9 November 2003
Nr. 8 September 2003
Nr. 7 Mai 2003
Nr. 6 März 2003
Nr. 5 Jänner 2003
Nr. 4 November 2002
Nr. 3 September 2002
Nr. 2 Juli 2002
Nr. 1 Mai 2002

 

 Rezensionen

Filmkritik zu Snyders Verfilmung der Comicvorlage






Rezensionen

Die Finger in der Wunde

Michel Houllebecq: Plattform


„Der Wert eines menschlichen Wesens bemisst sich heute nach seiner wirtschaftlichen Effizienz und seinem erotischen Potenzial“ – Michel Houellebeqc

Houellebeqc: Brandstifter und geschäftstüchtiger Provokateur
Der Autor Michel Houellebeqc ist eine lebende Quelle der Polemik, ein professioneller Brandstifter. Seine Leserschaft teilt sich in unbedingte Bewunderer und entschiedene Gegner. Da heißt es alles oder nichts: begeisterte Bravo-Rufe oder Verriss nach Strich und Faden. Viele Leser fühlen sich von der beinahe pornografischen Brutalität Houellebeqcs verletzt. Und allein diese Tatsache stellt heutzutage schon eine Art Erfolg dar, denn in unserer Zeit ist es nicht mehr so einfach, noch einen Sexskandal auszulösen. Auf der einen Seite verstößt er in höchstem Maße gegen „political corectness“, auf der anderen Seite wurden von seinem Roman Elementarteilchen aus dem Jahre 1998 über 150.000 Stück verkauft.

Das Geheimnis seines Erfolges ist die Gabe, mit provozierender Schärfe die Übel unserer Zeit beim Namen zu nennen, und so lange mit dem Finger in der Wunde zu bohren, bis wir – die zivilisierte Barbarei – endlich bereit sind, unseren Schweinereien ins Auge zu sehen.
Houellebeqc ist ein literarischer Populist. Viele fallen auf seine Provokationen – Rassismen, Frauenfeindlichkeit, Überheblichkeit gegenüber der Dritten Welt, Kinderhass, Abrechnung mit der Linken – herein und geifern wie Pawlow’sche Hunde; sie setzen die Aussagen der Romanfiguren mit der Meinung des Autors gleich und übersehen dabei das Wesentliche. Nichtsdestotrotz sind seine Lust am Aufsehen und die Gewissheit, dass die Provokationen ein kräftiges Medienecho hervorrufen und den Bücherverkauf steigern, nicht zu überlesen.

Die Protagonisten seiner Romane sind Büromenschen, sie essen Single-PortionenTiefkühlkost, die Einsamkeit erdrückt sie, sie sind Produkte einer Kultur, der die Luft auszugehen droht. Sie schweben zwischen Liebesunfähigkeit und totaler Gleichgültigkeit und leben das Ergebnis davon aus: als sexuelle Obsession.

„Eldorado Aphrodite: weil wir das Recht haben, uns zu vergnügen.”

Der Erzähler in seinem neuen Roman Plattform ist Beamter im Kulturministerium und frustriert. Er bewegt sich in einem Universum von Peep-Shows, TV-Zapping und Neurosen. Eine Reise nach Thailand verspricht die notwendige Abwechslung: asiatische Massagesalons und Animierlokale. Die übrige Handlung ist schnell zusammengefasst und stellt eigentlich nur den Rahmen für Stiche in die Masse des gesellschaftlichen Konsens dar: er verliebt sich in eine erfolgreiche Managerin der Torismusbranche, erlebt mit ihr Momente der vollen sexuellen Befriedigung und damit menschliches Glück. Mit seiner Geliebten erarbeitet er ein vielversprechendes Konzept, um das Leck in der Tourismusindustrie wieder zu füllen: Sie beschließen, komfortable Pauschalreisen „zum Zwecke des Vögelns“ anzubieten, sogenannte „Aphrodite Clubs“ zu organisieren unter dem Motto „Eldorado Aphrodite: weil wir das Recht haben, uns zu vergnügen.“ Und dann kommt seine Geliebte bei einem islamistischen Attentat auf einen solchen Sexclub in Thailand ums Leben. Die Islamisten in Thailand kann man wahrscheinlich an einer Hand abzählen, aber darum geht es nicht. Es ist schlichtweg Hellsichtigkeit in Bezug auf den 11. September gewesen. Einiges an seinem Roman ist Fiktion oder „pornograhischer Realismus“ oder einfach aus den diversen Reisekatalogen abgeschrieben, aber das ist die künstlerische Freiheit, die sich Houellebecq nimmt.

Kapitalismus, Islamismus und Fremdenverkehr

Houellebecq spricht sich nicht für Sextourismus aus, vielmehr beschreibt er auf – zugebenermaßen – irritierende Art und Weise die geschickte Organistion der Zuhälterei durch die Fremdenverkehrsindustrie, zeigt auf, warum sich der Tourismus in islamischen Ländern nur auf „Abenteuerurlaube“ beschränken kann und dass aus der Sicht der Tourismusindustrie die afrikanische Länder „weniger Schwierigkeiten“ bereiten. „Sie vögeln sogar umsonst, sogar die Dicken. Man muss nur Kondome in den Klubs zur Verfügung stellen, das ist alles; in dieser Hinsicht sind sie sogar etwas eigensinnig. Er schrieb FÜR KONDOME sorgen in sein Notizbuch und unterstrich es zweimal.“

Der Hass seiner Romanfigur auf die bösen islamischen Fundamentalisten, die nette Sextouristen umbringen, weitet sich auf die Prüderie des Islam aus. Dass diese Prüderie allerdings keine tatsächlichen Wurzeln in der arabischen Gesellschaft hat, bestätigt das Gespräch mit einem jordanischer Bankier, der sich auf Sexurlaub in Bangkok aufhält: „Für ihn gab es keinen Zweifel, das islamische System hatte keine Zukunft: Der Kapitalismus würde siegen. Schon heute träumten junge Araber nur noch von Konsumgütern und Sex. Auch wenn sie manchmal das Gegenteil behaupten, insgeheim träumten sie davon, dem amerikanischen Modell zu folgen: Die Aggressivität, die manche zur Schau stellten, sei nur ein Zeichen ohnmächtiger Eifersucht; zum Glück kehrten immer mehr von ihnen dem Islam ganz einfach den Rücken.“

Diejenigen, die gegen den Sextourismus kämpfen, müssten doch mit dem Islam sympathisieren. Und diejenigen, die die westlichen Verfallserscheinungen bekämpfen, müssten doch für den moralischen Fanatismus der Islamisten eintreten. Oder doch nicht?

Egoismus, Masochismus und Tod
Aber man soll den Roman Plattform nicht auf Sextourismus und Islam reduzieren. Er ist ein Hinweis auf das „Fin de Siècle“, auf das grausame Leiden am sinnlosen Leben. Plattform ist der zynisch artikulierte Hass auf die Gegenwart. Der Mensch wird immer kleiner und jämmerlicher: „Bis zum Schluss werde ich ein Kind Europas, ein Kind des Kummers und der Schande bleiben. Ich habe keinerlei Hoffnungsbotschaft zu verkünden. Ich empfinde keinen Hass auf die westliche Welt, höchstens tiefe Verachtung. Ich weiss nur, dass wir alle, die wir hier sind, von Egoismus, Masochismus und Tod durchdrungen sind. Wir haben ein System geschaffen, in dem es ganz einfach unmöglich geworden ist zu leben; und dieses System exportieren wir noch dazu.“

Tanja Kostic

Michel Houellebecq: Plattform. Roman. Dumont, 370 Seiten, EUR 24.70